Eine Kosovarin in Tracht in den Rugova-Bergen
© Meiko Herrmann

Der Balkan tanzt

  • TEXT FLORIAN SANKTJOHANSER
  • FOTOS MEIKO HERRMANN

Urlaub im Kosovo? Aber ja! Die junge Nation bietet wilde Natur, kulturelle Traditionen und städtischen Aufbruch. Das Allerbeste aber: die Menschen, die einen herzlich willkommen heißen.

Der Muezzin hat es schwer. Seine Stimme, die sonst ungestört aus den Lautsprechern des Minaretts über Prizren hallt, muss sich heute gegen schwere Beats durchsetzen. Die größte Party des Kosovo ist in vollem Gange: das Dokufest, Film- und Musikfestival zugleich, Magnet für Kreative und Kulturfreunde aus dem ganzen Land. Noch mehr Mädchen in Sommerkleidchen und noch mehr Jungs in engen Poloshirts an der Flusspromenade als sonst. Verantwortlich für den Rummel ist Veton Nurkollari. Der hagere Mittfünfziger mit dem weißen Vollbart startete das Event vor 15 Jahren. „Wir wollten eigentlich nur, dass das alte Kino wieder öffnet“, erzählt Nurkollari, „wir hatten keine Ahnung, wie man ein Festival veranstaltet.“ Mittlerweile dauert das Dokufest über eine Woche, man kann mehr als 200 Filme sehen und die Nächte im Marashi-Park durchtanzen. Es kommen 30 000 Besucher, die Prizrener vermieten ihre Privatzimmer, weil die Hotelbetten längst nicht reichen.

Es kommen auch immer mehr ausländische Besucher. Sie knipsen die osmanische Steinbrücke, den Hamam, der seit Jahren eingerüstet ist, und die Sinan-Pasha-Moschee, deren abgebröckelte Blumenfresken mit türkischer Hilfe aufgefrischt wurden. Und sie steigen hinauf zur Festung auf dem Hügel. Hier, an der Steinmauer, liegt das schönste Freiluftkino des Dokufests, mit Blick auf die roten Dächer, Kirchen und Minarette und die grünen Berge dahinter. Jedes Jahr steht das Festival unter einem Motto, diesmal wird es „Zukunft“ sein. Nicht selten klingen die Leitgedanken politisch: „Migration“ war darunter, „Korruption“ hieß es 2016. „Wir leben in einem Land, in dem Korruption der Normalfall ist und sogar weiter zunimmt“, klagt Veton Nurkollari, „du kannst damit leben – oder dagegen kämpfen.“

Veton Nurkollari vor seinem Kino in Prizren

Veton Nurkollari gründete 2002 das Dokufest in Prizren

© Meiko Herrmann
Politische Kunst in Prizren

Politische Kunst in Prizren

© Meiko Herrmann
Blerta Zeqiri, hier mit lila Fächer, führt durch Prizren

Kurze Abkühlung, dann geht die Tour mit Blerta Zeqiri durch Prizren

© Meiko Herrmann
Menschen auf der osmanischen Steinbrücke in Prizren

Die osmanische Steinbrücke in Prizren

© Meiko Herrmann

PRN

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  Den meisten Besuchern geht es freilich mehr um Party als um Politik. „Aber genau deswegen liebe ich es hier“, sagt Blerta Zeqiri. Das Dokufest bringe Leute zusammen, die sich sonst niemals begegnen würden. Die 38-jährige Filmemacherin will uns ihre Lieblingsplätze zeigen. Es wird eine Mini-Stadttour, die fröhlich ausufert. Alle paar Meter bleibt sie stehen und umarmt jemanden: eine Schmuckdesignerin, die in Island lebt, ein Freddie-­Mercury-Double mit blondierter Tolle, Schnauzer und Tiger­shirt. Vor Zeqiris Stammlokal treffen wir einen Fotografen, einen Architekten, einen Jazzpianisten – Klassentreffen der kosovarischen Kreativen. Zeqiri bestellt Tee und ein Backgammon-Brett, sie spielt mit ihrem Mann, plaudert und knabbert Nüsse. Woanders sehe man in einem solchen Teehaus nur Männer, sagt sie, „aber Prizren ist toleranter.“ Hier leben auch Bosnier, Serben, Türken, Roma, Gorani. Und neben Christen auch viele islamische Sufis.

Mitten in der Altstadt steht die Halveti-Tekke, ein 1835 erbauter Derwischkonvent, das Gebäude des größten Sufi-Ordens von Prizren. Wir können Scheich Abidin Shehu treffen, das Oberhaupt der Tekke. Wir sitzen um einen geschnitzten Holztisch, auf dem Boden liegen schwere Teppiche, Wände und Decke sind aus dunklem Holz. Alles hier ist altehrwürdig, bis auf den Scheich. Der Geistliche, 35 Jahre jung, gibt sich weltlich: Für Twitter-Fotos fläzt er sich auf dem Motorrad und posiert mit Sonnenbrille am Strand. Shehu ist der neunte Scheich in seiner Familie. „Viele denken, wir machen hier geheime Magie“, sagt er, „aber wir tanzen nur im Kreis.“ Dann steckt er sich eine Zigarette an und lädt uns ein, selbst zu sehen, um halb elf abends, beim wöchentlichen Ritual. Abgemacht.

