© Maria Schiffer

Stadt der Rebellen

  • TEXT ANNE MEYER
  • FOTOS MARIA SCHIFFER

Lyon besinnt sich seiner Geschichte und ist zu schade für die Durchreise: Mutige Musiker, Köche und DJs machen die Stadt an der Rhône zu einem der lebendigsten Orte Frankreichs

Vorsicht, hier drinnen ist es dunkel!“, ruft Serge Dorny, Intendant der Lyoner Oper, und verschwindet mit wehendem Kamelhaar­mantel in einem Hauseingang. Auf unserem nächtlichen Streifzug eilt er an langen Briefkastenreihen vorbei, passiert einen stockfinsteren Innenhof, wieder einen Flur. „Ich liebe die Traboules“, sagt Dorny, 54, widerspenstiges Haar, große Brille, Lausbubenblick, „und das Theatralische, das ihnen an­haftet.“ Die Traboules, das sind die etwa 500 verborgenen Passagen und Gänge, die das alte Lyon kreuz und quer durch Wohnblocks und Hinterhöfe als informelles Wegenetz durchziehen. Eine mit rotem Samt verkleidete Tür, die zu einem Nachtclub führt, leuchtet auf, es folgen weitere Höfe, und plötzlich stehen wir auf der hell ausgeleuchteten Einkaufsstraße der Presqu’île, der Halbinsel zwischen den Flüssen Rhône und Saône, im Zentrum Lyons.

Lyon, die große Unbekannte unter den französischen Städten, liegt auf dem Weg von Paris zum Mittelmeer. Zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert war Lyon ein Zentrum der euro­päischen Seidenindustrie. Oft rauschen die Urlauber auf ihrem Weg nach Süden durch die 500 000-Einwohner-Stadt bloß hindurch – dabei ist Lyon eine eigene Reise wert.

In Vieux Lyon, einer der größten erhaltenen Renaissance-­Altstädte Europas, fehlt bis heute schlicht der Platz für richtige Querstraßen. Also nehmen die Menschen die mit Spitzbögen überwölbten Durchgänge quer durch Innenhöfe und Privathäuser, um von einer Straße zur anderen zu gelangen. Dorny zeigt auf den eng bebauten Hügel, der steil über der Halbinsel aufragt: La Croix-Rousse, der frühere ­Arbeiterstadtteil. „Über die Traboules konnten die Seidenweber dort ihre empfindlichen Stoffe auch bei Regen quer durchs Viertel transportieren“, erzählt der gebürtige Belgier, der seit 13 Jahren in Lyon lebt und sich für die Geschichte der Seidenweber begeistert. Zeitweise lebte die Hälfte der Einwohner Lyons von der Seide, allerdings oft eher schlecht als recht. Als die Händler 1831 den vereinbarten Mindestlohn nicht länger zahlen wollten, ließen sich das die Lyoner Seidenweber nicht länger gefallen und traten in den Streik. Ihre schwarze Fahne war mit der Parole „Arbeitend leben oder kämpfend sterben!“ bestickt. Viele Hundert Seidenweber wurden bei diesem ersten großen sozialen Aufstand zu Beginn des Industriezeitalters in Frankreich niedergemetzelt, es folgten Arbeiterrevolten in anderen Städten. Die Traboules berichten vom Erfindungsreichtum der Bewohner, die immer schon, auch unter widrigen Umständen, an ihren Überzeugungen und Leidenschaften festhielten. Wer heute durch die Gänge geht, kann sich gut vorstellen, wie sie als Versteck und Fluchtweg für die couragierten Seidenweber dienten – und im Zweiten Weltkrieg als Schlupfwinkel für die Résistance-Kämpfer, die hier den Widerstand gegen die deutschen Besatzer organisierten.

Lyons Rathaus ist ein barockes Schmuckstück

Lyons Rathaus ist ein barockes Schmuckstück

© Malte Jäger/laif
Augen auf! Szene aus dem Kinderstück „Brundibár“ der Opéra National

Augen auf! Szene aus dem Kinderstück „Brundibár“ der Opéra National

© Jean-Louis Fernandez
Musikfestival-Gründer Vincent Carry

Musikfestival-Gründer Vincent Carry

© Maria Schiffer
Im Viertel La Croix-Rousse leben viele Kreative

Im Viertel La Croix-Rousse leben viele Kreative

© Maria Schiffer
die Breakdancer vor der Oper üben für den kommenden Ruhm

Die Breakdancer vor der Oper üben für den kommenden Ruhm

© Maria Schiffer
für das Festival Nuit Sonores werden nur die besten DJs gebucht

Für das Festival Nuit Sonores werden nur die besten DJs gebucht

© Robert Brice
Mathieu Rostaing-Tayard zaubert in seinem Café Sillon neue Küche auf die Teller – auch Kaninchenniere mit Kohl

Mathieu Rostaing-Tayard zaubert in seinem Café Sillon neue Küche auf die Teller ...

