© Geordie Wood

Meister Lampe

  • TEXT SEBASTIAN HANDKE
  • FOTOS GEORDIE WOOD

Aus der Ferne sind sie oft am schönsten. Wie Dunst mischen sich die Farben dann im Raum, fast so, als glühte die Luft. Wir stehen im Haus von Keith Sonnier und blicken gemeinsam auf seine „Barn“ gegenüber: Im Fenster kann man schwach das Licht einer seiner Skulpturen erkennen. Frischer Schnee bedeckt das Gelände, Rehe ziehen vorbei. Für morgen ist ein Blizzard angekündigt.

Es ist hell im Haus des Lichtkünstlers. Vor drei Jahren hat er das kleine viktorianische Gebäude auf Long Island durch einen modernen Anbau erweitern lassen. Jetzt fällt die Sonne auf Kunst und Pflanzen und Masken, mitgebracht von seinen vielen Reisen. Seit einem Schlaganfall fällt ihm das Gehen manchmal schwer, aber sein Gemüt wirkt heiter, enthusiastisch – und genussfreudig. Dieser Mann hat gerne Besuch.

Mr. Sonnier, wie viele Stromschläge haben Sie schon erlitten?

Durchaus einige. Aber das war damals, als ich anfing, mit Neon zu arbeiten. Ich rauchte zu viel Gras …

Was fasziniert Sie an Neon?

Ein gefangenes Gas wird von elektrischer Ladung entzündet, sein Licht dringt nach außen in die Atmosphäre … Irgendetwas daran zieht mich einfach an. Außerdem wirkt dieses Licht viel verführerischer als digitales Licht. Es ist eine Farbe, die glüht. Wie eine Flamme. Es IST eine Flamme!

Verführung also …

Die Wahrnehmung kann überwältigend sein: eine emotionale Reak­tion, die dir alle fünf Sinne bewusst macht. Solche Momente will ich schaffen. Das Werk soll dich durchdringen.

Was ist dabei wichtiger, das Licht oder die Farbe?

Meine erste Lichtskulptur war weiß – da ging es mir noch um das Glühen an sich. Aber dann entdeckte ich die Primärfarben Rot, Gelb, Blau … Bei Pigmentfarben hatte mich immer schon eher die Dichte des Materials interessiert, das Pulver etwa für Vermillion Red. Licht aber intensiviert die Farbe an sich noch mal ganz anders, gibt ihr sogar Volumen. Ich hätte als Künstler nicht weitermachen können, ohne die Farbkombinationen auszuprobieren – in Raum und Form.

In seinem Haus auf Long Island umgibt sich der Künstler Keith Sonnier mit Sonnenlicht und großen Pflanzen

In seinem Haus auf Long Island umgibt sich der Künstler mit Sonnenlicht und großen Pflanzen

© Geordie Wood
Cross Marker“ von 2015, aus den „Tidewater Series“

„Cross Marker“ von 2015, aus den „Tidewater Series“

© Geordie Wood
Keith Sonniers „Expanded Bound Saw Palm“, 2016

Keith Sonnier verbringt die Abende gern im Schein seiner Werke, hier: „Expanded Bound Saw Palm“ von 2016

© Geordie Wood
Keith Sonnier an seinem Schreibtisch – vor ihm eine Auswahl seiner vielen Sharpie-Stifte

Jedes Werk beginnt mit einer Handskizze – die Auswahl seiner vielen Sharpie-Stifte orientiert sich an den Farben der leuchtenden Edelgase

© Geordie Wood

  Leuchtröhren von der Stange kommen dafür nicht infrage: Sonnier lässt sein Licht herstellen. „Traditionelle Neon­röhren sind flach, so als würde man Buchstaben aus Spaghetti formen. Ich möchte, dass sie sich krümmen und in den Raum ragen.“ Sonniers Skulpturen wirken oft instabil, schlingernd, als seien sie in Bewegung. Man denkt bei ihrem Anblick eher an die Momentaufnahme eines primitiven Organismus als an eine Skulptur für die Ewigkeit.

Das Produktionsstudio liegt fünf Autominuten von seinem Haus in Bridgehampton entfernt. Jedes Werk beginnt mit einer Handskizze, aus der später ein Modell hervorgeht. Die Farbe, also das Gas oder die Gasmischung, bestimmt Sonnier anhand der Muster-Röhren seiner „Neon Charts“. Das Modell kommt dann in die Werkstatt der Glasbläser: Sie bringen heißes Glas in die gewünschte Form, stopfen Korken in die Enden und lassen es abkühlen. Je nach Farbwunsch wird der Glaskolben zusätzlich innen beschichtet, die Enden werden erneut erhitzt, Korken durch Elektroden ersetzt, es wird ein Vakuum erzeugt, schließlich das Edelgas eingelassen – dann ist der Stromkreis geschlossen.

