Die Tänzer der Townships führen ihre Tänze auf der Straße vor
© Patrick Tombola

Die Tänzer der Townships

  • TEXT FRITZ SCHAAP
  • FOTOS PATRICK TOMBOLA

Der Block ist ihre Bühne, die Nachbarn sind ihr Publikum: Die Pantsula-Tänzer von Johannesburg protestieren mit stylishen Kostümen und akrobatischen Moves gegen Gewalt, Rassismus und die Macht der Drogen-Clans.

Vusi Mdoyi zupft sich die Kapuze zurecht und blickt über die Straße. „Früher haben wir auf dem Schulweg Leichen gefunden“, erzählt der 36-Jährige, „es war normal, dass wir während des Unterrichts Schüsse hörten. Hier in Katlehong herrschte Krieg.“ Mdoyi ist in Katlehong geboren, einer Township 35 Kilometer östlich von Johannesburg. Heute ist er dort ein Star. Der Mann, klein, drahtig, mit den Reflexen eines Kung-Fu-Kämpfers, ist das Gesicht des Pantsula-Tanzes, einer südafrikanischen Kunstform, die aus dem Kampf gegen die Apartheid entstand.

Wer nachts auf die Straße ging, war entweder verrückt oder ein Mörder

Vusi Mdoyi

In einem Klima der Gewalt mit täglichen Straßenkämpfen beschloss 1992 eine Handvoll junger Leute, darunter auch Mdoyis Freund David Mahlaba, die Tanzgruppe Via Katlehong zu gründen – ein Zeichen trotziger Selbstbehauptung gegen die Trostlosigkeit. „Wir tanzten gegen den Tod“, sagt Mdoyi.

Zur Erinnerung: Es sollte noch zwei Jahre dauern, bevor in Südafrika die ersten demokratischen Wahlen stattfanden und Nelson Mandela Präsident wurde. „Wer damals nachts hier unterwegs war, der war entweder verrückt oder ein Mörder“, erzählt Mdoyi.

Es waren die Straßen, auf denen er als Schüler in Mahlabas Gruppe zu tanzen begann. Die Straßen, durch die er in den späten Neunzigern zog, nun als Chefchoreograf und Anführer von Via Katlehong. Wann immer er dazu die Zeit findet, ist er auch heute wieder auf diesen „seinen“ Straßen unterwegs, um junge Tänzer zu unterstützen.

Der Blick auf Johannesburg von der Spitze des Carlton Center aus

Der Blick auf Johannesburg von der Spitze des Carlton Center aus

© Patrick Tombola

Mdoyi ist mit der Take Care Crew verabredet, ihr Trainer ist einer seiner früheren Schüler. Sieben Tänzer zwischen 15 und 19 Jahren werfen sich in grüne und rote Overalls. Sie sind stolz und nervös, vor dem Mann zu tanzen, der ihr Vorbild ist.

Fast jeden Tag treffen sie sich vor einem Hostel, einem roten zweistöckigen Klinkerriegel, zermürbt von Sonne und Regen. Hostels werden die ehemaligen Wohnheime für jene Arbeiter genannt, die während der Rassentrennung in den weißen Gebieten arbeiteten.

Die Kids in ihren Overalls wärmen sich auf, dehnen sich, springen auf und ab, lachen und feuern sich gegenseitig an. In der Nähe hängt ein Grüppchen Halbstarker herum, die rauchen, trinken, herüberschauen. Hin und wieder nicken sie respektvoll.

Die Luft ist klar und kalt, als die Tänzer losziehen. Der Rhythmus ihrer klatschenden Hände ist ihre Musik, die monotonen Häuserreihen sind ihr Bühnenbild: Block um Block erstrecken sich die einstöckigen Klinkerhäuser, manche verputzt, manche roh, manche gepflegt, andere heruntergekommen.

Die einzigen Orientierungspunkte sind kleine Lebensmittel- und Schnapsläden, die man nicht betreten kann, stattdessen bekommt man die Ware zwischen dicken Gitterstäben hindurchgereicht. Wie Farbkleckse stechen die Tänzer aus der Ödnis heraus.

 

Mit Street-Credibility und strengen Regeln geben Pantsual-Tänzer ihrem Nachwuchs Orientierung

Mit Street-Credibility und strengen Regeln geben Pantsual-Tänzer ihrem Nachwuchs Orientierung

© Patrick Tombola
Wütend wirkt ihr Tanz, friedlich ist ihre Botschaft: Mitglieder der Crew Soweto Junction

Wütend wirkt ihr Tanz, friedlich ist ihre Botschaft: Mitglieder der Crew Soweto Junction

© Patrick Tombola

Vusi Mdoyi steht in Hoody und enger Hose daneben, als die Crew eine Kreuzung blockiert und mit dem Tanzen beginnt. Passanten bleiben stehen, schauen zu, manche bewegen sich spontan mit. Sie alle kennen den Tanz – zumindest als Zuschauer.

