Anton Corbijn: »Ich suche das Menschliche«
© Majid Moussavi

„Ich suche das Menschliche”

  • TEXT SEBASTIAN HANDKE
  • FOTOS MAJID MOUSSAVI

Er hatte so viele Weltstars vor der Linse wie kaum ein anderer, die Bilder von Bono, Mick Jagger, Björk oder Clint Eastwood sind weltberühmt: Anton Corbijn ist einer der großen Porträtfotografen unserer Zeit. Mit etlichen Künstlern verbinden ihn jahrelange Freundschaften. Was macht diesen Mann so besonders? Eine Be­gegnung in Den Haag

An seiner Länge erkenne ich ihn. Es regnet beharrlich an diesem Montagmorgen in Den Haag, doch Anton Corbijn, hochgewachsen, in dunkler Windjacke und die Wollmütze tief ins Gesicht gezogen, kommt mit dem Fahrrad. Herbert Grönemeyer, ein enger Freund seit vielen Jahren, hat ihm diesen Drahtesel mal zum Geburtstag geschenkt. Es ist ein klassisches Omafiets, ein Holland-Rad.

Zügig betreten wir das Gemeentemuseum, Corbijn lässt uns aufschließen. Gestern war eigentlich Finissage, die Räume sind menschenleer. Nur seine Assistenten sind da, sie bauen auch schon ab, aber Corbijn wollte sich nur unter der Bedingung treffen, dass wir auch gemeinsam durch die Ausstellung gehen. Ein paar Fotos sind allerdings schon eingepackt, er lässt ein leises Schnauben der Enttäuschung vernehmen. Er will unbedingt, dass ich seine Bilder nicht nur im Katalog sehe, sondern groß an der Wand, in all ihrer körnigen Pracht.

Zwei Parallel-Ausstellungen hat diese Stadt ihm gerade gewidmet, der 60-Jährige aber wirkt alles andere als selbstzufrieden. Er spricht freundlich, verbindlich, ist um Genauigkeit bemüht. Sein Anliegen: Er möchte nicht als Knipser von Rockstars in die Geschichte eingehen, sondern als ernsthafter Porträtfotograf. Anton Corbijn beansprucht Zeitlosigkeit für sein Werk. Als ob das noch nötig wäre.

Anfangs, in den frühen Achtzigern, entstanden die Bilder von Joy Division, Johnny Rotten oder David Bowie für Pop-Magazine – oft als briefmarkengroße Beigabe zu langen Texten. Eines seiner frühen Markenzeichen, der starke Schwarz-Weiß-Kontrast, war eigentlich nur ein Trick, damit sie trotzdem auffallen. Aber auch diese Bilder überdauerten ihre Zeit. Sie wirken aus eigener Kraft – auch dann, wenn man die Person, die da abgebildet ist, gar nicht mehr kennt.

Arbeitsplatz im zweiten Stock des Studios. Das Gemälde links über dem Schreibtisch ist ein Corbijn-Porträt von Captain Beefheart

Arbeitsplatz im zweiten Stock des Studios. Das Gemälde links über dem Schreibtisch ist ein Corbijn-Porträt von Captain Beefheart

© Majid Moussavi
das Fahrrad hat ihm Herbert Grönemeyer geschenkt

Das Fahrrad hat ihm Herbert Grönemeyer geschenkt

© Majid Moussavi
Die Tischtennisplatte im Erdgeschoss des Studios war schnell aufgeklappt: Anton Corbijn beim Match gegen unsere Fotoassistentin Luisa. Der lange Wuchs des Niederländers erwies sich als spielentscheidender Vorteil

Die Tischtennisplatte im Erdgeschoss des Studios war schnell aufgeklappt: Anton Corbijn beim Match gegen unsere Fotoassistentin Luisa. Der lange Wuchs des Niederländers erwies sich als spielentscheidender Vorteil

© Majid Moussavi
Corbijns Studio befindet sich in einer ehemaligen Remise am Rande der Altstadt von Den Haag, er ließ sie 2011 vom Architektenbüro Bos Alkemade umgestalten. Die massive Holztreppe mit ihren ­kleinen Lichtschächten wirkt wie eine begehbare Skulptur

