„Je mehr Spaß, desto besser!”

Bill Murray

Interview

  • INTERVIEW LUITGARD KOCH

Von der TV-Comedy nach Hollywood, vom Klamauk zum Charakterfach  – jetzt rezitiert und singt Bill Murray auch noch. Im Interview spricht er über Musik, die Reisen des Lebens und die Kunst der Entspannung.

Mr. Murray, in „Lost in Translation“ haben Sie sich an Karaoke versucht, nun singen Sie beim Projekt „New Worlds“, begleitet von Weltklassemusikern wie dem Cellisten Jan Vogler. Starten Sie eine zweite Karriere?

Ich singe zwar auch, doch genau genommen ist es eine Mischung aus Literatur und Musik – mit Texten von Mark Twain, Ernest Hemingway und Walt Whitman, mit Klängen von Johann Sebastian Bach, Franz Schubert und Maurice Ravel bis hin zu Songs aus George Gershwins „Porgy und Bess“. Die Musik und die literarische Kraft der Texte verstärken einander. Wir wollen damit eine Brücke schlagen zwischen Europa und Amerika. Aber der Kopf des Ganzen ist Jan Vogler, den ich vor einigen Jahren im Flieger kennengelernt habe. Ich bin nur dazu da, auf der Bühne die Möbel von links nach rechts zu rücken.

Das glaube ich Ihnen nicht. Jedenfalls hat Sie die Freundschaft mit Jan Vogler noch einmal auf ganz neue Wege geführt. Das gilt auch für andere Mitglieder des Ensembles …

Ja, besonders wenn Sie an die Lebenswege denken, die sie  hinter sich haben! Jan Vogler stammt aus Ostdeutschland, einem ummauerten Staat. Die Pianistin Vanessa Perez verließ Venezuela auf einem schaukelnden Güterzug – was wohl auch der Grund für ihren swingenden Gang und ihr wunderbares Rhythmusgefühl ist. Und die Geigerin Mira Wang, die aus China stammt, hat ihre Freiheit in der Musik gefunden. Wir haben völlig verschiedene Hintergründe und sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht – aber die Chemie zwischen uns stimmt einfach.

Bill Murray und Jan Vogler bei den Proben mit dem „New Worlds”-Ensemble

Neue Rolle: Bill Murray und Jan Vogler (links) bei Proben mit dem „New Worlds“-Ensemble

© laif

Unter den Stücken, die Sie aufgenommen haben, ist auch eine Version von Van Morrisons „When Will I Ever Learn To Live In God“. Warum gerade dieser Blues-Song?

Die Idee entstand, als ich vor einiger Zeit von San Diego ins kalifornische Hinterland fuhr. In den Bergen war erstmals seit Langem wieder richtig viel Regen gefallen, und der hatte die Wüste an einer bestimmten Stelle in ein Meer von Blumen verwandelt. Als ich näher kam, standen da eine Menge Leute, die ausgestiegen waren, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Im selben Moment spielte mein CD-Player diesen Van-Morrison-Song. Das machte das Ganze zu einer berührenden Szene und brachte mich darauf, diesen Song für das Album einzuspielen – und meine Mitstreiter waren sofort begeistert davon.

Sind Sie Van Morrison schon mal persönlich begegnet?

Ja, und er ist ein Bursche, mit dem man sehr viel Spaß haben kann. Kein Wunder, denn er ist ein Geistesverwandter der fahrenden Bluessänger und der trinkfreudigen irischen Dichter. Seine Songs sind dagegen immer ernster geworden, aber auch immer schöner. Das passiert nicht häufig. Oft geschieht das Gegenteil: Wenn die Musik eindringlicher wird, leidet die Qualität.

Sie glauben also nicht, dass man für die Kunst leiden muss?

Ich habe schon früh ein paar Geheimnisse über das Leben geknackt. Eins davon war: Wenn man sein Bestes geben will, hilft es, entspannt zu sein, sogar sehr entspannt. Diese Erkenntnis hat mir auch bei der Schauspielerei geholfen. Je mehr Spaß ich hatte, desto besser war ich.

Fühlen Sie sich in allen Lebenslagen als Komiker?

Sagen wir es so: Ich überrasche mich gern selbst – und versuche mich so wachzuhalten. Aber ich grübele nicht darüber nach, welche Wirkung mein Verhalten auf andere hat oder ob ich auch nur einen einzigen Menschen ändern kann. So darf man nicht denken, denn dann läuft man unweigerlich Gefahr, sich selbst und andere zu enttäuschen.

Wie würden Sie Ihre Lebensphilosophie beschreiben?

Ich versuche offen zu sein für alles, was das Leben bringt. Wir haben nur dieses eine, und wenn wir nicht bewusst damit umgehen, sondern nur funktionieren, dann leben wir nicht wirklich. Wer aber den Moment bewusst wahrnimmt, dem bieten sich ungeheure Möglichkeiten. Ich habe diese Weisheit von meiner Schwester: Sie hat mir einmal klargemacht, dass das Ganze hier keine Ankleideprobe ist, sondern mein Leben.

Wenn wir nur funktionieren, dann leben wir nicht wirklich.

Gibt es eine Reise, die Ihr Leben verändert hat?

Ja, und zwar meine erste Auslandsreise überhaupt. Ich wollte damals nach Malaysia, um dort zu klettern. Bei einem Zwischenstopp in Australien traf ich einen Mann, der mir Folgendes mit auf den Weg gab: „Denk daran, dass du zum Berg etwas mitbringst, dass du dort einen Abdruck hinterlässt.“ Der Gedanke, dass durch meine Kletterei nicht nur mein Wesen, sondern auch dieser Berg verändert wird, hat mich damals regelrecht umgehauen. Und obwohl das 35 Jahre zurückliegt, beeinflusst es mich heute noch. Ich achte sehr darauf, wie ich auf meiner Lebensreise agiere, was ich denke, wie ich fühle. Und das gilt für alle Projekte, für alle Begegnungen, für jeden Abend, an dem ich auf der Bühne stehe.

Sie sind eine Rarität: Sie haben keinen Agenten, keinen Manager, und Sie sind bekannt dafür, dass man Sie kaum erreichen kann. Selbst Sofia Coppola musste vor dem Dreh von „Lost in Translation“ monatelang auf Sie warten. Was muss passieren, damit Sie zurückrufen?

Mit Sofia bin ich inzwischen eng befreundet – sie hat mir das also offenbar nicht übel genommen. Aber generell ist es ganz einfach: Wenn jemand gute Manieren hat, nicht aufdringlich ist, nicht insistiert – dann ist das schon mal eine gute Voraussetzung dafür zusammenzukommen.

Sie haben eine beeindruckende Karriere vom Stand-up-Komiker zum gefeierten Charakterdarsteller hinter sich. Wie hat der Erfolg Sie verändert?

Es ist natürlich großartig, erfolgreich zu sein, aber ich strebe nicht verzweifelt danach. Wer berühmt wird, hat für ein oder zwei Jahre einen Freifahrtschein, sich wie ein egozentrischer Idiot zu benehmen. Dagegen kann sich kaum jemand wehren. Danach hat er dann zwei Jahre Zeit, die Sache mit dem Ruhm irgend-wie auf die Reihe zu bekommen – oder er bleibt eben ein Idiot. Meine Erfahrung ist: Arbeiten hilft. Ich liebe es zu arbeiten, es ist das, was ich am besten kann. Und ich bin dann wohl auch ein besserer Mensch, als wenn ich nichts tue.