Beim Derwischtanz nicken die Köpfe, der Kreis wird enger, der Gesang schwillt an

Am Abend stellen sich die Männer auf, fassen sich an den Händen und drehen sich langsam im Kreis. Der monotone Gesang schwillt an, eine traumschöne Endlosschleife, durchbrochen von einem Solisten. Der Scheich stampft auf, die Tamburine setzen ein, die Männer legen sich die Arme um die Schultern, drehen sich schneller. Oberkörper wiegen sich, Köpfe nicken links, rechts, der Kreis wird enger, die Trommler schlagen frenetisch, alle hüpfen und nicken, fast wie in Trance. Mit einem Mal ist alles vorbei, Arme ausbreiten, Abschlussgebet. Eine bessere Show bekommt an diesem Abend keiner geboten in dieser Stadt.

Kirche in einem Vorort von Prizren

Kirche in einem Vorort von Prizren

© Meiko Herrmann

  Am nächsten Tag fahren wir nach Pristina, der Weg führt über sanfte Hügel, in den Dörfern reihen sich unverputzte Ziegelhäuser aneinander. Die meisten sind von „Schatzis“ bezahlt. So nennen die Kosovaren jene Landsleute, die zum Arbeiten ins Ausland gegangen sind, vor allem nach Deutschland oder in die Schweiz. Im Sommer kommen sie zurück, um Verwandte zu besuchen und um zu heiraten. Kolonnen von schwarzen Mercedes- und BMW-Limousinen, mit Blumen und Schleiern verziert, kommen uns entgegen. Man zeigt, dass man es geschafft hat.

„Guten Tag“ und „Grüß Gott“ rufen uns Männer zu, als wir über den neuen Boulevard in Pristina spazieren. Hier schlägt das patriotische Herz der Stadt, hier stehen die Statuen der Nationalheiligen: Skanderbeg, Ibrahim Rugova und Mutter Teresa. Von einer Prachtstraße zu sprechen wäre aber übertrieben. An den Säumen wuchert ein wilder Stilmix: ein Banken-Glasturm, ein Zuckerbäcker-Luxushotel und jede Menge sozialistischer Beton. Aus osmanischer Zeit sind nur vereinzelte Moscheen geblieben, eine intakte Altstadt gibt es nicht. Was als sehenswürdig gilt, muss man mögen wollen: die Nationalbibliothek mit Stahlgitter-­Schleier und 99 Kuppeln, der Palast der Jugend und des Sports, ein Wunderwerk des Brutalismus. Das Monument davor dagegen lieben alle: „NEWBORN“ steht in drei Meter hohen Stahllettern auf dem Platz, „Neugeboren“, enthüllt zur Feier der Unabhängigkeit am 17. Februar 2008. Seit 2013 werden die Buchstaben zu jedem Jahrestag neu in Szene gesetzt. In diesem Jahr lagen die Buchstaben N und W auf dem Boden, zusammen mit weißer Farbe bildeten sie die Worte „NO WALLS“, als Mahnmal, das an die eingeschränkte Reisefreiheit der Kosovaren erinnern soll.

 

Karte von Kosovo

1 Rugova-Schlucht
2 Patriarchen-Kloster von Peja
3 Kloster Visoki Dečani
4 Mirusha-Wasserfälle
5 Prizren
6 Pristina

© Cristóbal Schmal

Natürlich wollen viele weg, sagt Baton Domi, einer, der zurückkam. Domi ist 38 Jahre alt und trägt Schnurrbart zu Ohr- und Augenringen. Er sitzt im Garten der Soma Book Station an einem Tresen aus hölzernen Bahnschwellen, gedämpfte Musik dringt aus dem Restaurant, das er vor zweieinhalb Jahren eröffnet hat. „Dieser Ort ist die Seele der Stadt“, sagt er. Wenn man sich das Publikum anschaut, könnte man ihm zustimmen. Frauen in Cocktailkleidern und Männer in Sakkos und Designerbrillen drängen sich um die Bar. Auswanderer auf Heimaturlaub essen Steaks zwischen Bücherwand und Klavier. „Ich wollte nie etwas Elitäres“, sagt Domi, „aber die Gäste übernehmen den Ort.“

Vor 13 Jahren, als er vom Kunststudium aus Dallas zurückkam, eröffnete er seinen ersten kleinen Buchladen ganz in der Nähe der heutigen Adresse. Im Soma versucht er weiterhin die Kultur zu fördern. Tagsüber ist der Laden Bücherei und Freiberufler-Büro, abends treten regelmäßig Musiker im Garten auf. An der Wand hängen Bilder eines kosovarischen Fotografen, der Schwule und Drag Queens in Brasilien fotografiert hat. „Vor einigen Jahren gab es noch schöne kleine Bars, in denen Bands spielten“, berichtet Domi, „aber sie wurden alle rausgeschmissen. Viele talentierte Künstler geben auf und arbeiten lieber in der Bank – das Nachtleben wird steriler.“ Langweilig ist es aber noch lange nicht. Im Klubi M Club tanzen die Jungen zu Elektro, im Duplex und im 13 Rooftop nicken die aufgepumpten Schatzis zum Hip-Hop. Wir entscheiden uns gegen Party und für einen Ausflug am nächsten Tag, früh am Morgen.

