Eintagsfliegen am Starnberger See
© Lothar Schiffler

Himmlische Galerie

  • INTERVIEW LASLO SEYDA

Schwarmverhalten und Vogelzug – fliegende Lebewesen faszinieren die Menschen seit Urzeiten. Der Fotograf Lothar Schiffler hält ihre Tänze am Himmel fest: vergängliche Spuren, sichtbar gemacht wie noch nie zuvor.

Möwen, Krähen, Eintagsfliegen: Woher kommt Ihre Faszination für fliegende Lebewesen?

Ich bin auf einem Dorf bei Stuttgart aufgewachsen und musste als Junge oft aufpassen, wenn ein Bussard über dem Hühnerstall kreiste. Zu sehen, wie diese Vögel minutenlang da oben schweben, ohne einen einzigen Flügelschlag, das hat mich schon immer sehr beeindruckt.

Eigentlich sind Ihre Werke keine Fotos …

Stimmt. Fototechnisch kann man diese Flugbahnen nämlich gar nicht einfangen. Bei einer Langzeitaufnahme verschwimmen ihre Bewegungen, die Tiere werden vom Licht verschluckt. Schon in den 1980er-Jahren habe ich versucht, 16-Millimeter-Negativfilme auf Fotopapier zu belichten – leider erfolglos.

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Moderne Spiegelreflexkameras können seit einigen Jahren auch Hochgeschwindigkeitsvideos aufnehmen. Mit der Nikon D5500 kann ich Filme mit 50 Bildern pro Sekunde drehen, hochauflösend. Mein Assistent Nikolai Klassen hat eine spezielle Software entwickelt, mit der wir die in Einzelbilder zerlegten Videos zu Spursegmenten zusammensetzen, wie einen Stapel von Overhead-Folien.


 

Flugbahnen der Kraniche an der Ostsee

Rushhour: Kraniche, die Wappenvögel der Lufthansa, ziehen von ihren Schlafplätzen an der Ostsee zu den Futterstellen

© Lothar Schiffler
Flugbahnen der Krähen am Münchner Westfriedhof

Graffiti am Himmel: Krähen am Münchner Westfriedhof

© Lothar Schiffler
Fotoprojekt von Lothar Schiffler: Fliegen in der Schweiz

Fliegengemälde in der Schweiz

© Lothar Schiffler
Aufnahme der Flugrunden von Dohlen in Bologna, Italien

Perfekte Runden: Dohlen in Bologna, Italien

© Lothar Schiffler
Eintagsfliegen am Starnberger See

Eintagsfliegen führen am Starnberger See ihr Ballett auf. Fotograf Schiffler setzt seine Bilder aus hochauflösenden Videos zusammen

© Lothar Schiffler

 

Also macht der Computer die Arbeit?

Was die Rechenleistung angeht, ja. Bei einem Fünf-Minuten-Film reden wir immerhin von 15 000 Einzelbildern. Daran säße ich sonst wochenlang. Was mir der Rechner nicht abnimmt: Aus der Masse an Linien jene Flugbahnen rauszusuchen, die ein ansprechendes Motiv ergeben. Und die vielen Insekten rauszuretuschieren, die vor der Linse herumschwirren und die Ästhetik stören würden.

Die größte Herausforderung? Aus
15 000 Einzelbildern die Motive mit der schönsten Flugbahn rauszusuchen

Welche Flugbahnen sind Ihre liebsten?

Besonders mag ich die Mauersegler vor meinem Balkon in München, ihre bizarren, tollkühnen Kurven, ihre Bewegungslust und Beherrschung der Thermik. Wenn die Mauersegler das Nest verlassen, fliegen sie zwei Jahre, ohne auch nur einmal zu landen. Sie sind wahre Künstler der Lüfte.