„Ich will nie aufhören!“

John Irving

Interview

  • INTERVIEW HARALD BRAUN

Bären und Ringer, Artisten und Waisenkinder – John Irving liebt die Außenseiter. Im Interview spricht der Bestsellerautor über die Freude an der Arbeit, pubertierende Helden und das Schicksal unvollendeter Romane

Mister Irving, Sie feiern im März Ihren 75. Geburtstag. In dem Alter denken viele daran, etwas kürzerzutreten. Bei Ihnen aber stehen Lesereisen und neue Drehbücher an …

… und sicher auch noch der eine oder andere Roman. Ich habe immer einige Stoffe, die darauf warten, in Form gebracht zu werden. Wie Kinder, die noch aufgezogen werden wollen. Die würden Sie doch auch nicht allein zurücklassen!

Man hört, Sie schreiben acht bis neun Stunden jeden Tag. Können Sie nie Pause machen?

Nur wenn ich auf Reisen bin, schreibe ich nicht täglich. Warum sollte ich damit aufhören? Wenn ich einen Job hätte, der mir keinen Spaß machen würde, okay, dann würde ich lieber früh Feierabend machen und ein Bier trinken. So ist es aber nicht. Ich bin jeden Tag dankbar dafür, schreiben zu dürfen, nichts anderes tun zu müssen. Das war nicht immer so. Meine ersten drei Bücher liefen nicht gut, ich hatte schon früh Kinder und musste meine Familie als Lehrer am College durchbringen. Da habe ich mir die Zeit zum Schreiben gestohlen. Mehr als zwei, drei Stunden waren nicht drin, und das nicht mal jeden Tag.

Sie haben mehr als zwölf Millionen Bücher verkauft, einen Oscar für das Drehbuch zu „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ gewonnen, alles erreicht. Woher kommt weiterhin die Disziplin?

Das hat mit Disziplin nichts zu tun, die bräuchte man nur für freudlose Aufgaben. Hier zu sitzen und mich in das Leben meiner Charaktere zu schleichen, das macht doch Spaß und hält mich jung. Vielleicht ist das ja ein Geheimnis meiner Energie: Ich interessiere mich sehr für Coming-of-Age-Geschichten, weil ich diese Phase, wo man nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht erwachsen ist, für so entscheidend halte.

Poträtfoto von Autor John Irving

Fleißig: Irving schreibt immer an zwei, drei Stoffen

© Gaby Gerster/laif

Sie glauben nicht ans Erwachsenwerden?

Kann schon sein … Mich interessiert die Adoleszenz so sehr, weil sie gar nicht so lange dauert, aber oft sehr großen Einfluss auf das ganze Leben hat. Die Auseinandersetzung mit dem Thema hält mich womöglich jung im Kopf.

Aber wie bringen Sie das Ihrem übrigen Körper bei? Werden Sie nie müde?

Meine Romane werden kürzer. Ich will an keinem Roman mehr drei Jahre arbeiten, zumal ich nur noch mit der Hand schreibe, gar nicht mehr am Computer. Bei der ersten Fassung war das zwar schon immer so, aber danach habe ich alles am Computer bearbeitet. Jetzt tippt meine Assistentin mein Geschmiere ab, danach gehe ich mit dem Füller wieder drüber. Immer wieder.

Misstrauen Sie der Technik, oder steckt der Gedanke dahinter, ehrliche Arbeit müsse mit der Hand gemacht werden?

Nein, es ist einfach langsamer. Langsamer ist gut. Ich bin sorgfältiger, ein besserer Stilist, wenn ich mit der Hand schreibe.

Ihr Held in „Straße der Wunder“ ist ein Autor, der auf einer Reise stirbt und seinen letzten Roman nicht beenden kann. Fürchten Sie manchmal, Ihnen könnte die Zeit davonrennen?

Ich schreibe nicht über meine persönlichen Ängste, das fände ich sehr, sehr langweilig. Nein, es ist immer der Plot, um den es geht, das Drama, die Struktur. Schon die alten Griechen setzten auf Effekte. Ich überlege mir, was meinem Helden Schlimmes zustoßen könnte, und das toppe ich dann noch einmal. Nicht als Selbstzweck, sondern im Dienst der Geschichte.

Also ist es keine Schreckensvision, Ihren „letzten“ Roman irgendwann nicht mehr zu Ende schreiben zu können?

Darüber denke ich nicht allzu viel nach. Aber ich verrate Ihnen was: Ich sorge vor. Der Roman, den mein Held Juan Diego in „Straße der Wunder“ unvollendet hinterlässt, basiert auf Material für eine Geschichte, die ich selbst schreiben wollte. Den Stoff habe ich Juan Diego in „Straße der Wunder“ also im Grunde geopfert. Aus einem Grund: Dieser Stoff über Katalogbräute in Litauen und verpfuschte Adoptionen war komplex, er hätte sehr viel Zeit beansprucht. Irgendwann habe ich mir eingestehen müssen: Diesen Roman schreibst du nicht mehr. Zu umfangreich, zu breit angelegt, zu fordernd. So habe ich dem Stoff ein Leben geschenkt, wenn auch ein unvollendetes.

Ich überlege mir, was meinem Helden Schlimmes zustoßen könnte, und das toppe ich dann noch einmal

Können Sie so großzügig mit Stoffen umgehen, weil Sie noch so viel in petto haben?

Es gibt immer zwei, drei Stoffe, an denen ich sporadisch arbeite, die ich vorbereite und gedanklich vorantreibe. Immer wenn ich mit etwas fertig bin, schaue ich mir an, was ich habe, und entscheide, was als Nächstes drankommt. Und wenn ich das Ende der Geschichte klar vor Augen habe, geht es ohne Pause weiter. Ich schreibe jetzt seit rund 30 Jahren im Prinzip ununterbrochen. Daran wird sich wohl auch nichts mehr ändern.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich habe Drehbücher zu einer TV-Serie für HBO geschrieben, die auf „Garp und wie er die Welt sah“ basiert.

Wann wird das Ergebnis im Fernsehen gezeigt?

Keine Ahnung, vielleicht auch gar nicht. Ich weiß doch nicht, wie viele Projekte man bei HBO gleichzeitig entwickeln lässt …

Das heißt, ein John Irving nimmt billigend in Kauf, eventuell für den Papierkorb zu schreiben?

Die zahlen ja auch, wenn das Projekt nicht realisiert wird! Nein, im Ernst: Ich lerne dabei immer noch viel über das Drehbuchschreiben, das ist in keinem Fall vergebliche Mühe. Das ist es vermutlich, was mich immer wieder antreibt: Ich bin neugierig, ich will möglichst viel Neues erfahren, Reisen unternehmen, mit Menschen sprechen, mir interessante Dinge erklären lassen. Damit will ich nie aufhören. Nie!

Und wie steht’s mit dem Ringen?

Damit musste ich aufhören. Ich habe noch in meinen Vierzigern mit jungen Männern gesparrt und meine Söhne trainiert – das war keine gute Idee. Der Körper macht nicht mehr mit, die Knie sind hinüber. Nicht mal mehr vernünftig joggen kann ich. Den Berg hinauf klappt, runter wäre ein Problem. Aber das ist okay – entweder gehe ich auf mein Laufband und stelle es auf „Hügelbetrieb“, oder ich gehe hier in Toronto, wo ich jetzt lebe, spazieren – es ist die perfekte Stadt, um zu Fuß zu gehen.