Bei Tag Herr Heimann, Ingenieur, nachts Eisbachsurfer, Spitzname Marianne
© Fabian Weiss

„Sonst schmeißt es dich!“

Die Eisbachwelle steht in jedem Reiseführer für München. Deshalb surfen die echten Könner lieber nachts, und das  bei jedem Wetter. Geht’s hier bloß um Männer, die wieder Jungs sein wollen? Unsinn, finden die selbst

Marian Heimann tanzt, vom Scheinwerfer beleuchtet. Er biegt seinen Körper, er richtet sich auf, geht in die Hocke, ganz leicht nur, er wagt einen Sprung, landet butterweich, der Rücken ein Bogen, und plötzlich dreht er Pirouetten, einmal, zweimal, dreimal, der Kopf zuerst, dann folgt blitzschnell der restliche Körper, „Yeah!“, schreit einer von der Seite, Marian Heimann reißt die Arme hoch und lässt sich fallen. Zurück bleibt die Welle. Diese braune Wucht, die sich einen halben Meter hoch aufbäumt, oben zu weißem Schaum kräuselt und, als wäre nichts gewesen, weiterfließt. Tag und Nacht, mehr als 20 Tonnen Wasser pro Sekunde, das Gewicht von fünf großen Elefanten. Ein Kreuzbandriss. Ein gebrochener Lendenwirbel. Mehr ist Marian Heimann bisher nicht passiert.

Die Stadt München schreibt auf ihrer Homepage von einer „beliebten Münchner Attraktion“, Reisebusse laden hier täglich Touristen aus der ganzen Welt ab. Im Sommer ist die Eisbach­brücke so voll, dass kein Fußgänger vorbeikommt. Profis wie ­Kelly Slater, Gerry Lopez und Jack Johnson waren schon da. Eine Frauenzeitschrift lockt: „Mädels, hier gibt es die süßesten Jungs!“ Kurz vor Mitternacht, Montag. Münchens Innenstadt schläft, als Marian Heimann vom Ufer zur Brücke hochklettert, ein großer Mann in schwarzem Neopren. Vier Akkustrahler stehen auf der Mauer, er macht einen aus, den anderen an, die Welle ist jetzt heller. „Was ist denn besser?“, schreit er runter. „Ja!“, ruft einer hoch. Der Eisbach rauscht laut wie eine befahrene Autobahn.

Das folgende Video ist nicht für Untertitel geeignet. Die Beschreibung finden Sie auf der Seite

 Vier Freunde, der Eisbach und die Nacht. Tagsüber stehen manchmal 20 Surfer am Ufer, für ein paar Sekunden auf der ­Welle. „Nervt. Nachts gibt es nur uns. Und ein paar Verstrahlte, die uns von der Brücke zuschauen“, sagt Marian Heimann, Spitz­name Marianne. „Weil ich blond bin. Weißt schon, Marianne und Michael.“ Mit neun Jahren stand er das erste Mal auf einem Brett. Heute, mit 31, sieht Heimann aus, als würde er für Sportmagazine posieren. Die Haare sonnengebleicht und verwuschelt, der Körper trainiert, ohne zu muskulös zu sein. „Surfen ist für mich echt der Sinn des Lebens, klingt kitschig, ich weiß. Da kann ich ganz anders abschalten. Das ist dann so ein innerer Friede, der sich in mir breitmacht nach einer Session.“

Wer als Surfer in München lebt, für den ist das Meer eine Tagesreise entfernt. Doch im Eisbach, der größtenteils unterirdisch fließt, gab es da diese Stelle im Englischen Garten am Haus der Kunst, wo sich ab und an so viel Kies im Flussbett ansammelte, dass eine kleine Welle entstand. Eines Tages soll jemand eine Eisenbahnschwelle im Wasser montiert haben, so genau weiß das keiner mehr fast 30 Jahre später. Seitdem hat der Eisbach eine stehende Welle, die sich – anders als die im Meer – nicht fortbewegt. Marian Heimann kommt aus dem Ruhrgebiet, hat in Brasilien und den USA gelebt, die Eisbachwelle hat ihn beim Surfen im Meer weitergebracht und umgekehrt, sagt er. Der Unterschied? „Die Welle im Meer musst du lesen, du kennst sie nicht, du musst schnell reagieren. Dafür ist es leichter, sich auf dem Brett zu halten als im Fluss.“

Beatles mit Boards: Am Ufer ziehen sich nur Poser um, echte Männer kommen schon in voller Montur

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© Fabian Weiss
Das Alte Rathaus repräsentiert das gediegene München

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© Fabian Weiss
Aber der wilde Eisbach gehört auch zur Stadt

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© Fabian Weiss
Jede Welle eine Delle: Smollas Brett nach einer langen Nacht, da hilft nur viel Wachs

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© Fabian Weiss
Bei Tag Herr Heimann, Ingenieur, nachts Eisbachsurfer, Spitzname Marianne

Bei Tag Herr Heimann, Ingenieur, nachts Eisbachsurfer, Spitzname Marianne

© Fabian Weiss
Der andere Sport der Münchner, auch flüssig, am Viktualienmarkt

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© Fabian Weiss
Längst ist der Eisbach auch Folklore, jede Stadttour führt an ihm vorbei

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© Fabian Weiss
Oben bleiben oder untergehen – das gilt auch für Snowboardprofi Marco Smolla

