Der Griff nach dem Himmel

Junkers Ju 52

  • TEXT MARC BIELEFELD

Er entwickelte einige der weltweit ersten Passagierflugzeuge, baute später auch die legendäre „Tante Ju“: Hugo Junkers war Vordenker, Visionär, Pionier – der deutsche Erfinder und Unternehmer gilt als Vater der zivilen Luftfahrt. Vor manchen seiner Patente sollte sich noch heute jeder Fluggast verneigen

Es dürfte nicht viele Menschen geben, die eine so gewaltige Menge von Zahlen hinterlassen haben wie Hugo Junkers. Man könnte fast von einem ganzen Berg sechsstelliger Ziffern sprechen: Die Nummern bezeichnen die Patentschriften, die aus dem Werk des genialen Ingenieurs hervorgegangen sind. Insgesamt sind es 415.

Berlin-Tempelhof, um 1928: Ein Bus der Luft Hansa holt aussteigende Passagier von der Junkers G24 ab. das Flugzeug hatte schon damals ein Reichweite von etwa 1000 Kilometern und startete auch zu Nachtflügen

Berlin-Tempelhof, um 1928: Ein Bus der Luft Hansa holt aussteigende Passagier von der Junkers G24 ab. das Flugzeug hatte schon damals ein Reichweite von etwa 1000 Kilometern und startete auch zu Nachtflügen

© Deutsche Lufthansa AG

 Vor einigen dieser Patente sollte sich noch heute jeder Passagier kurz verneigen; denn hinter ihnen verbergen sich die Ideen, ohne die keine zivile Luftfahrt denkbar gewesen wäre. Da ist etwa das Patent DRP-Nr. 253 788 vom 1. Februar 1910 mit dem Titel: „Gleitflieger mit zur Aufnahme von nicht Antrieb erzeugenden Teilen dienenden Hohlkörpern“. Dieses Patent war die Basis für den Bau der ersten komplett aus Metall gefertigten Flugzeuge. Vor allem von Flügeln, die nicht mehr mit Stoff bespannt, sondern endlich stabil genug waren, um später Tanks und Benzin aufzunehmen.

Auch ohne die Patente Nr. 313 692 und 337 522 säßen wir heute vielleicht nicht in modernen Flugzeugen, wie wir sie kennen. Hinter diesen beiden Zahlen nämlich steckte erstmals die Idee vom selbsttragenden Flügel und einer Tragfläche mit Wellblechdecke. Beide Erfindungen revolutionierten die Aerodynamik, Festigkeit und Formstabilität von Flugzeugen.

Die Quelle all dieser technischen Durchbrüche: Hugo Junkers, einer der bedeutendsten Ingenieure, Wissenschaftler und Unternehmer des 20. Jahrhunderts. Ein Tüftler und Tausendsassa, in dem neue Ideen nur so zu sprudeln schienen. Am 3. Februar 1859 wurde er im rheinischen Rheydt geboren; und bis heute begleiten uns viele seiner Gedanken und Entwicklungen, weil sie entscheidend den Aufbruch in eine neue, moderne Welt prägten.

Weltweiter Service: Für internationale Einsätze wurden die Junkers-Flugzeuge schon früh mit Schwimmkufen ausgerüstet

Weltweiter Service: Für internationale Einsätze wurden die Junkers-Flugzeuge schon früh mit Schwimmkufen ausgerüstet

© Deutsche Lufthansa AG
Stolze Männer: Nachdem sie 1919 einen Höhenweltrekord aufgestellt hatte, posiert die Crew dieser F 13 fürs Foto

Stolze Männer: Nachdem sie 1919 einen Höhenweltrekord aufgestellt hatte, posiert die Crew dieser F 13 fürs Foto

© akg-images
Mit der F 13 entwickelte Junkers ein Flugzeug, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte: In ihrer beheizbaren Kabine nahmen bis zu vier Passagiere auf bequemen Polster- oder Korbsitzen Platz

Mit der F 13 entwickelte Junkers ein Flugzeug, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte: In ihrer beheizbaren Kabine nahmen bis zu vier Passagiere auf bequemen Polster- oder Korbsitzen Platz

© Deutsche Lufthansa AG
Die Ju G 38 galt auch als fliegendes Hotel: Fluggäste genossen hier einen luxuriösen Service – Vergleichbares war man bereits von Zeppelinflügen gewohnt

Die Ju G 38 galt auch als fliegendes Hotel: Fluggäste genossen hier einen luxuriösen Service – Vergleichbares war man bereits von Zeppelinflügen gewohnt

© Deutsche Lufthansa AG
Im Dessauer Flugzeugwerk wurde auch die Ju G 31 montiert. Sie konnte bis zu 16 Passagiere befördern – und flog im Dienst der Luft Hansa zum Beispiel von Berlin nach London, Paris oder Wien

Im Dessauer Flugzeugwerk wurde auch die Ju G 31 montiert. Sie konnte bis zu 16 Passagiere befördern – und flog im Dienst der Luft Hansa zum Beispiel von Berlin nach London, Paris oder Wien

© GettyImages
In den 30er-Jahren: Fluggäste vor dem Start ...

In den 30er-Jahren: Fluggäste vor dem Start ...

© Deutsche Lufthansa AG
... einer Junkers Ju 52 der Deutschen Lufthansa

... einer Junkers Ju 52 der Deutschen Lufthansa

© Deutsche Lufthansa AG

 Als junger Mann besuchte Junkers das Polytechnikum in Karlsruhe, später die Technische Hochschule in Aachen. Er machte das Examen zum Maschinenbauführer, hörte Vorlesungen über Elektromechanik und Thermodynamik, und schon bald darauf wurde er als Ingenieur tätig. Auf einer Fotografie aus dem Jahr 1878 ist er in seiner ganzen stolzen Pracht zu sehen: in einem feinen Anzug, Krawatte, die Haare vom Mittelscheitel streng zurückgekämmt, dazu ein sorgfältig gezwirbelter Schnurrbart.