Katlehong ist die Township mit der bewegtesten Geschichte der Schwarzensiedlungen rund um Johannesburg. Hier begannen in den späten 1980er-Jahren ein paar junge Männer damit, zuerst gegen die Apartheid, später dann, in den Neunzigern, gegen die bürgerkriegsähnlichen Zustände in den Townships anzutanzen. Der Pantsula war geboren, Kunstform und gewaltfreier Widerstand in einem.

Die Energie, die sich auf den Straßen in sinnloser Gewalt entlud, wollten die Tänzer in etwas Positives umwandeln, in Schönheit. In ihren farbenfrohen Kostümen tanzten sie schnelle, wütende Figuren auf den Straßen des Gettos.

Die Tänzer der südafrikanischen Townships stellen sich auch auf Mauern

Ob auf der Mauer ...

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Wo die Tänzer auftauchen, wird die Stadt zu Bühne

... oder beim Small Talk mit dem Township-Schneider: Wo die Tänzer auftauchen, wird die Stadt zu Bühne

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Starke Pose, starke Wirkung: Die Take Care Crew sorgt für Aufmerksamkeit in Südafrika

Starke Pose, starke Wirkung: Die Take Care Crew sorgt für Aufmerksamkeit

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Katlehong ist die Township mit der bewegtesten Geschichte der Schwarzensiedlungen rund um Johannesburg

Katlehong ist die Township mit der bewegtesten Geschichte der Schwarzensiedlungen rund um Johannesburg

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Pantsula ist ein Spiegelbild der südafrikanischen Gesellschaft, eine Mischung unzähliger Elemente. Es gibt Anteile traditioneller afrikanischer und europäischer Paartänze. Viele Figuren erinnern auch an Breakdance, dessen Ursprünge in der Bronx der frühen 1970er-Jahre liegen. Dennoch glaubt Mdoyi nicht, dass Pantsula sich am Tanzstil der New Yorker Gettos bedient hat.

Umgekehrt erkennt er im Breakdance eher Anleihen aus traditionellen afrikanischen Tänzen. „Pantsula und Breakdance zeigen, dass es eine gemeinsame Sprache der Gettos gibt“, sagt er, als zwei Jungs neben ihm gerade eine Stepptanz-Sequenz einlegen. Während Musik eine große Bedeutung für die Breakdance-Kultur hat, ist sie für Pantsula nebensächlich. Anfangs wurde zu Pop getanzt, heute meistens zu House, oft aber auch ganz ohne Musik.

Ein betrunkener alter Mann torkelt am Spektakel vorbei, legt lächelnd zwei klassische Tanzschritte auf die Straße und zieht weiter. Die Menge johlt. Die Take-Care-Tänzer haben jetzt die Straße vor einem Gemüsestand eingenommen.

Synchron liegen sie für den Bruchteil einer Sekunde in der Luft, synchron drehen sie sich auf dem Boden. Zuschauer versammeln sich in kürzester Zeit, immer lauter wird ihr Pfeifen und rhythmisches Klatschen. Manche werfen den schweißgebadeten Tänzern Geldscheine zu – die quittieren es mit einem stolzen Lächeln.

Auch wenn im Lauf der Jahre die Schießereien in den Townships seltener geworden sind und die Bedrohung weniger akut ist als in den 1990er-Jahren, ist die Gewalt doch weiterhin allgegenwärtig. Das Tanzen soll die Jugendlichen fernhalten von den Gangs mit ihren Waffen und den Drogen. „Es ist auch eine Art informelle Schule“, erklärt Mdoyi, „es lehrt Disziplin.“

Die jugendlichen Mitglieder der Pantsula-Crews trainieren mehrere Stunden täglich und dürfen sich weder beim Rauchen noch beim Trinken erwischen lassen. Wer negativ auffällt, fliegt aus der Gruppe.

 

Ihnen gehört die Straße: die Duduza Young Generation Crew bei einem Auftritt

Ihnen gehört die Straße: die Duduza Young Generation Crew bei einem Auftritt

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Die Crew läuft vorbei an einer aufgesägten Öltonne, in der ein Feuer für ein Barbecue flackert, daneben steht ein dünner, etwa 50-jähriger Mann. Ein Grinsen macht sich auf Mdoyis Gesicht breit. „Knowledge!“, ruft er. Sie umarmen sich.

