Die Skulptur „Cloud“: An den Fäden bedient man 6000 Glühbirnen
© How Hwee Young/dpa Picture-Alliance

Kunst auf Kommando

  • TEXT ULF LIPPITZ

Sicher, sauber, effizient: Diesen Ruf hat sich Singapur hart erarbeitet. Jetzt will man sich auch mal locker geben – mit staatlich geförderter Kunst

Dick Lim musste erst 60 Jahre alt werden, um sich seinen Traum zu erfüllen. „Als ich ein junger Mann war, gab es keine Möglichkeit, Künstler zu werden“, sagt er. Vor acht Jahren aber schmiss er den Job in einer Werbeagentur in Singapur, mietete sich ein Studio – und wurde Maler. Nun schlurft der Künstler über den Betonfußboden seines Ateliers, ein verschrobener Kauz mit Bärtchen. Seine Dreiviertelhose ist voller Farbspritzer. „Es gab einfach kein Interesse an Kunst“, sagt er, „aber das hat sich geändert.“ Vier Bilder hat er gerade verkauft, für 6000 Singapur-Dollar, rund 4000 Euro.

Die neue Lust an der Kunst wurde von oben verordnet. ­Singapur hatte sich in den neunziger Jahren als wirtschaftlich erfolgreicher Staat etabliert, war aber voll steriler Shoppingmalls. Die Regierung beschloss: Kultur muss auf die Insel. Bereits 1996 ­eröffnete das  Singapore Art Museum in einer ehemaligen Missionsschule, seit 2011 residiert das  ArtScience Museum am Marina Bay Sands Hotel. Im November eröffnet die National Gallery im aufwendig umgebauten Gebäude des Obersten Gerichts. Das Museum ist das größte seiner Art in der gesamten ­Region: Auf 64 000 Quadratmetern werden ausschließlich Werke aus dem südostasiatischen Raum gezeigt – wenn schon Förderung, dann richtig, nämlich mit Identitätsstiftung. Singapurs Kunst­offensive beschränkt sich aber nicht auf Großprojekte, die Regierung startete auch jede Menge Förderprogramme für Künstler. Dick Lim bezahlt deshalb für sein Atelier eine geringe, da subventionierte Miete. In den USA oder Europa startet eine Bewegung meist im Untergrund, wächst und sickert danach in den Mainstream ein. In Singapur dagegen wird Kunst als Standortfaktor von oben verordnet.

Dick Lim hat sich im Wessex Estate mit anderen zu einer Künstlerenklave zusammengeschlossen. Die Gebäude des Stadtviertels, weiße Kastenbauten mit Spitzgiebel und offenen Treppenaufgängen, sehen aus, als wäre eine englische Garnisonsstadt in die Tropen verpflanzt worden. Touristen verirren sich selten hierher. Dafür trampeln zweimal im Jahr Stadtbewohner den Rasen nieder, wenn sie zwischen Block 5, wo Lim arbeitet, und den angrenzenden Gebäuden mit weiteren Studios ihren Kunsthunger stillen: Für den Art Walk öffnen die Kunstschaffenden im Frühjahr und im Herbst ihre Ateliers für Besucher. Die 5,5 Millionen Einwohner Singapurs haben mit monatlich 3800 Euro eines der höchsten Durchschnittseinkommen der Welt, und immer öfter investieren sie das Geld in Gemälde und Skulpturen.

Hinterm Grünen liegt die Kunst: Die Gillman Barracks laden regelmäßig zu nächt­lichen Ausstellungen

Hinterm Grünen liegt die Kunst: Die Gillman Barracks laden regelmäßig zu nächt­lichen Ausstellungen

© Weixiang Lim
Die Skulptur „Momentum“ von David Gerstein am Raffles Quay steht für die Dynamik der Finanzmetropole Singapur

Die Skulptur „Momentum“ von David Gerstein am Raffles Quay steht für die Dynamik der Finanzmetropole Singapur

© Frank Heuer/laif
Vorbild für den Containerbau The Deck war die Platoon Kunst­halle in Berlin

