Illustration: Küchenutensilien
© Daniel Egnéus

Peperoni, Eier und Verbrechen

  • TEXT MAX KÜNG
  • ILLUSTRATION DANIEL EGNÉUS

Wie im Leben, so auch in der Küche: Es gibt Paarungen, die unwahrscheinlich klingen, aber großartig funktionieren.

Die Küche und die Bücher. Das Gekochte und das ­Geschriebene haben viel gemein. Bloß passen nebst Büchern noch viele andere Gegenstände gut zur und vor allem in die Küche. Fritteusen beispielsweise, Waffeleisen oder Reiskocher. Musste ich alles haben.

Und bald wurde also der Platz in meiner Küche knapp, denn schließlich muss man dort ja auch noch rühren und abschmecken, schnippeln und sitzen, kochen und essen. So entschied ich mich eines Tages, die Kochbücher radikal auszumisten, um Platz zu schaffen. Fortan galt gnadenlos das „Ein-Meter-Dekret“: Die Bücher, welche auf diesem einen Meter Regallänge Platz fanden, die waren geduldet, der Rest wurde aussortiert und zu Geburtstagsgeschenken oder Mitbringseln
umfunktioniert.

So also begutachtete ich ein jedes der vielen – und zu vielen – Bücher, welche sich über die Jahre in meiner Küche abgelagert hatten, eingehend tat ich dies, um gerecht zu richten. Manche dieser Entscheidungen waren sehr einfach. Etwa als ich den „Geschmacksthesaurus“ der britischen Autorin Niki Segnit in den Händen hielt. Das Verdikt war sofort klar: „Muss bleiben! Und wieder ganz vorne einreihen.“

Natürlich klingt der Titel des Buches abschreckend. Der seltsame Begriff „Thesaurus“ stammt aus dem Griechischen und heißt so viel wie Schatzkammer, gemäß Duden bedeutet er auch die „alphabetisch und systematisch geordnete Sammlung von Wörtern eines bestimmten Fachbereichs“. Exakt dies ist „Der Geschmacksthesaurus“: Er versucht, so etwas wie Ordnung in die Dinge zu bringen. Und zwar auf verblüffende Art und Weise: Es geht um die Suche nach Paaren. Denn eins und eins ergibt nicht zwei, sondern viel mehr. Wir kennen das ja auch von Lebensbereichen jenseits der Küche. Was wäre Laurel ohne Hardy?

Was die Schöne ohne das Biest, was Hänsel ohne Gretel? Bud Spencer ohne Terence Hill? Ein Paar ist unschlagbar. Ja, davon handelt dieses kluge und unterhaltsame Buch – von den Geschichten zwischen den Dingen, den Wechselwirkungen, von den Geschmäckern, die zusammengehören, mag die Paarung noch so seltsam erscheinen.

Denn neben den traditionell bekannten Zweierkombis wie Schokolade und Haselnuss (Nutella), Ananas und Kokosnuss (Piña Colada) oder Lamm und Minze (very British) präsentiert Segnit einen mächtigen Fundus aromatischer Kombinationen und kulinarischer Partnerschaften jenseits des Erwartbaren: Anis und Auster. Schokolade und Kardamon. Räucherfisch und Kirschen. Rote Bete und Sardellen. Ingwer und Schweinefleisch. Ziegenkäse und Schokolade.

In einem Kapitel beschäftigt sich die Autorin mit Peperoni und Ei. Nicht nur geschmacklich eine interessante Kombination, findet Signet, sondern auch unter einem kulturwissenschaftlichen Blickpunkt. Sie erwähnt die Forscherin einer Universität in Wisconsin respektive deren Aufsatz „Peppers and Eggs: Red-Blooded Males and Mother-Worship in Italian-American Crime Culture“. Darin wird die Paprikaschote mit ihrem aufgerichteten Stängel dem Männlichen gleichsetzt, das Ei der Mütterlichkeit. Folgt man diesem Muster, ergibt sich daraus im gekochten Zustand zunächst ein beliebtes südländisches Gericht. Denkt man aber noch einen Schritt weiter, wird aus dem verquirlten Ei und der erschlafften Peperoni ein Doppel-Trauma in der Mutter-Sohn-Dynamik – in solche Abgründe kann Kochen führen.

Ebenfalls überlebt hat das „Ein-Meter-Dekret“ übrigens auch ein anderes Kochbuch: „Die klassische italienische Küche“ von Marcella Hazan, für mich das wohl wichtigste Nachschlagewerk überhaupt. Und darin findet sich ein Rezept, welches mein absolutes Lieblingsrezept ist, zumindest wenn es um eine Spaghettisoße geht). Dieses Rezept handelt jedoch nicht von einer Zweierbeziehung, sondern von einer Dreierkiste. Und die geht so: Eine Dose Pelati, eine geschälte Zwiebel, ein Stück Butter, köcheln, salzen, pürieren. Noch nie war eine ménage à trois so simpel, so unkompliziert, so gut. Die Perfektion: manchmal sind es zwei Dinge. Manchmal deren drei. Und manchmal ist es ein Meter.