Corbijns Studio befindet sich in einer ehemaligen Remise am Rande der Altstadt von Den Haag, er ließ sie 2011 vom Architektenbüro Bos Alkemade umgestalten. Die massive Holztreppe mit ihren ­kleinen Lichtschächten wirkt wie eine begehbare Skulptur

© Majid Moussavi
Corbijn vor seiner Serie „A.Somebody“: 21 Selbstporträts in der Pose großer Rockstars – aufgenommen in seinem Geburtsort Strijen

Corbijn vor seiner Serie „A.Somebody“: 21 Selbstporträts in der Pose großer Rockstars – aufgenommen in seinem Geburtsort Strijen

© Majid Moussavi

exclusive: Sie haben als einfacher Musikfotograf angefangen, heute werden Sie bewundert und kopiert wie wenige. Was ist Ihr Geheimnis?

Corbijn: So genau weiß ich das nicht. Und ich versuche auch nicht, es zu verstehen, sonst zerstöre ich noch, was funktioniert. Ich bemühe mich einfach, gute Bilder zu machen.

Was macht ein gutes Bild aus?

Natürlich will auch ich die Leute gut aussehen lassen. Aber das ist nicht meine Stärke. Meine Stärke ist es, Menschen interessant aussehen zu lassen. Manchmal sind sie mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Aber zehn Jahre später mögen sie das Bild dann meistens doch (lacht).

Sie nennen das „innere Schönheit“.

Früher fühlte ich mich unwohl in der Gegenwart von äußerlicher Schönheit. Vielleicht war ich eifersüchtig – ich mochte mein eigenes Aussehen nicht besonders. Später fragte ich mich: Was kann ich einem Menschen, der schön ist, als Fotograf noch geben? Die innere Schönheit eines Menschen ist das, was ihn ausmacht. Man erkennt sie in seinem Werk.

Haben Sie deshalb so viele Musiker fotografiert?

Das ist einer der Gründe. Aber mich interessiert eben nicht der Orgasmus auf der Bühne, sondern der Schmerz der Geburt. Der schöpferischen Geburt.

Anton Corbijns Bilder wirken stilisiert und doch erstaunlich intim. Die Menschen vor seiner Linse schenken dem Pastorensohn auch in kürzester Zeit ihr Vertrauen: „Was soll ich sagen? Sie posieren und posieren doch nicht.“

Anton Corbijns Bilder wirken stilisiert und doch erstaunlich intim. Die Menschen vor seiner Linse schenken dem Pastorensohn auch in kürzester Zeit ihr Vertrauen: „Was soll ich sagen? Sie posieren und posieren doch nicht.“

© Majid Moussavi

 Musik war Corbijns erste Liebe. Auf der Insel Hoeksche Waard, wo der Pastorensohn aufwuchs, fühlte er sich isoliert – was spannend war, passierte auf der anderen Seite des Wassers. Rockmusik zum Beispiel. Sie war das Versprechen auf ein anderes Leben. Aber Corbijn war schüchtern, er traute sich nicht zu den Konzerten – also nahm er die Kamera seines Vaters mit, damit es so aussah, als habe er einen Grund, dort zu sein. Mit diesem Requisit aus-gestattet, wagte er sich sogar bis vor die Künstlergarderobe. So kam Corbijn zufällig zur Fotografie: Sie war ursprünglich nur ein Vorwand, an die Tür zu einer besseren Welt zu klopfen.

Dutzende Musikvideos und vier Kinofilme hat Corbijn inzwischen gedreht, mit Schauspielgrößen wie George Clooney oder Philip Seymour Hoffman. Am Filmset hat er lernen müssen, weniger introvertiert zu sein. Aber glücklich ist er doch vor allem auf dem Fahrrad, allein. Dann fährt er an die Küste, zu den Dünen, die sich hier kilometerlang hinziehen.

Natürlich will auch ich die Leute gut aussehen lassen. Aber das ist nicht meine Stärke

In Ihren Fotos und Filmen wimmelt es  von männlichen Einzelgängern …

Sieht fast so aus! (lacht) One-on-ones sind mir einfach am liebsten. Das Porträt eines Einzelnen hat auch mehr Aussagekraft. Wenn man mehrere Leute fotografiert, ist man sofort mit der Komposition des Bildes beschäftigt, greift mehr ein, alles ist weniger natürlich.

