© Monika Höfler

Mission: Rettet Bambi!

  • TEXT DIRK LIESEMER
  • FOTOS MONIKA HÖFLER

Rund 100 000 Rehkitze im Jahr werden Opfer von Mähmaschinen – nun kommt Hilfe aus der Luft

Die Drohne summt wie ein riesiger Bienenschwarm. Anita Weimann hält das Fluggerät mit dem rechten Arm hoch, streckt es weit von sich in die Luft. Es erinnert an einen Drachen: Zwei Stangen laufen zu einer V-Form zusammen, darauf sind acht surrende Rotoren befestigt. In der Mitte hängen ein langer schwarzer Akku und eine kleine Kamera.

Die 38-Jährige lässt die Drohne wie einen Falken los. Sofort schnellt das Gerät in den blauen Himmel über einer Wiese bei Frauenstetten, nördlich von Augsburg. In 80 Meter Höhe hält es kurz an, richtet sich nach Nordosten aus und fliegt auf einem Zickzackkurs über das Feld. Die Rettung der Rehkitze beginnt.

Ein warmer Vormittag im Juni, die Sonne steht knapp über dem Horizont. Weimann schwitzt, sie steht unter Zeitdruck. Landwirt Heinz Mengele hat angekündigt, dass er nachmittags zum Mähen kommen werde. Zuletzt wurden hier Rehmütter gesichtet. Ihre Kitze schweben in höchster Lebensgefahr: Wenn die Mähmaschine kommt, drücken sie sich flach zu Boden statt davon­zurennen – „Drückinstinkt“ heißt diese Reaktion. Sie kamen vor wenigen Tagen auf die Welt und stehen noch wackelig auf ihren Beinchen. Erst im Alter von sechs Wochen können sie fliehen.

Anita Weimann lässt die Drohne steigen

Anita Weimann lässt die Drohne steigen

© Monika Höfler

 Weimann läuft zu einem Klapptisch am Feldrand und schaut gebannt auf ihren Laptop. Sie ist Referentin für landwirtschaft­liche Fragen beim Bayerischen Jagdverband und erprobt die Drohne seit ein paar Wochen. Sie verfolgt auf dem Bildschirm, was die Wärmebildkamera von oben überträgt: Die Wiese wird als schwarze Fläche angezeigt, das Gras ist noch kühl. Weimann sucht nach hellen Tupfern im Bild, nach Wärmepunkten. Sie könnten von einem Rehkitz stammen, dessen Körpertemperatur sich abhebt. Weimann wird von Minute zu Minute nervöser. Es ist fast halb zehn, die Sonne steigt höher, die Wiese wird wärmer. Die Kitze heben sich immer weniger ab. „Da!“, sagt sie plötzlich und klickt sofort auf einen hellen Punkt auf dem Bildschirm. Dann ist da noch ein Punkt, noch einer, es werden immer mehr. Ein Programm ermittelt sofort die Geodaten jedes Punktes. Nach einer Viertelstunde ist das Feld abgeflogen, alle hellen Punkte sind bestimmt. Rasch wird ein GPS-Gerät an den Laptop gekoppelt, die Geodaten werden übertragen.

Dann rennt Weimann mit dem GPS hinein ins Feld, einige Helfer hinterher, darunter Jagdpächter Christoph Kunad. Unablässig schaut Weimann auf das Gerät in ihrer Hand, ein Kom­pass­pfeil zeigt ihr an, wo der Wärmepunkt liegt. Je näher sie kommen, umso vorsichtiger tasten sie sich durchs Gras: Die Koordinaten sind nur bis auf acht Meter genau und die Rehkitze oft so gut versteckt, dass man auf sie treten könnte.

Jetzt kann ich unser Feld guten Gewissens mähen

Jürgen Mengele, Landwirt

„Hier!“, brüllt der 46-Jährige. Er streicht mit den Händen die Gräser zur Seite und greift behutsam nach dem Kitz, das auf dem Boden kauert. Kunad hebt das Tier hoch und hält es wie ein Neugeborenes im Arm – gerettet! Das Rehbaby schaut verdutzt mit wachen Augen, zappelt kurz und schmiegt sich an den Jäger, der jetzt strahlt. „Vermutlich ist es nicht älter als acht Tage“, meint Kunad. Er hat schon viele Jungtiere vor den Landmaschinen gerettet. Jedes Jahr, so schätzt die Deutsche Wildtier Stiftung, liegen in den Wiesen mehr als 100 000 Kitze, die noch nicht fliehen können. Gleich nach dem Fuchs sind die Mähmaschinen der Landwirte die größte Gefahr für sie.

Bislang war die Rehkitzrettung für Jagdpächter Kunad eine echte Plackerei: Stundenlang ist er jeden Frühsommer mit Freunden durch die Wiesen gestapft. Über drei Jahrzehnte lang. „Die Drohne ist genial“, sagt er, legt das Kitz zurück ins Gras und stülpt einen umgedrehten Wäschekorb über das Tier. Ein paar Meter weiter, in einem nahen Waldstück, knacken Äste. Die Ricke hat die Szene beobachtet und flieht ein paar Meter zurück. Sie wird ihr Junges nicht aufgeben. Bei nächster Gelegenheit wird sie versuchen, es anderswo in der Wiese zu verstecken, der umgedrehte Wäschekorb soll das verhindern.

Auf Rettungsmission: Anita Weimann vom Bayrischen Jagdverband und Eckhard Zeltner (Landschaftsdirektor a. D.)

Auf Rettungsmission: Anita Weimann vom Bayrischen Jagdverband und Eckhard Zeltner (Landschaftsdirektor a. D.)