Vorbild für den Containerbau The Deck war die Platoon Kunst­halle in Berlin

© Weixiang Lim
Eine Ausstellung mit abstrakter Fotokunst in den Gillman Barracks

Eine Ausstellung mit abstrakter Fotokunst in den Gillman Barracks

© Weixiang Lim
Dick Lim gab seinen Job in einer Werbeagentur auf, um Maler zu werden

Dick Lim gab seinen Job in einer Werbeagentur auf, um Maler zu werden

© Weixiang Lim
Der Künstler Daryl Goh findet seine Abnehmer vor allem in Finanzkreisen

Der Künstler Daryl Goh findet seine Abnehmer vor allem in Finanzkreisen

© Weixiang Lim
Die Architektur des ArtScience Museum ist einer Lotos­blüte nachempfunden

Die Architektur des ArtScience Museum ist einer Lotos­blüte nachempfunden

© age fotostock/Look
In der Gasse des Blu Jaz Cafes schmücken Graffiti die Wände – mit Erlaubnis der Regierung

In der Gasse des Blu Jaz Cafes schmücken Graffiti die Wände – mit Erlaubnis der Regierung

© Weixiang Lim

 Im  Pit Building an der Marina Bay findet derweil die Affordable Art Fair statt. Vom Block 5 aus ist das eine halbstündige Autofahrt, vorbei am Hipsterviertel Chip Bee Gardens mit Designläden und Cafés, vorbei auch an den gläsernen Wolkenkratzern des Bankenviertels. Schon am ersten Abend kommt es zu einem wahren Ansturm auf die 74 Galerien – wer weiß, vielleicht kann man einen Star der Zukunft entdecken? „Und es gibt Weißwein umsonst“, fügt Daryl Goh verschwörerisch hinzu, eine Anspielung auf die teuren Alkoholpreise. Der 27-jährige Künstler und Kurator besucht hier befreundete Galeristen, die Qualität der gezeigten Werke findet er „gemischt“. Eine Künstlerin hat Klassiker wie die Mona Lisa mit Katzenmotiven nachgemalt, ein anderer hat den im März verstorbenen Staatsgründer Lee Kuan Yew in Warholschen Popfarben verewigt. Lee hatte das Land von 1959 bis 1990 als Premierminister regiert, er verordnete seinen Landsleuten eiserne Disziplin und verhalf ihnen so zu Wohlstand. „Ein Übermaß an Demokratie“, so sein Mantra, „führt zu disziplin- und ordnungslosen Bedingungen, die der Entwicklung schaden.“ Kein Wunder, dass kulturelle Vielfalt lange Zeit nicht gefragt war.

Daryl Goh geht später noch ins Timbre am Ufer des Singapore River, eine Bar vor einem gelb-weißen Kolonialbau, mit mehreren Tischreihen und straff gespannten Sonnenschirmen. Goh hat sich einen Sammlerstamm in Finanzkreisen aufgebaut, zurzeit organisiert er ein Programm, das Künstlern Studios in ­einer alten Druckerei zur Verfügung stellt. Die Menschen hier, sagt er, hätten immer noch seltsame Vorstellungen von seinem Beruf. Keine Festanstellung, keine Boni? „Sie denken: Entweder führst du ein glamouröses Leben, oder du bist total arm dran.“

Wenn es einen Ort gibt, an dem spannende Kunst gezeigt wird, sagt Goh, dann ist es  The Deck. Vorbild für den Contai­nerbau auf einem kleinen Stück Ödland war die Platoon Kunsthalle in Berlin. „Wir sind die erste Einrichtung dieser Art, die nicht von der Regierung etabliert wurde“, sagt Gwen Lee, die 38-jährige Kuratorin und Mitgründerin, über ihre Fotografie-­Galerie, „und wir sind nicht kommerziell.“ Ein ungewöhnlicher Satz in einer Stadt, wo der Konsum das Maß aller Dinge ist.

