Las Vegas ist auch für Kinder ein Erlebnis
© Tanveer Badal

Auf dem Spielplatz

  • TEXT PIA VOLK
  • FOTOS TANVEER BADAL

Der Sohn unserer Autorin ist zwölf und ein Zocker: Minecraft, Fifa, Wizard, auf Brett und am PC. Sein Traumziel: Las Vegas. Mama stimmt der Reise schließlich zu. Aber kann das gut gehen, mit Kind, im Zentrum des Irrsinns?

Willkommen in der Stadt der Sünde“, ruft der Taxifahrer, als ich aus dem Terminal trete. Dann verrutscht ihm das Grinsen. Er sieht, dass ich nicht allein bin. „Ihr Kind?“, fragt er, auf den kleinen Mann zeigend, der hinter mir steht.

Ich nicke. Er ist entgeistert. „Warum bringen Sie es mit nach Las Vegas?“ Ziemlich gute Frage. Mit dem Sohn ins Sündenbabel? Warum das, bitte schön?

Eine mögliche Antwort: Las Vegas ist ein großer Spielplatz, jedes Hotel hier eine eigene Welt, das muss so ein Junge doch spannend finden. Es gibt Venedig, New York und Rom, in schneller Abfolge, dazu Pyramiden, die ihr Licht in den Himmel kegeln, und Springbrunnen, zu Streichern choreografiert.

Man soll in dieser irrsten aller Städte seinen Spaß haben, nicht nur ein bisschen, sondern immer und überall. Das ist ihr Selbstzweck, ihre Daseinsbegründung. Und geht es nicht genau darum auch in der Kindheit? Um Spaß, weil man noch gar nicht begreifen kann, was der Ernst des Lebens bedeutet?

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass mein 12-jähriger Sohn Paul ein Zocker ist. Mit seinem Handy telefoniert er nicht, am PC arbeitet er nicht für die Schule. Stattdessen ständig: Minecraft, Wizard, Länderraten, Schiffe versenken und Fifa.

Einmal nach Las Vegas, ins Paradies der Spieler, das war sein großer Traum. Also gut. Soll er haben. Was tut man nicht alles als Mutter.

Es gibt allerdings ein Problem. Der erste Abend in Vegas, wir wollen im Food Court des Casinos Hotdogs kaufen und danach den fingerfertigen Croupier bewundern – da schiebt uns ein Angestellter vor die Tür. Freundlich zwar, gleichwohl resolut.

In den Casinos sind Minderjährige nicht erlaubt. Wer weniger als 21 Jahre zählt, darf in Begleitung seiner Eltern durch die Lobby laufen, vorbei an Black Jack, Poker und Automaten.

Stehen bleiben darf er nicht. Nur gehen, nicht gucken. Zum Zimmer oder zum Ausgang, und in unserem Fall eben: Ausgang. Ich kannte die Regel, wusste aber nicht, wie streng sie ausgelegt wird.

Paläste in der Wüste: Die XXL-Hotels reihen sich in Las Vegas dicht an dicht

Paläste in der Wüste: Dicht stehen die XXL-Hotels ...

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Das Ambassador Motel in Las Vegas ist ein günstiger Ort für Übernachtungen

... günstiger schläft man im Ambassador Motel

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Autorin Pia Volk mit Sohn Paul in den Arkaden des Venetian Hotel in Las Vegas

Heiße Stadt, cooler Blick: Autorin Pia Volk mit Sohn Paul in den Arkaden des Venetian Hotel

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Hochzeitfotos sind in Vegas ein Klassiker

Vegas-Klassiker: Hochzeitsfotos ...

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Auch Elvis begegnet man in Las Vegas des Öfteren

... und der doppelte Elvis

© Tanveer Badal

 Immerhin, dafür sind wir am nächsten Morgen ausgeschlafen. Augenringefrei flanieren wir über den Las Vegas Boulevard, hier Strip genannt, der sich verlassen vor uns ausstreckt. Wer gespielt hat, schläft noch den Kater aus, wenn verloren wurde, oder seinen Rausch, falls eine Glückssträhne kam.

Wir Nichtspieler haben den Strip fast für uns. Nur der Star-Wars-Held Chewbacca döst im Schatten einer Palme, und etwas weiter dudelt ein Akkordeonspieler vor sich hin, an der Spendenbüchse ein God-bless-you-Schild. Für Vegas ist das höchstens Freak-Durchschnitt.

Plötzlich stöckelt uns eine Frau im Paillettenkleid entgegen: „Pia, toll, dass du es geschafft hast!“ Paul schaut entgeistert. „Kennst du die?“ Nein, Cuddles ist Showgirl und leitet die Schnitzeljagd mit Thriller-Plot, zu der wir angemeldet sind. Wenn sie uns in den Casinos nicht wollen, entfliehen wir der Realität eben anders, so meine Idee.

