Ein Taucher im Wasserloch Chac-Mool in der Region Riviera Maya
© Gregor Hohenberg

Die Spur der Maya

  • TEXT MATHIAS BECKER
  • FOTOS GREGOR HOHENBERG

Der Untergang des Maya-Reichs bleibt auch nach etwa 1000 Jahren rätselhaft. Auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán traf unser Autor einen Archäologen, der nach Antworten forscht, er hat unterwegs ein paar Tauchparadiese und Traumstrände entdeckt sowie eine Pyramide erklommen – und ein freundlicher Schamane ist auch dabei

„Einfach rückwärts fallen lassen“, ruft mir mein Tauchguide Richie zu. Der rotblonde 29-Jährige heißt eigentlich Richard Schmittner und war vor ein paar Jahren noch Optiker in Bayern. Heute zeigt er Besuchern wie mir die Unterwelt von Yucatán. Ich stehe, in einen Neoprenanzug gezwängt, einen Drucktank voller Atemluft auf dem Rücken, auf einem reichlich rutschigen Holzsteg vor dem Eingang des Wasserlochs „Dos Ojos“ unweit von Tulum. Eigentlich wollten wir die mexi­kanische Halbinsel nur mit dem Mietwagen erkunden. Und übermorgen sind wir in Mérida mit Guillermo de Anda verabredet. Der Archäologe will herausfinden, warum das Maya-Reich vor etwa 1000 Jahren unterging. Deshalb taucht er regelmäßig in den unterirdischen, mit Süßwasser gefüllten Kalksteinhöhlen, die den Untergrund von Yucatán durchziehen.

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Diese Cenotes galten den Maya als Einstieg in die Unterwelt, und so warfen sie vieles hinein, um die Götter milde zu stimmen: Werkzeuge und wertvolle Krüge, auch Menschen. Heute liefern die Überreste der Opfergaben nützliche Hinweise auf das versunkene Reich. „Da unten finden wir Antworten“, hatte Guillermo de Anda am Telefon gesagt. Außerdem sind Cenotes nicht nur für Archäologen ein Ereignis, sondern auch für Hobbytaucher. Also schwangen wir uns nach einem Strandtag in Cancún ins Auto und fuhren die Küstenstraße südwärts Richtung Tulum, wo es die spektakulärsten Höhlen geben soll.

Jetzt wölbt sich über mir der Fels, unter mir winkt Richie. Rückwärts fallen lassen? Gibt es hier keine Leiter? Der Anzug zwickt, der Schweiß läuft mir von der Stirn. Ein blutrünstiger Moskito lässt sich auf meinem Fußknöchel nieder, und hinter mir nähert sich schon die nächste Gruppe Froschmänner. Überredet. Ich drehe mich um und kippe leicht nach hinten. Den Rest erledigt das Gewicht des Lufttanks. Platsch! Das Wasser und die Luft im Höhleneingang sind erfrischend kühl. Das mögen offenbar die Vögel, die über unseren Köpfen flattern. „Das sind Motmots“, klärt Richie mich auf, „sie bauen ihre Nester im Fels.“ Für die Maya waren die Motmots die Wächter der Unterwelt. Uns scheinen sie nicht stoppen zu wollen, also tauchen wir im glasklaren Wasser ab. Richie paddelt in einen schmalen, dunklen Tunnel, ich folge seinen Flossen. Mit meiner Taschenlampe leuchte ich Boden und Decke ab, aus denen ein Wald steinerner Zapfen wächst. Während der letzten Eiszeit sank der Meeresspiegel ab, die Höhlen lagen trocken. Regenwasser sickerte durch die Decken ein und formte über Jahrtausende zahllose Tropfsteinformationen. Dann stiegen die Meere wieder an und fluteten das Höhlenlabyrinth: Rund 1000 Kilometer haben Taucher erkundet, ein Großteil soll noch unentdeckt sein.