Uta Ibrahimi auf einem Felsen

Als Uta Ibrahimi vom Leben als Managerin genug hatte, gründete sie eine Agentur für Wandertouren

© Meiko Herrmann
Nationalbibliothek in Pristina

Stilblüten: Die Nationalbibliothek in Pristina schaffte es auf die Liste der „30 hässlichsten Gebäude“ des Daily Telegraph

© Meiko Herrmann
Ein Kosovare posiert beim Kulturfest in den Rugova-Bergen

Ein Kosovare posiert beim Kulturfest in den Rugova-Bergen

© Meiko Herrmann
Sufistische Derwische beim Tanz

Sufistische Derwische beim Tanz

© Meiko Herrmann

  Die Mirusha-Wasserfälle gelten als Naturwunder – und sind erst mal eine Enttäuschung: Ein blauer Schlauch, der den Generator für die beiden Kioske antreibt, verschandelt den untersten Wasserfall. Doch angeblich gibt es weiter oben noch elf weitere. Also kraxeln wir ein paar Jugendlichen in Badehosen hinterher. Mit jeder Höhenstufe, jedem Wasserfall wird es einsamer und schöner. Über dem vierten Fall verengt sich die Schlucht zu einer dramatischen Klamm, nur ein zerschlissenes Stahlseil an der Wand gibt Halt, an einigen Stellen ist es gerissen. Genug des Abenteuers. Wir setzen uns zu Ylber Berisha und Endriketa Bahtiri, zwei Mittdreißigern aus Pristina, die es jedes Wochenende in die Berge zieht. Sie haben gerade ihre Bierflaschen aus dem eiskalten Naturpool gefischt und laden uns auf einen Drink in der Abendsonne ein.

Das Idyll wird nur von der albanischen Flagge gestört, die jemand hoch oben auf die Felswand gesprüht hat, flankiert von den Porträts albanischer Volkshelden – Geschichte ist hier überall. 114 der 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen erkennen die Republik Kosovo als unabhängigen Staat an, doch die meisten Serben sehen ihn als untrennbaren Teil ihrer Heimat. So bleibt der Kosovo mit seinen rund 1,8 Millionen Einwohnern, davon etwa 90 Prozent Albaner, ein gespaltenes Land.

Im Westen des Landes liegen zwei der heiligsten Orte der Serbisch-Orthodoxen Kirche, beide gehören zum Unesco-Weltkulturerbe, geschützt werden sie von hohen Mauern und Kfor-Soldaten am Tor. Das Kloster Visoki Dečani ist eigentlich ein Wallfahrtsort, hier ruht König Stefan Uroš III. Dečanski, „unverwest nach 700 Jahren“, wie der junge Guide ganz ernsthaft erklärt. An diesem Tag sind wir die einzigen Besucher, die durch den makellos gepflegten Innenhof zur Marmorkirche schlendern. Noch heiliger ist nur das Patriarchenkloster in Peja, im Mittelalter Sitz des Oberhaupts der Serbisch-Orthodoxen Kirche. Stille und Leere auch hier. Ein Japaner schleicht um den 800 Jahre alten Maulbeerbaum, eine gestrenge Nonne überwacht in der Klosterkirche das Fotoverbot.

Blick auf Prizren nach Sonnenuntergang

Blick auf Prizren nach Sonnenuntergang

© Meiko Herrmann

  Wir haben genug von Märtyrern und Kriegerkönigen und fahren ein paar Kilometer weiter hinein in die Rugova-Schlucht, wo der Kosovo ein anderes Gesicht zeigt. Ein italienischer Soldat hat hier den ersten Klettersteig des Landes entworfen, 300 Höhenmeter die Wand hoch. „Aber sehr einfach“, sagt Uta Ibrahimi. Die drahtige 33-Jährige mit den weißblonden Dreadlocks war Managerin im Kosovo und in Albanien, bevor sie kündigte und eine Agentur für Wandertouren gründete. Wir folgen ihr über die Hängebrücke und klicken uns in das Stahlseil ein. Die Via Ferrata ist tatsächlich simpel, die Stahlbügel kraxelt man wie eine Leiter bergauf. Der Blick durch die Schlucht, über bewaldete Hänge und hinab zum Fluss ist überwältigend. Alle paar Minuten hören wir unter uns ein Jauchzen und Surren, dann fliegt wieder jemand mit der Seilrutsche hinab. Sie wurde im vergangenen Jahr eröffnet, zusammen mit einem zweiten Klettersteig. Es klingt so, als würde es auch in den Bergen bald etwas lauter und lustiger werden.