Der letzte Streich

Airbus A380-800

  • TEXT EMANUEL ECKARDT
  • FOTOS JENS GÖRLICH

Niemand tanzt, doch sie nennen es Ballett. Und wenn 24 Maskierte mit Spritzpistolen in nur 60 Minuten den Rumpf des größten Passagierflugzeugs der Welt schneeweiß lackieren, dann geht das nicht ohne eine meisterhafte Choreografie. 60 Minuten für 1500 Quadratmeter Flugzeug; Tschaikowskys „Schwanensee“ dauert zweieinhalb Stunden. Ein starkes Stück: Der Airbus A380 bekennt Farbe.

A380-800 Lackierung

Frisch lackiert: Gefragt ist Präzisionsarbeit mit Pistolen, Klebeband und feinem Händchen

© Jens Görlich

Das Ballett wird hinter verschlossenen Türen aufgeführt, im Paintshop von Airbus in Hamburg-Finkenwerder. Die Lackierhalle ist mit einer Fläche von 22 365 Quadratmetern größer als ein Häuserblock in Manhattan, bis zu 31 Meter hoch und aufwendig klimatisiert. Neun Wärmetauscher sorgen dafür, dass über 70 Prozent der Wärmeenergie zurückgeführt werden. Die Luft wird bis zu 18-mal pro Stunde komplett ausgetauscht, fast 700 000 Kubikmeter werden bewegt. Ganz großer Atem. Als Bühne für den Einakter ist die moderne Lackierhalle ideal: ein fensterloser Großraum, der Hauptdarsteller perfekt ausgeleuchtet und von gleißendem Licht umflossen. Die Inszenierung wirkt eher wie Science-Fiction, Teleplattformen schweben an den Seiten des ruhenden Riesen auf und ab, Männer in weißen Schutzanzügen, Helmen und Atemmasken bewegen ihre Spritzpistolen in rund 30 Zentimeter Abstand mit ruhiger Hand. Vorhand, Rückhand, wie Tischtennis in Zeitlupe.

A380-800 Lackierung

Weiße Weste: In nur einer Stunde lackieren 24 Beschichtungstechniker mit Spritzpistolen den Rumpf der A380. Von hinten nach vorn, von oben nach unten. Arbeitsbühnen rollen um das Flugzeug und hängen unter der Hallendecke. Nach sechs Stunden ist der Lack getrocknet

© Jens Görlich
A380-800 Lackierung

Handarbeit und Augenmaß: Die Lackierprofis bringen am Seitenleitwerk die Klebefolien für das Kranich-Logo an. Wo die Folien nicht exakt aufeinandertreffen, wird mit Tape nachgebessert. Die Lackierer arbeiten in mehr als 20 Meter Höhe

© Jens Görlich

 Die Ballettstunde ist der Höhepunkt eines Prozesses, der zwei Wochen dauert. Die Oberflächen werden angeschliffen und gereinigt; Fahrwerksteile und Antennen, Türen und Fenster mit Schutzfolien fugendicht abgeklebt, ehe das Flugzeug grundiert wird. Eine Sperrschicht wird aufgetragen, der chromatfreie „Primer“. Darüber wird ein sogenannter „Intermediate Coat“ gelegt, der später bei den Wartungsintervallen ein umweltschonendes Ablösen der Lackierung erlaubt. Auf die Zwischenschicht kommt eine Lage Weiß. „Es gibt viele Arten von Weiß“, erklärt Produktionsleiter Bernd Ahrens, kaltes Weiß, Gletscherweiß. Das Lufthansa Weiß erinnert an Schnee in der Mittagssonne.

A380-800

Zum Schluss sind filigrane Pinselstriche gefragt. An Nieten und Fugen werden winzige Korrekturen mit kleinen Haarpinseln ausgeführt.

© Jens Görlich

 Sechs Stunden trocknet der weiße Wal; dann werden Folien angepasst, die maßgenau geschnitten wurden, und neue Farben für die Schriftzüge aufgesprüht. Nach dem Trocknen folgt die Demaskierung. Nun zeigt der Flieger seine Personalien, das individuelle Luftfahrzeugkennzeichen, dunkelblau auf weiß, und den Lufthansa Schriftzug, dunkelblau, bis zu 1,80 Meter hoch. Trocknen für den letzten Akt, die große Glanznummer. Zwei Schichten Klarlack werden aufgetragen, wieder von Hand. Sie brauchen 24 Stunden zum Trocknen. Alle Schichten summieren sich zu einer Stärke von gerade mal 0,2 Millimetern und einem Gewicht von lediglich 650 Kilogramm. Ein sensationeller Wert, vor allem – spritsparend.

Zum Finale wird die A380 ausgepackt. Fertig ist der Lack. Sie blitzt. Der Kunde kann kommen.