Reporter Sascha Borrée mit Massagelehrerin Meaw in Chiang Mai
© Aaron Joel Santos

Einatmen, ausatmen …

  • TEXT SASCHA BORRÉE
  • FOTOS AARON JOEL SANTOS

Yoga, Thaiboxen, Meditation: Auf der Suche nach sich selbst reisen Tausende ins thailändische Chiang Mai. So auch unser Autor, der wissen wollte: Was ist los auf diesem spirituellen Spielplatz?

Blitze zucken durch den Nachthimmel, Regen prasselt – ausgerechnet jetzt bin ich mit einem Motorroller im thailändischen Nirgendwo unterwegs. Und sehe die alte Frau auf der Straße viel zu spät. Ich bremse, rutsche, stürze, schramme mit dem Roller über den Asphalt. Spüre einen stechenden Schmerz im rechten Unterschenkel. Und fahre am nächsten Morgen nicht wie geplant zum Thaiboxen, sondern ins Krankenhaus. Die Diagnose: Haarriss im Schienbeinknochen. Wird wieder. Dauert aber. Ist mein Projekt Selbstfindung damit jetzt schon gescheitert?

Drei Tage zuvor war ich nach Chiang Mai gekommen, um mal richtig an mir selbst zu arbeiten. Reiki, Yoga, Meditation, Massage, Dance Mandala, Qi Gong, Thaiboxen – alles das will ich hier ausprobieren. Klar, viele dieser Kurse könnte ich auch zu Hause besuchen, selbst Sportvereine und Volkshochschulen bieten heute Seminare in fernöstlich inspirierter Selbstfindung an. Aber die Möglichkeiten dazu sind an nur wenigen Orten der Welt so endlos wie hier. Die Stadt im nordthailändischen Berg-land ist zur Pilgerstätte für Menschen von überallher geworden, die Körper und Geist schulen wollen. Seit Jahrzehnten von Hippies, Aussteigern und Andersdenkenden geschätzt, zählt sie traditionell zu den Pflichtstopps auf dem Banana-Pancake-Trail. Doch während andere Stationen dieser Backpacker-Route von Pauschaltouristen überrannt werden, hat Chiang Mais altes Stadtzen-trum sein alternatives Flair bis heute bewahrt – und ist neben dem balinesischen Ubud zum Traumziel der eifrigen Sinnsucher des 21. Jahrhunderts geworden.

Mönchsnovizen eines Tempels in Chiang Mai

Begegnung in Chiang Mai: Mönchsnovizen eines Tempels

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Tanzlehrerin Areeradh

Tanzlehrerin Areeradh

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  Meine erste Station: die Massageschule Sabai De Ka. Meaw, meine 47-jährige Lehrerin, verspricht, mich innerhalb eines Tages in die hohe Kunst der Massage einzuweihen. Schon drücke ich mit ölverschmierten Händen etwas ratlos auf ihren Schultern herum. Anfangs entlockt ihr mein Geknete nur ein höfliches „Schon ganz gut …“. Fast will ich entnervt aufgeben, als der Knoten platzt. „Mmmh!“, beginnt Meaw zu seufzen, „mmmmmh, jaaa, guuut!“ Geht doch, denke ich ermutigt und höre sie sagen: „Das reicht an den Schultern, wir machen mit dem Rücken weiter.“ Mit glitschigen Fingern blättere ich in dem Handbuch, das sie mir gegeben hat. Und beginne die Muskeln an ihrer Wirbelsäule zu bearbeiten.

 

Kommunarde Will mit Besucherinnen in Suan Sati

Gekommen, um zu bleiben: Will, Gründer der Landkommune Suan Sati, mit Besucherinnen

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Nach dem Kurs begleite ich meine Massage-Mitschülerin Carla ins Hippie-Café nebenan. Die Irin, 33, kurze schwarze Haare, Mandala-Tattoo auf dem Oberarm, erzählt mir ihre Geschichte, die ich in ähnlicher Form von vielen Chiang-Mai-Besuchern höre: „China, Vietnam, Kambodscha – ich bin seit einem halben Jahr unterwegs. Mein Leben zu Hause war eine Sackgasse. Hier will ich neue Dinge lernen, deshalb der Massagekurs.“ Dann zieht sie spöttisch einen Mundwinkel hoch und sagt: „Ich nehme mir dafür aber nicht nur einen Tag, sondern mache den vierwöchigen Workshop.“

Sie hat ja recht: Mit meinem radikalen Expressprogramm bin ich eine Ausnahme. Die meisten, die ich kennenlerne, bleiben länger. Und müssen dafür nicht mal Urlaub nehmen: Chiang Mai ist zur Hauptstadt der Digitalnomaden geworden, die in Coworking-Spaces und auf den Dachterrassen ihrer Apartments sitzen, um neue Apps und Ähnliches zu entwickeln.

Die Gassen in Chiang Mais altem Stadtkern sind winzig, die Tempel verschnörkelt, die Anlagen weitläufig und grün. Keine großstädtische Hektik, stattdessen Ruhe und Entspannung. Kahl geschorene Mönche in orangefarbenen Roben spazieren durch die Straßen. In einem Hinterhof hat Yoga Tree seinen Sitz, hier besuche ich am zweiten Tag einen Dance-Mandala-Kurs. Kursleiterin Areeradh, 47, hat diese Methode des spirituellen Tanzens selbst entwickelt. Wir sind zu elft. „Setzt euch, schließt die Augen“, bittet Areeradh. Musik erklingt. Beim zweiten Lied knarrt der Holzfußboden, ich öffne die Augen. Zwei, drei Leute sind aufgestanden, ihre Oberkörper pendeln hin und her, wie Gräser im Wind. Sieht seltsam aus. Ich stehe auch auf, schwinge hin und her. Komme mir komisch vor. Doch dann schaltet mein Verstand ab, werden meine Bewegungen wie von selbst immer größer und kräftiger. Ich mache kleine Sprünge, breche in Schweiß aus. Areeradhs Anleitungen? Sie sagt irgendwas, aber das höre ich nur aus der Ferne. Als der Kurs vorbei ist, fühle ich mich frei, fast schwerelos.

