„Erfolg ist manchmal ein Unfall”

Dustin Hoffman

Interview

  • INTERVIEW PATRICK HEIDMANN

Er gilt als weiser alter Mann, doch Dustin Hoffman misstraut diesem Etikett. Im Interview spricht er über egozentrische Väter, Solidarität unter Schauspielern, seine lange Karriere und die Wirkung von Sex-Skandalen.

Mr. Hoffman, Ihr neuer Film „The Meyerowitz Stories“ ist eine Familiengeschichte, Sie spielen das eher unsympathische Oberhaupt. Dachten Sie dabei an Ihren eigenen Vater?

Interessanterweise stand erst einmal der Vater unseres Regisseurs Noah Baumbach im Mittelpunkt. Er ließ sich für die Figur von seinen eigenen Erfahrungen als Sohn inspirieren – und hatte aber schon beim Schreiben meine Wenigkeit im Kopf, fragen Sie mich nicht, warum. Je länger wir uns dann unterhielten und Geschichten über unsere Väter austauschten, desto mehr Gemeinsamkeiten erkannten wir. Denn es gibt wirklich Parallelen zu meinem Leben. Genau wie Harold im Film war auch mein Vater ein Versager, zumindest nach seinen eigenen Maßstäben. Das mitzuerleben war schmerzhaft.

Können Sie nachvollziehen, warum ein Vater zu seinen erwachsenen Kindern so gemein ist, wie wir es im Film sehen?

Ich halte das für einen sehr primitiven Instinkt. Wir sprechen von einem erfolglosen Vater, dessen Haltung ist: Wenn ich schon untergehe, dann nicht alleine. Das ist ein rein instinktives Verhalten, wie wir es aus dem Tierreich kennen. So sind wir Menschen. Kein Wunder, angeblich unterscheidet sich unsere DNS ja von jener der Fruchtfliege nur um zehn Prozent.

 

Ben Stiller und Dustin Hoffman in „The Meyerowitz Stories“

Ben Stiller und Dustin Hoffman in „The Meyerowitz Stories“

© Atsushi Nishijima/Netflix

Den Eltern ihre Fehler verzeihen – ist das etwas, das wir alle irgendwann lernen müssen?

Ich bin schon länger in Therapie, als ich lebe … Und wenn ich dort eines gelernt habe, dann ist es, dass wir immer versuchen, unsere Eltern neu und besser erscheinen zu lassen.

Nach außen?

Nein, für uns selbst. Selbst wenn sie nicht mehr leben, rücken wir sie in ein besseres Licht. Die schmerzlichen Gefühle ihnen gegenüber blenden wir stets aus. Weil man es kaum erträgt, sie zu hassen. Also versucht man sie zu verstehen.

Ihre eigenen Kinder sind auch mit einem Künstlervater groß geworden, obwohl da von Erfolglosigkeit keine Rede sein konnte. Was haben Sie Ihrem Nachwuchs mitgegeben?

Puh, das müssten Sie meine Kinder selbst fragen. Einige von ihnen arbeiten ja mittlerweile selbst in künstlerischen Bereichen, und ich staune immer wieder, wie anders ihre Erfahrungen sind als jene, die ich früher gemacht habe. Es geht heute nur noch darum, den Durchbruch zu schaffen. Das heißt manchmal bloß, dass man im Fernsehen oder Internet zu sehen ist. Das reicht heute schon, um plötzlich berühmt zu sein.

Was heißt denn Erfolg für Sie?

Ich muss da immer an die Briefe von Vincent van Gogh an Theo denken, seinen Bruder und einzigen echten Freund. Darin wird deutlich, wie schwierig es für van Gogh war, über die Runden zu kommen. Zu Lebzeiten kaufte niemand seine Kunst, er hatte kein Geld und war immer auf Unterstützung angewiesen. Aber aus heutiger Sicht kann man ihn schwerlich als erfolglos bezeichnen, oder? Genauso der große Komponist Charles Ives, der mit seinen Symphonien die amerikanische Musiklandschaft für immer verändert hat. Seinen Namen kennt trotzdem kaum jemand außerhalb von Expertenkreisen. Sie sehen: Erfolg in der Kunst ist eine extrem subjektive Sache.

