Große Augen machen Lufthansa Magazin Juli 2016
© Dustin Aksland

Große ­Augen machen

  • TEXT EMILY BARTELS

Seine Galerie ist die Straße: Der französische Künstler JR plakatiert den öffentlichen Raum mit riesigen Fotografien. So gibt er Menschen, die sonst unsichtbar bleiben, ein Gesicht. Unsere ­Reporterin traf ihn in New York

Draußen brummt und braust New York, diese ewige Projektionsfläche aus Straßenschluchten und Wolkenkratzern. Drinnen auf dem Sofa sitzt JR, Franzose, Plakatkünstler, Fotograf und Aktivist. „Spielt Größe eine Rolle?“, frage ich ihn. Wie zur Antwort hält er mir einen überdimensionalen Bildband hin. Darauf prangt eine große Gegenfrage: „Can Art Change the World?“. Das dicke Buch versammelt sein bisheriges, umfangreiches Œuvre. JR plakatierte schon in brasilianischen Favelas, er beklebte riesige Containerschiffe, Hauswände in Berlin und die monströse Mauer zwischen ­Israel und dem West­jor­dan­land mit seinen Fotografien. Ende Mai dieses Jahres verkleidete er die Pyramide im Innenhof des Pariser Louvre. Größer geht es doch kaum für einen Künstler.

JR springt vom Sofa. „Es kommt nicht auf die Größe an“, erklärt er, „sondern auf die Umgebung, in der ich meine Kunst platziere.“ In einigen Städten müssen seine Bilder mit meterhohen, schreiend bunten Werbeplakaten konkurrieren. Auf der grauen Betonwand an der israelischen Grenze dagegen reichten schon kleine Plakate aus, um die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zu ziehen. Wir sind in JRs Studio in New Yorks Viertel Nolita, in einem Gästebuch haben sich seine Besucher verewigt. Auch sie beschäftigt die Frage, ob Kunst die Welt verändern kann. „Hell, fuck, yeah“, schreibt der eine, „I hope so“, der andere. Die Antwort des französischen Präsidenten François Hollande kann ich nicht entziffern. Aber er war hier, ohne Presse, ohne Kameras. Wie war er so, der Präsident, frage ich JR? „Ich bewerte Menschen nicht, zumindest nicht politisch. Wenn mich jemand besuchen und mit mir reden möchte, ist er herzlich willkommen“, sagt der Künstler.

Große Augen machen Lufthansa Magazin Juli 2016

JR macht mit monumentaler Street-Art von sich reden, etwa in den Favelas von Rio de Janeiro

© JR

 Wir gehen hinunter in die Werkstatt, hier arbeiten drei seiner Mitarbeiter an großen Holzwänden, auf denen nach und nach die Gesichter von Menschen erkennbar werden. Das Team klebt ein ausgedrucktes Foto mit dem Motiv nach unten auf das Holz, dann beginnt es in mühsamer Feinarbeit, das Papier Schicht für Schicht wieder zu entfernen, bis nur noch die Tinte auf dem Holz verbleibt. An einigen Stellen, wo das Papier schon weggekratzt ist, schauen dem Betrachter Augen entgegen, an anderen Holzwänden schält sich ein Lächeln durch das Papier. JR macht Underdogs sichtbar. Das ist der Zweck seiner Kunst: jenen Menschen ein Gesicht zu geben, die sonst übersehen werden.

Im April 2015 trat JR den Kampf um Aufmerksamkeit in der Mutterstadt der Werbung an. Seine Bühne: der Platz vor dem Flatiron Building, mitten in Manhattan. In Kooperation mit der New York Times wollte JR auf die Situation der Migranten in New York aufmerksam machen. Er fotografierte Elmar Aliyev, einen damals 20-jährigen Einwanderer aus Aserbaidschan, und kleisterte das Foto, 45 Meter lang, auf den dreieckigen Platz zwischen Broadway und Fifth Avenue. Für die Geschäftsleute, Touristen und alle anderen, die in den folgenden Tagen über das Bild schritten, blieb Elmar dennoch unsichtbar: Die Fotografie war aus der Augenhöhe des durchschnittlichen Spaziergängers bloß als graue Masse wahrzunehmen. Doch je weiter man sich von Bildern dieser Größenordnung entfernt, desto deutlicher werden sie. Von der Penthouse-Terrasse betrachtet, war nur noch Elmar zu sehen, und alle ­anderen schrumpften zu Flöhen. JR gestaltet den öffentlichen Raum im XXL-Format. Doch seine optischen Tricks und Kniffe funktionieren auch im Virtuellen.