Es dauerte nicht lange, bis Junkers seine ersten Patente anmeldete, doch die hatten mit der Fliegerei noch nichts zu tun. Er entwickelte Hochdruck-Gasmaschinen, Gegenkolbenmotoren und Durchlauferhitzer für Warmwasser. Und immer weiter wächst dieser riesige Berg an Zahlen, den er hinterlässt: Patente über Patente! Gasbadeofen, Warmlufterhitzer, Verbundgasmotoren. Der Mann grübelt, zeichnet, entwickelt, er tut dies Tag und Nacht. Eine lebende Erfindungsmaschine, nichts anderes ist dieser Hugo Junkers.

Im Jahr 1908, als Junkers längst ein erfolgreicher Unternehmer ist, interessiert er sich erstmals für Aerodynamik. In einer Versuchsanstalt entstehen die ersten Propeller, damals noch Luftschrauben genannt. Junkers lässt Windkanäle bauen, arbeitet an neuen Tragflächenprofilen und ersinnt die „körperliche Tragfläche“: einen Flügel, der viel Hohlraum besitzt, durch spezielle Verstrebungen aber gleichzeitig später stabil genug sein wird, um Motoren zu tragen. 1915 fliegt die J 1, das weltweit erste Flugzeug, das komplett aus Metall konstruiert ist. Von nun an sollte ein Rekord den nächsten jagen. 1919 startet die berühmte F 13, die vier Passagieren Platz in einer beheizbaren Kabine bietet und eine Höhe von 6750 Metern erreicht. Mit 322 Exemplaren fliegt dieser Typ bald weltweit: Es ist die Geburtsstunde der Fluggesellschaften.

Szenen der Luftfahrtgeschichte: Hier hebt eine Ju G 38 ab, nur zwei Maschinen wurden von diesem Muster gebaut

Szenen der Luftfahrtgeschichte: Hier hebt eine Ju G 38 ab, nur zwei Maschinen wurden von diesem Muster gebaut

© INTERFOTO

 Immer mehr, immer modernere Modelle rollen aus den „Junkers Flugzeug- und Motorenwerken“. Und fast alle sind zukunftsweisend, was Sicherheit, Reichweite und Komfort betrifft. Der Name Junkers gilt als Synonym für die aufstrebende zivile Luftfahrt. Und wer kennt nicht auch sie? Die berühmte „Tante Ju“, in den dreißiger Jahren eines der meistgeflogenen Verkehrsflugzeuge der Welt. Als geschichtliches Kulturgut ist ein Exemplar dieser Junkers Ju 52 noch heute bei der Deutschen Lufthansa Berlin-Stiftung im Einsatz.

Junkers war ein großer Visionär. Und ein Macher. Ständig schob er Entwicklungen an, motivierte Ingenieure, gründete eine Zentrale Lehrwerkstatt und realisierte, wovon andere nur träumten. Es ist nicht übertrieben, ihn als Vater des Passagierflugs zu bezeichnen. So gründete er auch die „Junkers-Luftverkehr AG“, die 1926 mit der Deutschen Aero-Lloyd zur Luft Hansa fusionierte. Der Beginn einer langen Erfolgsgeschichte.

Nachdenken, umdenken, querdenken

Aber längst dachte Junkers schon wieder viel weiter. „Einer Handelsluftfahrtflotte sind keine Grenzen gesetzt“, sagte er damals. „Sie ist in hervorragendem Maße dazu berufen, die Annäherung und das Verhältnis der Völker zu fördern.“ Neue Dimensionen zu öffnen, andere Wege zu gehen, dies schien ihm angeboren zu sein. Und wohl genau dies macht einen genialen Konstrukteur aus: nachdenken, umdenken, querdenken. Und Neues schaffen.

So nimmt die Liste seiner Errungenschaften fast kein Ende. Er gründete Firmen im Ausland, testete Raketentriebwerke und förderte die Luftbildfotografie, wodurch Landvermessung und Kartografie wesentlich verbessert wurden. Er entwickelte leistungsfähigere Motoren, eröffnete ein technisches Forschungs-Museum in Dessau und machte obendrein in Stahlbau. Vor allem aber brannte Hugo Junkers für die Fliegerei: Seine Flugzeuge stellten Streckenrekorde auf, Nutzlastrekorde, 1929 flog eine Junkers W 34 erstmals auf 12 739 Meter Höhe.

Die Nazis setzten den Erfolgen ein Ende

Im Jahr 1933 jedoch wird diesen Erfolgen ein jähes Ende gesetzt. Die Nazis kommen an die Macht und nutzen die Junkers-Werke fortan rücksichtslos für die Aufrüstung. Junkers selbst versuchte es noch zu verhindern, als Demokrat und Weltbürger wollte er die Fliegerei ausschließlich im Zeichen des Friedens sehen. Doch es half nichts. Seine Familie wurde in „Schutzhaft“ genommen, Junkers zog sich nach Bayern zurück und wurde unter polizeiliche Aufsicht gestellt. Ab nun sollten Kampfflugzeuge aus seinen Hallen rollen.

Die zahllosen Patentschriften zeugen noch heute von Junkers’ großer Leidenschaft. Er starb 1935 mit 76 Jahren. Auf seinem Grabmal bei München ist Ikarus abgebildet. Darunter steht die Widmung: „Näher dem Adler, näher der Sonne, näher den Sternen.“ Der Spruch hätte dem großen Meister sicher gefallen. Sein Leben war der Griff nach dem Himmel.