Helge Timmerberg über Nächte in der Serengeti
© Tim Möller-Kaya

Der Mut des Massai

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

Off season in einer Lodge am Südrand der Serengeti. Kein Regen, keine Pflanzen, keine Tiere. Sie sind unterwegs, aber noch nicht da. Ein paar Millionen Grasfresser folgen jedes Jahr den Wolken von Kenia nach Tansania, und wie es hier aussehen wird, wenn sie angekommen sind, zeigen Fototafeln im Foyer der Lodge. Jede Menge Gnus, Gazellen und Giraffen in Steinwurf-Distanzen – und natürlich auch jede Menge Großkatzen. Sie sind immer in der Nähe von Vegetariern, und wenn die Gnus weiterziehen, dann ziehen sie halt mit. Bis auf eine Löwin. Die ist geblieben. Während der gesamten Zeit schleicht sie um die Lodge und ernährt sich von irgendwas. Von den Hühnern? Vom Abfall der Gäste? Von den Gästen? Wir sind die Einzigen, Lisa und ich. Wir bewohnen eine Economy-Hütte außerhalb des Hauptgebäudes. Dazwischen liegen etwa 50 Schritte. Links die Hütten, rechts die Savanne, die Akazien, die Dunkelheit. Und die Löwin? Die Hütten werden von einem Massai mittleren Alters bewacht. Was nützt uns das? Er hat kein Gewehr, nicht mal einen Speer, ein Stock ist seine einzige Waffe. Und seine Augen. Er sieht, als wir ihn passieren, gerade sehr konzentriert in die Nacht hinaus. Er springt auf. Er geht schnurstracks und schnell auf etwas zu, das sich dort bewegt hat. Und als er zurückkommt, ist alles gut. Im Bett denke ich noch ein bisschen darüber nach. Der Massai ist auf ein hungriges Raubtier zugeeilt, das ihn sofort hätte zerfetzen können, aber es sah so aus, als sei das Gegenteil der Fall. Wir wissen, dass das nicht stimmte. Aber die Löwin weiß das nicht. Die ist eine Gefangene ihrer Reflexe. Was vor ihr wegläuft, ist fällig, was stehen bleibt, meistens auch, aber was sie angreift, ist in der Regel kein Opfertier. Die Zielstrebigkeit, die Selbst­sicherheit und der Blick des Massai haben sie verjagt. Das waren seine Waffen, nicht der Stock. Und was sagt mir das? Zwei­erlei. Auf Löwen muss man zugehen. Und: Dominanz ist alles.


Unser Kolumnist, 1952 geboren, trampte mit 17 Jahren erstmals nach Indien und traf anschließend seine Berufswahl: Reiseautor. Seitdem pflegt er sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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