© Jens Görlich
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Tanz auf dem Doppeldecker

  • TEXT TIM CAPPELMANN
  • FOTOS JENS GÖRLICH

Bella figura über den Wolken: Wingwalker sind jung, weiblich und ganz schön gelenkig. ­Unser Reporter ist nichts davon – er hat den Ritt auf dem Flügel trotzdem gewagt

Die Frage nach dem Warum stellt sich oft im Leben, auf einen Doppeldecker geschnallt, drängt sie sich auf. Und: Ob es wohl einen englischen Flugzeug-TÜV gibt? Dicht gefolgt von: Wie wird sich das hier gleich anfühlen? Wer bei 180 km/h auf der Autobahn mal für zehn Minuten den Kopf aus dem Fenster hält, bekommt eine Idee davon. In der Luft verursache ich mit 85 Kilo Körpermasse, verteilt auf 1,86 Meter, so viel Widerstand, dass wir die ganze geplante Akrobatiknummer in den Sand setzen. Aber das erfahre ich erst nach der Landung. Die Probleme beginnen beim Start.

Leichtfüßig hüpft Emily Guilding, 30 Jahre, 52 Kilo auf 1,57  Meter, hauptberufliche Wingwalkerin, vor mir auf die Tragfläche. Ich stemme mich hinterher und höre, wie meine Jeans reißt. Zum Glück trage ich darüber einen Overall. Nur auf die markierten Stellen steigen, mahnt sie, was in mir die Frage auslöst, ob ich sonst ein Loch in den Flügel treten könnte. Und wie das denn jetzt genau läuft mit dem TÜV in England.

Ich möchte Dinge tun, von denen wir denken, sie seien nicht machbar

Ormer Locklear, erster Wingwalker

Sie tastet mich ab. Meine Taschen müssen leer sein, erklärt sie, damit nichts ins Flugzeug sausen kann, weil das Flugzeug sonst abstürzt. Ich versichere ihr sehr ernst, dass meine Taschen leer sind. Sie schraubt den Gurt vor meiner Brust zusammen und fixiert mich an einer Stange hinter meinem Rücken. Mir bleibt die Luft weg, aber das muss so eng sein, beim Flug wird alles wieder locker. Ich ziehe den Bauch ein und fordere sie auf, noch mal kräftig zu zurren. Sie erklärt, was ich im Falle eines Absturzes, bei Feuer oder wenn mir schlecht wird, zu tun habe. Ich denke an die Einverständniserklärung, die ich vorhin unterschrieben habe, ohne sie richtig zu lesen. Emily setzt mir eine Fallschirmspringerbrille auf, damit ich besser sehen kann. Mit Belüftungs­löchern, damit sie nicht beschlägt. Schon beim Take-off sorgen die Belüftungslöcher dafür, dass meine Kontaktlinsen aus den Augen fliegen. England verschwimmt.

Wingwalkerin Emily Guilding ... © Jens Görlich

Wingwalkerin Emily Guilding ...

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... beim Briefing mit Pilot Dave Barrell © Jens Görlich

... beim Briefing mit Pilot Dave Barrell

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Dyna­misches Duo zwischen den Wolken mit je 450 PS © Jens Görlich

Dyna­misches Duo zwischen den Wolken mit je 450 PS

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Der alte Stearman-Doppeldecker fliegt 180 Kilometer pro Stunde © Jens Görlich

Der alte Stearman-Doppeldecker fliegt 180 Kilometer pro Stunde

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Emily Guilding zieht sich kurz vor dem Start den Zopf straff © Jens Görlich

Emily Guilding zieht sich kurz vor dem Start den Zopf straff

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Wingwalkerin Freya „Princess“ Paterson lässt sich hängen © Jens Görlich

Wingwalkerin Freya „Princess“ Paterson lässt sich hängen

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Die Wingwalker-Staffel tritt weltweit bei Airshows auf – wie dem Biggin Hill Festival of Flight in England © Jens Görlich