Große Augen machen Lufthansa Magazin Juli 2016

Alle Augen auf die Stadt! Im Sommer 2014 fuhr das von JR gestaltete Frachtschiff Magellan vom französischen Le Havre aus nach Malaysia. ­Strichcodes auf den 2600 Meter Papierstreifen halfen dem Künstler und seinem Team, diese in der richtigen Reihenfolge auf die Container zu kleben

© JR

 Ich stehe in der Mitte seines Ateliers, der Künstler gibt mir eine Oculus Rift, die Bildschirmbrille von Facebook, und befestigt sein Handy vorn in der Brille. Dann stöpselt JR die Kopfhörer aus meinem Diktiergerät in das Smartphone. Vor meinen Augen das schwärzeste Schwarz, in meinen Ohren nur Stille. Auf einmal steht JR wieder vor mir, aber er trägt jetzt nicht mehr das weiße T-Shirt von eben, sondern ein blaues Jeanshemd. Und eine Sonnenbrille. Ich brauche ein paar Sekunden, um zu begreifen, dass ich mich in einem dreidimensionalen Film befinde. Oben, unten, hinter mir sehe ich eine vir­tuelle Welt. Darin begleite ich JR durch sein Atelier, zum ­Fotoshooting mit Elmar und zum Flatiron Plaza. Dort schaue ich zu, wie der Künstler und sein Team Elmars ­Riesenposter auf die Straße kleben.

Sie haben das Foto auf Hunderten von Papierbögen ausgedruckt, die sie nun streifenweise installieren. Auf einmal höre ich links von mir ein lautes Knattern, neben mir fliegt ein Hubschrauber. JR hockt in der geöffneten Tür und fotografiert etwas unter uns. Ich senke den Kopf. Ich stehe nicht mehr auf der Flatiron Plaza, unter meinen Füßen, da sind nur noch Luft und ein paar Wolken, die Hochhäuser Manhattans, und dann ­irgendwann der harte Asphalt mit Elmars Foto.

Schnitt. Vor uns liegt wieder der aufgeschlagene Bildband. Ein Foto zeigt ein mächtiges Containerschiff, von dort aus blicken zwei riesige Augen auf die französische Hafenstadt Le Havre. Er sei nicht auf Rekorde aus, sagt JR, aber wahrscheinlich hat er schon einige gebrochen: Zehn Tage kostete es ihn und sein Team, das 363 Meter lange Schiff zu bekleben, obwohl sogar die Hafenarbeiter mithalfen. 2600 Meter Papierstreifen befestigten sie auf Hunderten Containern. Das Werk stammt aus dem Projekt „Women are Heroes“. Es ist den Frauen der Welt gewidmet, „die in ihren Gesellschaften eine wichtige Rolle spielen und doch jeden Tag Opfer von Krieg, sexueller Gewalt oder religiösem Fanatismus werden“, so JR.

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Die Decke des Pariser Pantheon ­beklebte er 2014 mit Porträts.

© JR

 Die ersten künstlerischen Experimente ging der Franzose an wie viele andere Teenager auch: Mit 16 Jahren kletterte er durch die U-Bahn-Schächte und über die Dächer
von Paris und hinterließ seinen „Tag“, ein gekritzeltes Markenzeichen, an den Wänden. Auch heute noch besitzt er einen Universalschlüssel der französischen Briefträger, der ihm Zugang zu beinahe jedem Treppenhaus der Stadt verschafft. Mit 17 fand JR in der U-Bahn eine liegengebliebene Digitalkamera und begann damit, seine Freunde beim Sprühen zu fotografieren. Die Fotos wiederum kleisterte er an Bauzäune und Häuserwände und nannte das Projekt „Expo 2 rue“, Straßengalerie.