Knowledge war Teil der ersten großen Pantsula-Gruppe, der Vibrations, er ist Mdoyis großes Vorbild. „Früher war das Tanzen auf der Straße ein Risiko, wir durften uns nicht frei bewegen, und alles, was wir in den Townships machten, war politisch“, erzählt der Veteran, „heute haben sie es einfacher.“

Er haut Mdoyi auf die Schulter, sie tanzen kurz, umarmen sich noch einmal, und dann sagt er: „Mach weiter. Mach es für die Kinder!“ Mdoyi macht weiter – und zwar im großen Stil. Er arbeitet daran, dem Pantsula größere Bühnen zu verschaffen als die Straßen und Plätze der Townships.

Vor 15 Jahren wurde er als erster Pantsula-Tänzer nach Europa eingeladen und trat in der Londoner Queen Elizabeth Hall auf, in den folgenden Jahren tourte er mit Via Katlehong durch die USA und Europa.

Dank ihres Erfolgs gehört Pantsula mittlerweile zum künstlerischen Kanon Südafrikas. Rund 50 Crews gibt es heute in den Townships rund um Johannesburg, und ihr Tanz hat durch den Erfolg von Via Katlehong eine neue Dimension bekommen: Er bietet auch eine Möglichkeit, der Perspektivlosigkeit der Townships zu entkommen.

Die Gettos sprechen eine gemeinsame Sprache

Vusi Mdoyi

Einmal wurde Mdoyi vom Cirque du Soleil angefragt, sie wollten ihn für mehrere Jahre verpflichten. Er konnte es sich leisten abzulehnen. „Das Apartheid-Regime raubte uns Schwarzen den Stolz“, sagt Mdoyi, „der Tanz gibt ihn uns zurück.“

Dieser Tänzer bewegt sich auch ohne Musik

Musik braucht dieser Tänzer nicht, ...

© Patrick Tombola
Die Schuhe der Tänzer machen alles mit

... wichtig sind aber Schuhe, die alles mitmachen

© Patrick Tombola

Die Take Care Crew hat ihre Runde durchs Viertel beendet, jetzt lehnen die Tänzer im Handstand an einer mit Graffiti bemalten Wand und üben Figuren. Ein Jahr sei es her, sagt Mdoyi, dass er die Gruppe verlassen habe.

Es gebe so viel anderes zu tun. Zusammen mit einer deutschen Kunsthistorikerin hat er eine Stiftung gegründet, die sich mit der Geschichte des Tanzes befassen soll – über Pantsula-Vorläufer gibt es so gut wie keine Aufzeichnungen.

Mach weiter. Mach es für die Kinder!

Knowledge, Pantsula-Altmeister, zu Vusi Mdoyi

Als Nächstes plant er eine Tanzakademie in Katlehong, und im September will er wieder selbst auftreten: „Toyi Toyi“ heißt seine Show, in Anlehnung an einen simbabwischen Protesttanz. Mit vier weiteren Tänzern will er auf Europa-Tour gehen, gemeinsam wollen sie ihre Lebensgeschichten erzählen.

Es wird Abend, Mdoyi steht wieder vor dem Hostel, wo er einen Freund aus Jugendtagen getroffen hat. Sie teilen sich eine Flasche Bier und einen Joint – es ist ja keiner der Schüler dabei. Sie reden über früher. Manchmal lachen sie laut, dann wieder bleibt ihnen das Lachen im Hals stecken. So viele Tote, die Gewalt der Gangster. Doch auch das gehört zu ihrem Leben …

Sie überlegen, wie sie die Zerrissenheit, die ihre Kindheit bestimmte, auf die Bühne bringen könnten. Einen Arbeitstitel haben sie schon. Er lautet ganz schlicht: „Unsere Schulzeit“.


 

Südafrika in Bewegung

 

Gummistiefel-Tanz

Ein Tanz, der zum Ende des 19. Jahrhunderts in den Goldminen von Johannesburg entstand. In den Schächten kommunizierten die Arbeiter über das Trommeln auf ihren Arbeitsstiefeln.

Toyi-Toyi

Politischer Tanz, übernommen von der Widerstandsbewegung „Zimbabwe People’s Revolutionary Army“. Mit lautem Stampfen wurde der Gegner eingeschüchtert.

Kwaito

Tanz- und Musikstil, der im Soweto der 1990er-Jahre entstand. Wie Pantsula diente er als politisches Statement, heute lautet die Botschaft vor allem: Spaß.


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.