Das „Haus der Zeit“ am Karmelitermarkt Wien
© Cathrine Stukhard

Es hat sich ausgefranzt

  • TEXT EMILY BARTELS
  • FOTOS CATHRINE STUKHARD
  • ILLUSTRATION CRISTÓBAL SCHMAL

Immer nur kaiserliche Pracht? Total ­langweilig! Skurrile Touren zeigen, dass Wien mehr zu ­bieten hat als Sisi und Sachertorte.

Hässlich ist, was Hass erregt. Doch die Fassade, auf die Eugene Quinn gerade deutet, erregt höchstens Mitleid. Lila Kaulquappen winden sich auf rosa Grund, ­gesichtslose Frauen und ein einzelnes Auge sind auf den Putz gemalt. Aus der Pupille ragt eine Regenrinne. „Das Haus weint bei schlechtem Wetter“, sagt Stadtführer Quinn amüsiert. „Wer findet dieses Gebäude hässlich?“, fragt er in die Runde. Die meisten Teilnehmer der Führung heben die Hand, ein paar Arme bleiben unten. Schönheit ist eben eine Frage der Perspektive.

Der 48-jährige Quinn trägt eine Müllmann-Hose in Neon­orange, an ein Stöckchen hat er zwei zerknitterte Zettel gepinnt, auf denen in Comic-Sans-Schrift „Vienna Ugly“ steht. So ausstaffiert führt er Wien-Besucher zu den hässlichsten Orten der Stadt. Er beginnt an einem Flakturm aus dem Zweiten Weltkrieg, macht sich über die vergoldete Johann-Strauß-Statue im Stadtpark lustig und vergleicht das Gebäude des Ungarischen Kulturinstituts mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin: „Aggressiv und stolz – ein kleines Haus mit größenwahnsinnigen Ideen.“ Eine Führung wie seine Vienna-Ugly-Tour funktioniere natürlich nur in einer Stadt, die so schön sei wie Wien, sagt Quinn. Prunkvolle Bauten sind in der ehemaligen Kaiserresidenz die Regel, die Ringstraße im Stadtkern ist das Paradebeispiel: Hier reihen sich der Volksgarten, die Spanische Hofreitschule und die Nationalbibliothek theatralisch aneinander. Das Parlament gegenüber sieht aus wie ein antiker Tempel, samt strahlend weißen Säulen und Marmor­skulpturen. Ein paar Meter weiter eifert das Rathaus mit seinen Türmchen einem Disney-­Schloss nach. Selbst die Mietshäuser im Inneren Ring, sonnengelb oder elfenbeinweiß getüncht, sind hübsch. Wiens Märchenkulisse ist sein Kapital. Das hat die Stadt begriffen, deshalb hält sie die Gebäude in Schuss.

Der Fiakerstand am Sisi Museum in Wien

Wien ganz leger: am Fiakerstand ...

© Cathrine Stukhard
Das Mumok im Museumsquartier Wien

... und im Museumsquartier

© Cathrine Stukhard

VIE

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  Zweieinhalb Stunden dauert das Kontrastprogramm, Quinns Spaziergang zu Wiens architektonischen Gräueln. Monströse Dachaufbauten, künstliche Felswände, ausgerechnet das Ministerium für Innovation ist eine Ausgeburt der ­Architektur-Hölle. Hier wirkt das Paradox der Hässlichkeit – die Gebäude ­taugen zur Betrachtung, gerade weil sie ästhetischen Normen nicht entsprechen.

Eugene Quinn stammt aus London, vor acht Jahren zog er mit seiner österreichischen Frau nach Wien. 2012 gründeten sie das Kulturprojekt „space and place“, seitdem organisieren sie verspielte Anschläge auf den öffentlichen Raum: Kaffeehaus-Gespräche zwischen Wienern und Migranten, eine Geruchs-Tour namens „Smells like Wien Spirit“, ein Spielplatz für Erwachsene.

