Rosinenbomber über Berlin
© Bettmann/Getty Images

Onkel Wackelflügel

  • TEXT SASCHA BORRÉE
  • FOTOS CHRIS HINKLE

In diesem Herbst feiert Berlin wieder Mauerfall und Deutsche Einheit. Einer der Helden der Stadt hatte seine große Stunde bereits 1948. Ein Besuch bei Rosinenbomber-­Pilot Gail Halvorsen

Wie sein langes Leben ohne Kaugummi verlaufen wäre? „Schwer vorstellbar“, antwortet Gail Halvorsen, „immerhin hat die ganze Geschichte ja mit zwei Streifen Wrigley’s Spearmint begonnen.“ Damals flog Halvorsen als Militärpilot für die US Air Force. Heute, im Oktober wird er 96, ist er eine lebende Legende – auch wenn sein Name wohl nur Geschichtsfans ein Begriff sein dürfte. Weit bekannter ist der Spitzname seines Flugzeugs: Rosinenbomber.

Halvorsens Geschichte spielt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin. Sie handelt von Hoffnung und Hunger, von einer Welt, die in Schutt und Asche liegt. Und von Schokolade, tonnenweise. Heute ist Green Valley sein Zuhause, eine Kleinstadt bei Tucson, Arizona. Riesige Kakteen ragen in den Himmel, etwas weiter südlich verläuft die Grenze zu Mexiko, hier scheint die Sonne an 350 Tagen im Jahr. Das Berlin der Nachkriegszeit ist sehr weit weg. Aber Halvorsens hellwacher Geist erinnert sich, als sei alles erst gestern geschehen.

„Für den Einsatz hatte ich mich freiwillig gemeldet, ich wollte Stalin in seine Schranken verweisen“, sagt der Sohn eines Farmers aus Utah. Außerdem sei es damals zwischen ihm und seiner Verlobten Alta gerade nicht so gut gelaufen. Bilder aus dem Jahr 1948 zeigen einen jungen Kerl mit strahlendem Lachen, Optimismus pur.

Trotz Falten und Altersflecken sieht der Halvorsen von heute dem Mann auf dem Foto noch überraschend ähnlich, nicht nur wegen seines schon damals fast kahlen Kopfs. Aus beiden Gesichtern spricht eine unerschütterliche Zuversicht. „Ich dachte“, erinnert er sich, „dass die Sache nach zwei, drei Wochen vorbei sein würde.“

Die Berliner litten Hunger. Deshalb sind wir bei jedem Wetter raus!

Gail Halvorsen

Diese Sache, damit meint er die Berlin-Blockade, die im Juni 1948 begann. Die Sowjetunion hielt das Gebiet der späteren DDR besetzt und sperrte über Nacht alle Versorgungswege nach West-Berlin. Das Schicksal der Stadt hing jetzt von den westlichen Siegern des Weltkriegs ab. Um Berlin nicht den Sowjets überlassen zu müssen, richteten Amerikaner und Briten eine Luftbrücke ein. Rund 2,2 Millionen Menschen wollten sie über Flugzeuge versorgen, neben Nahrung benötigte die eingeschlossene Stadt täglich viele Tonnen Kohle und Treibstoff. Ein Kraftakt.

„Unsere voll beladenen Maschinen landeten im Drei-Minuten-Takt“, erzählt Gail Halvorsen, der schon während des Kriegs Frachtflugzeuge gesteuert hatte. „Die Berliner litten Hunger, es gab keine Vorräte. Deshalb sind wir bei jedem Wetter raus! Einmal war die Sicht so schlecht, dass ich fast mit einer anderen Maschine zusammengestoßen wäre.“ Halvorsens Stimme klingt brüchig, aber sein ausdrucksstarker Blick unterstreicht jedes Wort.

Onkel Wackelflügel Luftbrücke Lufthansa Magazin Oktober 2016

Brillante Idee: Gail Halvorsen mit seinen selbst gebauten Mini-Fallschirmen

©Halvorsen/US Airforce/ddp
Onkel Wackelflügel Luftbrücke Lufthansa Magazin Oktober 2016

Pilot Halvorsen bei seinem ersten Hilfseinsatz. Berlin flog er damals von Frankfurt aus an

©Halvorsen/US Airforce/ddp
Onkel Wackelflügel Luftbrücke Lufthansa Magazin Oktober 2016

227 655 Passagiere nahmen die Rosinenbomber neben ihrer Fracht mit

©Halvorsen/US Airforce/ddp

  Am Boden kam es dann zu einer Begegnung, die sein Leben prägen sollte. Als er über das Flughafengelände in Berlin-Tempelhof ging, traf Halvorsen auf eine Schar von 30 Kindern, die auf der anderen Seite des Sperrzauns standen.

„Mir war klar, dass die meisten seit Jahren keine Süßigkeiten mehr gegessen hatten. Ich hatte zwei Kaugummis dabei, die ich ihnen gab. Das reichte natürlich nicht für alle. Ich fürchtete, dass sie sich prügeln würden.“ Halvorsens Gesicht wirkt fast entrückt, als würde er wieder dort am Zaun stehen.

