Mann spielt mit Hund am Stand von St. Simons
© Dustin Aksland

Toller Streifen

  • TEXT PATRICK WITTE
  • FOTOS DUSTIN AKSLAND

Hollywood hat die Küste von Georgia als Filmkulisse entdeckt. Kein Wunder, denn die Strände dort sind so schön wie in Florida oder Kalifornien – nur nicht so überlaufen.

Nach der Parkbank am Chippewa Square, Savannah, Bundesstaat Georgia, USA, suchen heute wieder Touristen. Hier muss es gewesen sein, denken sie, hier, wo mächtige Eichen und Magnolienbäume Schatten spenden, hier, zwischen Cafés und Galerien, hier war es, sind sie sicher, dass Tom Hanks im weißen Anzug, die Turnschuhe schmutzig, seine Packung Pralinen aufklappte und mit Südstaatenakzent sagte: „Mein Name ist Forrest, Forrest Gump.“ Aber hier ist nichts.

Die Einheimischen wissen natürlich, dass die ikonische Bank längst im Museum steht, die dazugehörige Bushaltestelle sowieso nur Requisite war und Forrest, Forrest Gump, vor langer Zeit aufgestanden ist. Verständnis für die Fremden haben sie trotzdem. Die suchen ja nicht grundlos. Georgia ist Filmlandschaft, immer gewesen: „The Walking Dead“, „X-Men“ und andere Blockbuster sind in dem Bundesstaat entstanden. Auch das Zentrum der Küstenstadt Savannah, rund 150 000 Einwohner, wirkt ja wie einem Historienfilm entliehen. Alte Lagerhäuser aus Ziegelstein an der Riverside, Südstaatenpaläste hinter schmiedeeisernen Balkonen, davor alte Eichen, mit Spanischem Moos verschleiert – Besucher müssen sich nicht sehr anstrengen, um in vergangenen Zeiten zu schwelgen.

Savannah ist aber auch der ideale Startpunkt, um Georgias Küste zu entdecken. Auf über 160 Kilometer Länge wechselt sich ganz im Osten der USA puderzuckerweißer Sand mit dem grünen Gras der Marsch und abgelegenen Inseln ab. Die Strände zwischen Florida und South Carolina sind vielen unbekannt. Aber sie sind kein Geheimnis. Zumindest nicht für die Filmindustrie. Seit Jahren stellen Hollywood-Studios hier ihre Kameras auf.

Auf einem Thron aus Kiefernholz sitzt Michael McCumber und blickt auf sein Reich. Auf den Strand und die Atlantikbrandung, in der nasse Köpfe wie kleine Perlen glänzen. McCumber, 23, oberkörperfrei, Badeshorts, Bluetooth-Radio und Walkie-­Talkie in Griffweite, ist entspannt. Keine besonderen Vorkommnisse heute. Seit 10 und noch bis 18 Uhr hat der Rettungsschwimmer Schicht im Turm auf Tybee Island. Danach will er seine Kollegen treffen – im Kino. McCumber wird einiges wiedererkennen in dem Film: den Pier, die verwehten Dünen, die Palmen der Promenade. Denn der Strand von Tybee Island war Drehort für den „Baywatch“-Film, der in diesem Sommer auch die deutschen Kinocharts ­gestürmt hat.

Sorry Charlie's, Oyster Bar, Savannah

Im Sorry Charlie’s in Savannah bestellt man Austern mit Cava-Mignonette, also mit Sektdusche

© Dustin Aksland
Das altehrwürdige Trustees Theater von Savannah, 1946 eröffnet

Das altehrwürdige Trustees Theater von Savannah, 1946 eröffnet

© Dustin Aksland
Klassisch: Palmen und Häuser mit weißer Balustrade

Klassisch: Palmen und Häuser mit weißer Balustrade

© Dustin Aksland
Tybee Island Beachb

Acht Kilometer ist der Tybee Island Beach lang – der weiße Sand wurde aus den Appalachen angespült

© Dustin Aksland
Mann führt seine Hunde auf Savannahs breiten Wegen spazieren

Rudelbildung unterm Sternenbanner – geht natürlich gut auf Savannahs breiten Wegen

