Graffiti einer alten Frau in den Straßen von Belfast
© Rob Durston

Friede den Wänden

  • TEXT CAROLINE JACK
  • FOTOS ROB DURSTON

Die nordirische Hauptstadt Belfast ist weder durchgestylt noch glamourös. Dafür gibt es viele Plätze, an denen sich Künstler austoben können.

Es zischt ein paar Mal. Dann sind auf der Außenwand der Eckkneipe die Umrisse eines Mädchens mit Kopfhörern zu sehen. Die Sprayerin, die dieses Bild im Garten des Sunflower-Pubs in Belfast malt, nennt sich „Friz“. Eigentlich heißt sie Marian ­Noone und stammt aus Sligo im Nordwesten der Republik Irland. Seit neun Jahren lebt die Frau mit den langen dunklen Haaren in Belfast, und zwar sehr gern: „Nirgends sonst kann ich so kreativ sein“, sagt die 33-Jährige.

Diesen Satz hört man von vielen Künstlern hier. Vor allem das Cathedral Quarter im Zentrum ist zum Schreib-, Kunst- und Street-Art-Paradies der nordirischen Hauptstadt geworden. Kreative aller Art, Studenten, Musiker, Partyvolk, Touristen – sie alle zieht es hierher. Gleich um die Ecke des Sunflower prangt eine Großmutter mit Ohrring auf einer Wand. Jan Vermeers „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ lässt grüßen – nur dass diese Belfaster Oma eine Hipster-Brille trägt. Es gibt viele Freiräume, leere Gebäude, um die sich kein Mensch kümmert, verfallene Hinterhöfe, graue Mauern – Leinwände für alle. Und anders als noch vor 20 Jahren ist die Innenstadt keine Gefahrenzone mehr.

Kuratorin Ciara Hickey

Hüterin der Kunst: Kuratorin Ciara Hickey verwahrt einen großen Fotoschatz

© Rob Durston

  Lange war Belfast vor allem Schauplatz religiöser Bürgerkriege. The troubles – so nennen die Menschen hier den Konflikt, der bis in das 17. Jahrhundert zurückreicht. Ganz Irland gehörte über viele Jahre zu Großbritannien, zwischen 1919 und 1921 kämpften die Iren um ihre Unabhängigkeit, die ihnen der britische Premierminister David Lloyd George schließlich gewährte. Der südliche (katholische) Teil der Insel wurde damit zum Freistaat, während der nordöstliche (überwiegend protestantische) Teil weiterhin zum Vereinigten Königreich gehörte. Die Teilung hatte Folgen: Die irischstämmigen, überwiegend katholischen Republikaner forderten eine Wiedervereinigung mit Irland, die mehrheitlich protestantischen Unionisten wollten Teil des Vereinigten Königreichs bleiben. Der Konflikt eskalierte im Jahr 1969 und wurde zu einem Bürgerkrieg, der erst 1998, nach ­langen Verhandlungen, mit dem Karfreitagsabkommen endete.

Neben der St Anne’s Cathedral, die dem Viertel seinen Namen gab, erinnert ein riesiges Graffito an die Zeit der Gewalt: Ein Junge kniet und hält eine verletzte Friedenstaube in der Hand. Der Vogel ist getroffen von zwei Pfeilen, die den Kampf zwischen Protestanten und Katholiken symbolisieren – ein Werk des französischen Street-Art-Künstlers MTO, der heute in Berlin lebt, aber weltweit als Graffiti-Künstler arbeitet.

An vielen weiteren Orten stößt man auf Wände, die von der Geschichte des Landes erzählen. Sie heißen peace lines, Friedensmauern, die seit dem Konflikt die Viertel der pro-irischen Republikaner von denen der pro-britischen Unionisten trennen. An etwa 100 Stellen sieht man sie, verteilt über die ganze Stadt, manche Absperrungen sind bis zu acht Meter hoch, darauf liegt verrosteter Stacheldraht. Tagsüber kann man sie durch Tore passieren, nachts werden manche der Durchgänge verschlossen – zur Sicherheit, wie es heißt. Wirklich überwunden scheint der Konflikt noch längst nicht zu sein.

Bau- und Kunstformen aus vielerlei Epochen zieren Belfasts Straßen

Bau- und Kunstformen aus vielerlei Epochen zieren Belfasts Straßen

© Rob Durston
Victoria Square, die größte Shopping-Mall Nordirlands

Victoria Square ist die größte Shopping-Mall Nordirlands – und hat gewiss die schönste Glaskuppel

© Rob Durston

  Niemand könnte diese Spannungen wohl besser beschreiben als Sam Millar. Der Krimiautor wurde 1955 als Sohn eines Protestanten und einer Katholikin in Belfast geboren. Der Riss, der Nordirland teilt, ging mitten durch seine Familie. Millar sitzt im Café des Metropolitan Arts Centre Belfast (The MAC). Ein ­unauffälliger Typ in Jeans und Pullover. Mit seiner Trilogie rund um den ruppig-gewitzten Privatdetektiv Karl Kane („Die Bestien von Belfast“ etc.), hat der 61-Jährige zahlreiche Literaturpreise gewonnen. Netflix will seine Krimis 2017 als TV-Serie herausbringen, die US-Produktionsfirma Focus Features („Broke­back Mountain“) hat sich die Filmrechte an seiner wilden Autobiografie „On The Brinks“ gesichert, die in Deutschland ­unter dem Titel „True Crime“ erschien.

