Die Kupplerin der Kunst Lufthansa September 2016
© Gene Glover

Die Kupplerin der Kunst

  • TEXT ULF LIPPITZ
  • FOTOS GENE GLOVER

Berlin möchte in der Weltliga der Kunst mitspielen: Das Gallery Weekend und die Art Berlin Contemporary sichern den Aufstieg – dafür sorgt die Direktorin Maike Cruse

Maike Cruse ist, was selten vorkommt, perplex. Die Direktorin der Kunstmesse Art Berlin Contemporary (abc) hat schon vieles gesehen: von schwarzen Dragqueens, die in besetzten Häusern Pingpong-Performances aufführten, über Künstler, die ihre Videos in praller Junisonne auf Baustellen präsentierten, bis hin zu aufgeregten Promis, die sich zum 70. Geburtstag der linken US-Autorin Susan Sontag um ihr Idol scharten – auf einem Fest in einer Berliner Galerie, das Cruse selbst mitorganisierte. Aber was sie jetzt vor sich sieht, scheint ihr fragwürdig. Wo gestern in den Schaufenstern der Galerie Klosterfelde noch Kunst zu sehen war, liegen nun Strandutensilien wie in einem Provinzkaufhaus: Liegestühle, Badetücher, Wasserbälle, dazu ein Mannequin in Shorts. Von dieser Ausstellung hat sie noch gar nichts gehört.

Also macht Maike Cruse eine Stichprobe, poltert in das Ladenlokal an der Potsdamer Straße hin­ein und fragt nach, was der Beinahe-Nackedei in der Auslage soll. Schnelle Auflösung: Die Galerie ist nur für einen Filmdreh umdekoriert. Maike Cruse entgeht wenig von dem, was auf dem Berliner Kunstmarkt geschieht. Die 41-Jährige ist in den vergangenen fünf Jahren zu einer der wichtigsten Figuren der hiesigen Kunstszene geworden. Sie verbindet die Künstler der deutschen Hauptstadt mit dem wachsenden Kunstmarkt. Begonnen hat sie ihre Laufbahn vor 15 Jahren in der renommierten Institution Kunst-Werke in der Auguststraße, wo sie vor allem mit den Künstlern in Kontakt stand. Danach begann sie bei der wichtigsten Fachmesse der Welt, der Art Basel, mit Galeristen zusammenzuarbeiten. Nun steht sie seit vier Jahren den Berliner Jahreshighlights Gallery Weekend im Mai und abc-Messe im September vor – so erfolgreich, dass das internationale Kunstmarkt-Portal Artnet sie zu einer der einflussreichsten Branchenfrauen in Europa kürte.

Die Kupplerin der Kunst Lufthansa September 2016

Maike Cruse schätzt die Berliner Kuratoren - hier die Arbeiten von Annette Kelm in der König Galerie

© Gene Glover

 Beide Veranstaltungen ziehen Tausende Sammler, Künstler und Groupies an die Spree. Für das ­Gallery Weekend zeigen die örtlichen Galerien ihre besten Ausstellungen, auf der abc stellen internationale Galerien vielversprechende neue Künstler vor. Auf der Messe gelangen Bildhauer, Maler, Performancekünstler aus dem Dunkel der Off-Szene zum ersten Mal ins Rampenlicht des Kunstmarkts – und einige von ihnen werden später die Lieblinge des Publikums. „Berlin hat die interessanteste Galerienszene der Welt“, behauptet Maike Cruse. Und sie zählt auf: die Präsenz der Galerien, die auf den Fachmessen nur jenen aus New York nachstehen, die – im Vergleich zu London, Paris oder Zürich – niedrigen Mieten, das Versprechen der Freiheit, „dieses Gefühl, etwas mitgestalten zu können“. Das alles ziehe Kunstschaffende nach Berlin. Maike Cruse erinnert sich an den Sommer 2008, als sie für drei Monate einen Kreuzberger Projektraum mitkuratierte. Das „Forgotten Bar Project“ zeigte jeden Abend eine andere Ausstellung – ohne je eine offizielle Genehmigung zu haben. „Am Abschlussabend kamen 1500 Menschen, die Straße war verstopft, die Polizei fuhr einmal im Schritttempo vorbei, das war’s. Freunde aus New York konnten das nicht fassen. Sie sagten: ,Wenn du das bei uns machen würdest, wärst du nach zwei Stunden im Knast.‘“

