Die Damaszener-Rose kurbelt die Wirtschaft im zyprischen Bergdorf Agros an
© Yadid Levy

Rosige Zeiten

  • TEXT MATHIAS BECKER
  • FOTOS YADID LEVY

Während die meisten Bergdörfer auf Zypern verwaisen, entwickelt sich die Wirtschaft in Agros prächtig: In dem Dorf wächst die Damaszener-Rose, die Jobs, Perspektiven und Farbe bringt

Die Sonne versteckt sich noch hinter den Berggipfeln, als ich auf einem steinigen Pfad zwischen Zistrosen und Disteln talwärts trotte. Zu langsam für Naser Karoub, der mit einer umgedrehten Baseballkappe auf dem Kopf vorauseilt. „Wir sind gleich da!“, ruft mir der 30-Jährige zu. Dass er aus Damaskus kommt und jetzt auf Zypern Damaszener-Rosen erntet? Zufall, sagt er. Es ist Viertel nach sechs. Schweiß tropft mir von der Stirn. „Hier!“, ruft Karoub und deutet auf eine Senke zu seinen Füßen, das Ziel unserer Morgenwanderung: Hunderte mannshohe Rosenbüsche voller Blüten in zartem Rosa. Als hätte jemand mit einem Pinsel Tausende Punkte in die Landschaft gesetzt. Schon klettert Karoub die Böschung hinab. „Los geht’s!“

Mit dem Daumennagel knipst Karoub die dünnen Stiele ab und lässt die Blüten in der Tasche seiner Schürze verschwinden. Er arbeitet mit beiden Händen, und er arbeitet schnell. Keine Chance, dass ich bei seinem Tempo mithalten kann. Ich werde dem Mann keine große Hilfe sein. Doch bloß herumstehen will ich auch nicht, schließlich ist das hier ein Wettlauf gegen die Zeit: Die Blüten der Damaszener-Rose öffnen sich am frühen Morgen, am Mittag schon zerfallen sie wieder. Dieses Schauspiel wiederholt sich während der Blütezeit im Mai und Anfang Juni jeden Tag. Für mich ist es eine wundervolle Parabel auf die Vergänglichkeit des Lebens. Für Karoub ist es einfach nur Stress.

Alte Kavaliere im Café: In einem Dorf, wo ständig der Duft von Rosen in der Luft liegt, kann die Stimmung nur gelassen sein

Alte Kavaliere im Café: In einem Dorf, wo ständig der Duft von Rosen in der Luft liegt, kann die Stimmung nur gelassen sein

© Yadid Levy
Schöne Aussichten: In Agros zerpflücken Frauen die am Morgen geernteten Blüten, die zu Rosenwasser und -öl verarbeitet werden

Schöne Aussichten: In Agros zerpflücken Frauen die am Morgen geernteten Blüten, die zu Rosenwasser und -öl verarbeitet werden

© Yadid Levy
Herstellung einer Rosenkerze

Herstellung einer Rosenkerze

© Yadid Levy
Wie süß: Niki Agathocleus präsentiert Leckereien aus ihrem Sortiment

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© Yadid Levy
Alles im Namen der Rose: Agros

Alles im Namen der Rose: Agros

© Yadid Levy

LCA

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 Ich packe mit an, und bald ist der Daumen, mit dem ich die Blütenstiele bearbeite, schwarz und klebrig vom Pflanzensaft. Anfangs fluche ich noch, wenn ich in Dornen greife, dann gewöhne ich mich an den Schmerz. Meine Tasche füllt sich. Eine Stunde später schleppen wir einen großen Sack in Richtung Straße. Das heißt, Karoub schleppt, und ich versuche Schritt zu halten.

