© Gene Glover

Wühlen bei Freunden

  • TEXT ANNIKA KIEHN
  • FOTOS GENE GLOVER

Die Schweden lieben ihren Trödel. Wer gerne nach alten Sachen sucht, ist in Göteborg genau richtig – ein Streifzug durch Welten aus zweiter Hand

Als ich eine Frau nach dem Weg frage, sagt sie mir, sie gehe dort aus Prinzip nicht mehr hin. „Dieser Ort ist irre, ich halte das nicht aus.“ Dann bin ich plötzlich da – und weiß, was sie gemeint hat. Die Schlange vor dem Saronkyrkan wälzt sich über die Straße, ein Querschnitt aus Göteborgs Gesellschaft steht brav an. Innerlich aber haben sie alle, das sehe ich sofort, schon die Ärmel hochgekrempelt. Sind bereit. Lauern. Denn donnerstags warten hier die besten Schnäppchen, offenes Geheimnis, weiß jeder. Vorfreudig reihe ich mich ein. So muss es sein, wenn Hennes & Mauritz eine exklusive Kollektion von Karl Lagerfeld präsentiert. Mit dem feinen Unterschied, dass wir vor einem Secondhand-Laden warten.

Die Türen öffnen sich, wild drängen die Schweden hinein. Nach dem 250. Besucher wird der Einlass vorläufig gestoppt. Ich schaffe gerade so den Cut und bummle die 800 Quadratmeter ab, lasse die Goldgräberstimmung auf mich wirken, das Gängegeplapper. Hier findet man so ziemlich alles, was man sucht. Und erst recht das, was man nicht sucht. Aus der Plattenkiste greife ich Elton Johns Album „Too Low for Zero“, in der spanischen Version, faszinierend. In der Möbelabteilung entdecke ich ein schwedisches Lundby-Puppenhaus, im Geschirrregal steht vergoldetes Porzellan aus Bayern.

Wuehlen bei Freunden Lufthansa September 2016

Die Ruhe vor dem Sturm: In die Saronkyrkan-Halle strömen gleich 250 Schweden

© Gene Glover
Wuehlen bei Freunden Lufthansa September 2016

Markt mit Moral: Wenn Schweden entrümpeln, dann aus Idealismus, als edle Geste – was ich nicht brauche, soll dich erfreuen!

© Gene Glover

GOT

,

 Ich verfluche mich dafür, dass ich mit dem Flugzeug abreise. Die schwedische Küchenbank für 50 Euro, der lindgrüne Ohrensessel für 14 Euro, ein großer Holzbilderrahmen für einen Euro – geht das noch als Sperrgepäck durch? Eher nicht. So bleibt es bei einem Shotglas für 20 Cent, das ich am Lederband wie eine Kette um den Hals trage. Das gelbe Verpackungsfoto erklärt mir, dass ich nun auf einer Party gleichzeitig essen und rauchen kann, ohne das Glas abstellen zu müssen. Fantastisch.

Weil sich die extrem günstige Ware schnell verkauft, wechselt das Sortiment im Saronkyrkan wöchentlich, seit 1982 läuft das so. Der regelmäßige Besuch ist für viele Göteborger längst Familientradition. Auch für Björn Rantil, 73, graues Haar, wacher Blick. Er hat sich im Café in eine Ecke gefläzt und beobachtet das Gewusel. Die Großeltern seiner Frau brachten ihn zum ersten Mal her, erzählt Rantil. Etliche Male ist er seither gekommen, heute fällt die Beute eher bescheiden aus: zwei „Pippi Lang­strumpf“-Erstausgaben von 1945, dazu „Die 100 schönsten französischen Gedichte“. Pippi sei für seine Enkelin, die Gedichte, also, tja … Björn verstummt, lächelt in sich hinein. Eine Jugendliebe habe ihn mit französischer Poesie vertraut gemacht, vor vielen, vielen Jahren. „Sie war sehr gebildet, und ich nur ein kleiner, unwissender Junge.“ Einer, der später Fotograf wurde, für die berühmte Hasselblad Foundation, und selbst da stets versuchte, früher von der Arbeit loszukommen, um es zum Saron­kyrkan zu schaffen. Man hätte ja was verpassen können. Der Laden ist ein Wühltischparadies, ungeeignet für Soziophobiker.