Studenten mit Basecaps schlendern durch die Ausstellungsblöcke, in Dunkelkammern zeigen die Gründer, wie man Fotos entwickelte, bevor es digitale Speicherkarten gab. Die Besucher einer Vernissage benehmen sich anders als in Europa oder den USA. Zuerst scheuen sie sich einzutreten, weil sie glauben, sie müssten dann auch etwas kaufen. Nachher stehen sie vor großformatigen Gemälden und führen laut Facetime-Telefonate. Smartphones sind überhaupt allgegenwärtig. Jeder tippt, wischt oder schreibt auf seinem Gerät, ob er geht, steht oder Bilder taxiert. Darauf haben sich auch auswärtige Galeristen eingestellt: Sie ­laden Bilder auf Instagram hoch, um Kunden zu erreichen.

1 Singapore Art Museum | 2 Artsicence Museum | 3 National Gallery | 4 Wessex Estate | 5 Pit Building | 6 Timbre | 7 The Deck | 8 Gilman Barracks | 9 Blu Jaz Cafe

1 Singapore Art Museum | 2 Artsicence Museum | 3 National Gallery | 4 Wessex Estate | 5 Pit Building | 6 Timbre | 7 The Deck | 8 Gilman Barracks | 9 Blu Jaz Cafe

© Cristóbal Schmal

 Gwen Lee ist froh über die Möglichkeiten, die man als Künstler heute in Singapur hat, aber auch skeptisch, ob jede Initiative sinnvoll ist. Zum Beispiel die  Gillman Barracks. Die ehemalige Kaserne wurde 2012 zu einem Galerienkomplex umgebaut, um den internationalen Kunstmarkt ins Land zu holen. Vielen gilt er als Fremdkörper, ohne Verbindung zur einheimischen Szene. Den Schlagbaum am Eingang der 1936 erbauten Kaserne gibt es noch, allerdings prüft heute kein Soldat mehr die Papiere – ein Automat spuckt stattdessen Parkscheine aus. Auf dem mit Bäumen bestandenen Areal präsentieren 17 Gale­rien ihre Künstler, darunter ShangART aus Shanghai, Mucciaccia aus Rom, Arndt und Michael Janssen aus Berlin. Laufkundschaft und Flaniertrubel wie in SoHo oder Kreuzberg sucht man hier allerdings noch vergebens, vor allem einheimische Käufer kommen gezielt nur zu den Vernissagen.

Die Kasernen der Gillman Barracks und die Container von The Deck – Singapurs Kunstszene hat sich in den letzten Jahren ungewöhnliche Orte erobern können. Die Kunst aber darf den staatlich geordneten Rahmen weiterhin nicht verlassen, selbst wenn sie Street-Art heißt. Das haben vergangenes Jahr auch zwei Leipziger Sprayer erfahren müssen, die Graffiti auf einen U-Bahn-Waggon sprühten – und zu neun Monaten Gefängnis verurteilt wurden. Legale Wandbilder gibt’s dagegen im  Blu Jaz Cafe im arabischen Viertel zu sehen. Große Murals schmücken die Wände der Gasse, in der auch Tische stehen, wo Touristen und Einheimische bei Wein und Bier debattieren – vielleicht sogar über den nächsten Bilderkauf.


Singapur-Tipps

New Majestic Hotel

Kleines Boutiquehotel in Chinatown. Die 30 Zimmer sind liebevoll mit Kunst­objekten eingerichtet.

newmajestichotel.com

Sky on 57

Französisch-asiatische Küche von Starkoch Justin Quek mit Panoramablick vom Marina Bay Sands Hotel.

marinabaysands.com

The General Company

In Singapur noch eine Seltenheit: ein Handwerks­laden, der hippes Design aus der Region anbietet.

thegeneralco.sg

Blu Jaz Cafe

Die Bar lockt Touristen und Einheimische mit Livemusik, Open-Mic-Events und riesigen Murals.

blujazcafe.net

Alle City-Tipps auch bei Foursquare

foursquare.com/lufthansa


Ulf Lippitz erlebte noch die Reiseunfreiheit der DDR, bevor er nach der Wende die ganze Welt entdecken konnte. Er arbeitet seit 20 Jahren als Journalist in Berlin. Seine Reportagen und Interviews erscheinen im Berliner „Tagesspiegel“, „Die Zeit“ und der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.