Die Wingwalker-Staffel tritt weltweit bei Airshows auf – wie dem Biggin Hill Festival of Flight in England

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 Die neue Sicht auf die Welt unter mir verstärkt das ohnehin latent surreale Erlebnis, auf einem alten Stearman-Doppeldecker über die britische Provinz zu knattern, über Gloucestershire, vom Rendcomb Airfield aus, zwei Autostunden westlich von London. Hinweg über ein Tierkrematorium, sanfte Hügel und den Hangar von Pink-Floyd-Drummer Nick Mason, den er als schwer bewachte Garage für seine Oldtimer-Sammlung nutzt, drehen wir unsere Runden, Pilot Dave „DAVE“ Barrell macht das gefühlvoll wie in einer Achterbahn. 550 Meter hoch, 180 Kilometer pro Stunde schnell. Um mich zu beruhigen, hilft mir in solchen Momenten eine gleichmütige Einstellung: Ob ich nun die nächsten zwölf Minuten auf einem alten Doppeldecker hocke oder in der Badewanne liege, ist am Ende egal, solange ich in zwölf Minuten wieder sicher auf dem Boden stehe. Bis dahin bin ich haupt­säch­lich damit beschäftigt, meinen Sabber, den mir der Fahrtwind aus Mund und Nase fegt, wegzuwischen und mich an das ganz neue Gefühl zu gewöhnen, dass meine Wangen hinter den Ohren kleben.

Wenigstens ist dieser Wahnsinn nicht freiwillig entstanden. 1918 soll Ormer „Lock“ Locklear, ein Militärpilotenschüler aus Texas, während eines Trainingflugs technische Probleme bekommen haben. Um sie zu beheben, kletterte Lock auf den Flügel. Sein Ausbilder steuerte die Maschine, am Boden johlten die Kameraden und klatschten Beifall. Lock hatte Blut geleckt. Mit anderen Piloten probierte er immer waghalsigere Stunts auf den Tragflächen aus, machte mit seinem Motto „safety second“ und riskanten Handständen auf sich aufmerksam, stieg aus rasenden Autos auf die Flieger um. Dass das ungesichert nicht lange gutgehen würde, hätte dem Draufgänger klar sein können. Zeitzeugen bescheinigten ihm, deutlich „mehr Mut als Hirn“ zu besitzen: 16 Monate dauerte seine Karriere, bis er bei Dreharbeiten für den Film „The Skywayman“ mit 28 Jahren ums Leben kam.

Wie Lock erging es vielen jungen Piloten, die nach dem Ersten Weltkrieg ohne Arbeit, aber mit einem Überschuss an Doppeldeckern dastanden und sich mit Wingwalking bei Flugshows durchschlugen. Um mehr Besucher anzulocken, griffen sie sich gern hübsche Frauen aus dem Publikum und setzten sie auf die Tragflächen. Nicht alle waren so talentiert wie Ethel Dare, eine Trapezartistin vom Zirkus, die als „Königin der Lüfte“ Ende 1919 in die Geschichte einging: Als Erste schaffte sie es, im Flug von einem Doppeldecker auf den nächsten zu steigen. Viele der anderen, völlig unvorbereiteten Damen purzelten von den Flügeln, und als sich die Todesfälle häuften, wurde die Zirkusfliegerei stark eingeschränkt und verschwand schließlich. Erst in den 1970er-Jahren tauchte sie in den USA wieder auf. 1985 kam der englische Rennfahrer und Pilot Vic Norman auf die Idee, Wingwalking ins Königreich zu bringen. Dafür besuchte er Mr. Airshow himself, den kalifornischen Stuntpiloten Art Scholl. Nur er war im Besitz der technischen Papiere für die Wingwalk-Vorrichtung, sein Betriebsgeheimnis, das er noch nie geteilt hatte. Am jungen Vic fand er zwar Gefallen, stürzte jedoch kurz darauf bei Dreharbeiten zu „Top Gun“ ab. Von seiner Witwe erhielt Vic schließlich die Unterlagen, 1987 ging er mit einer ersten Wingwalkerin an den Start. Mittlerweile ist die Uhrenfirma Breitling der Sponsor und Emily Guilding eine von sechs Luftakrobatinnen der jüngsten Generation, die mit einem Pilotenteam für Vic arbeiten.