Das große Wasserloch Ik-Kil liegt außerhalb von Pisté und ist für jedermann zum Schwimmen frei zugänglich

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In Tulum reicht die archäologische Fundstätte bis ans Meer

In Tulum reicht die archäologische Fundstätte bis ans Meer

© Gregor Hohenberg
Sombreros dienen als perfekter Sonnenschutz

Sombreros dienen hier als perfekter Sonnenschutz

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Am Strand von Cancún posiert ein 15-jähriges Mädchen aus Anlass ihrer Quinceañera – das Fest markiert den Übergang vom Kind zur Frau – für Erinnerungsbilder

Am Strand von Cancún posiert ein 15-jähriges Mädchen aus Anlass ihrer Quinceañera – das Fest markiert den Übergang vom Kind zur Frau – für Erinnerungsbilder

© Gregor Hohenberg
Die Stufenpyramide Kukulcán steht im Zentrum von Chichén Itzá, der bedeutendsten Ruinenstätte auf Yucatán

Die Stufenpyramide Kukulcán steht im Zentrum von Chichén Itzá, der bedeutendsten Ruinenstätte auf Yucatán

© Gregor Hohenberg
Start zum Aufstieg an der 42 Meter hohen Ixmoja-Pyramide in Cobá

Start zum Aufstieg an der 42 Meter hohen Ixmoja-Pyramide in Cobá. Danach gibt es ...

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Frisches Gemüse und Hühnchen in einer Enchilada gehören zu den Restaurant-Klassikern

... zur Belohnung den Restaurant-Klassiker: frisches Gemüse und Hühnchen in einer Enchilada

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Fliegen unter Wasser

 Später gelangen wir in eine Höhle, die gut als Kathedrale von Atlantis durchgehen könnte: spitz zulaufende Gewölbedecken, die Wände voller bizarrer Ornamente. Von oben gelangt ein Schimmer Sonnenlicht herein und taucht den Ort in magisches Licht. Richie dreht sich nach mir um, und ich forme einen Kreis mit Daumen und Zeigefinger: alles okay. Doch Richie hebt den Daumen und deutet nach oben: auftauchen. Jetzt schon? Ein Blick auf die Uhr: Wir sind fast eine Stunde hier unten. Es kam mir vor wie ein paar Minuten. Als wir uns kurz danach auf dem Parkplatz aus den Taucheranzügen schälen, entdecke ich die Tätowierung auf Richies Schulterblättern: ein paar Flügel. Das Bild stimmt, denn Tauchen ist Schwerelosigkeit. Als würde man unter Wasser fliegen.

Wir lassen Tulum mit seinen blütenweißen Stränden hinter uns und fahren nordwestwärts nach Mérida. Rot leuchtende Korallenbäume und Kokospalmen voller Früchte säumen die Straße. Eine Landschaft wie aus einem exotischen Märchenbuch. Eine Obstverkäuferin bietet am Straßenrand ihre Ware an. Mit einem präzisen Machetenhieb öffnet sie uns eine Kokosnuss. Wir schlürfen die kühle Milch durch einen Strohhalm, bevor wir weiterfahren. Nach einer Stunde erreichen wir Cobá, einst eine der größten Maya-Siedlungen. Als die Spanier im 16. Jahrhundert kamen, hatte der Wald sie längst verschluckt. Heute verbinden Wege unter dem dichten Blätterdach die Ruinen miteinander. Wir leihen uns ein Fahrrad am Eingang der Ausgrabungsstätte und rollen durch grüne Tunnel, bis sich die größte Pyramide von Cobá vor uns erhebt: Ixmoja misst 42 Meter und kann über 120 brüchige Stufen erklommen werden. Also los! Die ersten Stufen nehmen wir erhobenen Hauptes. Nach kurzer Zeit schießt uns der Schweiß auf die Stirn. Auf halber Höhe brennen unsere Waden. Das letzte Drittel erklettern wir auf allen Vieren, bis wir schnaufend die Plattform an der Spitze erreichen. Hier oben, hoch über dem Blätterdach, standen einst die Priester und huldigten den Göttern. Unten sammelte sich das Volk. Eine Theorie besagt, dass eine Ära der Missernten die Hierarchie ins Wanken brachte. Als Hunger und Krankheiten sich ausbreiteten, stürmten Hüttenbewohner die Paläste und Pyramiden. Unklar ist weiterhin,  warum das Wissen der Priester – die Maya hatten einen präzisen Kalender entwickelt und konnten den Lauf der Planeten recht genau vorhersagen – mit der alten Ordnung unterging.