© Monika Höfler
Jäger und Pächter Christoph Kunad ist dabei, um die Kitze aus der Wiese zu holen

Jäger und Pächter Christoph Kunad ist dabei, um die Kitze aus der Wiese zu holen

© Monika Höfler
Bevor sich Jürgen Mengele auf seinem Traktor nähert, hat die Drohne die gefährdeten Rehkitze schon aufgespürt

Bevor sich Jürgen Mengele auf seinem Traktor nähert, hat die Drohne die gefährdeten Rehkitze schon aufgespürt

© Monika Höfler
In der Mitte der Drohne ist eine kleine Kamera befestigt

In der Mitte der Drohne ist eine kleine Kamera befestigt

© Monika Höfler
Ist das Fluggerät in Aktion, surren die Rotorblätter wie ein riesiger Bienenschwarm

Ist das Fluggerät in Aktion, surren die Rotorblätter wie ein riesiger Bienenschwarm

© Monika Höfler
Der Ast dient als Markierung für den Fundort eines Kitzes

Der Ast dient als Markierung für den Fundort eines Kitzes

© Monika Höfler
Es war gut versteckt im hohen Gras: ein erst wenige Tage altes Rehkitz

Es war gut versteckt im hohen Gras: ein erst wenige Tage altes Rehkitz

© Monika Höfler
Behutsam sammelt Jagdpächter Christoph Kunad ein Rehbaby ein

Behutsam sammelt Jagdpächter Christoph Kunad ein Rehbaby ein

© Monika Höfler
Sanft werden die Kitze nach ihrer Rettung in einen mit Gras ausgepolsterten Korb gebettet

Sanft werden die Kitze nach ihrer Rettung in einen mit Gras ausgepolsterten Korb gebettet

© Monika Höfler
Jürgen Mengele will später den Betrieb seines Vaters übernehmen. Kitze hat er schon als Kind gesucht

Jürgen Mengele will später den Betrieb seines Vaters übernehmen. Kitze hat er schon als Kind gesucht

© Monika Höfler

 Noch ist die Drohne, die Weimann an diesem Tag vorführt, in der Erprobungsphase. Seit 2012 basteln die Technische Universität München, der Landmaschinenhersteller Claas, das Unternehmen Isa Industrieelektronik und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt an einem markttauglichen Fluggerät. Rund drei Millionen Euro hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft für das Projekt „Wildretter“ bereitgestellt. Möglichst viel soll automatisch ablaufen: Sobald die Retter wissen, wo gemäht wird, müssen sie nur noch ein Luftbild von Goo­gle Earth und die Koordinaten des Flurstücks laden; ein Programm schlägt eine Flugroute vor, damit die Batterie effizient genutzt wird. Zwar gibt es eine Fernsteuerung, doch sie ist nur für den Notfall gedacht, etwa wenn die Drohne von einem Adler attackiert wird.

„Ende des Jahres ist der Oktokopter fertig“, verspricht Sebastian Krug, 41, Koordinator beim Projektbüro Zentec, und berichtet von einer großen Nachfrage. Vor allem Jagdgenossenschaften wollen die Drohnen, um Kitze aus den Feldern zu retten. In der Landwirtschaft entwickeln sich die Miniflieger zum universellen Werkzeug: Sturmschäden lassen sich aus der Luft leichter begutachten, und es ist schneller zu erkennen, ob das Obst in einer Plantage bald reif für die Ernte ist.

Kurz vor zehn Uhr lässt Weimann die Drohne noch einmal aufsteigen. Sie will einzelne Wärmepunkte aus niedriger Höhe erkunden. Es wird immer schwieriger: Die Sonne steigt, die Kontraste auf dem Bildschirm nehmen immer weiter ab. Einer der Punkte entpuppt sich als Maulwurfshügel, ein anderer als Ameisenhaufen. Doch dann findet sie ein zweites Kitz. Es ist gerade mal 15 Tage alt und kommt ebenfalls unter den Korb. Die Retter müssen jetzt warten, bis der Landwirt kommt. Spätestens in drei Stunden sollten die Tiere befreit sein, damit sie von ihren Müttern gesäugt werden können.

Nachmittags liegt die Wiese einsam da. Jagdpächter Kunad wartet auf den Anruf des Landwirts. „Oft ist es ein Kampf gegen Windmühlen“, erzählt er. Zu viele Bauern melden zu kurzfristig, dass sie jetzt zum Mähen fahren. Und bei schönem Wetter rücken alle gleichzeitig aus. Sobald die Drohne fertig ist, wird alles einfacher, hofft er. Die Jagdpächter können dann rechtzeitig nach Kitzen suchen und ihnen eine Ohrmarke ver­passen, die sich später orten lässt. Dann reichen schon ein paar Minuten, um die Kitze aus einer Wiese zu holen.

Der Landwirt hat seinen Sohn zum Mähen geschickt. Jürgen Mengele, 19, will später den Betrieb übernehmen. „Ich habe schon als Kind nach den Kitzen gesucht“, erzählt er und schwingt sich auf seinen Traktor: „Ich weiß, dass ich jetzt guten Gewissens mähen kann.“

Unterdessen bringt ein Freund von Kunad, der Jäger Anton Demharter, 63, die Kitze in Sicherheit. Er trägt sie 30 Meter weiter in ein Gemüsefeld. Sie kommen nicht auf die abgemähte Wiese zurück, dort würden sie zur allzu leichten Beute der Füchse. Die Ricken finden ihre schreienden Jungen später im Gemüsefeld. Ein letztes Mal streicht Demharter den Kitzen übers Fell, dann lässt er sie los und sagt: „Macht’s gut!“