„Reue ist das Schlimmste!“

Matt Damon

Interview

  • INTERVIEW RÜDIGER STURM

Er war der zornige „Good Will Hunting“, er überlebte auf dem Mars, und jetzt kehrt Matt Damon als ruheloser Kämpfer „Jason Bourne“ zurück. Hier spricht er über Familie und Freunde, über Frust und die neue Macht des Fernsehens

Mister Damon, Sie kommen jetzt schon zum vierten Mal als Jason Bourne auf die Leinwand. Können Sie sich noch an den ersten Teil er­innern, der vor 14 Jahren ins Kino kam?

Und ob! Damals fiel mir das Training viel leichter als heute. Aber jetzt, mit 45, muss ich mich richtig anstrengen. Seinerzeit dachte ich gar nicht, dass es mit meiner Filmkarriere weitergehen würde. Ich war ganz auf Abschiednehmen eingestellt.

Weshalb? Sie waren doch damals einer der großen Jungstars in Hollywood …

Na ja, ich hatte seinerzeit gerade zwei große Flops hinter mir. Und vor dem Start von „Die Bourne Identität“ sagte die ganze Branche: ‚Das wird der nächste Reinfall.‘ Der Film hatte eine schwierige Vorgeschichte, der Start wurde immer wieder verschoben – und drei Flops nacheinander verzeiht dir niemand.

Was hätten Sie gemacht, wenn es wirklich so gekommen wäre?

Ich spielte damals in London Theater, und ich habe es genossen. Ich war völlig mit mir im Reinen. Ich wusste, irgendwie würde ich schon Arbeit bekommen. Ich konnte ja auch Drehbücher schreiben. Tiefer als am Anfang deiner Karriere kannst du nicht sinken. Mir war sowieso klar, dass meine Tage als Star gezählt sein würden. Irgendwann geht es eben auch mal wieder nach unten.

Sie bereuen also nichts?

Reue ist eine der schlimmsten Sachen überhaupt. Für jede meiner Entscheidungen gab es gute Gründe. Und jedes Mal habe ich etwas bei einem Film gelernt.

Zu Ihrem Glück irrten alle Unkenrufe: Der Erfolg der „Bourne“-Filme festigte Ihren Status sogar.

Richtig, die waren meine Versicherung. Deshalb konnte ich noch mehr Risiken eingehen und mir noch mehr Fehlschläge leisten. Wunderbar!

Mit jedem „Bourne“-Film verlängern Sie also Ihre Versicherung?

Darum ging es nicht. Mein Kriterium für die „Bourne“-Filme ist das Gleiche wie für andere auch. Ich würde sie nicht machen, wenn sie mich anöden würden. Ich liebe Vielfalt. Wenn du immer den gleichen Rollentyp spielst, dann ist jeder Arbeitstag ein Horror.

Hart im Austeilen und Einstecken: Matt Damon am Set von „Jason Bourne“

Hart im Austeilen und Einstecken: Matt Damon am Set von „Jason Bourne“

© CAP/KFS

Wie ist es Ihnen gelungen, den zu vermeiden?

Reines Glück, würde ich sagen.

Könnte auch Talent damit zu tun haben?

Wir sprechen hier von Erfolg. Und der ist flüchtig, weil sich die Branche ständig verändert. Man kann sich nie sicher sein, jeder jagt dem nächsten Job hinterher, und wie sich das entwickelt, darüber hast du keinerlei Kontrolle.

Viele Ihrer Kollegen sehen das Kino in der Defensive. Sie auch?

Alles, was interessant ist, wandert zum Fernsehen ab. Die Filmstudios setzen sehr viel auf große Filme, und die muss man dann in jedem Teil der Welt vermarkten können. Also verpflichtet man sich dem Massengeschmack. Im Fernsehen kannst du eine Geschichte viel genauer, auch ernst­hafter umsetzen. Als ich ins Geschäft kam, zählten große Filme, man machte nichts fürs Fernsehen. Jetzt heißt es: Wie cool wäre es, wenn wir 20 Stunden hätten, um diese Geschichte zu erzählen? Wir wurden darauf getrimmt, für zwei Stunden zu schreiben – und obwohl man weiß, dass es richtig gut ist, muss man Zeug rausschmeißen, weil es nicht mit der strengen Erzählstruktur zusammenpasst, weil zu wenig Zeit ist. Jetzt können wir im Fernsehen epische Geschichten erzäh­len, wie in großen Romanen, und das fängt an, richtig attraktiv zu werden.

Sie wirken ungeheuer entspannt. Wie haben Sie eine so gelassene Einstellung zu Ihrem Beruf entwickelt?

Ich weiß es nicht. Mein Bruder hat die Theorie, dass man in seiner emotionalen Entwicklung steckenbleibt, sobald man berühmt wird. Denn das bedeutet, dass der Rest der Welt nicht mehr normal auf dich reagiert. Bei mir passierte das, als ich 27 war. Ich hatte also das Glück, ein bisschen reifer zu werden.

Sie und Ben Affleck schafften den Durchbruch mit „Good Will Hunting“, für dessen Skript sie 1998 einen Drehbuch-Oscar bekamen. Hat Sie das überrumpelt?

Wir hatten keine großen Erwartungen, wir wollten einfach nur ein Video, das wir uns auf den Kamin stellen konnten. Als arbeitsloser Schauspieler willst du irgendwas mit deiner ganzen Energie anfangen, und das war unser Ventil. Hauptsache, wir konnten hinterher sagen: Dieser Film würde ohne uns nicht existieren!

Man kann sich nie sicher sein, jeder jagt dem nächsten Job hinterher

Wie schwierig ist es, in dieser Branche Freundschaften zu pflegen?

Schwierig. Das liegt nicht an den Leuten, sondern an der Zeit. Ben ist eine wunderbare Ausnahme, aber selbst wir sehen uns nicht so häufig, wie wir das gern tun würden. Wir sind kaum je zur selben Zeit am selben Ort. Deshalb habe ich auch schon Freunde verloren, und diejenigen, die ich noch habe, enttäusche ich ständig. Ich kann nicht so für sie da sein, wie ich das möchte. Allein im vergangenen Jahr verbrachte ich sechs Monate bei Dreharbeiten in China.

Aber Ihre Familie haben Sie dabei?

Natürlich, wenn ich ein gutes Angebot bekomme, dann gehen wir auf ein Familienabenteuer, ziehen an einen anderen Ort und leben dort. Zum Glück liebt meine Frau die vielen Reisen.

Sie nicht?

Doch, aber ich habe mich auch früh daran gewöhnen können. Meine Mutter nahm mich mit auf Reisen, als ich ein Kind war. Es waren keine Luxustouren – wir nahmen einfache Busse durch Guatemala in den Achtzigern, belegten Sprachkurse in ganz Mexiko, wohnten bei normalen Familien. Diese Erfahrungen öffneten mir die Augen über die Welt jenseits der USA.

Was halten Ihre vier Töchter von Ihrem Dasein als Filmstar?

Für die ist das normal. Einmal wollte die  Älteste, die damals neun war, bei einer Premiere über den roten Teppich laufen, weil sie davon in der Schule gehört hatte. Meine Frau und ich wollten sie nicht so gern im Rampenlicht sehen, haben sie aber gelassen. Doch die Fotografen stürzten sich alle auf meine Kollegen, keiner hat sie beachtet. Sie spazierte also in aller Ruhe über den Teppich, danach meinte sie: ‚So cool war das nun auch wieder nicht.‘