Der ewige Gaukler

Jean Paul Gaultier

Interview

  • FOTOS ROBERT FISCHER
  • INTERVIEW ANDREAS TÖLKE, FRANZISKA KLÜN

Er produziert Skandale und gibt sich unschuldig: Jean Paul Gaultier. In den Achtzigern entstaubte er die französische Mode: Korsagen über Roben, BHs spitz wie Waffen, präsentiert von schrägen Models wie Rossy de Palma und opulenten wie Beth Ditto. Für Stars wie Madonna entwarf er Bühnen-Outfits, die ihn zur Legende werden ließen. Vor einem Jahr machte er Schluss mit Prêt-à-porter. Gaultier ist nur noch als Haute Couture zu haben, ab 28 000 Euro pro Teil. Noch bis Februar gastiert die Gaultier-Ausstellung „From the Sidewalk to the Catwalk“ in München – und der Meister war bereit für ein Vorgespräch.

Monsieur Gaultier, wir sind ziemlich ­beeindruckt von Ihrem Firmensitz hier im 3. Arrondissement. Wie reich sind Sie eigentlich wirklich?

Ich bin doch nicht reich! (lacht) Das sind die Leute, die hinter mir stehen, die Firma, der Jean Paul Gaultier gehört. Außerdem ist es keines der todschicken, teuren Pariser Viertel.

Sie sind ein Pariser Kind: in der Ban­lieue geboren, wohnen Sie heute im edlen Marais. Woher kommt in Ihren Entwürfen die dauerhafte ­Liebe zu gestreiften Matrosenhemden?

Ich war oft in der Bretagne im Urlaub. Schon das erste Mal, da war ich noch ein pubertierender Junge, haben mich die Farben der Marine und der Trachten dort sehr beeindruckt. Es sind die kreativ­s­ten folkloristischen Entwürfe, die ich kenne.

Und warum ist das so spannend?

Gerade jetzt, wo alles immer globaler wird, ist mir wichtig zu zeigen, wie großartig Europa ist. Dass es zum Glück kaum mehr Grenzen gibt und wir dennoch all die einzelnen Elemente brauchen, um eins zu sein. Italien, Deutschland, Spanien, Griechenland! Es gibt fantastische Dinge, die jedes Land aus seinen Traditionen heraus mitbringt. Europäer zu sein heißt für mich, nicht mit diesen Traditionen zu brechen.

In Frankreich gibt es viel Eifersucht. Ich meine, wir haben den König und die Königin getötet!

Wie gut kennen Sie Deutschland?

Ich war oft in Berlin, insbesondere nach dem Mauerfall. Schon vorher hat mich die Atmosphäre dort begeistert. Die Stadt ist sehr frei. Ich liebe Berlin, ehrlich! Die Kreativität, die jungen Leute.

Auch in Berlin gibt es seit einigen Jahren viele neue Modemacher. Können Sie den jungen Labels Tipps für einen langfristigen Erfolg geben?

Das brauchen die doch nicht! Ich ­habe dort starke Persönlichkeiten kennengelernt, die nicht beeinflusst waren von dem, was „Fashion“ sein soll. Heute will einer wie der andere sein. Aber dem Trend zu folgen, ohne selbst etwas zu ent­wickeln, ist furchtbar. Langfristig erfolgreich sein kann nur, wer einzigartig ist. Es geht nicht um ­Tragbarkeit oder Kommerzialität, es geht darum, ­Visionen zu entwickeln.

Jean Paul Gaultier: „Jetzt, wo ich 64 werde, verändert sich der Körper – Fett statt Muskeln. Ich muss wohl was machen, aber bitte nur ein wenig.“

„Jetzt, wo ich 64 werde, verändert sich der Körper – Fett statt Muskeln. Ich muss wohl was machen, aber bitte nur ein wenig.“

© Robert Fischer
Auch nach über 40 Jahren im Geschäft hat Jean Paul Gaultier seinen Enthusiasmus nicht verloren.

Auch nach über 40 Jahren im Geschäft hat Jean Paul Gaultier seinen Enthusiasmus nicht verloren.

© Robert Fischer

Sie sind seit über 40 Jahren im Business. Wie fühlt es sich an, das Altern?

Ich muss nachts vier Mal raus! (lacht) Nein, ehrlich gesagt, es ist toll, ich liebe Veränderungen. Und ich habe ein großartiges Vorbild: meine Großeltern. Sie waren clever, voller Lebenslust. Mit 85 Jahren sind sie alleine nach Brüssel gereist, um sich die Eröffnung des Atomiums anzuschauen. Sie haben jeden Tag Gymnastik gemacht. Das hat mich zwar wenig beeinflusst, wie man sieht, ich bin total unsportlich – aber ich bin mit alten Menschen aufgewachsen, die im Geiste nicht alt waren, sondern offen und interessiert.

Gerade das Modebusiness ist hart, was Äußerlichkeiten angeht. Macht Ihnen das etwas aus?