Ein Taucher im Wasserloch Chac-Mool in der Region Riviera Maya

Ein Taucher im Wasserloch Chac-Mool in der Region Riviera Maya

© Karen Doddy /gettyimages
Der Indiana Jones von Yucatán

 Auf dem Weg nach Mérida machen wir einen Abstecher nach Izamal. Nach drei Stunden Fahrt erreichen wir die Kleinstadt, deren Zentrum in sattem Ockergelb leuchtet. Der Anstrich wurde 1993, als Papst Johannes Paul II. zu Besuch kam, erstmals aufgetragen. Seither sind andere Farben tabu. So viel Frömmigkeit kann auch verstören: In dem imposanten Franziskanerkonvent residierte einst Diego de Landa, der spätere Bischof von Yucatán. Er machte sich einen Namen als Inquisitor, der nicht nur Menschen, sondern auch alle greifbaren Handschriften der Maya vernichtete. „Die Spanier wollten alle Spuren des alten Volks auslöschen“, sagt der Archäologe Guillermo de Anda, ein untersetzter Kerl mit wachen Augen und kräftigem Händedruck, den wir wenig später in Mérida treffen. Sooft es geht, tauscht der „Indiana Jones von Yucatán“ die trockenen und hellen Räume der Universitäten gegen die stockfinsteren Wasserlöcher der Region. „Wir finden da unten Scherben oder Stoffe, die mehr als 1000 Jahre alt sind“, sagt er. Stabile Kälte, keine Strömung, kein Sauerstoff: Manche Cenotes seien wie Tiefkühlfächer der Geschichte. Wenig später lenkt er seinen Van aus der Stadt und über schmale Feldwege durch dichtes Buschland.

Der Einstieg in diese Cenote ist komplizierter: Wir werden an einer Seilwinde durch einen schmalen Kaminschacht in einen unterirdischen See hinabgelassen. Als das Team und die Ausrüstung startklar sind, tasten wir uns die raue Wand hinab ins totale Schwarz. De Anda und sein Team waren schon einmal hier, heute wollen sie den Grund der Cenote, auf dem ein Maya-Schädel liegt, kartografieren. Wir folgen dem gleißenden Schein ihrer Lampen. Nach einer halbstündigen Suche sammeln sich alle und richten die Kameras auf einen Punkt: Auf steinigem Grund liegt ein zierlicher rostroter Schädel. „Nichts wird angefasst“, lautete der Befehl, bevor wir abtauchten, und so nimmt das Team nur messerscharfe Nahaufnahmen des Schädels mit nach oben. „Uns interessieren die Details“, sagt Guillermo de Anda, als er seinen Van durch Wolken aus gelben Schmetterlingen aus dem Busch herauslenkt, „Spuren auf Knochen, Krügen oder Klingen geben uns wertvolle Hinweise.“

Der Maya-Schamane Don Pedronito

Der Maya-Schamane Don Pedronito zeigt uns ...

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Eine Mixtur aus Wurzeln und Alkohol soll Kopfweh lindern

... eine Mixtur aus Wurzeln und Alkohol. Sie soll Kopfweh lindern

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Abstieg über eine Leiter in die Cenote bei Homun: Das unterirdische Wasserbecken dient den Einheimischen als Schwimmbad

Abstieg über eine Leiter in die Cenote bei Homun: Das unterirdische Wasserbecken dient den Einheimischen als Schwimmbad

© Gregor Hohenberg
Abtauchen ins Wasserloch Gran Cenote bei Tulum

Abtauchen ins Wasserloch Gran Cenote bei Tulum

© Gregor Hohenberg
Plausch zweier Einheimischer in Izamal vor dem Franziskanerkonvent; das Kloster wurde für einen Papst-Besuch 1993 in Ockergelb gestrichen, seitdem ist das die dominierende Farbe in der Stadt

Plausch zweier Einheimischer in Izamal vor dem Franziskanerkonvent; das Kloster wurde für einen Papst-Besuch 1993 in Ockergelb gestrichen, seitdem ist das die dominierende Farbe in der Stadt

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Leckere Papadzules, Vorläufer und Variante der Enchilada, werden überall in der Region angeboten

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© Gregor Hohenberg
Sonntagabends ist Tanz auf der Plaza de la Independencia von Mérida

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© Gregor Hohenberg
Bunte Totenköpfe warten in der Ruinenstätte von Chichén Itzá auf Käufer

