„Ich bin kein guter Autofahrer“

Forest Whitaker

Interview

  • INTERVIEW DANIEL SCHIEFERDECKER

Im Interview spricht der 54-jährige Hollywood-Star über die Liebe zum Kampfsport und den Umgang mit Schmerz und Stress, über seinen Hang zum Perfektionismus und katastrophale Auftritte hinterm Steuer

Mister Whitaker, Sie sind ein begeisterter Sportler: Kenpo-­Karate, Football, Yoga … Ist das für Sie wichtig als Ausgleich zu langen Drehtagen?

Ja, absolut. Mit Kampfsport habe ich bereits als 12-Jähriger angefangen, und bis vor ein paar Jahren habe ich noch drei- bis viermal die Woche trainiert. Mit Football hingegen habe ich erst mit 16 in der Highschool begonnen, wegen einer Verletzung aber nach drei Jahren schon wieder aufgehört. Und eine Zeit lang habe ich auch intensiv Yoga gemacht.

Stimmt es, dass Sie den schwarzen Gürtel in Kenpo haben?

Ja, das ist der Kampfstil, den ich am besten beherrsche. Ich habe mich aber auch sehr intensiv mit Kali beschäftigt, einer Kampfkunst der Philippinen.

Woher stammt Ihr Interesse für Kampfkunst?

Schon als Kind habe ich mich für asiatische Philosophie interessiert. Dann fand ich heraus, dass Dan Inosanto in meiner Nähe ein Dojo namens Kali Academy betreibt. Inosanto ist ein Filipino-Amerikaner, der mal Schüler von Bruce Lee war und dessen Kampfstil Jeet Kune Do gelernt hat. In Inosantos Academy habe ich lange trainiert, im Laufe der Jahre hatte ich aber auch andere Lehrer, darunter den renommierten Trainer Joe Jackson.

Interessiert Sie neben dem physischen auch der spirituelle Aspekt der Martial Arts?

Ja, Kali ist eine sehr spirituelle Kampfkunst. Man muss die Energie des Gegners erfühlen, spüren, wie er sich bewegt, und Angriff und Verteidigung darauf auslegen. Du lernst viel über dich selbst und deinen Körper, über Schmerz. Du lernst, wie man trotz des Stress’, den der Schmerz auslöst, die innere Balance hält.

Forest Whitaker in „Der letzte König von Schottland“ (2006)

Forest Whitaker in „Der letzte König von Schottland“ (2006)

© ddp images
Auf dem roten Teppich mit seiner Frau Keisha (2014)

Auf dem roten Teppich mit seiner Frau Keisha (2014)

© Rod Rolle/ddp images
Im Boxerdrama „Southpaw“ spielte er 2015 den Trainer Titus „Tick“ Wills

Im Boxerdrama „Southpaw“ spielte er 2015 den Trainer Titus „Tick“ Wills

© Weinstein Company

Was ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie den Martial Arts verdanken?

Sie haben mir beim Verstehen der Welt im Allgemeinen geholfen. Die Dinge bewegen sich nicht immer geradeaus, sondern manchmal auch im Kreis oder im Dreieck. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, um von A nach B zu kommen. Und der direkte Weg ist nicht zwangsläufig der beste. Es gibt viele Wege, zur Wahrheit zu gelangen.

Hilft Ihnen Kampfsport auch bei der Schauspielerei?

Auf jeden Fall! Der Kampfsport hat mich Disziplin gelehrt, immens wichtig für Schauspieler. Und ich habe gelernt, mich zu zentrieren und respektvoll mit meinen Mitmenschen umzugehen. Du lernst nicht nur zu kämpfen, du lernst fürs Leben – darum geht es.

Welche ist Ihre hervorstechende Charaktereigenschaft?

Meine ständige Lernbereitschaft. Ich versuche immer, mir neue Dinge anzueignen, mich auszutauschen und die Welt besser zu verstehen. Ich will mich ständig weiterentwickeln, lernen und wachsen, will neue Technologien entdecken und neue Sprachen, will neue Lebenswege erproben.