Während die Zocker noch schlafen, haben wir den Strip für uns allein

Zusammen mit anderen Touristen folgen wir ihr in ein Restaurant, wo die Geschichte erklärt wird: Cuddles’ Ex-Freund hat ein Casino ausgeraubt, wir müssen den versteckten Koffer mit den Pokerchips auftreiben. So ziehen wir über den Strip, treffen einen Pantomimen mit Alkoholproblem, einen Verschwörungstheoretiker und Smokie, der aussieht wie Uncle Sam und tatsächlich einen Tabakladen führt.

Sie raunen uns Tipps zu, schicken uns durch Hinterhöfe, in Restaurants und wilde Shops. Hollywood hätte das nicht besser entwerfen können. Dabei ist es gar nicht einfach, die beteiligten Schauspieler unter all den Normalverrückten auszumachen. Gehört der Superman dort zum Spiel? Und was ist mit den Playmates da vorne?

Am Ende stehen wir unter Neonreklamen, Paul hat den Koffer abgeliefert, er sagt: „Hier gibt es nur Casino, Hotel, Bar und dann wieder Casino, alle verlieren immer nur, außer den Casinos, die kriegen das ganze Geld und bauen dann ein neues Casino. Oder ein Hotel. Oder eine Bar.“ Bis jetzt hatte er den Ort seiner Träume auf sich wirken lassen, dies ist seine erste Einschätzung – und sie trifft ins Schwarze.

Im Jahr 2015 erwirtschafteten allein die Casinos am Strip rund 6,4 Milliarden Dollar. Gut 42 Millionen Urlauber brachten Geld in die Wüstenstadt, viele in der Hoffnung auf den Jackpot und eine tolle Zeit.

„Ins Casino gehen ist wie sich was vom Weihnachtsmann wünschen“, wage ich eine mütterliche Lektion. „Man kann es versuchen, aber meistens klappt das nicht, und irgendwann findet man heraus, dass der Weihnachtsmann Mama heißt und die Welt nicht ist, wie man sie gern hätte.“


 

Karte von Las Vegas
© Cristóbal Schmal

Trip am Strip: Mit Kind durch Vegas

1 MIRRAGE SECRET DOLPHIN HABITAT

2 THE NEON MUSEUM

3 HIGH ROLLER OBSERVATION WHEEL

4 NATIONAL ATOMIC TESTING MUSEUM

5 ALIBI MYSTERY TOUR

6 PINK JEEP DESERT TOUR

7 MAVERICK HELICOPTERS


 

 Später Nachmittag, die Sonne brennt. Wir stehen im Neonmuseum, einem staubigen Hof am Rand von Downtown. Hier werden die ausrangierten Leuchtreklamen der Stadt liebevoll kuratiert und ausgestellt. Edgar, unser Guide, erklärt, dass in Vegas nicht immer Geld und Glück gejagt wurden.

„Kaum vorstellbar, aber das erste Haus hier war 1855 die Mission der Mormonen, die den Stamm der Paiute zum Christentum bekehren wollten“, sagt er. Danach erst, in den 1930er- und 1940er-Jahren, seien die Gangster aus Chicago gekommen, kam die Mafia und machte Las Vegas groß, grell, gierig.

Das Neonmuseum fungiert als Gedächtnis der Stadt, es setzt genau an jenem Punkt an, der auch Paul vorhin auffiel: Las Vegas ist immer nur Gegenwart, nie Vergangenheit. Die Casinos werden gebaut, umbenannt, renoviert, verkauft, abge-
rissen, und wenn an gleicher Stelle Neues entsteht, geht das Alte spurlos verloren – wenn, ja, wenn da nicht das Museum wäre.

Wir stehen vor einem riesigen Totenschädel, er stammt aus dem Treasure Island, einem Hotelcasino mit Piratenthema. „Es wurde 1993 gebaut, als Las Vegas mehr Familien anlocken wollte“, erklärt Edgar, „aber dann stellte man fest, dass Familien nicht im Casino saßen und Geld ausgaben, und hörte wieder auf damit.“ Die Piratenshow im Treasure Island wurde 2013 eingestellt, an gleicher Stelle entstand ein neues Shoppingareal.

Pia & Paul im High Roller, mit 167 Metern das höchste Riesenrad der Welt

Pia & Paul im High Roller, mit 167 Metern das höchste Riesenrad der Welt

© Tanveer Badal

  Zurück auf dem Strip, alles glitzert und glänzt: Werbetafeln, Schaufenster, Autos, die Augen der Menschen, die Dollars zählen und zu den Automaten drängen.

