Porträtfoto Gilles Peterson
© Dave O’Donnell / Mistral Productions

„Die Zeiten waren nie besser“

  • INTERVIEW SEBASTIAN HANDKE

Die Lust am Entdecken neuer Musik verkörpert keiner so wie er: Seit über 30 Jahren inspiriert Gilles Peterson als DJ, Produzent, BBC-Moderator und Plattensammler die Musikliebhaber auf der ganzen Welt. Für sein Internet-Radio Worldwide FM erkundete er gemeinsam mit Lufthansa die Musikszene von Kapstadt.

Mister Peterson, Sie haben in Ihrem Leben schon sehr viel Musik gehört. Was hat Ihnen in Kapstadt besonders gut gefallen?

Kapstadt ist komplex. Es gibt etliche sehr verschiedene Musik-Szenen mit einer jeweils ganz eigenen Kraft. Am letzten Tag unserer Reise brachten wir trotzdem für ein paar Stunden alle zusammen: neue Trends und alte Trends, Folk-Rock, Spoken Word und Electro, Hipster, Hip-Hopper und Leute aus den Townships – alles unter einem Dach. Das war mein persönlicher Höhepunkt. Es ist nicht Teil der Dokumentation, aber wir haben es live auf Worldwide FM übertragen.

Was zeichnet die Musik von Kapstadt aus?

Kapstadt ist wie die jüngere Schwester von Johannesburg, wo die Musikindustrie von Südafrika residiert. In Kapstadt versammeln sich Musiker, die mehr auf ihre Kunst als ihre Karriere konzentriert sind. Deshalb gibt es hier eine sehr gute Jazz-Szene. Hinzu kommt: Robben Island, der Ort, an dem Nelson Mandela gefangen gehalten wurde, liegt quasi gegenüber. Es gab also eine besondere Nähe zu der politischen Situation dort. Die Kapstadter Hiphop-Gruppe Prophets of the City gehörte zu den ersten, die diese Situation öffentlich thematisierten. Die Radio-Stationen von Kapstadt brachten damals die Probleme zur Sprache – in der Musik.

Wie hatte sich die Musik bis dahin entwickelt? Südafrika war ja viele Jahre lang isoliert …

Es gab Musik, die von außerhalb des Landes kam, aber nur in Südafrika groß wurde – während der Rest der Welt nichts davon wusste. Der amerikanische Sänger Rodriguez ist dank des Dokumentarfilms „Sugarman“ wohl das bekannteste Beispiel: In den USA völlig erfolglos, brachten seine Platten in den Siebzigern hier die Menschen zusammen. Südafrika hatte aber auch eine eigene Musikindustrie, und die Musik, die dort entstand, wird gerade erst wiederentdeckt. So kopierten in den Achtzigern einige dort den kitschigen US-Soul aus der Frühzeit der Drum Machines. Die Musik, die da entstand, hat einen bestimmten, bekannten Sound, klingt aber irgendwie anders. Diese Platten sind bei DJs und Sammlern gerade sehr begehrt, vor allem weil niemand wusste, dass sie existiert. Sie nennen es Bubblegum Music.

Gilles Peterson mit dem Produzenten und DJ Esa Williams

Gilles Peterson mit dem Produzenten und DJ Esa Williams. Der gebürtige Kapstädter führte ihn durch die Musikszene der Stadt

© Dave O’Donnell / Mistral Productions
Für Gilles Peterson ist Kapstadt wie die jüngere Schwester von Johannesburg

Für Gilles Peterson ist Kapstadt wie die jüngere Schwester von Johannesburg

© Lufthansa
Peterson im Plattenladen „Mabu Vinyl“, Ausgangspunkt der oscar-prämierten Doku „Searching for Sugarman“

Peterson im Plattenladen „Mabu Vinyl“, Ausgangspunkt der oscar-prämierten Doku „Searching for Sugarman“

© Lufthansa
Die südafrikanische Singer-Songwriterin Nonku Phiri mit Gilles Peterson während der Live-Sendung aus Kapstadt

Die südafrikanische Singer-Songwriterin Nonku Phiri mit Gilles Peterson während der Live-Sendung aus Kapstadt

© Dave O’Donnell / Mistral Productions
Auch Produzent und Labelgründer Portable trat auf – gemeinsam mit Card With Spokes, Rozzano Davids und Gilles Peterson

Auch Produzent und Labelgründer Portable trat auf – gemeinsam mit Card With Spokes, Rozzano Davids und Gilles Peterson

© Dave O’Donnell / Mistral Productions

Sie selbst gelten als unermüdlicher Entdecker unbekannter oder vergessener Musik. Wie muss man sich diese Detektivarbeit vorstellen?

Für Sammler, die genügend Kleingeld haben, waren die Zeiten nie besser. Wenn man weiß, was man will, wird man online bei Discogs fündig. Für mich ist das aber nur der letzte Ausweg. Ich gehe lieber in London zu einem Laden namens „Cosmos“, dessen Wurzeln in Kanada liegen. Das Hauptquartier in Toronto ist für mich der beste Plattenladen Nordamerikas. Dann geht es weiter zu „Love Vinyl“ in Shoreditch, dann zu „Sounds of The Universe“ in SoHo. Es gibt aber auch spezialisierte Plattenläden, die für Laufkundschaft gar nicht zugänglich sind. Dort rufe ich an und mache einen Termin wie beim Friseur. Und wenn du einen Whisky willst, kriegt du einen Whisky.