„Wir spielen mit dem Image der Stadt“, sagt Quinn. Was anderen absurd erscheint, ist ihm gerade lächerlich genug. Doch so wie Schönheit nicht ohne seinen Widerpart existieren kann, wäre der Berufsclown nichts ohne den passenden Gegenspieler. Seinen fand Quinn in der Wirtschaftskammer Wien. Denn die Behörde verlangt von den Guides eine Lizenz und eine Ausbildung, die sie zum Fremdenführer qualifiziert. Die Vorbereitung auf die Prüfung dauert zwei Jahre und kostet fast 5000 Euro. Da Quinn die nötigen Zertifikate nicht vorweisen kann, verhängte die Wirtschaftskammer ein Bußgeld von 380 Euro. Quinn ist angehalten, weiterhin die Müllmann-Hose zu tragen. Er darf keine Sehenswürdigkeiten zeigen und keine Jahreszahlen nennen – nur so sei die Tour von „richtigen“ Stadtführungen zu unterscheiden. Die Tagesschau berichtete über die kafkaesken Auseinandersetzungen, ebenso die Süddeutsche Zeitung, der Guardian und USA Today. Quinn sagt dazu nur, er wolle keine Institutionen bekämpfen, sondern das Image der Stadt. „Viele denken, Wien sei hoffnungslos altmodisch, aber das stimmt nicht.“

Viele denken, Wien sei altmodisch, aber das stimmt nicht

Eugene Quinn, Vienna Ugly Tour

Und doch: Manch Konservativer hängt den goldenen Zeiten nach, als Österreich viel österreichischer war als heute. Der Wiener lebt stets mit einem Bein in der Vergangenheit. Er lässt sich das Rauchen im Café nicht verbieten und manövriert in der Innenstadt klaglos an Pferdekutschen und -äpfeln vorbei. Jeder ­Hype ist ihm fremd. Der Kabarettist Karl Farkas sagte einmal: „Wir Wiener blicken vertrauensvoll in unsere Vergangenheit.“

Eugen Quinn zeigt auf der Vienna Ugly Tour einen Flakturm

Tour der Torturen: Eugen Quinn zeigt einen Flakturm

© Cathrine Stukhard
Eine Gruppe junger Frauen feiert im Tel Aviv Beach am Donaukanal

Schön blau: Die Gäste des Tel Aviv Beach am Donaukanal feiern den sechsten Geburtstag der Strandbar

© Cathrine Stukhard

 So brauchen Innovationen in der österreichischen Hauptstadt eben ein bisschen länger als in anderen Metropolen. Ein Beispiel für den langsamen Wandel ist der Naschmarkt, eine lange Reihe dunkelgrüner Pavillons mit gestreiften Markisen. Cafés und Restaurants gibt es hier erst seit elf Jahren, und sie haben die Gänge zwischen den Marktständen zum Laufsteg der Stadt gemacht. An dessen einem Ende sonnen sich die gut Betuchten und essen Austern, am anderen treffen sich Studenten.

Im Neni serviert die Familie Molcho Gerichte aus ihrer israelischen Heimat: Shakshuka, Tabouleh, Hummus. Mutter Haya Molcho eröffnete das Restaurant gemeinsam mit ihren vier Söhnen Nuriel, Elior, Nadiv und Ilan. Von Beginn an experimentierten die Molchos. Sie boten im Winter Glühwein an, zeigten Modeschauen im Sommer und ließen die Jalousien der Naschmarkt-Pavillons von Street-Art-Künstlern gestalten. „Anfangs mussten wir bei jeder kreativen Anfrage mit einem Nein des Magistrats rechnen. Das hat uns wirklich blockiert“, sagt Nuriel Molcho, der für das Marketing des Neni zuständig ist. „Das Neue ist in Wien nie das Gute – bis auch die Verwaltung merkt, dass es funktioniert.“ Aus dem Neni ist mittlerweile eine Marke und ein ­kleines Gas­tro-Imperium geworden, Ableger des Restaurants gibt es in Hamburg und Berlin; Amsterdam, Paris und München folgen. Haya gibt Unterricht in der eigenen Kochschule, Ilan kümmert sich um den Vertrieb des Supermarkt-Sortiments.

