„Ich kann nicht alles spielen!“

Michael Fassbender

Interview

  • INTERVIEW DIETER OSSWALD

Das coole Chamäleon unter den Hollywood-Stars: Bald ist Michael Fassbender als Steve Jobs zu sehen, jetzt kommt sein „Macbeth“ in die Kinos. Hier spricht er über Angst, Ruhm und Sehnsucht sowie das Ausziehen vor der Kamera

Mister Fassbender, Verstehen Sie noch Deutsch?

Natürlich, das ist ja schließlich die Sprache meines Vaters!

Besuchen Sie gelegentlich auch Ihre Geburtsstadt Heidelberg?

Aber sicher! Ich habe noch Verwandte in Heidelberg, und es ist eine schöne Stadt. Meine Familie zog von dort weg, als ich zwei Jahre alt war, meine Kindheit verbrachte ich in Irland. Aber ich kam immer wieder nach Heidelberg zurück, besuchte meine Großeltern, als sie noch lebten, oder meine Onkel und Tanten.

Wann und wie kamen Sie mit Shake­speares „Macbeth“ in Berührung?

Meine erste Begegnung mit „Macbeth“ war im Alter von 15 Jahren, da stand es auf dem Lehrplan meiner Schule in Irland. Zum zweiten Mal beschäftigte ich mich damit auf der Schauspielschule in London. Am Ende jedes Semesters mussten wir Teile eines Dramas vorführen und wurden von den Lehrern dafür benotet.

In „Macbeth“ geht es um Korruption durch Macht. Auch Stars gelten als mächtig – fühlen Sie sich bisweilen durch den Ruhm korrumpiert?

Ruhm bringt einen gewissen Lebensstandard mit sich, der verführerisch sein kann und an den man sich allzu schnell gewöhnt. Für mich sehe ich diese Gefahr allerdings kaum. Ich mag es, wenn die Dinge in meinem Leben möglichst einfach sind. Tückisch kann es in diesem Beruf werden, wenn Geld die einzige Motivation ist.

Michael Fassbender

Charakterkopf ...

© 2015 Mike Marsland
Charakterkopf und Kämpfer : Michael Fassbender als Macbeth

... und Kämpfer: Michael Fassbender als Macbeth

© INTERTOPICS

Großmeister wie Akira Kurosawa und Roman Polanski haben den Stoff verfilmt. Haben Sie deren Vorlagen genutzt?

Ja, ich habe alles zu diesem Thema gesehen, was ich bekommen konnte. Kurosawa fand ich großartig, er ist mein Favorit unter den Verfilmungen.

Wie begegnet man Shakespeare als Schauspieler am besten?

Man muss die Sprache und den Rhythmus Shakespeares respektieren, darf aber nicht in Ehrfurcht erstarren. Ich habe vier Wochen lang allein geübt und kannte meinen Text ganz gut, als die gemeinsamen Proben begannen. Für mich sind Dialoge wie Musik, es geht darum, den richtigen Rhythmus zu finden.

Was macht diesen Klassiker aus?

Am ersten Drehtag gab mir Regisseur Justin Kurzel einen Ratgeber über posttraumatische Erfahrungen. Ich war erst überrascht, weil mir das bei „Macbeth“ noch nie in den Sinn gekommen war. Aber es ist offensichtlich: Genau darum geht es. Shakespeare hatte schon damals erkannt, welche Qualen die Soldaten durchleben. Nach dem Ersten Weltkrieg konnte niemand die traumatisierten Veteranen verstehen. Bei „Macbeth“ ist das Verhalten bereits beschrieben. In der Bankett-Sequenz sagt Lady Macbeth: „Sorgt euch nicht um ihn, er hat früher schon darunter gelitten.“

Wir wissen also, was Wut, Rache und Gewalt anrichten. Schon bei seinem ersten Auftritt wird klar, wie verletzlich er bereits ist. Nur durch Morde findet er seinen Weg, das Töten wird zu einem festen Verhaltensmuster für ihn.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Macbeth?

Ich kann Macbeth gut verstehen. Er ist derjenige, der die Grenzen sichert. Er kämpft den Krieg für Duncan, der auf seinem Thron sitzt. In mancher Hinsicht ist ­Macbeth der rechtmäßige König. Das rechtfertigt natürlich keine Morde – und er bringt täglich Menschen um. Aber er opfert sich auf, deswegen kann ich ihn verstehen. Es gibt viele Duncans in dieser Welt.

Ich mag es, wenn die Dinge in meinem Leben möglichst einfach sind

Wie sehen Sie Lady Macbeth?

Nach der klassischen Sichtweise ist Lady Macbeth eine von Ehrgeiz getriebene Frau. Das Gegenteil ist der Fall. Sie opfert sich, um ihre Ehe zu retten. Sie haben ein Kind verloren, doch für gemein­same Trauer bleibt keine Zeit, weil Macbeth ständig unterwegs ist, um seine Macht zu festigen. Im Grunde geht es um Verlust und darum, wie Menschen damit zurechtkommen.

Ein Dreh im britischen Winter ist kaum das ganz große Vergnügen …

Es war kalt, nass, es war, nun ja, sehr intensiv! (lacht) Es tobten Stürme, es hagelte und schneite. Wir dachten häufig: Hoffentlich sieht das gut auf der Leinwand aus! Besonders die Statisten waren phänomenal, die standen zehn Stunden im Regen, und am nächsten Tag erschienen wieder alle, als wäre nichts gewesen.

Sind solch widrige Wetterbedingungen gut für das Spielen?

Sie lassen einen deutlich spüren, wie es damals für diese Leute gewesen sein muss. Die waren ständig nass, haben gefroren und wohnten in schlichten Unterkünften. In einer nassen Decke zu schlafen ist alles andere als angenehm.

Einmal mehr erlebt man Sie mit freiem Oberkörper …

Stimmt, das steht in meinen Verträgen. Ich bin sehr gerne nackt. (lacht) Der Zugang für eine Rolle geschieht für mich immer körperlich. Ich bin kein besonders intellektueller oder analytischer Schauspieler. Ich bin sehr körperlich orientiert.

Gehört dazu auch ein intensives Training?

Das hängt von meiner Stimmung ab. Es gibt Zeiten, in denen ich sehr intensiv trainiere, dann wieder mache ich gar nichts. Mir hilft dieses Training mehr mental als körperlich. Natürlich will man sich eine gewisse Fitness bewahren. Aber ich bin bestimmt nicht verrückt nach Trainingsmaschinen oder Gewichten. Ich trainiere lieber mit dem Einsatz des eigenen Körpergewichts.

Man sagt Ihnen nach, Sie könnten jede Rolle spielen – einverstanden?

Nein, ich kann definitiv nicht alles spielen. Wenn ich die Arbeit von Kollegen sehe, denke ich oft: Das hätte ich nie so gut gekonnt wie er.

Was war Ihre schwierigste Rolle?

Schwer zu sagen. Meine letzte Rolle als Steve Jobs war ziemlich schwierig, da hatte ich sehr viel Text. (lacht)

Was ist die wichtigste Eigenschaft für einen Schauspieler?

Ich würde sagen, entspannt zu sein ist sehr wichtig. Denn nur im entspannten Modus bemerkt man, was wirklich um einen herum passiert. Nur so wird man zum guten Zuhörer. Und der muss man als Schauspieler auch unbedingt sein.