Lukas Korschan

Ein Tag als Nationaltorhüter

  • TEXT DIRK GIESELMANN
  • FOTOS LUKAS KORSCHAN

Das Brandenburger Tor, Symbol der deutschen Einheit, ist ein seltsames Bauwerk, allseits bekannt und geschichtsträchtig. Warum pilgern nur Touristen zur Quadriga, doch kaum Berliner? Unser Autor hat vor Ort geforscht.

Es gibt Sätze, die einem Berliner nicht über die Lippen kommen. „Der neue Flughafen wird bestimmt toll“ zum Beispiel oder „Wunderbar, wie der Verkehr wieder fließt“. Und ganz sicher niemals: „Lasst uns doch heute mal einen Ausflug zum Brandenburger Tor machen, Kinder.“

Warum auch? Das Brandenburger Tor ist zwar das Wahrzeichen der Hauptstadt, aber nicht der Stadt, denn das sind seit jeher zwei verschiedene Entitäten: auf der einen Seite das Berlin der Repräsentation, das sich gern als Weltmetropole vermarktet; auf der anderen das Berlin der Berliner und ihrer Kieze, in denen die Bulettenkneipe nebenan mehr Heimatgefühl stiftet als jeder Prachtbau. Wir bleiben, wo wir sind, und kennen das Brandenburger Tor bestenfalls, weil es gelegentlich als Fototapete in Fernsehnachrichten und Magazinsendungen auftaucht.

Da steht es dann, theatralisch erleuchtet und feierlich beflaggt, als Symbol deutscher Geschichte schlechthin, der Siege und Niederlagen dieses Landes, seiner Teilung und Wiedervereinigung, seiner Zerrissenheit zwischen Hochmut und Scham. Und doch wirkt es, während davor der Verkehrsminister von der Autobahnmaut fantasiert, wie die Miniatur in einer Schneekugel.

Brandenburger Tor

Preußischer Dreiklang: Pariser Platz, Quadriga, Siegessäule...

© Lukas Korschan
Drehorgel am Brandenburger Tor

... und dazu Musik von der Drehorgel

© Lukas Korschan

  Seltsames Brandenburger Tor: Es ist groß und zugleich klein, bedeutsam und egal, präsent und doch nicht da. Vor lauter Massivität droht es beinah im Boden zu versinken, vor mehr als zwei Jahrhunderten auf Geheiß König Friedrich Wilhelms II. aus einer Million Ziegeln gemauert und mit Sandstein verkleidet. Aber wenn man dagegenklopfen würde, klänge es womöglich hohl – eine Attrappe aus Pappmaché, die nur für Staatsbesuche aufgebaut wird, wie neulich, als sich auf dem Pariser Platz davor Prinz William und seine Gattin Kate winkend ihren Fans zeigten. Die Welt und Restdeutschland haben es mit so viel Bedeutung aufgeladen, dass es für den Berliner längst keine mehr hat.

Die Frage ist also: Gibt es dieses Bauwerk überhaupt? Und wenn ja: Was ist da los? Was kann ein Tor, das nur Ein- und Ausgang war, bis ab 1865 die dazugehörige Zollmauer geschleift wurde, noch leisten, außer in der Gegend herumzustehen? Was kann es mir noch an Geschichte erzählen, und was für Geschichten? Was spüre und erlebe ich, wenn ich innerem Widerstreben zum Trotz doch einmal dorthin gehe?

Da steht es und wirkt wie die Miniatur in einer Schneekugel

Sieben Uhr morgens an einem Freitag im Sommer. Es ist noch kühl in der S-Bahnstation Brandenburger Tor, die mit ihren mintgrünen Fliesen an ein Hallenbad für Parteibonzen erinnert. Die Treppe hinauf rüsselt ein Cityfant von der Stadt­reinigung den Unrat des Vortags vom Gehsteig. Eine Kioskfrau zerrt mürrisch eine meterlange Gliederkette zwischen den Beinen der Klappstühle hervor, draußen vor den Botschaften reiben sich die Sicherheitskräfte den Schlaf aus den Augen.

