Illustration: Zahnarzt
© Daniel Egnéus

Selige Sehnsucht, höllische Qual

  • TEXT MAX KÜNG
  • ILLUSTRATION DANIEL EGNÉUS

Angsterfüllt, mit offenem Mund und kurz vor dem finanziellen Ruin – wo könnte es schlimmer sein als auf dem Zahnarztstuhl?

Mein Mund: ein Pkw. Kein Neuwagen zwar, nein, dies nicht, aber sicherlich ein gebrauchter Jaguar, gepflegt, aus dritter Hand, mit 130 000 Kilometern auf dem Tacho und weißen Ledersitzen – wenn man bedenkt, was da mittlerweile alles in meinem Mund steckt und wie günstig man heutzutage einen Jaguar mit 130 000 Kilometern bekommt. All das Amalgam. All die Arbeitsstunden. All die Spritzen. All die Röntgenbilder. All die verbohrten Bohrspitzen. All die herausoperierten Weisheitszähne. Deswegen sollte mein Zahnarzt frohlocken, wenn ich ihm die Hand zur Begrüßung reiche. Ja, er sollte tanzen vor Begeisterung und einen Freudenschrei ausstoßen. Denn wenn ich komme, dann kommt Arbeit. Ich bin sein Einkommen auf zwei Beinen. Und er lächelt auch, als wir uns sehen, jedoch bloß milde, bittet mich mit einem kurzen Nicken auf den Behandlungsstuhl und macht sich sogleich an die Arbeit.

Die Maschinerie gurgelt, zischt, kreischt. Ich kralle meine Fingerspitzen in die kunststoffweiche Sessellehne, als er sich mit seinem metallharten Werkzeug in meinem Mund an die Arbeit macht, hier kratzt, dort schabt und bald etwas Besorgniserregendes murmelt, gedämpft kommt es unter seinem hygienischen Mundschutz hervor. Er nickt und lässt sich von seiner Assistentin eine Spritze reichen, die feine Nadel dringt zügig und energisch ins Zahnfleisch, hier, dort, feine Pikser, und nochmals hier, nochmals dort. Kurze Pause.

Der Zahnarzt richtet sich auf, zieht seinen Mundschutz herunter, sagt, es dauere nicht lange, dann wirke die Spritze, er erhebt sich von seinem Hocker. Ich liege mit offenem Mund auf dem Stuhl. Mein Zahnarzt tritt in seinem gestärkten weißen Kittel ans Fenster. Man hat von seiner Praxis aus einen prächtigen Ausblick über die Dächer der Stadt. Dick quillt der Rauch aus dem langen Schlot eines Fernheizwerks. Ein Schwarm Tauben dreht hart bei. All die Zahnärzte, die ich bisher aufsuchte in meinem zahnlöchrigen Leben, sie hatten ihre Praxen immer in den obersten Stockwerken der Liegenschaften. Nie hatte ich mich gefragt, weshalb dem so war.

Mein Zahnarzt steht mit hinter dem Rücken verschränkten Armen am Fenster und blickt hinaus. Ich sehe ihn am Rande meines Blickfelds. Er summt ein Lied. Ist es der Hummelflug? Ein Jet durchschneidet den makellos bleichblauen Himmel, einen Kondensstreifen hinter sich herziehend, der bald wieder verschwunden ist. Filigrane Baukräne verrichten in der Ferne ihre schwere Arbeit. Die Maschine, die den Schleim aus meinem Mund saugt, sie faucht und gurgelt.

Als ich meinen Kopf wende so gut es geht, da sehe ich, wie mein Zahnarzt mit seiner Nasenspitze die Fensterscheibe berührt, ganz fein, und durch seinen weit geöffneten Mund aushaucht, dann einen Schritt zurückmacht, um aus einer gewissen Distanz die Form seines kondensierten Atems an der Scheibe zu studieren. Er sieht aus wie ein Totenschädel. Schnell wende ich meinen Kopf wieder zurück und blicke geradewegs in das gleißende Licht der Operationslampe. Dann sagt mein Zahnarzt mit ruhiger Stimme, wie zu niemand Bestimmtem:

Manchmal würde ich gerne den Bettel hinschmeißen. Ein Jahr weg. Um die Welt reisen. Einfach alles stehen und liegen lassen. Auf und davon.

Dann schweigt er. Ich nicke und versuche etwas zu sagen, denn, ja: Das wäre sicherlich eine schöne Idee, toll, grandios sogar, aber bitte nicht jetzt in diesem Moment, nicht jetzt! Das will ich sagen, aber die Absaugvorrichtung liegt röchelnd in meinem Mund und ich gebe bloß seltsame, gurgelnde Laute von mir. „Einfach alles stehen und liegen lassen“, sagt er nochmals, den Kopf nun in meine Richtung gewandt, „eine Weltumsegelung, einmal rundherum.“

Dann schreitet er geräuschlos über den Teppich zurück zum Behandlungsstuhl. Er lächelt, zieht seinen Mundschutz hoch und beugt sich über mich, steckt seine Finger zusammen mit einem kalten Metallinstrument mit einem bizarr verzwickten Haken an dessen Ende in meinen Schlund, der beinahe so weit aufgerissen ist, wie meine Augen es sind. „So“, sagt er mit leiser, freundlicher Stimme, „jetzt könnte es vielleicht ein bisschen unangenehm werden.“


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.