 Und die Arbeit ist hart hier oben zwischen den Wolken, kalt, anstrengend, ohrenbetäubend laut. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als einen Motorradhelm, mit Visier. Emily posiert links neben mir auf ihrem Doppeldecker – und lächelt! Wie kann sie nur lächeln? Jetzt rotiert sie auch noch und steht auf dem Kopf. Und lächelt immer noch. Ich glaub’s nicht. Schön sieht sie aus in ihrem schwarzen Turnanzug mit den silbernen Sternen, die blonden Haare wehen im Wind. Angestrengt drehe ich meinen Hals zu ihr rüber und versuche ein Grinsen. Noch Wochen später macht sich der Fotograf über mein zur Fratze verzerrtes Gesicht lustig, lästern Kollegen über die Sturmfrisur. Echten Wingwalkern passiert das nicht. Graziös streckt Emily die Arme zur Seite, winkt fröhlich, geht in den halben Spagat, eine Ballerina der Lüfte.

Sie liebe ihren Job, erzählt sie später, außer es regnet, dann stechen die Tropfen wie Nadeln. Vier freie Tage im Monat, viel Fitnesstraining, am Wochenende fliegt die Staffel zu den Airshows. Vor allem den Aus- und Einstieg vom Cockpit auf die Tragfläche und zurück üben die Mädchen immer wieder, dann sichert sie nur ein Drahtseil, es ist der gefährlichste Moment der Vorführung. Schwangere und Mütter stellt Vic Norman nicht ein. „Safety first“ lautet sein oberstes Gebot. Die Auftritte in Zweier- oder Viererformation sind weltweit einmalig. Ein fliegender Wanderzirkus, mit Shows in Dubai, Australien, China, Frankreich. Sogar Hollywood-Stars rufen an, um die Truppe für einen Überflug bei einer Party in L.A. zu buchen.

Pilot Martyn Carrington, glücklicherweise in Emilys Doppeldecker, legt die Maschine auf den Rücken. Ich schiele auf meinen Brustgurt. Sieht fest aus. Emily hängt kerzengerade kopfüber, Martyn lässt eine lange Rauchwolke aus dem Heck, unser Signal! Eigentlich sollten wir jetzt direkt unter sie fliegen, sich unsere Hände berühren, „The Mirror“ heißt das Manöver, ein Handshake unter Wingwalkern. Aber ich bin kein Wingwalker, meine 85 Kilo sind selbst für 450 PS zu viel, wir kommen nicht nah genug ran. Martyn kann auch nicht langsamer fliegen. Um die Maschine auf den Kopf zu drehen, braucht er mindestens 210 km/h Geschwindigkeit. Wir drehen ab und landen.

Es holpert ordentlich, als wir auf der Wiese aufsetzen, die als Runway dient, meine Oberschenkel schmerzen. Doch wir sind auf dem Boden. Emily lacht. Martyn und Dave lachen. Ich lache, vor allem, weil alles vorbei ist. Aber auch, weil es ziemlich viel Spaß gemacht hat. Also dann: warum nicht? 


Tim Cappelmann wollte seine journalistische Laufbahn bei der deutschsprachigen Wochenzeitung Cóndor in Chile starten. Stattdessen reiste er ein Jahr lang von Santiago nach Brownsville, Texas. Aus Geldmangel ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln und einem Segelboot. Seitdem weiß er Flugzeuge zu schätzen. Als Reporter schreibt er für das Lufthansa Magazin, gerne über Piloten und Astronauten, Abenteuerreisen und Extremsport.