Sie hatten viele medienerprobte Weltstars vor der Linse. Dennoch wirken viele Bilder erstaunlich intim. Suchen Sie nach Verletzlichkeit?

Ja, ich finde das interessant. Meistens werden diese Leute ja wie Fertigware präsentiert, ich versuche das Menschliche zu finden. Tom Waits oder Martin Gore begleite ich aber auch schon seit vielen Jahren. Sie entspannen sich und vertrauen mir, wir sind wie Familie füreinander.

Dokumentarisch sind Ihre Bilder aber auch nicht gerade.

Natürlich nicht, wir treffen uns ja nicht zufällig in der Küche, sondern fahren extra an einen Ort, um ein Foto zu machen. Was soll ich sagen? Die Menschen auf diesen Bildern – sie posieren und posieren doch nicht.

Handschriftliche Laudatio von Tom Waits

Handschriftliche Laudatio von Tom Waits

© Majid Moussavi

 Durchs Museum schlendernd sind wir Corbijns Geheimnis damit vielleicht doch ein wenig nähergekommen. In seinen besten Bildern gelingt ihm eine eigentümliche Balance: Sie wirken ungezwungen und stilisiert zugleich. Das hat viel mit seiner Arbeitsweise zu tun. Einerseits arbeitet Anton Corbijn intuitiv wie ein Straßenfotograf: Er kommt mit nichts als einer Kamera zum Termin, ohne Assistent, Stativ oder künstliches Licht. Viel Zeit braucht er auch nicht. Andererseits ist er immer sorgfältig vorbereitet. Corbijn trifft sich erst mit jemandem, wenn er dessen Musik, Bücher oder Filme gut kennt. Darauf aufbauend entwickelt er eine Idee. „Diese Idee darf das Bild nicht dominieren, wie das heute vor allem in der US-Foto-grafie oft zu sehen ist. Aber ich habe sie immer im Hinterkopf.“

Gelernt hat er das, als er anfing, für Depeche Mode, Nirvana oder Johnny Cash auch Musikvideos zu produzieren. Da braucht man ein Konzept. Und diese „Idee, eine Idee zu haben“ schlich sich dann auch in die Fotografie ein – vor allem, wenn er das Bedürfnis hatte, sich neu zu erfinden. So entstanden auch die hochgradig konstruierten Paparazzi-Fotos der „Fake Documentaries“-Serie mit Robert De ­Niro, Björk oder Lars von Trier. In den Neunzigern, so Corbijn, habe sich in den Klatschblättern alles Geheimnisvolle aus der Fotografie verflüchtigt. Er wollte einen neuen, geheimnisvollen Klatsch dagegensetzen.

Corbijn kann Gossip nicht ausstehen. Deshalb bekommt man auch keine Anekdoten zu hören, keine Details über die Entstehung der Bilder – egal wie hartnäckig man fragt. „Ich will Ihnen Ihren Job ja nicht unnötig schwer machen“, sagt er schließlich zu mir. „Aber meine Arbeit muss ich schützen. Ich möchte, dass die Leute ihre eigenen Geschichten zu meinen Bildern erfinden.“

Inzwischen sind wir zu Corbijns Studio am Rande der Altstadt gefahren – ich im Auto, er auf dem Rad von Grönemeyer. Das merkwürdig schmale, aber tiefe Haus hat er 2011 komplett entkernen und umbauen lassen: unverputzter Beton, viel natürliches Licht, eine kleine Küche, außerdem viel Platz für sein gesamtes Archiv auf drei Stockwerken, verbunden durch ein Treppenhaus aus dunklem Holz. Erstaunlich, wie viel Großzügigkeit man aus einer alten, zwischen zwei Häuser gequetschten Remise herausholen kann. Und überall stößt man auf Memorabilien: eine Karikatur, die George Clooney von ihm zeichnete, eine handschriftliche Laudatio von Tom Waits, Polaroids mit U2 – aber alles wirkt aufgeräumt, fast wie eine Ausstellung. Nur das Erdgeschoss nicht. Dort, wo eigentlich das Studio wäre, wenn Corbijn eines bräuchte, stehen seine Fahrräder, ein Safe, eine Tischtennisplatte und Paletten mit Verpackungsmaterial – Corbijns Freundin betreibt ein Label für Strickmode. Er selbst ist selten hier, jetzt, wo er fast nur noch Filme macht.

