Der Vogel aus dem kleinen Nest

Bombardier CRJ700

  • TEXT ANDREAS SPAETH

Mit Lufthansa als Erstkunden hat sich der kanadische Bombardier-Konzern zum viertgrößten Flugzeughersteller der Welt entwickelt. Angefangen hat er mit Schneemobilen

Grüne Wiesen, schmucke Häuser mit gepflegten Gärten und bunten Blumen unter den Fenstern. Die Kleinstadt Valcourt, rund anderthalb Autostunden östlich von Montreal in der kanadischen Provinz Québec, ist eine wahre Idylle. Eine Provinz wie im Bilderbuch. Zumindest zur warmen Jahreszeit. „Aber im Winter ist das ganz anders, vor allem früher, als hier noch sechs Monate im Jahr Schnee lag“, sagt Luc Ménard. Lange Zeit gab es keinen Winterdienst, „der türmte sich über zwei Meter hoch auf den Straßen, und Pferdefuhrwerke waren das einzige Transportmittel“, erzählt Ménard, während er Besucher durch das Musée J. Armand Bombardier führt.

Wer nach den Ursprüngen von Bombardier forscht, dem heutigen Weltkonzern im Flugzeug- und Schienenfahrzeugbau, landet in diesem freundlichen Nest. Joseph-Armand Bombardier wurde 1907 in Valcourt geboren. Er war ein technisches Genie, sollte eigentlich Priester werden, doch dann entschied er sich für den Mechanikerberuf. Mit 15 entwickelte Bombardier sein erstes Schneemobil, mit 19 bezog er seine eigene Werkstatt; die Garage von Bombardier ist heute Teil des Museums. Er lebte von Reparaturarbeiten, experimentierte aber unermüdlich mit Fahrzeugen, die selbst im tiefen Schnee vorankamen.

Der mittlerweile im Bombardier-Konzern aufgegangene Hersteller de Haviland Canada (DHC) entwickelte das legendäre Buschflugzeug Beaver

Der mittlerweile im Bombardier-Konzern aufgegangene Hersteller de Haviland Canada (DHC) entwickelte das legendäre Buschflugzeug Beaver

© Aurora Photos
Ein Unternehmen, das verbindet: Die Regionaljets von Bombardier werden heute auf Strecken mit kleinerem bis mittlerem Passagieraufkommen eingesetzt. Schon in den 1930er Jahren entwickelte Firmengründer Joseph-Armand Bombardier sein damals revolutionäres Schneemobil – das endlich auch abgelegene Gegenden Kanadas aus ihrer winterlichen Isolation erlöste

Ein Unternehmen, das verbindet: Die Regionaljets von Bombardier werden heute auf Strecken mit kleinerem bis mittlerem Passagieraufkommen eingesetzt. Schon in den 1930er Jahren entwickelte Firmengründer Joseph-Armand Bombardier sein damals revolutionäres Schneemobil – das endlich auch abgelegene Gegenden Kanadas aus ihrer winterlichen Isolation erlöste

© Deutsche Lufthansa AG

 Ein tragischer Todesfall sollte dem Berufsleben des Pioniers dann aber eine Wende geben. 1934 starb Bombardiers schwer erkrankter Sohn Yvon, weil er durch die im Winter blockierten Straßen nicht rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht werden konnte. Daraufhin gab sein Vater die Entwicklung kleinerer Schneevehikel auf und widmete sich der Entwicklung großer Fahrzeuge für den Passagiertransport. Der Durchbruch gelang 1935 mit der Erfindung eines Zahnrades für ein Kettenantriebssystem, das im Schnee funktionierte. Bombardier bekam sein erstes Patent für das B7-Mobil für sieben Passagiere im Jahr 1937, sein Unternehmen florierte. „Er hatte es geschafft, die Isolation ländlicher Gegenden zu durchbrechen“, sagt Luc Ménard. Das Kettenzahnrad wurde zum Firmenlogo und blieb es auch nach 1949.

Damals führte die Regierung von Québec die öffentliche Schneeräumung für Landstraßen ein. Der Verkauf von Schneemobilen brach ein. Bombardier verlegte sich daher Ende der fünfziger Jahre auf die Herstellung kleinerer Ski-Doos für ein bis zwei Passagiere. Als der Erfinder 1964 starb, besaß er mehr als 40 Patente. Den Aufstieg seines Unternehmens zum Weltkonzern erlebte er nicht mehr, den schaffte erst sein Schwiegersohn Laurent Beaudoin.