Ich liebe es zu essen, ich werde nie schlank sein. Es ist mir auch egal. Für mich wäre es eine Strafe, mich in Zurückhaltung üben zu müssen. Ich fühle mich derzeit unwohl mit meinem Gewicht, aber nur, weil es mich einschränkt. Die Knie tun weh, Bewegungen fallen mir schwer. Aber ich würde nie in ein Fitnessstudio gehen. Ich hasse Fitnessstudios! Ich hatte immer das Glück, einfach muskulös zu sein. Jetzt, wo ich 64 werde, verändert sich der Körper – Fett statt Muskeln. Ich muss wohl was machen,  aber bitte nur ein wenig.

Wie sündigen Sie?

Ich liebe Kuchen, ich liebe Salziges – ich liebe alles, was gut ist. Pasta nachts vorm Fernseher! Eigentlich sollte man Sex zur Pasta haben. Aber ohne Fernseher! Die Balance stimmt dann nicht.

Nimmt die Lust am Sex im Alter ab?

Bitte? Natürlich gibt es die Lust noch. Es wird weniger, aber kann man sich für das Gegenüber begeistern, ist alles möglich.

Wo wir beim Thema sind: Ende der sechziger Jahre warfen Frauen ihre BHs weg, als Akt des Widerstands gegen Fremdbestimmung, ­später zwangen Sie Models in Korsagen und machten Korsetts zum festen Teil Ihrer Kollektionen. War das nicht eine Provokation?

Es war eine Reaktion. Mode ist Reak­tion. Wir wollen überraschen, wir wollen etwas Neues schaffen und greifen aktuelle Themen auf. Mode ist auch ein Statement zur Zeit. Die Korsagen waren eine Reaktion auf die brennenden BHs, aber auch darauf, dass Freundinnen von mir monierten, kein schönes Dekolleté mehr präsentieren zu können. Ich schuf Korsagen, als Frauen nicht mehr gezwungen waren, ihren Körper einzuschnüren. Sie hatten Lust dazu – autonom und nicht als Objekte. Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Gab es Proteste?

Nein. Wissen Sie, warum? Ich habe nie platte Macho-Fantasien auf den Laufsteg geschickt. In den Achtzigern habe ich am Broadway das Musical „Nine“ über das Leben Federico Fellinis gesehen. In einer Szene gibt es Mädchen, die sich hinter der Bühne stylten – in alten Korsagen. Da dachte ich an das Korsett meiner Großmutter, an meine Freundinnen, die sexy sein wollten. Bis heute sind die unterschiedlichsten Frauen Vorbilder für mich. Es sind nicht meine Fantasien, es sind Facetten aus ganz verschiedenen Welten.

Sie haben sich von Prêt-à-porter verabschiedet und konzentrieren sich auf Haute Couture. Zu Ihren Hoch-Zeiten haben Sie bis zu acht Kollek­tionen im Jahr lanciert. Sie müssen jetzt wahnsinnig viel Zeit haben!

Ja und nein, ach, es könnte mehr sein. Aber vielleicht mache ich ja etwas Neues, Kostüme für Shows zum Beispiel. Ich spreche noch nicht darüber, es könnte etwas mit Deutschland zu tun haben.

Das folgende Video ist nicht für Untertitel geeignet. Die Beschreibung finden Sie auf der Seite

Kostüme für Shows zu entwerfen scheint im Trend zu liegen, das hat Thierry Mugler 2014 für den Berliner Friedrichstadtpalast getan. Apropos: Mugler war zeitweilig abgestürzt, Alexander McQueen hat sich umgebracht, John Galliano musste gegen Süchte kämpfen – die Modehelden der Achtziger und Neunziger sind oft tragische Figuren. Warum sind Sie so unbeschädigt und gut gelaunt?

Mugler ist eine tragische Figur? Er wollte so sein, er ist so geworden. Und seine Shows in Paris und Berlin sind großartig. Zu mir: Stimmt, es ist unglaublich, dass ich noch da bin. Ich habe meinen Job gemacht, ich liebe meinen Job. Mode ist meine Passion, aber nicht meine Welt. Was heute in Mode ist, ist morgen altes Zeug. Das macht müde. Ich war aber auch nie Teil einer großen Gruppe, ich war immer relativ frei. Die Italiener waren besser darin, einen Stil zu produzieren und gut zu vermarkten. In Frankreich haben Couturiers fast immer Probleme mit dem Geld. Dazu kommt, dass es in Frankreich viel Eifersucht gibt und als verwerflich gilt, wenn einer viel Geld verdient. Bei der Tour de France hat das Publikum oft den Sieger gehasst und den Zweiten geliebt. Ich meine, wir haben den König und die Königin getötet! (lacht) Aber ich war nie der König.

Mode ist meine Passion, aber nicht meine Welt. Was heute in Mode ist, ist morgen altes Zeug

Wann wurden Sie müde? Wann haben Sie das erste Mal gedacht, ich muss einen Gang runterschalten?