Brandenburger Tor Nationaltorhueter

Achtung, Bandscheibe! Mancher verrenkt sich fürs Beweisfoto mit Handpuppe und Tor

© Lukas Korschan

  Und guck mal einer an: Wie ein frisch geputzter Backenzahn steht es da, im ersten, harten Licht, das ominöse Tor, es ist real, fast zu real in seiner Umrissenheit vor diesem nagelneuen Himmel mit seiner perfekten Sonne.

Es sind kostbare Minuten. Noch wirkt die Quadriga, das Reitergespann auf der Attika in rund 20 Meter Höhe, als koste es sie keine Mühe, Haltung zu bewahren. Noch schmeckt der Kaffee in den Buden ringsum nach Kaffee, und die Schrippen schmecken nach Schrippen. Doch sie verwandeln sich, wie ich feststellen werde, im Laufe eines langen Tages, an dem Zehntausende Besucher aus aller Welt hierherkommen und essen, was sie kriegen können, in Lorke und Briketts. Und die Victoria auf ihrem Streitwagen wird erschöpft die Flügel hängen lassen.

Aha, denke ich, noch in gehörigem Abstand auf einer Bank sitzend und an einem Pappbecher nippend: Durch diesen Tor­bogen ist also Napoleon geritten, 1806, nach dem Sieg über Preußen, und dann ließ er die Quadriga abmontieren und nach Paris schaffen. Ich versuche, Geschichte zu inhalieren, aber da wird diese Anmutung von Zeit auch schon hinweggeblasen. Denn um halb acht bringt sich ein groteskes Ensemble in Stellung: eine als trauriger Clown verkleidete Frau, die Tiere aus bunten Luftballons formt, ein gesichtstätowierter Leierkastenmann, ein gutes Dutzend Touristenführer mit vielsprachigen Schildern und zahllose Rikschafahrer, die stoisch am Wegesrand lauern, wie Alligatoren am Ufer eines gefährlichen Flusses.

Die ersten Reisebusse brummen heran und bringen ihnen Beute. Einer kommt aus Clausthal-Zellerfeld und lädt Rentner aus, die ihre planmäßige Besichtigung absolvieren, umständlich je ein Foto machen mit ihren analogen Kameras, Luftballonhunde kaufen für teures Geld, noch eine Weile verloren herumstehen und dann weiterfahren, zum Schloss Sanssouci in Potsdam oder was sonst enthalten ist im Sparangebot des Reiseanbieters.

  Um neun Uhr folgen die Schulklassen: Übernächtigte Horden, die mit verdrehten Augen die Ausführungen ihrer wackeren Geschichtslehrer überhören. Sie schießen, weil sie das immer tun, viele Selfies – Lächeln an, Lächeln aus. Je mehr das Brandenburger Tor dafür zur Kulisse wird, desto schemenhafter erscheint es. Bereits am späten Vormittag frage ich mich, ob es nicht doch nur eine verblüffend echte Projektion ist.

So verhält es sich ja oft an historischen Stätten: Ihre Geschichte löst sich auf und wird zur profanen Gegenwart. Wohin ich auch gereist bin, zur Akropolis, zu den Pyramiden von Gizeh oder nach Versailles: Die Monumente verschwanden hinter den Touristen. In der Cisterna Basilica von Istanbul bekam ich wenig mehr zu Gesicht als die karierte Dreiviertelhose meines Vordermanns. „Zwei Dinge“, sagte Albert Einstein, „sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit.“ Den Touristenstrom erwähnte er nicht.

Nun ist Berlin besonders anfällig dafür, von seinen Besuchern und denen, die ihnen das Geld aus der Tasche ziehen, unkenntlich gemacht zu werden. Wo es etwas zu sehen gäbe, finden verlässlich Trabbi-Rallyes statt oder rollen Menschen steif auf Segways umher. Auf einer Hinweistafel am Holocaust-Mahnmal steht: „Es ist verboten, von Stele zu Stele zu springen.“ Offenbar muss der Verwechslungsgefahr zwischen Gedenkstätte und Vergnügungspark entgegengewirkt werden.