© Maria Schiffer
Mathieu Rostaing-Tayard zaubert in seinem Café Sillon neue Küche auf die Teller – auch Kaninchenniere mit Kohl

... auch Kaninchenniere mit Kohl

© Maria Schiffer

 Das frühere Seidenweberviertel La Croix-Rousse ist heute der hipste Teil der Stadt. Wer durch die engen Gassen läuft oder eine der vielen verwinkelten Treppen hinaufsteigt, stößt an vielen Ecken auf neue Ateliers, Designgeschäfte, Cafés oder Kneipen. Manchmal haben ein paar Leute einfach nur ein Sofa und einen Schreibtisch vor die Natursteinwand gestellt und ein Schild rausgehängt: „Büro für die lokale Währung“ steht auf einem, „Ich bin ein Créateur“ auf einem anderen. Vor einem Café, in dem sich die Brettspiele an den Wänden bis unter die Decke stapeln, warten Kinder, Rentner und junge Männer mit Bauchansatz auf Einlass. So adrett wie im Zentrum von Paris ist es hier nicht, von vielen Häusern bröckelt der Putz. Dafür können es sich die Lyoner noch leisten, in ihrer Stadt auch zu wohnen – und zu feiern. Viele sagen sogar, Lyon sei der bessere Ort zum Leben: offener, überschaubarer, bodenständiger.

„Als ich 20 war, sind alle meine Freunde nach Paris gezogen“, sagt Vincent Carry, „mit 30 kamen sie zurück, und inzwischen ziehen sogar Pariser hierher, die weder in Lyon aufgewachsen sind noch Familie hier haben.“ Der 44-Jährige organisiert das jährliche Musikfestival Nuits Sonores: fünf Tage Elektro und Indie. In uralten Klöstern, Industrieruinen und mitten auf der Straße legen dann Technogrößen wie Laurent Garnier auf, begleitet von unbekannteren Musikern aus der Region. Das Festival gehört längst zum Repertoire des kulturellen Lebens in Lyon, die Elektro-Clubs sind Aushängeschilder der Stadt – zum großen Amüsement Carrys. In den neunziger Jahren, der Zeit der großen Raves, sei Lyon noch die „schlimmste französische Stadt für den Techno“ gewesen. Mit aller Macht versuchten die Behörden damals, die Raver zu vertreiben, sie verweigerten Lizenzen und ließen Clubs schließen. „Eine Hexenjagd“, sagt Carry, der schon als 18-Jähriger ein eigenes Label betrieb. Doch in Lyon, man hätte es wissen können, lässt sich so leicht keiner unter­drücken. Heute ist die Techno-Szene dort so lebendig wie nie.
Carry muss sich verabschieden, die nächste Verabredung. Eine Empfehlung gibt er uns noch mit auf den Weg, eigentlich eher einen Befehl: Ins Café Sillon sollen wir gehen, zum Koch Mathieu Rostaing-Tayard. Der arbeite dort gerade an einer kleinen Küchenrevolution. Also überqueren wir die Rhône, wechseln vom Techno- zum Küchenrebellen. Im Stadtteil La Guillotière reihen sich marokkanische Gemüseläden an Wettbüros, mittendrin preist eine Saftbar ihre Grünkohl-Smoothies an. Es ist noch still an diesem Samstagmorgen, als sich plötzlich mit lautem Quietschen die Rollläden des Café Sillon in Bewegung setzen. Zum Vorschein kommt zuerst ein Paar bunter Turnschuhe, kurz darauf ein freundliches, leicht zerknittertes Gesicht: „Bonjour!“, begrüßt mich Rostaing-Tayard. In den Räumen seines Restaurants, rustikale Holztische, verschlissene Bodenfliesen und leuchtendes Ultramarin an den Wänden, sei über ein Jahrhundert lang ein Bouchon gewesen, sagt er, eines jener traditionellen Lyoner Lokale mit rot-weiß karierten Tischdecken und bauchigen Weingläsern, in denen Hechtklöße, Kutteln und Kalbskopf serviert werden. Er stellt ein Tablett mit Croissants und dampfendem Kaffee vor mir ab. Auch die Tische und Stühle hat er von den alten Besitzern übernommen. Er wohnt, wie es auch früher in den Wirtshäusern üblich war, über seinem Restaurant.