Eine Vita wie die Millars kann sich kaum ein Autor ausdenken: Er war Mitglied der terroristischen IRA, saß im berüchtigten Hochsicherheitsgefängnis Long Kesh, kam frei und verübte 1993 in den USA einen spektakulären Überfall auf die Geldtransporter-­Firma Brink’s. Er und seine Komplizen erbeuteten 7,2 Millionen US-Dollar. Millar flog auf, landete wieder im ­Gefängnis, wurde begnadigt, kam zurück nach Belfast. Heute schreibt er nur noch über Verbrechen, statt sie zu planen. „Das Schreiben bedeutet mir alles. Es ist für mich so, als würde ich nun meinen Kindheits­traum leben“, sagt er.

Das Restaurant Ox in Belfast

Das Restaurant Ox in der geschichtsträchtigen Oxford Street

© Rob Durston
Touristen flanieren durch die Straßen von Belfast

Touristen flanieren durch die Straßen von Belfast

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Reggae-Legende Lee „Scratch“ Perry beim Cathedral Quarter Arts Festival

Reggae-Legende Lee „Scratch“ Perry beim Cathedral Quarter Arts Festival

© Rob Durston
Im Metropolitan Arts Centre gibt es Galerien und Theater

Im Metropolitan Arts Centre gibt es Galerien und Theater

© Rob Durston
Musiker im Sunflower, einem berühmten Pub in Belfast

Im Sunflower, einem der berühmtestens Pubs der Stadt, gibt es lokales Craftbeer und handgemachte Musik

© Rob Durston

  Die gesamte Stadt hat sich gewandelt. Früher traute sich kaum ein Tourist her, jetzt kommen jeden Tag mehr Besucher. Zu sehen gibt es viel: Die beiden riesigen gelben Schiffbaukräne namens „Samson“ und „Goliath“, die am Ufer des Lagan stehen, sind die Wahrzeichen der Stadt. Seit 2012 gibt es außerdem ein Titanic-Museum, wo man auch eine 3-D-Fahrt vom Maschinenraum zum Sonnendeck unternehmen kann. Falls Sie es nicht wussten: Die Titanic wurde von einer Belfaster Werft gebaut.

Eine Tour in die Arbeiterviertel führt zu den murals. Die po­litischen Wandgemälde sind während des Bürgerkriegs entstanden. Mauern zu bemalen hat Tradition in Belfast. Es ist, als wanderte man durch ein Geschichtsbuch – so anschaulich wird einem wohl an keiner anderen Stelle der Stadt bewusst, was die Menschen einst fühlten.

Außer vielleicht in der Galerie Belfast ­Ex­posed, die sich der zeitgenössischen Fotografie widmet. Die ­Kuratorin Ciara Hickey, 32, ist auch die Hüterin von mehr als 500 000 Dokumentarfotos aus der Zeit der troubles. Sie lädt gern Künstler ein, sich mit den Archivaufnahmen auseinanderzusetzen. „In den frühen 1980er-Jahren hatte es eine Gruppe Belfaster ­Fotografen satt, dass aus der ganzen Welt Fotoreporter einflogen, ihre Bilder von den Kämpfen machten und wieder verschwanden“, berichtet Hickey, „also drückten sie den Bürgern Kameras in die Hand, um ihren Alltag festzuhalten, ihr Belfast.“ Im Oktober 1983 ­wurden diese Bilder ausgestellt – ein riesiger Erfolg. Die Bürger wollten endlich wieder mitreden in ihrer Stadt.


Leib & Seele in Belfast

Illustration: Weinflasche

The John Hewitt

Der traditionelle Pub mit offenem Kaminfeuer und Livemusik befindet sich im Cathedral Quarter.

thejohnhewitt.com

Illustration: Kaffeetasse

Established Coffee

In dem minimalistisch eingerichteten Café gibt es Waffeln, Pancakes – und herrlichen Kaffee.

established.coffee

Illustration: Bierkrug

The Crown

Buntglasfenster und ganz viel Holz: Der Pub aus dem Jahre 1826 heißt eigentlich “ The Crown Liquor Saloon.”

nicholsonspubs.co.uk

The Black Box

Bei den Abenden der „Real Sketchy“-Reihe kann man in dem Kulturzentrum kreativ drauflosmalen.

blackboxbelfast.com