Am Brandenburger Tor drehen schon ab halb zwölf erstaunlich betrunkene Zeitgenossen auf Bier-Bikes ihre Runden, einer erbricht sich in einen Mülleimer. Ein paar Ostküsten-Amerikaner mit Brustbeuteln, intelligenten Armbanduhren und echtem Interesse an Geschichte müssen sich von einem lustlosen Touristenführer sagen lassen, dass „the Brandenburg Gate very tall“ sei. Hinterher kaufen sie an einem Kiosk Berliner Luft in Dosen: zehn Euro das Stück, ein ziemlicher Wucher – nicht erst seit die Fein-staubbelastung der Stadt gesundheitsgefährdend ist.

Gegen ein Uhr hat die traurige Clownin so viele Luftballontiere aufgeblasen, dass ich das Tor hinter der riesigen Traube nicht mehr sehe. Ein kleiner Junge stopft sich Kiesel in die
Hosentaschen, als hätte er Angst, davongeweht zu werden vom Sturm der Geschichte, von dem ihm seine Großeltern erzählt haben. Doch wo ist sie nur, diese sogenannte Geschichte? Nicht hier. Verdrängt und zertrampelt von den Touristen, die sie abhaken müssen auf ihrer Da-bin-ich-auch-schon-mal-gewesen-Liste.

Schließlich folge ich doch noch dem Strom, wie ein Gnu, das zwar ahnt, dass es unvernünftig ist, sich mit den anderen in den Mara River zu stürzen, es aufgrund seines Herdentriebs aber dennoch tut, und so gelange ich tatsächlich zum Brandenburger Tor. Zum ersten Mal in meinem Leben.

Einst schritten Machthaber und Machtergreifer hier hindurch, über sich den Fries, der den Streit des Herkules mit den Zentauren zeigt. Es war eine verklärende Passage, jetzt ist es bloß noch ein hastiges Bitte-gehen-Sie-Weiter, nur ein Durchgang in eine andere Banalität, dahin, wo Helene Fischer singt, wenn Deutschland Weltmeister geworden ist. Die Eventisierung macht vor keinem Heiligtum halt, weder vor der Fußballnationalmannschaft noch vor dem Brandenburger Tor.

Klassisches Motiv am Brandenburger Tor

Klassisches Motiv: die dorischen  Sand-
steinsäulen als dekorativer Rahmen fürs Babybild

© Lukas Korschan

Ich weiß nicht, ob US-Präsident Ronald Reagan wirklich ahnte, was geschehen würde, als er am 12. Juni 1987 rief: „Mister Gorbachev, open this gate!“ Ich sehe nur, dass jetzt drei Junggesellen an einen Zaun urinieren. Dieses Tor hatte mal die Kraft, Geschichte zu schreiben und Leben zu verändern. Heute ist keiner dieser Tage, da lege ich mich fest.

Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Es ist 16 Uhr. Mein Trip an diesen Ort muss zu Ende gehen. Es war mein erster und wird mein letzter sein. Vielleicht gehört das auch dazu, wenn man Berliner ist oder – wie ich – zugezogener Berliner: Zum Tor geht man nicht, nie, und erst, wenn man das akzeptiert hat, wird man auch akzeptiert, von der Stadt und ihren Eingeborenen. Eine stille Übereinkunft, die ich gebrochen habe. Ausnahmsweise.

Immerhin könnte ich nun auch einen Haken machen, wenn ich eine Liste besäße. Immerhin weiß ich nun, dass es wirklich existiert, dieses Tor, denn ich habe listig im Vorübergehen noch schnell dagegengeklopft, und es klang nicht hohl.

Und immerhin: Unter der Victoria, die jeden Morgen, wenn der Cityfant kommt, wieder gen Osten preschen will, werden noch bis zum Abend Touristen umherflanieren, die aussehen, als wollten sie eigentlich zum Strand. Man könnte das als Zeichen der Geschichtsvergessenheit deuten. Ich nehme es lieber als Zeichen des Friedens.


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