Als mein Freund Francis Menuge, der auch mein Kompagnon war, Ende der Achtziger an Aids starb. Doch wir haben das hier zusammen aufgebaut, also mache ich weiter. Was habe ich auch für Alternativen? Mode ist meine Leidenschaft. Am Anfang meiner Karriere bin ich geplatzt vor Stolz, wenn ich Frauen in meinen Entwürfen sah. Es machte mir Spaß, viele verschiedene Kollektionen zu entwerfen. Aber heute geben Firmen den Stars Verträge, damit sie die Sachen ihrer Designer tragen. Das Geld, das in die Werbung und die Honorare mit Celebrities geht, können die Unternehmen doch gar nicht mit den Klamotten verdienen! Mittlerweile geht es um etwas anderes, es geht um die Bildung einer Marke – und die verkauft dann über diesen Namen Accessoires und Kosmetik.

Wie lukrativ ist die Haute Couture?

Wir schreiben mittlerweile eine schwarze Null, verdienen also nichts. Auch Haute Couture ist eine Art von Werbung.

Ist die Ausstellung, die im September nach München kommt, auch Werbung?

Ganz ehrlich: Die Ausstellung ist toll. Selbst Besucher, die nicht auf Mode stehen, werden ihren Spaß haben. An jeder der Stationen ergänze ich die Ausstellung um etwas, das für den Ort typisch ist.

Stimmt es, dass Sie zunächst ganz gegen diese Ausstellung waren?

Ja, weil ich fand, eine Ausstellung über einen Designer ist so ähnlich wie ein Nachruf. Doch dann begriff ich, dass es auch um Zeitlosigkeit geht. Ein Beispiel: Eine Chinesin besuchte die Ausstellung und bestellte im Anschluss 20 Outfits aus den alten Kollektionen. Ist die Ausstellung nostalgisch? Nein. Im Verkauf alter Teile sehe ich gewiss nicht mein künftiges Geschäftsmodell, aber anscheinend sind die Kollektionen ja nur für mich alt. (lacht) Die Italiener machen Ausstellungen, um zu verkaufen. Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht.

Die Haute-Couture-Kollektion für den Herbst 2015 im Salon in Paris.

Die Haute-Couture-Kollektion für den Herbst 2015 im Salon in Paris.

© Robert Fischer
Ein Collier aus der Kollektion

Ein Collier aus der Kollektion

© Robert Fischer

Sie sind für den Humor in Ihrer Mode bekannt. Wie viel Witz verträgt die Haute Couture?

Aber ich habe nicht nur humoristische Mode gemacht! Es stimmt, viele Leute waren von Anfang an schockiert und schimpften: Für wen ist das? Wer soll das tragen? Die ganzen Konservativen in Frankreich mochten es nicht. Doch in Wahrheit war der Großteil meiner Entwürfe sehr basic, manchmal mit einem kleinen Twist. Die Ironie gab es in der Präsentation. Schon in meiner ersten Kollektion kombinierte ich eine Biker-Jacke mit einem Tutu-Rock, mit Jeans und Converse-Schuhen. So entstand ein Mix, der in der Couture und Prêt-à-porter absolut ungewöhnlich war.

Und wie ist es heute?

Ich liebe es nach wie vor, mir Gedanken darüber zu machen, wie ich Kleidung präsentiere. Als ich acht Jahre alt war, wollte ich so werden wie der Schauspieler Lee Bergere. Dann wurde ich zwölf und sah den Film „Falbalas“ von 1944, wo ein Couturier bei der Arbeit gezeigt wird. Ich wusste: Das will ich machen. Es ging mir nicht darum, berühmt oder reich zu werden. Doch schon der Ablauf dieser Defilees war für mich wie ein Film: Man präsentiert Kleidung, und das Model ist eine Schauspielerin. Hätte es keine Shows gegeben, hätte ich keine Mode gemacht. Ich liebe das: die Models, die Kleider, das Laufen und Präsentieren – und am Ende klatschen die Leute. Deshalb wollte ich nie Models, die professionell wie alle anderen laufen. Ich will Frauen mit Haltung.

Und am liebsten solche, die keinem klassischen Schönheitsideal entsprechen. Lieber wählen Sie Frauen mit Freakfaktor wie Beth Ditto oder Rossy de Palma …

Ich suche nach Frauen mit unterschiedlichen Haar-, Augen- und Hautfarben, unterschiedliche Charaktere und Größen. Ich mag nicht nur einen Typ Frau, ich mag auch nicht nur Freaks. Was ich nicht mag, sind zu perfekte Models, das stimmt. Ich will unterschiedliche Schönheiten zeigen.

Aber Sie sind Geschäftsmann, Sie wollen verkaufen. Wenn Sie Beth Ditto über den Laufsteg schicken, entspricht das nicht der Schönheit, die sich die Frauen in Ihrem Publikum vorstellen. Schrecken Sie mit diesen Präsentationen auch ab?

Zum einen zeige ich in solch einer Show nicht nur Beth Ditto. Zum anderen sind mir manche Dinge auch egal. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, meinem eigenen Instinkt zu folgen und nicht zu sehr auf andere zu hören. Würde ich das tun, würde ich meinen Job wahrscheinlich nicht mehr machen.

Ein Beitrag aus dem Lufthansa Exclusive Magazin. Mehr zum Vielflieger-Programm der Lufthansa erfahren Sie hier.