Karoub lenkt einen weißen Kleinwagen vorbei an Pinien und Zypressen zum nächsten Rosenfeld. „Zehn Kilo haben wir schon, macht 5000 Blüten“, sagt er, „20 Kilo fehlen noch.“ Noch mal 10 000? Ist das ein Witz? Karoub aber ist kein Typ für Späße. Nicht wenn es um seine Rosen geht. Die Sonne steht hoch über dem Gebirgskamm. Wir müssen uns beeilen. Zwei Stunden später fahren wir mit unserer Beute im Kofferraum durch das 800-Seelen-Dorf, das berühmt ist für seine Rosen: Agros im Troodos-Gebirge auf Zypern. Eine schmale Straße schlängelt sich am Hang entlang, vorbei an verfallenen Steinhäusern und Baustellen. Während die umliegenden Bergdörfer langsam menschenleer werden, kennt Agros seit Jahrzehnten nur eine Richtung: aufwärts. Unternehmen siedeln sich an, es gibt einen Jugendclub und ein Seniorenheim, eine Grundschule und ein Gymnasium, ein Krankenhaus mit 24-Stunden-Betrieb und eine Sporthalle mit olympiatauglichem Schwimmbad.

Ein Grund für diesen Boom im Gebirge sind die Rosenblüten. Deren Destillat ist im ganzen Land begehrt. „Die sonnigen und windstillen Senken rund um Agros bieten den Rosen beste Bedingungen“, erklärt Christos Tsolakis, 56, hochgewachsen und braun gebrannt, als er wenig später unsere morgendliche Ernte in einen Stahlkessel von der Größe eines Whirlpools kippt. Er lässt Wasser in den Kessel laufen und erhitzt es. In einer Röhre kondensiert der dabei entstehende Dampf zu Rosenwasser. „Das wurde hier früher auf vielen Höfen gemacht“, sagt Tsolakis. Ob als Aroma für Süßspeisen, als Basis für Kosmetikprodukte oder als Hausmittel gegen Kopf- und Bauchschmerzen – Rosenwasser, das wertvolle ätherische Öle enthält, wird seit der Antike verwendet, vor allem im Vorderen Orient. Von dort brachten es die Kreuzfahrer mit in den Mittelmeerraum.

Auf Zypern gediehen die Blüten prächtig, aber lange Zeit dachte niemand daran, daraus Kapital zu schlagen. Es war Tsolakis’ Vater, ein Kaufmann, der das Rosenwasser Ende der vierziger Jahre als Erster in die Hauptstadt Nikosia brachte. „Man riss ihm die Flaschen förmlich aus den Händen“, erzählt Tsolakis.

Naser Karoub pflückt Rosen im Turbo­tempo

Naser Karoub pflückt Rosen im Turbo­tempo

© Yadid Levy
Die Blüten der Damaszener-Rose öffnen sich am frühen Morgen, am Mittag zerfallen sie schon wieder

Die Blüten der Damaszener-Rose öffnen sich am frühen Morgen, am Mittag zerfallen sie schon wieder

© Yadid Levy

 Während das Geschäft mit Rosenwasser und dem noch edleren Rosenöl gedieh, widmete sich der geschäftstüchtige Tsolakis senior seinem nächsten Projekt: Mit anderen Bewohnern gründete er in den Siebzigern eine Genossenschaft, gemeinsam kauften sie Land rund um das Dorf. Klima und Böden der Region lassen neben Rosen auch Wein, Kirschen, Mandeln, Pfirsiche, Feigen und viele weitere Obstsorten gedeihen. Die Menschen in Agros investierten in Wanderwege, Radrouten und ein großes Hotel. Heute, fast 40 Jahre später, lebt das Dorf von den Früchten dieser Kooperation. Es gibt drei Metzgereien, wo feine Rauchwurst und Schinken hergestellt werden, drei Brennereien, die Zivania produzieren, zypriotischen Tresterbrand, zwei Rosenwasser-Destillerien und jede Menge Obstbauern.