Der Club Le Sucre ist eine der besten Adressen für nächtlichen Spaß

Der Club Le Sucre ist eine der besten Adressen für nächtlichen Spaß

© Maria Schiffer

 Von anderen althergebrachten Sitten hat er sich jedoch ­getrennt: „Ich liebe die Küche der Bouchons“, sagt er, „aber so deftig isst ja heute keiner mehr.“ Er kocht auch anders als Paul Bocuse, der wohl berühmteste Sohn Lyons, der wie kein anderer die feine französische Küche verkörpert. Rostaing-Tayards Interessen sind andere, auch ist er neugieriger. Von jeder seiner Reisen bringt er neue, exotische Zutaten erst mit und dann auf den Tisch. Zuletzt war er in Brasilien, wo er köstliche, mild-süße Pfefferkörner entdeckt hat. Die serviert er heute in der Vorspeise, zwischen Kaninchennieren mit verschiedenen Kohlsorten und Zitronenschale. Auch mit Zubereitungsarten experimentiert er.

Gemüse tischt er mal geschmort auf, mal getrocknet, mal zu Eis verarbeitet. „Manchmal weiß ich morgens noch nicht, was abends auf der Karte stehen wird“, sagt der 34-Jährige und lacht.

Es ist Mittag geworden, die ersten Gäste kommen. Neben Geschäftsleuten sitzen Studenten mit Dreadlocks und Migranten aus dem Viertel an den Holztischen. Ein Mann, Ende 20, in Cordhose, setzt sich mit seinem Buch an die Theke, lässt die Weinkarte kommen und verzehrt in aller Ruhe ein Vier-Gänge-Menü. „Wegen dieser Mischung bin ich nach La Guillotière gegangen“, sagt der Koch, „hier sind die Mieten so günstig, dass ich die Preise auf der Karte niedrig halten kann.“

Mittlerweile ziehen sogar Pariser hierher, die weder in Lyon aufgewachsen sind noch Familie hier haben

Vincent Carry, Chef des Musikfestivals Nuits Sonores

Auch Opernintendant Dorny ist dafür, die Dinge zu vermischen, sie aufzuwirbeln, zu entstauben. Nach unserem Gang durch unzählige Traboules stehen wir vor dem Opernhaus: Auf dem neoklassizistischen Bau ruht ein rot erleuchtetes bogenförmiges Dach aus Stahl und Glas. Die Haube setzte der Architekt Jean Nouvel dem Haus zu Beginn der neunziger Jahre auf, dazu machte er das Foyer mit Rolltreppen volkstauglich, hielt den ­großen Saal ganz in Schwarz und verzichtete auf Dekor. Ums Repräsentieren geht es hier nicht mehr, so wollte es Dorny. „Opern wirken oft einschüchternd“, sagt er, „viele sind den ganzen Tag geschlossen, nur um am Abend wenige Auserwählte einzulassen.“ Dorny lässt die Oper auch tagsüber öffnen, lädt immer wieder Schülergruppen ein und organisiert Jazzkonzerte. Gleich zu seinem Amtsantritt 2003 beschloss er, als Fenster zur Welt da draußen ein Café vor dem Haupteingang zu eröffnen. Diesen Platz beanspruchten allerdings schon andere für sich: Über den spiegelglatten Marmorboden wirbelte Tag für Tag ein Grüppchen Breakdancer. Dorny hätte den Platz räumen lassen können. Stattdessen lud er die Jugendlichen auf ein Bier ein und erfuhr, dass sie für einen Wettbewerb probten. Kurzerhand gab er ihnen den Schlüssel für einen Probenraum der Oper und stellte ihnen einen Choreografen zur Seite. „Für mich war das etwas völlig Neues, ich fand das spannend. Und außerdem wollte ich ja das Café haben“, sagt Dorny. Seither gewinnen die Breakdancer der Pockemon Crew einen Preis nach dem anderen, einige der ­Tänzer arbeiteten schon mit Berühmtheiten wie den Chemical Brothers und Madonna zusammen.
Dorny wiederum hat sich mit politischen Inszenierungen, günstigen Eintrittskarten und Schulprojekten ein derart junges und sozial gemischtes Publikum erspielt, dass die Leiter anderer europäischer Opernhäuser vor Neid erblassen. Neue Opern lässt er gern auch mal von Politikern oder ehemaligen Revolutionären schreiben. Angeblich ist die Kunstform der Oper ja dem Untergang geweiht, aber in Lyon ist sie lebendiger denn je. Das passt sehr gut zu dieser aufmüpfigen Stadt.


Lyon-Tipps

le lavoir public

Tanzen zwischen Badewannen: In der einstigen Waschanstalt steigen Konzerte und Partys.

lelavoirpublic.fr

L’œil de boeuf

Sakraler Augenöffner: Der Blick von der Stahlbrücke ist toll, der Cathedral Park darunter auch.

atelier-oeildeboeuf.com

café des négociants

Opulenter Stuck und die beste heiße Schokolade der Stadt: Dieses Café ist immer voll.

lesnegociants.com

okko hotel

Hier bucht man durchdesignte Zimmer, tolle Küche und einen Wahnsinnsblick auf die Rhône.

okkohotels.com

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foursquare.com/lufthansa