Der Einfluss, den Corbijn auf das Bild der Achtziger und Neunziger hatte, auf das heutige Konzept von Künstler-Images überhaupt, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden

Der Einfluss, den Corbijn auf das Bild der Achtziger und Neunziger hatte, auf das heutige Konzept von Künstler-Images überhaupt, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden

© Majid Moussavi

In Ihrem aktuellen Film „Life“ geht es um die Entstehung des berühmten James-Dean-Fotos am Times Square. Warum gerade dieses Bild?

Die Balance zwischen Fotograf und Objekt hat mich immer schon beschäftigt. Der Film thematisiert das: Wer hilft da eigentlich wem? James Dean dem Fotografen? Oder der Fotograf James Dean? Es ist fast wie eine Paarbeziehung.

Damals entstand eine ganze Serie fürs Life Magazine. Warum wurde dieses Bild zur Ikone?

Schwer zu sagen … Es ist ja nicht mal ein Close-up – verregnet und irgendwie seltsam. Aber es berührt uns, weil es eine tragische Figur zeigt, die kurz danach stirbt. Wenn man es dann oft genug sieht, geht es ins Bildgedächtnis der Epoche ein.

Heute hat jeder eine Kamera in der Tasche, täglich entstehen Millionen von Fotos. Kann ein Bild überhaupt noch zur Ikone werden?

Es ist eine aufregende Zeit für Fotografen: Alles ist möglich. Aber dieser permanente Ansturm von Bildern führt auch dazu, dass das Bild selbst an Wert verliert – wir verbringen nicht mehr genug Zeit mit einer einzelnen Aufnahme. Wenn sich alles ständig erneuert, kann nichts im Gedächtnis bleiben.

Mich interessiert nicht der Orgasmus auf der Bühne, sondern der Schmerz der Geburt

Corbijn hat Kaffee gemacht, wir sitzen im zweiten Stock, ein riesenhaftes Porträt von Ai Weiwei starrt uns an. So etwas könne durchaus noch zur Ikone werden, sagt Corbijn nach einer Pause, einfach weil so viel Persönlichkeit aus dem Bild herausschaue. Maler interessieren ihn heute mehr als Musiker, er fotografiert sie in ihren Ateliers. Vielleicht weil der Schmerz der Geburt da besonders heftig ist: Sie müssen aus nichts etwas schaffen.

Musiker seien heute permanent eingespannt, „es gibt kein Abhängen mehr.“ Als Fotograf kann man nur noch dokumentieren, was ohnehin auf dem Terminplan steht, und das Ergebnis muss vor allem eines sein: für möglichst viele Zwecke verwertbar. Einer wie Corbijn passt da nicht mehr gut hin – diese geheimnisvolle Mischung aus Maler, Gigolo, Priester und russischem Spion, wie Tom Waits ihn einmal beschrieb, in jener Laudatio, die jetzt eingerahmt auf Corbijns Schreibtisch steht. Wer auf der Suche nach Corbijns Geheimnis nur nach seinem Können fragt, wird es nicht finden.

Es liegt wohl vor allem in seiner Person. „Wir arbeiten doch alle mehr oder weniger mit derselben Kamera“, sagt er noch, bevor er mich zur Tür bringt, „deshalb hängt alles davon ab, wie dein Objekt auf dich reagiert. Für mich ist ein Porträt das Dokument einer Begegnung. Es sagt: Ich war hier, und du warst hier.“


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.


Sebastian Handke war noch sehr jung, als er geboren wurde. Seine Kindheit verlebte er in San Francisco und im schwäbischen Kernland. Als es damit vorbei war, fand er sein Auskommen als Regieassistent, Flash-Entwickler, Musiker und Journalist. Jetzt schreibt er für Lufthansa Exclusive und leitet das Lufthansa Magazin Online als verantwortlicher Redakteur.