Wuehlen bei Freunden Lufthansa September 2016

Für (fast) jeden etwas dabei: Auf schwedischen Flohmärkten wird es traditionell voll

© Gene Glover

 Loppis hat es in sich. Loppis ist der schwedische Trödel, er steht für die ultimative Flohmarktkultur. Weil sich das Land aus zwei Weltkriegen raushielt, gab es kaum Plünderungen und Zerstörung in Schweden, auch deshalb liegen viele Schätze auf den Tischen. Ich bin diesmal gekommen, um den Flohmarkt der Superlative zu erleben. Immer am letzten Maiwochenende steigt in Göteborg der Megaloppis: Dann verwandelt sich Majorna, das Trendviertel im Westen der Stadt, in eine gigantische Flohmarktmeile, auf die knapp 100 000 Besucher strömen. In drei Tagen ist es so weit, bis dahin werde ich mich weiter in der Secondhand-­Szene umtun. Werde mich vorbereiten. Den Blick schulen.

Mehr als 40 dieser Läden gibt es in Göteborg, Patinaverket ist einer davon. „Wenn ich hier aufschließe, fühlt es sich an, als würde ich mein zweites Zuhause betreten“, sagt Inhaber Niklas Olsson, 31, an den Füßen abgewetzte Lederclogs, und macht sich einen Kaffee. Wie er die typisch schwedische Vintage-Stimmung beschreiben würde? Olsson überlegt. Dann ­erzählt er eine Anekdote. Neulich habe eine alte Dame eine Black-­Sabbath-Vinylplatte gekauft. Als er fragte, warum es diese sein sollte, sagte sie, das Cover gefalle ihr so gut. Er lacht laut: „Sie kannte die Gruppe gar nicht.“ Und ist damit nicht alles erklärt?

Die Leute interessieren sich dafür, wo die Dinge herkommen

Staffan Appelgren, Sozialforscher

Olssons Laden ist nur wohnzimmergroß, aber liebevoll eingerichtet. Aktuelle Trends, die an das skandinavische Design der Sechziger anknüpfen. Nostalgische Moderne sozusagen. Er hat sich auf hochwertige Stücke spezialisiert, auf Klassiker wie das Sideboard aus Teakholz, auf Ölbilder einheimischer Maler. Auch mich gewinnt er sofort. Seit ich denken kann, habe ich ein Faible für gebrauchte Dinge. Ich mag ihre persönliche Note, die Geschichte, die man mitkauft. Eine Bedeutung, die in Geld nicht zu bemessen ist. Der sentimentale Wert, die Seltenheit, das auch.

Seit knapp 15 Jahren ist die Secondhand-Kultur in Göteborg im Mainstream angekommen. Alle kaufen alt, nicht nur Studenten, Sammler, Spinner. Das Phänomen wurde sogar an der Universität Göteborg untersucht. Der Sozialanthropologe Staffan Appelgren erklärt: „Die Menschen interessieren sich wieder verstärkt dafür, wo die Dinge herkommen. Es geht darum, einen Bezug zu haben zu dem, was wir gebrauchen.“ Für seine Studie hat er nicht nur die befragt, die Altes verkaufen, sondern auch jene, die aus Altem ganz neue Dinge schaffen. Leute wie Michael Helander (eine Frau mit Männernamen), 49, und Michaela Holmdahl, 41. Seit vier Jahren betreiben die beiden Freundinnen ihre „reCreate Design Company“. Materielle Reinkarnation, darum geht es ihnen. Mit Vorhandenem experimentieren, es veredeln. Helander, vor einiger Zeit aus den USA eingewandert, schmeißt das schwedische Wort „Lagom“ in die Runde, und damit fängt ein längerer kulturgeschichtlicher Exkurs an, der laut ist und sehr lustig. Der Legende nach wollten die Wikinger früher so wenig wie möglich bei ihren Fahrten schleppen, ergo tranken alle aus einem Krug. Jeder sollte nur den Durst stillen und für die anderen genug übrig lassen – es sollte „laget om“ (für die ganze Truppe) reichen. Daraus erwuchs ein ungeschriebenes Gesetz, das sich in die schwedische Seele eingeprägt hat. Grob interpretiert bedeutet es: Nimm dir nicht zu viel heraus, begnüge dich mit dem, was du hast! Lagom steht für das gesunde Mittelmaß, ist zum Allzweckbegriff geworden, nahezu unübersetzbar: Das Wetter kann „Lagom“ sein, die Milch im Kaffee, der Verkehr. Lagom erklärt auch den reduzierten Einrichtungsstil der Skandinavier.