Auch mit ihrer Strandbar am Donaukanal gingen die ­Molchos neue Wege. Zuvor herrschte an dem tiefergelegten Ufersteig betongraue Ödnis, zwei Bars hielten die Stellung, an einige Abschnitte trauten sich nur Graffiti-Sprayer oder Jogger. Die Molchos kauften dort einen Pavillon, gestalteten ihn im Bauhaus-Stil und nannten die Strandbar Tel Aviv Beach. „Heute floriert der Kanal“, sagt Nuriel. Die Stadtverwaltung werde immer toleranter: Bars, die neu ans Ufer ziehen, erhalten großzügigere Genehmigungen als früher, dürfen zum Beispiel bis zwei Uhr nachts Musik spielen. Er steht, mit Strohhut und Shorts bekleidet, an einer Wanne und befüllt Wasserbomben. Die Molcho-Brüder feiern den sechsten Geburtstag des Beachclubs. An den Topfpalmen hängen Gummi-Flamingos, Ventilatoren verteilen gekühlten Sprühregen. Ab und an entbrennt eine Wasserschlacht, doch die meisten Gäste ­aalen sich in den Liegestühlen, rechts eine Zigarette, links ein Mojito, und schauen der Sonne beim Untergehen zu.

Die Brüder Elior, Nuriel und Nadiv Molcho in Wien

Elior, Nuriel und Nadiv, nur Ilan fehlt auf dem Bild: Die Initialen der Molcho-Brüder ...

© Cathrine Stukhard
Zwei Frauen sitzen im Neni am Naschmarkt in Wien

... gaben dem Neni am Naschmarkt seinen Namen

© Cathrine Stukhard
Der Stadtpark in Wien

Die Vienna-Ugly-Tour führt auch in den malerischen Stadtpark

© Pierre Adenis/laif
Fiaker an der Wiener Hofburg

Nostalgie pur: Fiaker an der Hofburg

© Cathrine Stukhard
Das analoge Kaufhaus Supersense in Leopoldstadt

Das analoge Kaufhaus Supersense in Leopoldstadt

© Cathrine Stukhard

  Wien sei eine Stadt der Zuschauer, sagt Eugene Quinn am nächsten Tag. „Die Wiener wollen eine Show sehen, aber nicht selbst Teil davon sein.“ Seit der ehemalige BBC-Journalist sich mit der Wirtschaftskammer geeinigt hat, wirbt auch Wien Tourismus auf seiner Website für die Ugly-Tour. Quinn will heute den neuen Campus der Wirtschaftsuniversität in Leopoldstadt als Gegenentwurf zur Altstadt herausstellen. Die geschwungene Bibliothek im Zentrum des Areals stammt von Star-Architektin Zaha Hadid: Weiße, abgerundete Flächen schrauben sich im Foyer in die Höhe, durchbrochen nur von schmalen Sichtfenstern, hinter denen auch die Kommandobrücke eines Raumschiffs liegen könnte. Im benachbarten Teaching Center bereitet Quinn häufig seine Touren vor. Die Fassade des Komplexes ist mit Stahl verkleidet, der langsam oxidieren soll. Es ist Quinns liebster Entwurf: „Auf den ersten Blick fragt man sich, was dem armen Haus zugestoßen ist, der Rost macht es so verwundbar.“

Die Universitäten, vor allem ihre lockeren Aufnahmeverfahren, ziehen viele Studenten nach Wien, jeder vierte kommt aus dem Ausland. Sie sind Teil eines vitalen Bollwerks gegen den Konservatismus. Und werden dabei angeführt von teils schon legendären Institutionen: Das Stadtmagazin Falter greift die Stadt immer wieder hart an, wenn es um Korruption und Klüngel geht. Die linke Radiostation FM4 sendet ein progressives Programm – teilweise auf Englisch. Die Popband Wanda und die Autorin Stefanie Sargnagel mit ihrer leicht depressiven Komik krempeln die österreichische Popkultur um. „Im 19. Jahrhundert war Wien eine radikal avantgardistische Stadt, Gustav Klimt und Sigmund Freud haben hier verrückte Dinge angestellt“, sagt Quinn. Für den Tourismus werde die Sisi-Romantik wieder hervorgekramt und die Historie in Frischhaltefolie verpackt. „Aber es kann sich in Wien nicht alles nur um Mozart und Sachertorte drehen.“