© André Gottschalk

Sie packen das schon …

  • TEXT MAREIKE NIEBERDING
  • ILLUSTRATION ANDRÉ GOTTSCHALK

Wer braucht was für welche Reise? Manche füllen Koffer, andere greifen zum Trolley, bevorzugen den Weekender oder schwören auf den guten alten Seesack … das Gepäck verrät oft weit mehr über den Reisenden als sein Ziel – eine kleine Typologie des Reisegepäcks

koffer

Die Queen reiste mal mit 147 Koffern nach Paris. Stefan Effenberg ließ seinen Koffer vom Zeugwart packen. Marlene Dietrich nannte ihre Schrankkoffer „Elefanten“.

Abgeleitet vom Lateinischen cophinus, was Weidenkorb heißt, entwickelte sich der Koffer in den vergangenen Jahrhunderten vom Flechtwerk erst zu einer Kiste aus vulkanisiertem Holz, dann zu einem tragbaren Rechteck aus Stoff oder Leder.

Der erste Koffer in heutiger Form wurde am französischen Königshof erfunden, von einem damals noch unbekannten jungen Mann mit dem Namen Louis Vuitton.

Aber der Koffer ist mehr als nur ein Transportgegenstand. Er ist ein Stück Heimat in der Fremde. In Herta Müllers Roman „Atemschaukel“ ist der Koffer für den 17-jährigen Protagonisten im russischen Gulag ein Ort der Erinnerung, er hält ihn am Leben, er lässt ihn hoffen, dass seine Reise in die Finsternis irgendwann ein Ende findet. Weil ein Koffer ein- und wieder ausgepackt gehört.

Heute ist der Koffer ohne Rollen oder Tragegurt nur noch selten zu sehen. Er ist nicht mehr praktikabel, mehr Dekoration als Gepäckstück. Außer für den älteren Herrn im grauen Dreiteiler auf dem Bahnsteig. Er ist behütet, bestockt, bekoffert. Vielleicht ist auch er nur ein Zeitreisender.

Reisekoffer
© André Gottschalk
Farbklecks

 

Trolley
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rollkoffer

Es rattert und poltert. Es knattert und foltert, jedenfalls den, der hinter der Hauswand schlafen will. Es gibt kaum ein Gepäckstück, das so inbrünstig gehasst und so vielfach genutzt wird wie der Rollkoffer. In Österreich war ein Mann mal so genervt, dass er eine Trolley-Lärmende mit der Pistole bedrohte. Den Rollkoffer mit Teleskopstange gibt es seit 1987. Erfunden hat ihn der US-Pilot -Robert Plath. Seitdem steht der Trolley für die Flexibilität der Berufspendler. Zum Beispiel die Leichtgewichte von Rimowa, die in Polycarbonat bei 105 Liter Fassungsvermögen nur 3,9 Kilo wiegen. Montagfrüh um halb sieben werden sie an der Seite der Anzugherren und Kostümdamen über die Flughäfen in Richtung Büro geführt. Auf dem Kopfsteinpflaster europäischer Altstädte rattern sie Donnerstagabend der Erholung entgegen. Hassobjekt der Gentrifizierungsgegner, Lieblingsteil der Reiseroutiniers – der Rollkoffer ist ein streitbares Stück.

Reisetasche
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weekender

Das ist einer fürs Wochenende, zu klein für die Woche, zu groß für eine Nacht. Eine Tasche für zwischendurch, das Gepäckstück des Spontanreisenden, des Lass-uns-einfach-losfahren-Abenteurers, der aber Montagmorgen, pünktlich um halb neun, wieder im Büro sein will. Im Sechziger-Jahre-Filmklassiker „Der Swimmingpool“ mit Romy Schneider und Alain Delon steht auf dem Rücksitz des Sportwagens der zwei Besucher, die bald zu Eindringlingen werden, natürlich ein Weekender. Dieses Gepäckstück verbindet Côte d’Azur und Kottbusser Tor, Eleganz und Lässigkeit. Savoir-vivre und ein kühles Getränk am Kiosk um die Ecke. Denn der Weekender ist widerstandsfähig, vor allem die Modelle aus beschichtetem Leinen der koreanischen Marke Gear3, halb nostalgisch, halb futuristisch. Besonders geliebt wird er von Männern – als Handtasche, die man nicht so nennen muss.


 

Seesack
© André Gottschalk

seesack

1958 ging in Bremerhaven ein amerikanischer Soldat von Bord, der zum Zeitpunkt seines Dienstantritts bereits 50 Millionen Schallplatten verkauft hatte: Elvis Presley. Über die Schulter geworfen trug er einen olivgrünen Seesack.