Wie auch immer man ihn definiert – macht Erfolg glücklich?

Nein, er lässt Ängste und Sorgen nicht verschwinden. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem großen Tänzer Mikhail Baryshnikov, den ich während der Arbeit an „Tootsie“ kennenlernte, weil er damals mit Jessica Lange liiert war. Ich wollte von ihm wissen, wie sich Erfolgserlebnisse beim Ballett anfühlen: Gibt es die perfekte Aufführung? Oder zumindest ein Solo, bei dem man merkt: Hier stimmte alles, besser geht es nicht? Er sagte: nein. Perfekt, erfolgreich, das seien immer bloß einzelne, winzige Momente. Und so sehe ich es auch.

Werfen wir trotzdem einen Blick auf Ihre Karriere. 1967 spielten Sie in „Die Reifeprüfung“ Ihre erste große Hauptrolle. Waren Sie vorbereitet auf den Erfolg?

Kein bisschen. Mein Durchbruch war ein Unfall. Ich hatte Theater gespielt und ein wenig fürs Fernsehen gemacht, Kino stand gar nicht zur Debatte. Dann bekam ich die Hauptrolle in „Die Reifeprüfung“ – und der Film wurde unerwartet zum Welterfolg. Es war, als hätte jemand den Schalter umgelegt und mich über Nacht zum Star gemacht. So läuft das ja sonst nicht. Eigentlich fängt man klein an, mit Nebenrollen, und baut sich nach und nach eine Karriere auf. Ich habe all diese kleinen Stufen der Karriereleiter einfach übersprungen, ohne es zu wollen.

Macht Ihnen Ihr Job eigentlich noch Spaß?

Und wie! Vor allem weil ich so gerne mit anderen Schauspielern arbeite. Wir arbeiten unglaublich eng zusammen und helfen einander, wo wir nur können. Das mag ich sehr an diesem Beruf, denn wir alle stecken ja in der gleichen Zwickmühle.

Was meinen Sie?

Schauspieler haben keinen Einfluss darauf, wie der Film am Ende aussieht. Wir suchen nicht aus, welchen Take der Regisseur nimmt. Und viele lassen uns nicht einmal auf den Monitor gucken, um zu sehen, wie wir eine Szene gespielt haben. Die haben fixe Ideen im Kopf, von denen sie keinen Zentimeter abweichen. Es ist kein angenehmes Gefühl, machtlos zu sein.

Vielleicht ist 80 das neue 40 – dann besteht noch Hoffnung für mich

Dustin Hoffman, Schauspieler

Kürzlich feierten Sie 80. Geburtstag. Fühlen Sie sich alt?

Körperlich? Oh ja, natürlich. Und es ist auch komisch, wenn man Nachrufe liest und die Person, um die es geht, in ihren Achtzigern war. Man liest immer, 70 sei das neue 30. Vielleicht ist 80 das neue 40 – dann besteht noch Hoffnung für mich.

Mit dem Alter kommt auch die Weisheit, oder nicht?

Fragen Sie mal meine Frau, was die davon hält! Zumindest sammelt man eine Menge Erfahrungen. Und wenn man fast immer der Älteste im Raum ist, kann der Eindruck entstehen, man sei auch der Weiseste. Ob’s stimmt? Was mir am Alt­werden gefällt, ist, dass man mitbekommt, wie sich die Zeiten ändern. Als ich anfing, hätte ein Sex-Skandal sofort das Ende jeder Karriere bedeutet. Heute wird man zum Star, wenn ein Sex-Video an die Öffentlichkeit gerät. Das ist doch faszinierend!