Spirituelles Zentrum in Chiang Mai

Spirituelles Zentrum: ...

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Tempel in Chiang Mai

... Tempelanlagen in Chiang Mai

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  „War das nicht wunderbar?“, fragt mich Coco. Wir sitzen im Garten des Yoga Tree, essen Mangos und Papayas. Coco, 38, hat früher als Tänzerin gearbeitet und unterrichtet jetzt eine moderne Bauchtanz-Variante – zu Hause in Berlin und auf ihrem eigenen YouTube-Kanal. In Chiang Mai lässt sie sich zur Dance-Mandala-Tanzlehrerin ausbilden. „Man übt keine vorgegebenen Bewegungen, tanzt nur so, wie der Körper gerade will“, schwärmt sie. „Es geht nicht darum, zu sehen oder gesehen zu werden.“

Am dritten Tag meines Experiments fahre ich raus aus der Stadt, zu der frisch eröffneten Landkommune Suan Sati. Schlichte Bambushütten zwischen Gemüsebeeten und Bananenstauden. „Vor einem Jahr konntest du keine drei Meter weit sehen, da war alles zugewuchert“, erzählt Will, 31, Amerikaner und Gründer von Suan Sati. „Wir haben monatelang geschuftet, die Hütten hingestellt, Beete angelegt. Wir wollen uns so weit wie möglich selbst versorgen.“ Will, dem die Dreadlocks bis auf die Schultern fallen, lebt hier mit seiner österreichischen Freundin Lisa, 28, und zwei Kumpels. Bis zu 16 Gäste haben bei ihnen Platz, manche kommen für ein paar Wochen, andere bleiben Monate. Sie helfen auf dem Feld, meditieren, machen zusammen Yoga. Ich klinke mich bei der nachmittäglichen Yoga-Stunde ein, danach gibt es Tofu-­Curry. Neben mir sitzt Rachel, Yoga-Lehrerin aus New York, uns gegenüber der vollbärtige Adam aus Colorado, der früher als Skilehrer gearbeitet hat. Nun bereist er mit seiner Freundin die Welt, seit zwei Jahren schon. Wir unterhalten uns kreuz und quer über den großen Tisch. Leute, die vor ein paar Stunden noch Fremde waren, behandeln einander so herzlich wie alte Freunde. Was wir arbeiten, wie viel wir verdienen – spielt alles keine Rolle. Ich würde gern bleiben, doch der Rest der Woche ist fest gebucht. Also mache ich mich auf den Rückweg.

Und dann zieht das Gewitter auf, das meine Planung durch­einanderbringt. Der Unfall, die Knieschiene … Was jetzt? Fest entschlossen, mein Programm trotzdem durchzuziehen, fahre ich zum Reiki-Kurs in die Body & Mind Healing School. Dort soll ich lernen, wie ich meine Hände auf verschiedene Körperstellen legen, meinen Kopf leeren und mir selbst Heilung schicken kann. Leider bleibt die Wirkung aus: Mein Schienbein schmerzt nach dem Kurs noch genauso schlimm wie vorher.

 

Innenarchitektin Thays beim Thaiboxen

Kick it: Innenarchitektin Thays beim Thaiboxen

© Aaron Joel Santos

  Das Kickbox-Training muss ich deshalb absagen. Ich humpele trotzdem zum Chiangmai Muay Thai Gym, will wenigstens zuschauen. Eine hohe, offene Halle mit einem Boxring, in der Mitte wirbelt Thays, 25, Innenarchitektin aus Deutschland. Mit ganzer Kraft drischt sie auf die Schlagpolster ihres Sparringspartners ein. „Ich trainiere seit zwei Wochen jeden Morgen und jeden Nachmittag“, erzählt sie in einer Pause. „Am Anfang war ich so fertig, dass ich zwischen den Sessions wie ein Stein geschlafen habe.“ Neidisch schaue ich zu, wie sie in den Ring zurücksteigt.

Später treffe ich mich noch einmal mit Carla, der Frau aus dem Massage-Workshop. Ich klage über meinen Sturz, meine unvollendet gebliebene Recherche. Carla winkt ab. „Die wichtigsten Dinge lernt man doch eh nicht in Seminaren“, sagt sie, „sondern gerade dann, wenn es mal nicht so läuft, wie du es willst.“

Esoterisches Gerede? Milder Spott? Ganz kurz steigt Ärger in mir auf – um sich überraschend schnell wieder zu verziehen. Diese Stadt hat etwas mit mir gemacht. Ich bin ruhiger geworden, gelassener. Und neugieriger: Was würde geschehen, wenn ich mich ganz auf Chiang Mai einließe, so wie Carla, Coco oder Thays? Wenn ich nicht von einem Workshop zum nächsten springen würde? „Ich komme wieder“, sage ich zu Carla. „Und beim nächsten Mal nehme ich mir einen Monat Zeit – mindestens.“