Es gibt keinen besseren Ort auf der Welt als deine Heimat

Christos Tsolakis

Als er jung war, interessierten die heimischen Spezialitäten Christos Tsolakis nur wenig. Das Dorf war eng, die Welt groß. So zog er Ende der siebziger Jahre, mit Anfang 20, nach Australien, studierte Informatik, arbeitete für eine Baufirma. Zehn Jahre später kehrte er doch zurück zu den Rosen. Er hatte verstanden, welches Potenzial im Unternehmen seines Vaters steckte. Er experimentierte damit, immer mehr Produkte mit Rosenwasser zu veredeln. Vom aromatisierten Wein über die Duftkerze bis zur Bio-Hautcreme der hauseigenen Marke „Venus Rose Cosmetics“: Heute umfasst das Angebot 35 Produkte, die auch in Deutschland, Österreich und Russland vertrieben werden.

Aufgeblüht ist in der Zwischenzeit auch die Süßwarenmanufaktur von Niki Agathocleous. Die 56-Jährige trägt eine weiße Schürze und empfängt mich auf der Veranda ihres Hauses mit kandierten Orangenschalen. Mit einem wunderbaren, bittersüßen Geschmack auf der Zunge folge ich ihr ins Herz der Manufaktur, abwärts in den Keller, wo Frauen mit weißen Haarhauben in großen Töpfen rühren, während andere eingekochte Walnüsse aus einem Kessel heben und in Plastiktüten verschweißen.

Bei Familie Tsolakis ist das Geschäft mit dem pinken Gut Familien­sache: Maria wiegt die gesammelten Rosen

Bei Familie Tsolakis ist das Geschäft mit dem pinken Gut Familien­sache: Maria wiegt die gesammelten Rosen

© Yadid Levy
Christos Tsolakis bei der Arbeit mit Rosenblättern

Christos Tsolakis bei der Arbeit mit Rosenblättern

© Yadid Levy

Früher kochte Niki Agathocleous in ihrer kleinen Küche kandiertes Obst und dicke Marmelade nur für Freunde und die Familie, bis aus diesem Spaß ein einträgliches Geschäft wurde. Heute produziert sie mit rund 25 Mitarbeiterinnen traditionelle zypriotische Süßspeisen überwiegend für den heimischen Markt. Doch immer mehr „Niki Sweets“ gehen nun ins Ausland. Längst gehören Spezialitätenläden in London, Paris und Melbourne zu ihren Kunden.

Am Nachmittag stellt Christos Tsolakis einen Korb mit Weißbrot, Schafskäse, geschnittenen Tomaten und eine Karaffe mit fruchtigem Olivenöl auf den Tisch. Wir essen gemeinsam: Tsolakis, seine Frau Maria, die beiden Töchter Andria und Elena und ich. „Glaub mir, es gibt keinen besseren Ort auf der Welt als deine Heimat“, sagt Christos Tsolakis. Na ja. Vor allem wenn deine Heimat ein Stück Land ist, auf dem die Damaszener-Rose wächst, denke ich, aber ein Stück Brot, in Olivenöl getunkt, hindert mich daran, das auch auszusprechen. Besser so. Viel wichtiger ist ohnehin, dass die Töchter nicken: Andria, 26, die gerade in Montpellier ihren Masterabschluss in Kosmetikwissenschaft gemacht und bereits mit ihrem Vater ein Rosenwasser-Aftershave entwickelt hat. Die 23-jährige Elena, die in Athen Betriebswirtschaft studiert, will zu gegebener Zeit ebenfalls ins Familienunternehmen einsteigen. „Als Nächstes werden wir Babyöl und Babylotion auf den Markt bringen“, sagt Andria. Die Schwestern wollen das Unternehmen ihres Vaters weiterführen, wenn der mal nicht mehr mag. „Bis dann eines Tages unsere Kinder übernehmen“, sagt Andria ganz selbstverständlich. Agros’ Blütezeit hat gerade erst begonnen.