„Ich hab mich in den Western verliebt“

Quentin Tarantino

Interview

  • INTERVIEW PATRICK HEIDMANN

Schwätzer, Schweiger und Killer: In seinem Film „The Hateful Eight“ versammelt Quentin Tarantino vertrautes Personal. Im Interview spricht er über die Gewalt in seinen Filmen und die Musik von Ennio Morricone

Mr. Tarantino, Sie haben gesagt, „The Hateful Eight“ sei Ihr bislang politischster Film. Das müssen Sie erklären, denn es ist ja ein Western …

Aber nicht irgendein Western! Er spielt direkt nach dem Bürgerkrieg, die Spaltung zwischen Nord- und Südstaaten war noch fest in den Köpfen verankert. Das spiegelt ganz gut den aktuellen Zustand unseres Landes wider. Wenn Sie so wollen, ist der Film also eine Metapher für die Gegenwart.

Warum dann nicht gleich einen Film über das heutige Amerika drehen?

Das wäre zu einfach, oder? Wir Filmemacher bedienen uns eben verschiedener Genres – und die können sich auch mal überschneiden. Ein Freund nannte „The Hateful Eight“ neulich meinen „ersten postapokalyptischen Film“. Das hat mir gefallen. Nur dass wir eben nicht wie bei „Mad Max“ in der australischen Wüste sind, sondern in der winterlichen Einöde Amerikas mit ihrer brutalen Kälte.

Das Western-Genre hat es Ihnen angetan. Wie kommt das?

Es macht als Regisseur einfach viel Spaß, Western zu drehen. Und ich freue mich, dass ich diese Art von Filmen in einer Zeit drehen kann, in der das Genre eigentlich als ausgestorben gilt. Eine Weile hat es mich gereizt, ähnlich wie Stanley Kubrick von einem Genre zum nächsten zu ziehen. Kaum hatte ich mir beigebracht, wie man einen Martial-Arts-Film dreht, habe ich mich lieber Auto-Verfolgungsjagden gewidmet. Und weiter ging es zum nächsten Genre. Aber bei „Django Unchained“ habe ich doch dauerhaft Feuer gefangen. Vielleicht auch deshalb, weil ich mich innerhalb des Westerns mit den Problemen zwischen Schwarzen und Weißen und mit dem Thema Sklaverei auseinandergesetzt habe. Das war bis dahin ja unerhört.

Rassismus ist ein wichtiges Thema des Films. Dort ist die Rede davon, was nach dem Bürgerkrieg noch passieren muss, bis tatsächlich alle die gleichen Rechte besitzen. Passend dazu haben Sie sich kürzlich mit der Polizei angelegt, indem Sie die Gewalt von Polizisten gegen Afroamerikaner anprangerten …

Da kann man einen Bogen schlagen. Doch wir sollten es auch nicht übertreiben. Das Leben eines Schwarzen war im 19. Jahrhundert sicher noch sehr viel weniger wert als heute. Seitdem haben wir doch ein paar Fortschritte gemacht. Wobei man auch sagen muss, dass es in den vergangenen 30 Jahren wieder etliche Rückschläge gab, gerade was institutionellen Rassismus angeht. Zu hinterfragen, warum so viele weiße Polizisten gerade im Kontakt mit jungen Schwarzen oft viel zu schnell die Waffe zücken, das muss man ja wohl dürfen.

Größter Digital-Verweigerer Hollywoods: Quentin Tarantino

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© Leon Bliss/Contour by Getty Images
Kurt Russell und Samuel L. Jackson in „The Hateful Eight“

Kurt Russell und Samuel L. Jackson in „The Hateful Eight“

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Wägen Sie selbst ab, wie viel Gewalt Sie in Ihren Filmen zeigen?

Ich denke nicht darüber nach, wie viel Gewalt ein Film verträgt oder nicht. Dass das zwecklos ist, habe ich schon bei meinem allerersten Drehbuch gemerkt. „True Romance“ hatte ich als romantische Komödie verstanden, aber dieser Film war am Ende so brutal wie alles, was ich später drehte. Mir geht es immer um die Geschichte. Und wenn die nach Gewalt schreit, dann zeige ich auch Gewalt.

Woher kommt dieser Drang, entspre­chende Geschichten erzählen zu wollen?

Wahrscheinlich hilft ein Blick auf die 1980er Jahre, die mich als junger Mann geprägt haben. Das war die repressivste Phase, die das amerikanische Kino seit den Fünfzigern erlebt hat. Jeder verdammte Film musste ein Happy-End haben! In Romanen konnte dagegen schon damals alles passieren; man musste auf jeder Seite mit dem Schlimmsten rechnen. Ich war getrieben von der Idee, mir die gleichen Freiheiten nehmen zu können wie die Schriftsteller. Und ich glaube, das ist mir gelungen!

Lassen Sie uns über Ihre Mitstreiter sprechen. Samuel L. Jackson ist inzwischen fast so etwas wie Ihr Glücksbringer, oder?

Stimmt, das ist seit „Pulp Fiction“ so, Ausnahmen bestätigen die Regel. Seither schreibe ich jede Rolle mit ihm im Kopf, da ist kein Raum mehr für andere Schauspieler. Aber genau so will ich es haben.

Das folgende Video ist nicht für Untertitel geeignet. Die Beschreibung finden Sie auf der Seite

Filmtrailer: Quentin Tarantinos „The Hateful Eight“

Ein anderer Mitstreiter war der legendäre Ennio Morricone, der die Musik zu „The Hateful Eight“ geschrieben hat. Hatte der sich nicht zuletzt über „Django Unchained“ und Ihre Verwendung seiner Musik beschwert?

Ich glaube, das wurde sehr aufgebauscht. Aber ich weiß, dass er „Inglourious Basterds“ sehr mochte. Und ich glaube, er freut sich, dass heute in seine Konzerte auch Menschen kommen, die seine Musik durch meine Filme kennengelernt haben.

Die Zusammenarbeit mit ihm dürfte die Erfüllung eines lang gehegten Traums gewesen sein, oder?

Auf jeden Fall. Ich hatte schon früher mit der Idee geliebäugelt, mich dann aber doch nicht getraut, ihn zu fragen. Aber nun war es so weit, und ich habe extra das Drehbuch übersetzen lassen, damit er es lesen kann. Und nicht nur er, sondern auch seine Frau. Die soll – so hörte ich – von „The Hateful Eight“ begeistert gewesen sein. Das war vermutlich mein großes Glück.

Anders als viele Kollegen weigern Sie sich, auf die digitale Arbeit umzusteigen, und drehen weiter auf Zelluloidfilm. Frustriert es Sie nicht, dass viele der Zuschauer sich Ihre Werke trotzdem auf Laptops und Handys ansehen?

Ich glaube, dass bei diesem Thema gern übertrieben wird, zumindest was die Handys angeht. Klar gucken sich die Kids darauf mal YouTube-Videos an, aber ganze Filme? Ich hasse es, einen Film auf meinem Laptop zu gucken. Zugegeben, viele der größten Film-Meisterwerke habe ich im Fernsehen gesehen, sogar mit Werbeunterbrechungen, und auch im Flugzeug kann ich mir problemlos Filme angucken. Aber nichts geht über das Kino und die große Leinwand. Deswegen sollen meine Arbeiten so kinotauglich wie möglich sein – dazu gehört eben auch das Drehen auf Zelluloid.