„Aber wer leer ausgegangen war, schnupperte einfach andächtig am silbernen Packpapier. Das hat mich wirklich schwer beeindruckt.“ So kam ihm die Idee: „Ich beschloss, mehr Süßigkeiten zu kaufen, sie an kleinen, selbst gebastelten Fallschirmen zu befestigen – und dann bei einem meiner Anflüge über den Kindern abzuwerfen.“

Warum so kompliziert? Hätte er seine süßen Geschenke nicht einfach wieder durch den Zaun stecken können? „Wie alle US-Piloten war ich auf der amerikanischen Rhein-Main Air Base bei Frankfurt stationiert“, erklärt Halvorsen. „Berlin bekam ich nur aus der Luft zu sehen, die wenigen Minuten zwischen Ankunft und Abflug mussten wir am Flugzeug bleiben.“ Sein Spaziergang über das Flugfeld war eine einmalige Sache gewesen.

Halvorsens Geschichte ist ein Lehrstück in Menschlichkeit, ein Exempel für die großen Dinge, die kleine Gesten bewirken können. Wie geplant warf der Pilot seine Süßigkeiten ab, zur riesigen Freude der Kinder wiederholte er das Ganze noch ein paar Mal.

Dann wurde er zu seinem Vorgesetzten bestellt. Eine Zeitung hatte über die himmlische Schokolade berichtet, streng genommen verstieß die Aktion gegen diverse Vorschriften. Halvorsen befürchtete, gefeuert zu werden. Doch er wurde belobigt – und gleich für eine Pressekonferenz aufs Podium gesetzt.

Gail Halvorsens Haus in Arizona

Überall in Gail Halvorsens Haus in Arizona ...

© Chris Hinkle
Die Uniform von Gail Halvorsen

... stößt man auf Memorabilien seines außergewöhnlichen Lebens

© Chris Hinkle

  Danach entwickelte die Aktion eine eigene Dynamik. Andere Piloten fingen an, Schokolade über Berlin abzuwerfen, über Schulhöfen, Sportplätzen und Straßen. Dass Deutsche und Amerikaner so kurz nach dem Krieg wieder Freunde werden konnten, dazu leistete auch Halvorsen seinen Beitrag.

US-Medien griffen seine Geschichte auf, Schulklassen schickten kiloweise Schokolade an die Air Force, teilweise schon bestückt mit kleinen Fallschirmen. Süßwarenhersteller spendeten in großem Stil, mehr als 25 Tonnen Schokolade, Kaugummi und Rosinen konnte Halvorsen mit seinen Kameraden in den Folgemonaten abwerfen.

Als „Rosinenbomber“ wurden die Flugzeuge bald liebevoll bezeichnet, Halvorsen erhielt sogar einen eigenen Spitznamen: „Onkel Wackelflügel“ nannten ihn die Kinder, weil er seine Abwürfe ankündigte, indem er mit den Tragflächen wackelte.

Kinder und Eltern schickten stapelweise Dankes- und Bittbriefe. Vor allem die kindliche Sicht der Dinge – pragmatisch, hoffnungsvoll – berührt bis heute. Den Inhalt mancher Briefe kennt Halvorsen noch immer auswendig.

„Ein neunjähriger Junge namens Peter Zimmermann schrieb, dass er nicht so schnell laufen und deshalb keinen Fallschirm fangen könne. Er hatte mir eine Karte gezeichnet, ich solle doch bitte ein paar Süßigkeiten über dem Hinterhof seines ausgebombten Hauses abwerfen. Wir haben das versucht, aber die Schokolade schien ihn nicht erreicht zu haben.“

Also schrieb Peter einen weiteren Brief an den Amerikaner: „Du bist doch Pilot! Ich habe dir eine Karte gegeben. Wie habt ihr eigentlich den Krieg gewonnen?“ Halvorsen schickte dem Jungen schließlich ein Paket – per Post.

Gail Halvorsen mit Bundesverdienstkreuz in seinem Garten

Mit Bundesverdienstkreuz im Garten ...

© Chris Hinkle
Gail Halvorsen posiert in seinem alten Overall

... und auch der Overall passt noch

© ChrisHinkle

  Im Januar 1949 wurde Gail Halvorsen aus Deutschland abgezogen, wenige Wochen später heiratete er seine Verlobte. Die Berlin-Blockade endete im Mai, die Luftbrücke im August. Damit könnte die Geschichte eigentlich beendet sein.

Aber Halvorsen kehrte zurück nach Berlin. 1970 wurde er zum Kommandeur des US-Airports Berlin-Tempelhof ernannt. „Ich war gerührt. Die Stadt, die zwei Jahrzehnte zuvor komplett in Ruinen gelegen hatte, war aufgeblüht. Die Sache hatte sich gelohnt.“

Die flugärztliche Untersuchung bestehe ich jedes Jahr.

Gail Halvorsen fliegt noch immer selbst

1974 beendete Gail Halvorsen seinen Dienst bei der Air Force. Für Kinder in Kriegs- und Krisengebieten, etwa im Kosovo und im Irak, setzte er sich weiterhin ein. Sein Engagement wurde vielfach ausgezeichnet, auch mit dem Bundesverdienstkreuz. Und heute? Halvorsen reist viel, er hält Reden und Vorträge, klappert Airshows ab, fliegt sogar noch selbst. „Die flugärztliche Untersuchung bestehe ich jedes Jahr“, sagt er.

Nachdem 1999 seine erste Ehefrau Alta starb, heiratete er Lorraine, seine frühere Highschool-Freundin. Er hat fünf Kinder, 24 Enkelkinder und 43 Großenkel. Ein Satz fällt häufig im Gespräch mit Halvorsen: „Ich bin einfach unglaublich dankbar.“