Wuehlen bei Freunden Lufthansa September 2016

Ist das Kunst oder macht die Licht? Bei „reCreate Design Company“ verbindet sich Funktion mit Patina

© Gene Glover
Wuehlen bei Freunden Lufthansa September 2016

Michaela Holmdahl und Michael Helander von „reCreate Design Company“

© Gene Glover
Wuehlen bei Freunden Lufthansa September 2016

Stau in den Bezirken Sandarna, Majorna und Kungsladugård: Alle wollen ein Schnäppchen, ein fynd, und pruta, Feilschen, gehört dazu

© Gene Glover
Wuehlen bei Freunden Lufthansa September 2016

Blick von der Fähre auf eine Schäreninsel

© Gene Glover

 Jahrelang hat Michael Helander auf ihrem Blog „Blue Velvet Chair“ gezeigt, wie alte Dinge mit Fantasie wieder gesellschaftsfähig werden. Kein Wunder also, dass sie von ihrem kleinen Sohn ständig Gefundenes in die Hand gedrückt bekommt, jetzt gerade ein Stück Draht. Sie lacht: „Er weiß, seine Mama wird bestimmt etwas Schönes daraus machen.“ Ihr und Holmdahls Studio liegt in einem Industriegebiet, nördliches Göteborg, atmosphärisch eine Melange aus Dachboden und Werkstatt, viel getürmter Krempel. Hier eine hölzerne Pfeffermühle, die, mit Kommodenbeinen verleimt, zur stylischen Hängelampe wurde. Oder das alte Skateboard: In Einzelteile zersägt rahmt es einen Spiegel. Das normensprengende Upcycling hat die beiden Frauen bekannt gemacht, sie fertigen auch für große Auftraggeber. Die Leidenschaft, mit der sie davon erzählen, zeigt auch: Je intensiver die Beziehung zu den Dingen ist, die wir besitzen, desto glücklicher sind wir mit ihnen.

Dann ist es endlich so weit, Sonntagmorgen, der Megaloppis beginnt. Wie in Trance schlendere ich an den Ständen vorbei, bin wie überwältigt vom Überangebot. Erster Fund: zwei große Murmeln. Meine Tochter liebt diese Dinger. Ich zahle 50 Cent, Alva, ein Schulkind noch, schenkt mir eine weitere dazu. Nebenbei erzählt sie von Majorna. Acht Jahre habe ihre Familie auf eine Wohnung gewartet. Das passt zur Entwicklung, zur Gentrifizierung des Viertels. Wer sich in der alternativen Szene verortet und nachbarschaftliches Miteinander schätzt, will hier leben. In Majorna sind die Landshövdinge-Häuser mit Holzfassaden aus dem späten 19. Jahrhundert noch erhalten, in Majorna wohnen die Kreativen, die Coolen, hier gibt es kleine Cafés und originelle Läden. Bis heute steht die Gegend für Konsumkritik, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft. Diese Haltung führte 2009 auch zum Megaloppis: Hast du etwas, was du nicht mehr brauchst, dann mach jemand anderen glücklich. Die Bewohner dürfen direkt vor ihrer Haustür verkaufen, ohne Anmeldung, ohne Standgebühren.

Wuehlen bei Freunden Lufthansa September 2016

Alt und edel ist derweil das Dekor im Vintage-Laden „Patinaverket“

© Gene Glover

 Ich finde allerlei: ein altes Album von Oscar Peterson und Count Basie, zwei Bilderrahmen aus dunklem Nussholz, einen Wollpullover für zwei Euro. Und eine alte Holzente, wackliger Kopf, poröser Schnabel, ich verliebe mich sofort. „Als Kind habe ich das Ding überallhin mitgenommen“, erklärt mir die Dame am Stand. Als ich ihr erzähle, dass sich meine Nichte freuen wird, sagt sie: „Ich wünsche ihr viel Spaß damit!“ Schlechte Laune scheint hier verboten, diese Verhandlungsaggressivität, auf deutschen Märkten ein Klassiker, sieht man nirgends auf dem Megaloppis.

Nach Mittag wird es in den Gassen immer enger. Viele Schweden kommen erst eine Stunde vor Schluss, weil man dann besser verhandeln kann. Ich bin schon vier Stunden da, habe genug gesehen und fliehe nach Vrångö. Obgleich im Sommer von Touristen überlaufen, bleibt sie die ruhigste aller Schären­inseln vor Göteborg. Ich schaue auf das Wasser und erinnere mich an die vielen Dinge, die ich noch gern mitgenommen hätte. Dann denke ich: Man kann nicht alles haben. Soll nicht alles ­haben. Die Lagom-Lektion, ich verstehe sie jetzt.


Schwedenhappen

Strömmingsluckan

Göteburgs erster Food-Truck serviert Hering mit Kartoffelmus und Preiselbeere.

strommingsluckan.se

Röda Sten Konsthall

Zeitgenössische Werke und Performance-Kunst in industriellem Ambiente.

rodastenkonsthall.se

Hotel Pigalle

Charmante Zeitreise ins 19. Jahrhundert: luxuriöse Zimmer, sehr zentral gelegen.

hotelpigalle.se