Berlin hat die interessanteste Galerienszene der Welt

Maike Cruse

Cruse sitzt jetzt in ihrem Büro an der Potsdamer Straße, im Erdgeschoss links ein türkischer Import-Export-Laden, der von Teppichen bis zu Lebensmitteln alles verkauft, was man im- und exportieren kann, rechts ein hippes Lokal, das Mittagessen für hungrige Kreative kocht, darüber in der Beletage weht die Fahne der abc vor großen Flügelfenstern. Cruse erzählt von der Kreuzberger Guerilla-Aktion im Ton des Erstaunens, als verstünde sie selbst nicht recht, wie das passieren konnte. Und ein wenig staunt sie auch darüber, dass sie nun auf diesem verantwortungsvollen Posten sitzt und mit einem Team darüber entscheidet, wer auf der Messe etwas zeigen darf und wer nicht. Cruse ist aufrichtig neugierig. Wer sie einmal erlebt hat, wie sie auf dem Gallery Weekend plötzlich alle wichtigen Termine vergisst, weil sie sich mit einem Besucher über seinen Job unterhält, ihn ausfragt, ehrlich nachhakt, „Wie jetzt?“, der versteht, dass sie hier keinen Routinejob erledigt, sondern auf einer lustvollen Reise durch die Welt ist, unvorhergesehene Zwischenstopps inklusive.

Die Kupplerin der Kunst Lufthansa September 2016

Die abc-Messe leitet Cruse ...

© Gene Glover
Die Kupplerin der Kunst Lufthansa September 2016

... von ihrem Büro in der Postdamer Straße aus

© Gene Glover

 Das Versprechen des Alles-ist-möglich hat Maike Cruse von Teenagerzeiten an in die Kunst gelockt. Sie wächst in Bielefeld auf, in einer kunstsinnigen Familie. Der Vater, ein Biologe, ist im örtlichen Kunstverein, am Wochenende geht es in die Museen zu Picasso und Lichtenstein. Die Großmutter nährt das Interesse an der klassischen Moderne, weil sie zwar als junge Frau Kunst studiert hatte, aber nie Künstlerin werden durfte. Der Onkel kauft in den frühen 1990er Jahren eine Arbeit von Joseph Beuys: eine kleine Plastiktüte mit einer Fettecke. „Ich weiß noch, dass wir uns in der Familie gefragt haben, ob das schwachsinnig oder interessant sei“, erzählt Cruse. „Allein, dass wir so lange darüber diskutiert haben, hat mich der Kunst näher gebracht.“

Sie begreift, dass Kunst eine Möglichkeit bietet, die Welt anders zu kommentieren, als es Wissenschaft und Politik tun. Diese Erkenntnis lotst die Bielefelder Studentin nach Berlin. Zuerst als Besucherin, die in den 1990er-Jahren Berlin Mitte als großen Abenteuerspielplatz entdeckt. „Ich bin mit Freunden aus besetzten Häusern durch Hinterhöfe gestreunt, wir sind auf die Dächer geklettert. In der Auguststraße hatten Punks ihre Badewannen auf die Straße gestellt, mit Blumen bepflanzt und daraus eine Art Vorgarten gemacht.“ Diese Bilder ließen sie nicht los, als sie in London ihr Kunststudium fortsetzte, sich zwar jede Ausstellung der damals populären Young British Artists ansah, von den Chapman Brothers oder Angela Bulloch, aber nie das Gefühl bekam, Teil der dortigen Szene werden zu können. Der Kunstbetrieb dort war elitärer und verschlossener.