Der maßgeschneiderte Platten-Dealer…

Genau! In Paris gibt es einen Typen namens Victor Kiswell, er kümmert sich um Sammler wie mich, aber auch um viele Hip-Hop-Produzenten aus den USA, die nach unverbrauchten Sounds suchen. Er lädt uns in sein Haus und zeigt uns seine neue Sachen. Man zahlt natürlich etwas mehr als sonst, erhält dann aber auch nicht einfach nur eine Platte, sondern die ganze Geschichte dazu. Wenn du, sagen wir, eine ukrainische Big-Band-Version eines Afro-Beat-Songs suchst – dann frag Kiswell. Er würde sogar die Liner Notes aus dem Russischen übersetzen lassen!

Wissen Sie überhaupt, wie viele Platten Sie besitzen?

Nicht wirklich. Ich habe zwei Immobilien mit Schallplatten, insgesamt acht volle Räume, so lässt sich das vielleicht am besten zählen. Etwa 50 000 Stück dürften es schon sein. Aber es entsteht immer so viel Neues, ich komme nicht zum Hören alter Sachen. Vielleicht später, wenn ich in Rente gehe! Ich dachte früher, dass ich die Arbeit als DJ mit 40 längst aufgegeben hätte. Aber es macht so viel Spaß, ich kann mir nicht vorstellen, damit aufzuhören.

Etwa 50 000 Platten umfasst die Sammlung von Gilles Peterson

Als DJ und Produzent reisen Sie viel. Wo ist die Verbindung von Musik und Stadt besonders eng?

In Berlin, wenn auch auf eine merkwürdige Weise. In der Berliner Club-Szene hat sich in den letzten 15 Jahren eine eigenständige Techno-Spielart etabliert. Und dann ist da noch der klavierlastige Sound von Nils Frahm und anderen. Seine Filmmusik zu „Victoria“ hat diese Ästhetik noch mal bekräftigt. Brasilien wäre ein anderes Beispiel, wobei sich die Musik von Rio und São Paulo doch sehr unterscheiden.

Wie kommt es, dass manche Städte eine spannende Musikszene entwickeln, andere aber nicht?

Ich weiß es nicht. Barcelona zum Beispiel ist eine interessante Stadt. So viele Menschen kommen dorthin, das Nachtleben ist gut. Es müsste eine attraktive, moderne Musikszene geben. Gibt es aber nicht. Warum nicht? Das fasziniert mich. Manchmal hat es mit Rechtsfragen zu tun. Melbourne zum Beispiel ist sehr aktiv, die Musikszene sehr fruchtbar. Sydney dagegen ist tot – und das liegt auch an den neuen Regeln zum Alkoholausschank. Kleine Dinge können große Auswirkungen haben.

Warum ist London konstant aufregend?

London ist ständig im Krieg mit sich selbst. Die Stadt hat einfach einen verrückten Mix, erfindet sich permanent neu, die Konkurrenz ist enorm. Keiner, der hier in der Musikindustrie arbeitet, kann es sich bequem machen. Sonst kommt jemand anderes und verdrängt ihn. Ich bin halb Franzose, halb Schweizer – aber als jemand, der mit Musik arbeitet, könnte ich niemals woanders leben.

Gilles Peterson im Porträt

Musik-Nerd und Weltbürger: Gilles Petersons Leidenschaft für neue Klänge ist ungebrochen

© Theo Cottle

Welche andere Stadt begeistert Sie momentan?

In Lissabon explodiert gerade eine wirklich interessante Musik. Viele Menschen aus Angola kommen dort an, ihre Einflüsse haben eine House-Spielart mit starker Energie und eigenwilligen Beats entstehen lassen. Die DJs und Produzenten dieser Musik leben alle in angolisch geprägten Vierteln an den Rändern der Stadt.

In diesem Fall ist die Globalisierung ein Segen. Aber muss man lokale Musikszenen nicht auch vor Einflüssen schützen, damit sie sich entwickeln können?

Globalisierung an sich ist gut. Aber in den Städten braucht es eine starke Gemeinschaft, damit sich Dinge entwickeln können, die nicht genauso klingen wie alles andere auch. Wenn heute irgendwo etwas halbwegs Interessantes passiert, stürzt sich gleich die ganze Welt darauf. Entwicklung braucht aber Zeit. In Lissabon wird die Szene behutsam gepflegt, das Label Principe zum Beispiel achtet sehr darauf, dass diese jungen Menschen die Zeit und das Umfeld haben, die sie für ihre Musik und ihre Auftritte brauchen. Nur so kann etwas wachsen. Gleichzeitig sind sie aber auch sehr geschickt darin, diese Musik zu vermarkten. Das gehört heute einfach dazu.

Welche Rolle spielt dabei noch das Medium Radio?

Alte Institutionen wie Radio 1 bei der BBC haben nicht mehr so viel Einfluss wie früher. Aber sie sind wichtig, denn für viele Menschen ist das immer noch der Einstieg. Das Schöne ist: Danach können sie hingehen, wo sie wollen. Es gibt heute viele spezialisierte digitale Radio-Stationen, mit denen man tief in ein bestimmtes Thema eintauchen kann. Bei der BBC kann ich über einen Künstler vielleicht ein 20-minütiges Special machen, auf meinem Internet-Sender Worldwide FM können es 24 Stunden sein. Es ist sozusagen der Director’s Cut. Und das Bedürfnis nach Expertise, nach glaubwürdiger Information, wird immer größer.


Sebastian Handke war noch sehr jung, als er geboren wurde. Seine Kindheit verlebte er in San Francisco und im schwäbischen Kernland. Als es damit vorbei war, fand er sein Auskommen als Regieassistent, Flash-Entwickler, Musiker und Journalist. Jetzt schreibt er für Lufthansa Exclusive und leitet das Lufthansa Magazin Online als verantwortlicher Redakteur.