© Dustin Aksland
Zwei Frauen liegen unter einem Sonnenschirm am Tybee Beach

Sonnen geht immer

© Dustin Aksland

SAV

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  „Die Fernsehserie durfte ich als Kind nicht sehen“, erinnert sich McCumber, „meine Großeltern fanden die Frauen in den Bikinis zu freizügig.“ Als dann riesige Lastwagen auf den Parkplatz hinter dem Strandabschnitt rollten und Requisiten entladen wurden, konnte er es zunächst kaum fassen. Nicht nur sein Revier wollten sie auf die Leinwand bringen, auch seine Arbeit! Klar, in vereinfachter Form, mehr Komödie als Drama, aber egal. „Die Arbeit als Rettungsschwimmer ist natürlich komplexer“, sagt McCumber und erzählt von Erster Hilfe, von der Arbeit mit der Küstenwache, mit der Feuerwehr. Jedes Jahr in den Collegeferien fährt er von Savannah, wo er geboren ist, an die Nordküste Georgias, um während der Sommersaison sein Schulgeld zu verdienen.

Nach jedem Film, der hier gedreht wurde, kommen doppelt so viele Touristen

Am Strand von Tybee sorgen er und 19 Kollegen für die Sicherheit der Badegäste. Immer häufiger treffen sie auf Schauspieler und Filmcrews, die Strandszenen nicht mehr nur in Malibu oder Miami drehen wollen. Georgias Küste kann es in ihrer Schönheit mit Kalifornien und Florida locker aufnehmen, und als Motiv ist sie noch unverbraucht. Nur eine Sache bereitet McCumber Kopfzerbrechen: „Wenn ein Film gelaufen ist, kommen in der Saison danach doppelt so viele Gäste zu uns. Sie wollen sehen, wo die Szenen entstanden sind.“ Dann dreht er sich zu einer Gruppe Schulmädchen, die, kieksend, trippelnd, auf ein Foto warten. Mit ihm, dem wahren Baywatcher.

70 Kilometer weiter südlich, vorbei an Sapelo Island, einem unfassbar schönen Naturschutzgebiet mit Schildkröten, Alligatoren und Pelikanen, kommen die Golden Isles, die Goldenen Inseln – noch so ein perfekter Drehort. Mit dem Unterschied, dass die hiesige Verwaltung seltener Dreharbeiten gestattet. Auf den vier Inseln vor der Küste haben Umwelt und Erholung Vorrang. Alles an Jekyll Island verrät, dass Georgias Küste bereits vor 100 Jahren die Elite anzog. Auf Jachten kamen sie damals angesegelt, aus New York, zum Jagen, Fischen, Sehen und Gesehenwerden. Morgan, Vanderbilt, Pulitzer, Rockefeller. Große Namen, die im extra gegründeten Jekyll Island Club gegen die schwülen Sommermonate antranken, eigene Häuser daneben bauten und dafür sorgten, dass die Insel exklusiv wurde und blieb. Der Zweite Weltkrieg beendete diese Allianz. Das Clubhaus im viktorianischen Stil verfiel, Obdachlose richteten sich in den einst so luxuriösen Salons ein. Erst 1985 stieß eine Investmentfirma auf das Juwel, stellte den alten Glanz wieder her und eröffnete das Haus als Hotel. Und so kommt es, dass heute wieder weiß gekleidete Gäste über den zentimeterkurz gestutzten Rasen zu einer Partie Cricket flanieren oder am Driftwood Beach die obskur geformten Bäume bestaunen, während das Meer die Abendsonne einsaugt. Georgias Küste ist ein Auf und Ab, so wie die Wellen, die hier anbranden. Gerade ist man wieder oben.

Leuchtturm auf St. Simons Island

Der Leuchtturm auf St. Simons Island ist noch in Betrieb, bis heute leitet er Schiffe durch die Meerenge.

© Dustin Aksland
Trawlerkapitän Cameron Ako

Trawlerkapitän Cameron Ako braucht aber keine Hilfe dafür, er kennt die Küste und all ihre Sandbänke

© Dustin Aksland

  Cameron Ako hat den perfekten Blick auf die Zeiten und Gezeiten. In kurzer Hose steht er an Bord der Lady Jane, eines blau-weiß gestrichenen Shrimpkutters. Der 29-Jährige, linke Hand am Steuerrad, das Haar kurz geschoren, schaut auf weites Marschland: kniehohe Gräser im Wind, dazwischen meterbreite Tidenströme, die sich in den Atlantik schlängeln. Der Strand gehört Baywatchern wie McCumber, aber das Meer gehört Kapitänen wie Ako. Heute wie in den fünf Jahren zuvor. So lange steuert er schon die Jane, mit deren Hilfe jahrelang Georgias bekannteste Delikatesse eingebracht wurde, der Shrimp. Vor allem litope­naeus setiferus, der Weiße Shrimp. In Georgia haben Genera­tionen von Fischern vom Garnelenfang gelebt. Großväter standen mit Söhnen und Enkeln an Bord der Trawler. Früh am Tag, eigentlich noch bei Nacht, bevor die rote Morgensonne aus dem Ozean stieg, ließen sie ihre Netze ins Wasser schwappen.

