Clever und köstlich

Airbus A380-800

  • TEXT EMANUEL ECKARDT
  • FOTOS JENS GÖRLICH

Computergesteuerte Kühlsysteme, Dampföfen und kluges Energiemanagement. Die modernen Bordküchen der A380 wurden über Jahre entwickelt und können sogar miteinander kommunizieren

 

A380-800 Clever und koestlich

Am offenen Regal für Kaffeemaschinen ist Feinarbeit gefragt

© Jens Görlich

Auf den ersten Blick sehen die A380-Bordküchen ganz normal aus: lichtgrau, geordnet, ein übersichtlicher Arbeitsplatz mit Trolleys und Boxen. Aber diese Küchen hier haben es in sich. Die Konzeption der A380-Galleys haben das Lufthansa Produktmanagement, die Ingenieure von Lufthansa Technik und Airbus bald ein halbes Jahrzehnt lang beschäftigt. Wie viele Öfen, wie viele Kühlräume, wie viele Kaffeemaschinen braucht ein Flugzeug für über 520 Passagiere? Wie viele Trolleys, wie viele Stauräume? „Wir haben jede mögliche Erfahrung genutzt“, sagt Frank Vetter, verantwortlich für die Entwicklung der Bordküchen beim neuen Flaggschiff A380 des Aviation-Konzerns. Auch die Cabin Crews brachten ihr Wissen ein. Arbeitsflächenhöhe und Abstellflächen, Kanten, an denen sich niemand stößt, optimale Beleuchtung. Jedes Detail zählte.

Ein Blick hinter die Kulissen des Küchenbaus. Roland Hengartner, Geschäftsführer (CEO) der Bucher Leichtbau AG, führt durch seine Firma in Fällanden bei Zürich. In einem der Räume werden gerade die Nieten in die Alu-Streben gesetzt. „Nieten ist eine Kunst!“, sagt Hengartner. „Das können nur Leute mit einer Handwerkstradition.“ Die Rahmen für Galleys und Küchen wirken fragil, Skelette in Leichtbauweise, zierliche Aluminiumprofile. Jedes Bauteil für die Galleys wird dennoch unter extremen Bedingungen geprüft. Die latches etwa, die roten Aluminiumriegel vor den Trolleys, müssen Fliehkräften von 16 G widerstehen – also einen 100-Kilo-Trolley festhalten, dessen Gewichtskraft plötzlich einer Masse von 1,6 Tonnen entspricht.

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Wer die perfekte Bordküche entwickeln will, muss äußerst exakt arbeiten: Nicht nur die Führung der Trolleys soll millimetergenau stimmen

© Jens Görlich
A380-800 Clever und koestlich

Küchenbau mit 1000 Kniffen: In den Lagern für Kaffeemaschinen und Öfen stehen alle Größen und Modelle bereit

© Jens Görlich

 Doch die perfekte Bordküche muss noch mehr können. Ohne Elektrotests, Wasser-, Schall- und Scheppertests keine Zulassung. Der Pralinentest zeigt, wann Schokolade schmilzt, wenn sie neben den Öfen liegt. Und die kunststoffbeschichteten Aluminiumpaneele werden nur nach einem Brandtest zugelassen. Grundlage der Galleys sind nicht nur 3-D-Computermodelle, sondern auch etwa 800 zweidimensionale Zeichnungen pro Bordküche. Tausende weiterer Dokumente spezifizieren die einzelnen Aggregate. Testergebnisse werden im rund 800 000 Seiten starken Vorschriftenkatalog festgehalten, der für jedes Flugzeug angelegt wird. Eine unvorstellbare Bugwelle an Dokumenten!

Manche Funktionen erlebten ihre Premiere an Bord der A380. Etwa das computergesteuerte Kühlsystem mit Kompressoren und Wärmetauscher. Es kann die einzelnen Fächer der Galley auf individuelle Temperaturen herunterkühlen – acht Grad Celsius für die Getränke, vier Grad Celsius fürs Essen. Das Essen wird dann in Dampföfen bei 130 Grad Celsius schonend gegart, sieht appetitlich aus und trocknet nicht aus. Wo es notwendig ist, kann aber auch trockene Hitze von 170 Grad Celsius aktiviert werden. Die Kaffeemaschinen laufen auf Schienen, was den Zugriff für die Techniker deutlich erleichtert. Saftreste und andere Flüssigkeiten landen in einem Entsorgungssystem mit Vakuum-Saugvorrichtung, fester Müll wird von einem Trash-Compactor raumsparend komprimiert. Die Bordküchen der A380 denken also regelrecht mit.

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Das komplexe Routing der Elektrikkabel wird auf dem Legebrett geplant

© Jens Görlich

 Doch dafür muss zunächst die Elektrik installiert sein. Auch dies keine leichte Aufgabe, denn allein die Galleys verfügen über Tausende Kontakte. Damit alles seine Ordnung hat, legen Systemtechniker die zahllosen Kabelstränge auf markierte Legebretter in ein Labyrinth aus knapp fingerhohen Stiften: Das Routing dieser Stromleitungen und Kabelbäume ist Verkehrsplanung im Mikrobereich. Jede Galley braucht 15 Meter Zuleitungskabel. Jedes Kabel, jedes Teil ist nummeriert, wobei die Zahlen als Platzanweiser dienen. Hinzu kommen Frischwasserleitungen, Abwasserleitungen, Zuleitungen zu den Kühlkompressoren, zu Lichtquellen, Öfen und Dunstabzugshauben, zu Frischluftdüsen und Wasseranschlüssen, Zeitschaltern, Monitoren und Kaffeemaschinen. Damit nicht genug. Denn die fünf Küchen der A380 sind obendrein so gebaut, dass sie miteinander kommunizieren können – sie regeln so die Stromzuteilung, um hier Energie zu sparen.

Verpackt und zertifiziert reisen die Küchen schließlich zum Einbau nach Hamburg-Finkenwerder. Doch – wie sollte es anders sein – auch hier geht man mit Trick 17 zu Werke. Die Aluminiumküchen müssen sich nämlich den Bewegungen des Flugzeugkörpers anpassen. Sie sind darum nicht starr mit der Kabine verbunden, sondern haben Stoßdämpfer, sind luftgefedert und nehmen leichte Ausdehnungen des Rumpfes nicht krumm. Es ist also wirklich nicht ganz einfach, so eine A380-Küche zu werden. Aber versorgen Sie mal mehr als 500 Menschen, während Sie mit 900 Sachen durch die ganze Welt jetten.