Kann Kunst die Welt verändern? Fuck, yeah!

Eintrag im Gästebuch von JRs Studio

An dieser Methode hat der Künstler JR – trotz Wirtschafts- und Fotografiestudium – wenig verändert. Nur die Dimensionen sind andere geworden. An seinem riesigen Projekt „Inside Out“ haben bereits 260 000 Menschen aus 129 Ländern teilgenommen. Hier ist es nicht mehr JR, der die Motive stellt, die Teilnehmer fotografieren selbst und senden die Bilder an sein Studio in New York. JRs Mitarbeiter übernehmen dann die Logistik: Sie drucken jedes Foto auf A0-Format aus und senden es an die Teilnehmer zurück. Einzige Bedingung: ein starkes Anliegen und mindestens 50 Menschen, die es unterstützen. Posterkunst mit Schneeballeffekt. „Früher haben uns fünf Teilnehmer gereicht“, erklärt JR, „aber wir haben beobachtet, dass die Leute die Plakate einfach für sich behalten haben. Je mehr dabei sind, desto stärker ist die soziale Kontrolle.“ Eine Collage aus 4000 Porträts hat es an den Nordpol geschafft, die dafür verantwortliche Gruppe wollte auf die Umweltzerstörung in der Arktis hinweisen. Eine ähnliche Aktion in Pakistan war den Arbeiterinnen der Textilindustrie gewidmet. In Paris bedeckten 4000 Gesichter Kuppel und Boden im Pantheon. Und in Tunesien forderten Aktivisten nach dem „Arabischen Frühling“ mithilfe von JRs Kunst mehr Respekt füreinander ein.

Große Augen machen Lufthansa Magazin Juli 2016

Im Angesicht des Nachbarn: Eine Mauer im West­jordanland trennt Israelis und Palästinenser. JR plakatierte sie mit schrägen Porträts von Vertretern beider Nationalitäten

 Im New Yorker Atelier steht ein riesiger Drucker, der die eingesandten Porträts für „Inside Out“ ausdruckt. Er brummt und spuckt im Minutentakt großformatige Bögen aus, die JRs Mitarbeiter an die Mitstreiter verschicken. Die Kollegen im Atelier tragen Uniform: weißes T-Shirt, Jeans und  schlichte Sneaker. Ist das Zufall? „Ich kann Logos nicht ausstehen“, sagt JR und schielt kurz in meine Richtung. Mein schwarzes T-Shirt trägt zum Glück keinerlei Aufdruck. „Wir arbeiten ausschließlich ohne Sponsoren und finanzieren jedes Projekt selbst“, betont JR. Dafür produziert das Studio kleinere Arbeiten in niedrigen Auflagen, die in Galerien verkauft werden. Auf einer Website vertreibt JR Lithografien, die in einer kleinen Druckerei in Frankreich produziert werden. Die Arbeiten kosten zwischen 540 und 2760 Euro, jedes Bild ist nummeriert und trägt JRs Signatur in der rechten unteren Ecke.

Seinen richtigen Namen kennen nur JRs Freunde. „Die Buchstaben stehen für meine Initialen, aber ich spiele damit“, sagt er. „Einmal sollte ich auf einer Veranstaltung ein Namensschild tragen. Vor- und Nachname, darauf haben sie bestanden. Also habe ich ,Juste Ridi­cule‘ (einfach lächerlich) auf das Schild geschrieben.“ Das Pseudonym erlaubt ihm, unter seinem Klarnamen in Länder einzureisen, in denen er als Künstler vielleicht nicht willkommen wäre. Ähnlich macht es der Brite Banksy, der Gottvater der politischen Street-Art, dessen Identität bis heute unbekannt ist. JRs Maskierung besteht aus Hut und Sonnenbrille, ein Fantomas im Hipster-Dress. Jetzt schiebt er sein Mofa aus dem Studio hinaus ins Freie. Ob er wohl auch einen Schlüssel für die Treppenhäuser von New York besitzt? Seine Kamera hat JR jedenfalls dabei, als er von den Straßen Manhattans verschluckt wird.


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.