Der Seesack ist meist aus grobem Segeltuch. Er ist das Reisegepäck des Soldaten: passt viel rein, ist schnell gepackt.

So wie der GI mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zur popkulturellen Figur wurde – kaugummikauend, für Frieden und Freiheit kämpfend –, wurde der Seesack cool und blieb es auch.

Die schönsten Modelle gibt es noch immer im Seglershop. Und seit die Neunziger ein Comeback feiern, kann man auch wieder die zwei H von Helly Hansen spazieren führen.


 

Reiserucksack
© André Gottschalk

xxl-Rucksack

Der Rucksack ist älter als wohl jedes andere Gepäckstück in dieser Liste. Schon der Ötzi war vor 3300 Jahren mit einer Kraxe unterwegs, einem Gestell aus Ästen, an dem Bündel und Beutel befestigt wurden, einem Vorläufer des Rucksacks.

Seit Jahrtausenden schleppen Menschen ihre Habseligkeiten auf dem Rücken durch die Welt, über Berggipfel und Sanddünen, um Handel zu treiben oder
ihre Entdeckerlust zu befriedigen.

In den Siebzigern entwickelte sich das Backpacking zu einer eigenen Reiseform. Immer griffbereit in einer der unzähligen Seitentaschen des Deuter, Fjällräven oder Tatonka: ein „Lonely Planet“, dessen erste Ausgabe 1973 mit dem Titel „Across Asia on the Cheap“ erschien.

Und obwohl der Rucksacktourismus seinen Ursprung in der Hippiebewegung hat, ist er heute vor allem ein prächtiges Geschäft: Australien nimmt jedes Jahr 3,5 Milliarden australische Dollar dank der Backpacker ein.

Ohne festes Ziel von Strand zu Strand zu reisen, das geht mit keinem Gepäckstück so mühelos wie mit dem Rucksack. -Solange man ihn nicht überfordert. Bei 75 Liter Fassungsvermögen passt in manch einen XXL-Rucksack beinahe mehr als ins hei-mische WG-Zimmer.

Plastiktasche
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china bag

Diese Tasche trägt die Welt spazieren. Es gibt wohl kaum ein Gepäckstück, das international so verbreitet ist wie die quadratische, rot-schwarz-karierte Tasche aus PVC.

Sie ist so weltgewandt, dass sie gleich mehrere Namen trägt: In New York heißt sie China Bag, weil die Taschen in China produziert werden. In Deutschland nannte man sie früher etwas spöttisch und despektierlich „Polenkoffer“ oder „Türkentasche“, weil sie hierzulande vor allem in Städten auftauchte, in denen viele Menschen mit Migrationshintergrund lebten.

In Nigeria heißt sie „Ghana-must-go-Bag“, weil Anfang der 1990er-Jahre besonders viele Ghanaer wegen ungültiger Papiere das Land verlassen mussten.

Für die meisten ihrer Träger waren wohl der günstige Preis und ihre Widerstandsfähigkeit ausschlaggebend. Für den Berliner Grafikdesigner Chris Rehberger war es ihre Internationalität.

Er erfand die Tasche jüngst in Kooperation mit dem Berliner Concept-Store-Betreiber Andreas Murkudis neu. Sein „Standard Bag“ ist aus Ziegenleder, damit es die Reise um die Welt auch aushält.


 

Reisenecessaire
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necessaire

Für den selbstgekrönten Kaiser der Franzosen umfasste das Allernötigste rund 110 Einzelteile. In die Schlachten von Austerlitz, Jena, Eylau und Friedland begleitete Napoleon Bonaparte ein Necessaire aus Mahagoniholz mit Seifendosen, Lakritzpastillen, zwölf Zahnbürsten, Zungenschabern aus Elfenbein, Rasiermessern, Parfümflakons, Porzellan, Besteck, Nähzeug und Toilettenartikeln.

Die Necessaires des 19. Jahrhunderts boten Platz für einen ganzen Reisehaushalt. Mittlerweile begnügt man sich mit einem Beutel, durchsichtig und zugeschnitten auf die 100-Milliliter-Handgepäck-Regel der Fluggesellschaften.

Darin hat der Reisende von heute so wenig Platz, dass man die Vorsilbe Kultur- für den Beutel lieber weglässt, vom napoleonischen „Allernötigsten“ ganz zu schweigen. Die eindrucksvollen Necessaires seiner Offiziere kann man sich im Hermès-Archiv in Paris anschauen.


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.