Bunte Totenköpfe warten in der Ruinenstätte von Chichén Itzá auf Käufer

© Gregor Hohenberg
Die Maya-Kultur lebt weiter

 Alles andere als unerforscht ist unser nächstes Ziel, bevor es zurück nach Cancún geht: Chichén Itzá. In den Jahren um 900 nach Christus lebten 50 000 Menschen in der führenden Stadt des Maya-Reichs. Heute ziehen ihre Ruinen jedes Jahr mehr als eine Million Besucher an. Das Geschäft mit der Geschichte kennt weitere Profiteure: Souvenirhändler bieten ihren Nippes feil, von der Maya-Maske bis zum Totenkopf-Aschenbecher. Wir hätten einen Sombrero kaufen sollen, denken wir, als wir wenig später in der sengenden Sonne vor der mächtigen Kukulcán-Pyramide stehen. Im Schatten sitzend bestaunen wir das mächtige Bauwerk. „Ein magischer Ort, nicht?“, sagt eine zierliche Dame im geblümten Kleid. Elizabeth Gomez ist Zahnärztin in Puebla bei Mexiko-Stadt, reist aber, wann immer die Praxis es erlaubt, in ihre alte Heimat Yucatán. „Die freundlichen Menschen, die reiche Kultur, die traumhaften Landschaften – wenn ich hier bin, denke ich oft: Es gibt das Paradies wirklich!“

Für die Maya war es offenbar zur Hölle geworden. Warum, weiß vielleicht Marco Santos. Der Chef-Archäologe von Chichén Itzá residiert in einem Büro, das mit Büchern über mittelamerikanische Geschichte vollgestopft ist. Wir fragen, warum die Maya ausgestorben sind, er schweigt. Im Hintergrund surrt die Klima­anlage. Dann schüttelt er den Kopf. „Das ist ein Irrtum. Sie sind nicht ausgestorben. Sie haben nur ihre Tempel verlassen und sind in die Wälder gegangen. Ihre Kultur ist sehr lebendig!“

Die Spanier wollten alle Spuren des alten Volkes auslöschen

Guillermo de Anda, Archäologe

Santos’ Worte hallen nach, als wir später über die Landstraße rollen. Plötzlich bricht der Himmel auf, in Minuten stehen die Straßen unter Wasser. Wir suchen Schutz in einem Dorfkiosk. „Chaac ist uns gnädig“ sagt ein Mann und lächelt uns an. Wer? „Chaac, der Regengott.“ Das interessiert uns, also führt ein Junge uns zur Holzhütte von Don Pedronito, dem Dorfschamanen. In einer Ecke glimmt eine offene Feuerstelle, in einer anderen sitzen seine Kinder und schauen uns mit großen Augen an. Dann erzählt Don Pedronito auf Mayathan, der Sprache der Maya, die bis heute von mindestens 800 000 Menschen in Yucatán gesprochen wird. Der Junge übersetzt: „Wir Schamanen bitten die Götter um Regen oder eine gute Ernte. Und wir vertreiben böse Geister.“ Wie geht das? Don Pedronito nimmt ein Bündel Zweige. Er summt und singt Worte, die wir nicht verstehen, während er uns immer wieder mit den Zweigen über Kopf und Oberkörper fährt, wie die Schamanen es seit Jahrtausenden tun. Wenig später lässt der Regen nach, wir fahren schweigend weiter. Abends stehen wir an der Playa Delfines in Cancún, wo unsere Reise begann. Der Mond spiegelt sich im Wasser. In ein paar Stunden wird die Sonne aufgehen – über den Nobelhotels von Cancún, über Don Pedronitos Holzhütte, über den Cenotes. Und über den 1000 Geheimnissen von Yucatán.


Yucatán-Tipps

Cenote Zaci

Auf der Terrasse mit Blick auf die Cenote Zaci in Valladolid kann man Spezialitäten aus Yucatán genießen.

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Höhlentauchen Xibalba

Die Brüder Robert und Richard Schmittner bieten Tauchtouren in den Cenotes rund um Tulum an.

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Nueva Vida de Ramiro

Das Hotel ist lokaler Vorreiter für den besseren Öko-Tourismus; es bietet romantische Bungalows im Palmenwald.

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Chichén Itzá

Die Ruinenstadt gehört zum Pflicht­programm; Besucheransturm und Hitze sind morgens am erträglichsten.

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