Oben bleiben oder untergehen – das gilt auch für Snowboardprofi Marco Smolla

© Fabian Weiss

 Unten sind sie verwirrt, geben sich Handzeichen von beiden Uferseiten, soll ich jetzt, oder du? Sie lachen, mei, wer denn nun? Und – zack! – ist der Pietzi drauf, jagt von rechts nach links, eine Acht nach der anderen, kürzt ab, kehrt um und springt, das Brett an den Füßen, landet, da schluckt ihn das Wasser. Das ist das Geile, sagen sie. Sobald du an was anderes denkst, schmeißt es dich. Die ersten Eisbachsurfer knoteten sich ein Seil um den Körper, das von der Brücke hing. Ein paar Meter weiter warten unter Wasser, also nicht sichtbar, vier Reihen mit je sieben Betonblöcken. 28 gute Gründe, hier nicht als Anfänger zu surfen. Vor zweieinhalb Jahren erwischte es nachts einen, das Brett knallte ihm gegen den Kopf, er verlor das Bewusstsein, Schädelhirntrauma, Jochbeinbruch, ein Riss über dem linken Auge. Hätten ihn nicht zwei Freunde gerettet, wäre er tot, sagten die Ärzte.

Er war mit einer Fahrradlampe am Kopf gefahren. Jahrzehntelang war das Baden und Surfen im Eisbach verboten. Gehalten hat sich keiner dran. Mittlerweile hat die Stadt das Surfen legalisiert. Die Surfer kommen. Mehr als 2000 sollen es in München schon sein. Die SPD, regierende Partei der Stadt, schlägt nun vor, noch eine Anlage zu errichten, mit einer künstlichen Welle, alles für die „Surfstadt München“. Macht sich gut.

Auftritt Schmiddi: Im Sprung platziert er das Brett unter den Füßen, reitet die Acht großzügiger, weitere Kurven, aber nicht so beweglich wie der Pietzi, kraftvoller, springt auch höher. Er kommt auf und lässt sich flach fallen wie eine Flasche, darauf kommt es an. Nicht zu tief abtauchen. Zehn Meter lässt er sich treiben, greift dann nach einem Ast, der überm Wasser hängt, und zieht sich heraus. Sie reiten die Welle fünfmal die Woche, immer nachts, auch im Winter. Dann sind Kopf, Hände, Füße ebenfalls vom Neopren bedeckt. Der Eisbach gefriert nicht, dazu fließt das Wasser zu schnell.

Der Andrang bei Tag nervt. Nachts gibt es hier nur uns

Marian Heimann, Eisbachsurfer

Marian Heimann ist zum Studium nach München gekommen, hat mehr Vorlesungen geschwänzt als besucht, seine Wohnung lag in der Nähe des Eisbachs, die Bretter im Keller, die Versuchung hat oft gesiegt über die Vernunft. Heute arbeitet er in seiner Freizeit als Umweltingenieur, so fühlt es sich jedenfalls an, sagt er, in Gedanken immer bei der Welle. Wie voll wird es heute? Welchen Move übe ich später noch? Seit ein paar Jahren gilt er in der Szene als Surfprofi und wird von einem Ausstatter gesponsert.

Alles Männer, die wieder Jungs sein wollen? Schwachsinn, sagt Heimann, ein Klischee. Er will jetzt wieder aufs Wasser. Ist drauf, springt, nimmt das Brett und dreht es und dann, schon im Fall, noch schnell sich selbst. Er ist der Eleganteste von ihnen, seine Bewegungen sind fließend, kein Ruck geht durch seinen Körper.

„Scheiße, ist das kalt vom Regen!“ Marco Smolla, genannt Mula, zieht sich eine Jacke über, er, 26, hier geboren, am Eisbach aufgewachsen, hat das Wasser gemessen: zehn Grad. Er ist erkältet, war nur ein Mal drin, 1,65 Meter klein, mit seinem Paar-Tage-Bart und der in die Stirn gezogenen Kapuze hat er was von einem Hobbit. Smolla ist einer der bekanntesten Snowboarder Deutschlands, er verdient sein Geld mit Fotos und Videos, die, wenn er die höchsten Berge der Welt runterrast, den Anschein erwecken, er könnte fliegen. 2013 und 2014 war er auf Weltreise, sein Sponsor hat das Ticket bezahlt, ein Jahr lang Snowboarden und Surfen, je nach Klima. Wenn er anderen Surfern erzählte, dass er aus München kommt, kam immer die gleiche Frage: „Did you ever surf the Eisbach?“ Er musste dann stets ausführlich erklären, wie man sie nimmt, diese Welle, die ja nicht von hinten, sondern von vorne kommt.

Surfen in München: „Sonst schmeißt es dich!“

Ende Mai kühlt Schmelzwasser aus den Bergen den Eisbach noch weiter ab

© Fabian Weiss

 Ein Mal im Jahr, zur Bachauskehr, ist das Wasser weg. Ebbe, dann wird der Eisbach sauber gemacht, drei Wochen lang. Dann kann man sehen, wie die Surfer mit den Füßen scharren. Wie sie bemüht lässig die Brücke entlanglaufen, nach unten schauen ins nackte Flussbett. Noch immer nichts. Marco Smolla studiert jetzt Physik, um die Kraft des Wassers noch besser nutzen zu können, wie er sagt. Marian Heimann steht auf der Brücke, umgezogen, es ist kurz vor zwei Uhr, seine Freundin wartet. Aber der Akkustrahler läuft noch. Er schaut, Hände in den Hosentaschen, auf die beleuchtete Welle und verlagert das Gewicht von einem Bein aufs andere, immer wieder, links, rechts, links, rechts. Als wollte er jetzt auch hier, auf dem Asphalt, erst eine neue Balance finden.