Viele Kinder sehen wir nicht. Bei Starbucks wird Paul von einer Frau angesprochen, schwarz, goldenes Oberteil, rot geschminkte Lippen. „Du bist kein Amerikaner“, sagt sie. „Amerikanische Kinder liegen um diese Zeit im Bett, du nicht. Du bist cool.“ Sie verschwindet im Gewusel.

Durch Fensterfronten sehen wir die Spieler, einsam an den Hebeln ziehend. „Weißt du, was mir auffällt“, sagt Paul. „Spielen kann man allein, aber für echten Spaß braucht man Freunde, die mitspielen.“ Er legt seine Jungenstirn in Falten.

Also los, schnell, echten Spaß – das ist die Devise am nächsten Tag. Wir fahren zu Amerikas einzigem Museum für Atomtests und drücken Knöpfe. Wir sitzen im Theater des Linq Hotel & Casino und beklatschen Mat Franco für seine fast schon überperfekten Kartentricks.

Wir kreisen mit dem Hubschrauber über Las Vegas, die Stadt blinkt auch von oben betrachtet ohne Unterlass, wie ein überdimensionierter Einarmiger Bandit. Ich werde an einen Straßenverkäufer erinnert, der schreiend seine Ware anpreist: Spaß! Spaß! Spaß! Jetzt, hier, sofort! Haben wir, anstrengend ist es trotzdem.

„Wir müssen noch irgendwas machen, das total verrückt ist und nur in Las Vegas vorkommt“, verlangt Paul am Abend. „Was denn?“, frage ich matt. „Dich als 21-Jährigen mit Wachstumsproblemen ausgeben und doch ins Casino schleichen?“

Unser Duo vor einem Mural, das den Schrifsteller Hunter S. Thompson ("Fear and Loathing in Las Vegas") zeigt; das Wandbild stammt von Ruben Sanchez

Unser Duo vor einem Mural, das den Schrifsteller Hunter S. Thompson ("Fear and Loathing in Las Vegas") zeigt; das Wandbild stammt von Ruben Sanchez

© Tanveer Badal

  Stattdessen sitzen wir am Morgen an einem Swimmingpool des Mirage und strecken eine Leinwand gen Wasser. Unser Maler heißt Osborne, ein Delfin.

Ein Delfin in der Wüste, das klingt wie der Anfang eines schlechten Witzes. Artgerecht ist das wohl nicht, aber wer hat sich noch nie von seinem Kind zu Dummheiten überreden lassen?

Tiertrainerin Ashley hat Osborne eine Art Football mit Pinselspitze ins Maul gesteckt. Osborne schwimmt zu Pauls Leinwand und trägt kopfwackelnd Farbe auf.

„Mag der Delfin das überhaupt?“, fragt Paul. Ashley erklärt, dass Delfine verspielt sind und Beschäftigung brauchen. Dass man hier im Delfinarium keine Shows anbiete, sondern mit Universitäten kooperiere, für Studien über Delfinverhalten. Trotzdem wird die ganze Sache von Tierschützern kritisiert.

Das fertige Flipper-Bild ist ziemlich crazy. Hat mich gewundert, dass er nicht auch noch sprechen konnte“, sage ich, als wir mit unseren Gemälden abziehen. Wir schieben uns über den Bürgersteig und zählen fünf Elvisse, einen Stormtrooper (Star Wars, schon wieder), eine Marilyn Monroe und einen Prediger mit dem Schild: „Heute ist der Tag der Erlösung“. Erlösung wovon? Von der Sünde? Von Las Vegas? Vom Dauerentertainment? Den Freaks?

„Paul, ich kann nicht mehr“, jammere ich, die müde Mutter. Für einen Moment wirken unsere Rollen wie vertauscht. Der Taxifahrer am Anfang hat gefragt, warum ich meinen Sohn mitgebracht habe. Er hätte lieber fragen sollen, warum mein Sohn mich mitgebracht hat.

Wir fliehen schließlich im Jeep in die Mojave-Wüste. Schroff und rot stehen die Felsen im Valley of Fire herum. Manche haben bunte Streifen, Ablagerungen vergangener Erdzeitalter.

Ein leichter Wind geht, sonst kein Laut. Stille kann auch überwältigen. Ich gucke Paul an, Paul mich. „Hier ist es so bunt wie in der Stadt“, sagt er langsam. „Nur ohne die ganze Show. Ziemlich cool.“


Teenage-Vegas: Tipps für die Familie

Flugakrobatik

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Baggerfahren

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