Gibt es Rollen, durch die Sie besonders viel über sich selbst gelernt haben?

Natürlich. Als Idi Amin in „Der letzte König von Schottland“ habe ich wahnsinnig viel gelernt, weil ich tief in seine Geschichte und die Historie eines ganzen Landes eingetaucht bin, zum ersten Mal in Afrika war und eine neue Sprache gelernt habe. Durch meine Rolle in „Der Butler“ habe ich viel über Stil und die Arbeit im Service gelernt, in „Ghost Dog“ wiederum einiges über Energie und innere Ruhe. „Bird“ hat mir beigebracht, mich mit meinen Ängsten auseinanderzusetzen und dabei herauszufinden, dass es gar nicht so schlimm ist. Man nimmt aus jeder Rolle etwas mit.

Passiert es Ihnen manchmal, dass Sie ein Drehbuch geschickt bekommen und Ihnen die angebotene Rolle gefällt, Sie aber nicht wissen, wie Sie sie spielen sollen?

In jeder noch so schrecklichen Figur steckt zumindest ein klitzekleines Molekül deiner selbst. Dieses Molekül musst du finden, verstärken und aufblasen wie einen Ballon, bis er deinen ganzen Körper ausfüllt und du zu dieser Figur wirst. Aber manchmal findest du dieses Molekül nicht oder kommst nicht dran. Dann musst du die Figur vollkommen auseinandernehmen, um an ihren Kern zu kommen und herauszufinden, wo die Verbindung ist. Wenn man das weiß, kann man die Figur wieder zusammenbauen und loslegen.

Gibt es Rollen, die Sie als Mensch verändert haben?

Auf jeden Fall. Verschiedene Rollen fühlen sich wie verschiedene Leben an, als würde man durch sie ständig wiedergeboren. Manchmal nimmt man diese Veränderungen im ersten Moment gar nicht wahr und merkt erst Jahre später, dass man Dinge auf eine Art tut, die mit einer früheren Rolle zusammenhängt.

Manchmal muss man eine Figur komplett auseinandernehmen

Für eine Rolle lernen Sie auch mal eine Sprache oder ein Musikinstrument. Wie viel von diesem Wissen bleibt Ihnen?

Vieles wandert leider bloß ins Kurzzeitgedächtnis und ist schnell wieder verloren. Gerade bei einer Sprache ist es ja wichtig, dass man sie regelmäßig spricht. Aber wenn ich die Möglichkeit habe, versuche ich bestimmte Fähigkeiten auch wieder aufzufrischen.

Würden Sie sich als Perfektionisten bezeichnen?

Ja, ich war immer schon sehr leistungsorientiert, das habe ich von meinen Eltern. Wenn ich etwas mache, dann richtig.

Gibt es auch Dinge, die Sie nicht oder nur schlecht können?

Ich scheine kein besonders guter Autofahrer zu sein. Zumindest höre ich häufig Beschwerden von Leuten, die bei mir im Wagen sitzen: Freunde, Familie, Kinder. Offenbar bin ich manchmal ein wenig abwesend, und dann heißt es immer: „Dad, pass auf!“, oder auch „Dad, fahr nicht zu dicht ran!“ Ich höre das oft, es scheint also etwas dran zu sein (lacht)!

Und wenn Sie mit dem Autofahren aufhörten?

Ich lebe in L. A., das wäre gar nicht möglich. Ich fahre bereits Auto, seit ich 16 bin. Aber richtig ist, dass der eine oder andere Unfall seither auf meine Kappe ging. Vielleicht sollte ich mal wieder ein paar Fahrstunden nehmen.

Oder Sie nehmen eine Rolle an, bei der Sie viel fahren  …

Das ist eine grandiose Idee! Ich werde mich mal nach entsprechenden Drehbüchern umsehen!