Mit technischen Innovationen die Unbilden der Natur überwinden, das könnte ebenso wie für Bombardier ein Leitmotiv für viele Unternehmen im riesigen Kanada sein, das von endlosen Weiten und Wäldern, hohen Bergen, viel Wasser und extremen Klimazonen geprägt ist. Kein Wunder, dass gerade kanadische Firmen auch ikonenhafte Flugzeuge entwickelt haben. Das Buschflugzeug Beaver (Erstflug 1947) gehört ebenso dazu wie die zweimotorige Twin Otter (Erstflug 1965) mit 20 Sitzen, beide vom Hersteller de Havilland Canada (DHC). Genauso wie das zweimotorige Turboprop-Verkehrsflugzeug Dash 8 (Erstflug 1983).

Die Bombardier 415 wird hauptsächlich als Löschflugzeug bei Waldbränden eingesetzt

Die Bombardier 415 wird hauptsächlich als Löschflugzeug bei Waldbränden eingesetzt

© Deutsche Lufthansa AG

 Eine andere traditionsreiche kanadische Firma war Canadair, die unter anderem den Geschäftsreisejet Challenger (Erstflug 1978) baute. Zwischen 1986 und 1992 gingen sowohl Canadair als auch de Havilland in der Bombardier Aerospace auf. Das neu gegründete Unternehmen entwickelte die zweistrahlige Challenger zu einem 50-sitzigen Regionaljet weiter, der als Canadair Regional Jet (CRJ) zu einem Welterfolg wurde. Mittlerweile wird er in verschiedenen, teils mehrfach verlängerten und modernisierten Versionen ausgeliefert. Beinahe 1700 CRJs hat Bombardier bis 2013 an seinem Hauptsitz in Montreal bereits gebaut. Bei Lufthansa fliegen derzeit Jets der Versionen CRJ700 und CRJ900. „Die CRJs sind verlässliche Arbeitspferde von hoher Qualität und gutem Produktdesign“, sagt Jean-Guy Blondin, CRJ-Programmdirektor in Montreal, „wir Kanadier bauen auf den Geist der Innovation und bringen dabei unser reiches Erbe ein.“

Nun zählt aber nur die Zukunft: Die Kanadier entwickeln gerade ihre nächste Jet-Familie. Schon 2009 hat Lufthansa 30 Maschinen der neuen CSeries bestellt, mit ihren etwa 115 Sitzen sollen sie zunächst bei der Konzerngesellschaft SWISS eingesetzt werden. „Wir können uns keinen besseren Erstkunden als Lufthansa vorstellen“, sagte Gary Scott, bei Bombardier seinerzeit Präsident der Passagierflugzeug-Sparte. „Die CSeries setzt als grünstes Flugzeug seiner Klasse neue Maßstäbe.“ Der neue Jet verbindet die Kurzstart-Eigenschaften der vierstrahligen Avro, die sie ersetzen soll, mit der Reichweite eines Airbus A319, auch dank neuartiger Triebwerke. „Die sind ein wesentlicher Grund für unsere Entscheidung“, erklärt SWISS-Chef Harry Hohmeister, „damit können wir auf kurzen Pisten wie in London-City oder Florenz starten und gleichzeitig den Lärm auf weniger als die Hälfte eines Avros reduzieren, das ist ein technischer Quantensprung“, sagt Hohmeister.

Sparsam sind die Flugzeuge dank neuer Triebwerkstechnologien und leichten Materialien außerdem. Mit der CSeries kann SWISS den Treibstoffverbrauch gegenüber der Avro-Flotte um deutlich mehr als ein Viertel senken. Passagiere können sich in der CSeries über die großzügigen Platzverhältnisse in der Flugzeugkabine freuen. „Die kanadischen Flugzeugklassiker Beaver und Twin Otter werden heute wieder gebaut. Ich denke, auch die CRJs und die CSeries haben das Zeug dazu, solche Evergreens zu werden“, prophezeite Gary Scott. Wenn das Joseph-Armand Bombardier noch hätte erleben können.