Ich sitze oft in reinen Männergruppen und muss mich behaupten

Maike Cruse

Zurück in der deutschen Hauptstadt, wo man ungläubig über die plötzliche Galeriendichte staunte, ging das viel schneller. Nach einem eher informellen Vorstellungsgespräch, das zwei Fragen lang dauerte („Kannst du Englisch?“ und „Hast du ein abgeschlossenes Studium?“) heuerte sie 2001 als Praktikantin bei den Kunst-Werken an. Der Selfmade-Kunstvermittler Klaus Biesenbach hatte aus einer abrissreifen Margarinefabrik eine funkelnde Off-Institution gemacht. Von ihm lernte sie, wie man Ausstellungen aufbaut und Menschen an ein Haus bindet. In den Kunst-Werken herrschte ein so strikter wie lustvoller Aufgaben-Mischmasch. „Wir alle saßen in einem Raum im Erdgeschoss, und wenn ein Besucher kam, kassierte einer von uns ab, während andere gerade die nächste Ausstellung besprachen und ich mit einem Journalisten telefonierte.“ Sieben Jahre blieb Maike Cruse, dann erhielt sie das Angebot, die Pressearbeit für die Art Basel zu übernehmen. Als sie 2008 wechselt, versteht sie, dass sie nun vielleicht für „die andere Seite“ arbeitet, den Markt. Doch sie lässt sich von Direktor Marc Spiegler erklären, wie und warum er an Galerien als Motor eines gesunden Kunstbetriebes glaubt – und ist von seiner Mission überzeugt.

Die Kupplerin der Kunst Lufthansa September 2016

Daniel Buren verwandelte das Schaufenster der Galerie Thomas Schulte in ein buntes Triptychon

© Gene Glover
Die Kupplerin der Kunst Lufthansa September 2016

Maike Cruse vor dem abc-Büro

© Gene Glover

 Cruse hat keine Scheu vor großen Umwälzungen. Oder vor skeptischen Männern in Anzügen, ob es sich dabei um Sponsoren oder Politiker handelt. „Ich sitze oft in reinen Männergruppen und muss mich behaupten. Ich versuche einfach, genauso laut zu reden und die besseren Argumente zu finden.“ Ihrer Stimme traut man zu, jeden Fußball-Fanchor kraftvoll zu unterstützen oder für ihre Galeristen das beste Angebot herauszuschlagen. Denn ihr Herz schlägt für diese Verrückten, die Künstler jahrelang aufbauen, unterstützen und in Krisen aufpäppeln. „Galeristen sind die größten Idealisten der Kunstwelt“, sagt sie, „eine One-Man-Show, die nur mit viel Glück am Ende zu Geld führt.“

Maike Cruse hat mit ihrem Partner zwei kleine Kinder, die jüngste Tochter wurde vergangenen Sommer geboren, im Kalender stehen gleichrangig Kindergeburtstage neben Sponsorenessen. Als sie letztes Jahr das Dinner zur abc-Messe gab, saß ihre Mutter im Nebenraum und klingelte kurz durch, wenn das Kleinkind nach Milch schrie. „Meine Eltern haben tagelang den Kinderwagen auf der Messe hinter mir hergeschoben“, erzählt sie. Cruse fliegt nun das Treppenhaus zur Potsdamer Straße hinunter. Sie sei, sagt sie selbst, über die Jahre mit der Kunstszene erwachsen geworden, „auch wenn ich manchmal noch feiern will“.

In der Galerie Esther Schipper, ein kleines Stück von ihrem Büro entfernt, bewundert Cruse die Arbeiten des Argentiniers Tomás Saraceno, fein gewobene Spinnennetze in kleinen Glaskuben. In Berlin müsse man sich nicht dogmatisch zwischen Absturzbar und Edelrestaurant entscheiden, sagt sie. „Ich gehe genauso gern ins Möbel Olfe in Kreuzberg wie ins Grill ­Royal in Mitte.“ Am Ende lösen die zwei Orte, der schwule Szenetreff und das Literaten-Steakhouse, dasselbe Versprechen ein. Cruse: „Es kann in beiden Lokalen wild werden.“ Eine gute Grundlage für Kunst.


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.