 

Illustrierte Karte: Georgia USA

1 Savannah | 2 Tybee Beach | 3 Jekyll Island | 4 Brunswick | 5 Sapelo Island

Ako erinnert sich, obwohl selbst noch jung, an Zeiten, als 450 Shrimpkutter in den Hafen von Brunswick einfuhren, bis an den Relingrand beladen mit 2000 oder noch mehr Kilo Schalentieren. „Die Fischer waren eine Gemeinschaft, jeder kannte ­jeden. Der Fang ging direkt von Bord an die Fischmärkte, die gerne 20 Dollar zahlten. Pro Kilo!“ Heute würden nur noch 20 dieser Kutter im Hafenbecken dümpeln, sagt er. Immer neue ­Vorschriften, steigende Treibstoffpreise und zahlreiche Zucht­stationen in Asien haben dafür gesorgt, dass es mit Georgias Vorzeigebranche bergab gegangen ist.

 

Die Rettungsschwimmer vom Tybee Island Beach

Die Rettungsschwimmer vom Tybee Island Beach

© Dustin Aksland
Hobbyfischer am Jekyll Island Pier

Hobbyfischer am Jekyll Island Pier

© Dustin Aksland
Shrimps im Körbchen bei Desposito's Seafood in Savannah

Shrimps gibt es fast überall, links im Körbchen bei Desposito’s Seafood in Savannah

© Dustin Aksland
Strandwächter am Tybee Beach

Kaum Wellen, sanfte Brise – und dann ist an Georgias Stränden auch noch herrlich wenig los

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Crocket Spieler im Jekyll Island Club

Heute spielen die betuchten Bürger wieder Crocket im Jekyll Island Club

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Herrenlose Limousine aus goldenen Zeiten

Herrenlose Limousine aus goldenen Zeiten

© Dustin Aksland

  Auch deshalb hat Ako auf der heutigen Ausfahrt einen zweiten Fang geladen, der mittlerweile fast wichtiger ist als die Shrimps: Touristen. 49 Neugierige warten an Deck, sie wollen etwas geboten bekommen, wollen wissen, wie das so läuft mit Tidenströmen, Netzen und den Garnelen. Ako und seine Crew haben eine Passagierlizenz, hochoffiziell von der U.S. Coast Guard ausgestellt. Sie sind die Einzigen in der Gegend. „Wir wollen zeigen, wie wichtig die Krabben einst für die lokale Wirtschaft waren. Aber vor allem, wie wichtig sie für unser Ökosystem heute noch sind“, sagt er, sein Boot Richtung Ozean drehend. 90 Minuten dauert der Törn, dreimal rauschen die Fangnetze auf den Grund. Zurück an Bord fliegen, vom Schreien der Aztekenmöwen begleitet, Babyrochen, tellergroße Pfeilschwanzkrebse und, na klar, Shrimps aufs Deck. Crewmitglied Jeffery Benson sortiert die Beute und schildert den Besuchern dabei, warum sich in Georgia Salz- und Süßwasser in den weiten tidal creeks mischen.

Ako schippert das ganze Jahr über vor Georgias Küsten. Es ist ein lukratives Geschäft – und auch ein Beleg dafür, wie wichtig der Tourismus mittlerweile für die ganze Region ist. Ako, der auf Saint Simons Island bei Brunswick aufwuchs, findet, die Lady ­Jane sei ein Geschenk. Weil man, nun mal ehrlich, die Schönheit dieser Küste, die immer beliebter wird, doch erst vom Wasser aus so richtig ermessen könne. Und der Tourist in einem selbst, der zu Beginn dieser Geschichte noch nach der berühmten Parkbank gesucht hat, nickt und denkt: Der Kapitän hat alles richtig gemacht. Schließlich war auch Forrest Gump mal Krabbenfischer.


Unser Fotograf hat schon einige Roadtrips in den USA unternommen, aber noch nie entlang der Küste Georgias. Aksland war vor allem von der Gastfreundschaft der Einheimischen beeindruckt – und von den ausgezeichneten Meeresfrüchten.

dustinaksland.com