Im Studio setzt Sonnier die Einzelteile anschließend zusammen. Die fertige Skulptur wird zum Fotografieren in die lichtdurchflutete „Barn“ gebracht, ein zweites Studio auf seinem Grundstück. Die ganze Produktion ist ein gut eingespielter Handwerksbetrieb, perfekt eingestellt auf die Bedürfnisse des Kunstmarkts. Manchmal wird beim Entwurf schon der Bestimmungsort mitgedacht: Für den öffentlichen Raum etwa verwendet Sonnier gern das schlichte Blau und Rot der Edelgase Argon und Neon, weil sie leicht zu ersetzen sind – Leuchtröhren halten keine 15 Jahre.

Wie wirken Licht und Farbe auf den Menschen? Im Video spricht Keith Sonnier über die Macht der Lichtstimmung und den „Lightway“ am Münchner Flughafen.

Anna K. Plumeyer und Julia Lohmann

Warum fertigen Sie die Lichtelemente nicht selbst?

Die Handwerker sind unglaublich gut, mit einigen arbeite ich seit über 30 Jahren zusammen. Sie freuen sich, wenn sie etwas anderes machen dürfen als Reklame. Mir fehlt dafür die Zeit, und es interessiert mich auch nicht. Da schaue ich mir doch lieber eine Kochshow an! Ich halte mich bloß nicht so gern an Rezepte … (lacht)

Der Inhalt Ihres Küchenschranks verrät: Sie kochen gerne …

Jeder, der aus ­Louisiana stammt, kocht. Das Wichtigste ist: Du musst wissen, wie man eine Roux macht. Das ist eine Mehlschwitze, die am Ende die Farbe von Schokolade hat. Sie ist die Basis vieler unserer Gerichte, und immer, wenn ich nach Louisiana ­zurückkomme, fragen mich die Leute: Was macht die Soße?

Und? Was macht die Soße?

Ich habe sie perfektioniert! In meine Soße kommen jetzt asiatische Gewürze, die ich auf Reisen entdeckt habe. Da hinten, am Ende des Gangs, steht mein Zitronengras … Und ich verwende kein Weizenmehl, sondern Mehl aus Mandeln oder Kichererbsen. Das schmeckt fantastisch.

Beim Kochen und in der Kunst, immer suchen Sie die Nähe zur Flamme. Was bedeutet das?

Das stimmt! Die Flamme kann sehr beruhigend sein. Wenn ich Essen zubereite, geht es mir gut. Ich bin auch selten deprimiert, denn aufs Kochen kann ich mich verlassen – es ist meine Methode, über Dinge hinwegzukommen.

„Floating Grid Series“ (2017)

„Im Studio: Wenn Sonnier eine Idee hat, spielt er damit. Seine Werke entstehen deshalb häufig in Serien wie der „Floating Grid Series“ (2017) Grid Series“ (2017)

© Geordie Wood

  Sonniers Großmutter war ein Traiteur, wie man damals im Louisiana-Patois sagte: Sie heilte mit Lebensmitteln. Wer zu ihr kam, den nahm sie mit ins Haus, sie half, ohne einen Cent zu verlangen. Ansonsten verbrachte sie den Tag mit Kartenspiel auf ihrer Veranda, von grandiosen Platanen umgeben. Fragt man Sonnier nach seinem Werdegang, spricht er wenig über sich, aber viel über ­seine Lehrer. Die Großmutter, sagt er, war sein erster Mentor. „Ich weiß noch, wie sie, 77-jährig, mit einem Satz über den Zaun sprang. Dabei war sie eine winzige Frau!“

Meine Werke sind eine Feier. Sie feiern die Wahrnehmung.

Sonnier wurde 1941 in Mamou, Loui­siana, geboren, er verlebte eine glückliche Kindheit inmitten von subtropischen Gewächsen, weiten Reisfeldern und feucht-diesiger Luft – überall konnte sich das Licht auf interessante Weise spiegeln und brechen. Aber die einzige Kunst, die er kannte, waren Bilder der Hölle und des Himmels auf den einander gegenüberliegenden Seiten der katholischen Kirche, wo er Messdiener war.

Seine Lieblingstante leitete das Kino von Mamou. Oben in der Loge, wo die Schwarzen sitzen mussten, riss Keith die Karten ab. „Quo Vadis“ hat er an die 40-mal gesehen. „Ich wusste alles über diesen Film: wie das Licht die Stimmung setzt und die Wahrnehmung beeinflusst … und dann war da noch dieses fabelhafte blaue Kleid von Deborah Kerr!“

Sonnier war 15 Jahre alt, da gerieten er und seine Tante in einen schweren Autounfall. Keith wurde schwer krank, und während er im Fieber lag, kam es zu außerkörperlichen Erfahrungen. „Ich habe das Licht gesehen. Es war ein sehr helles, intensives Licht.“

„Floating Grid Series“ (2017)

Hier: Ein Werk aus der „Floating Grid Series“ (2017)

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Keith Sonniers Farbskala zur Bestimmung der Leuchtstoffe

Eine selbst angelegte Farbskala hilft beim Bestimmen der Leuchtstoffe

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Sonniers zeichnende Hände

Der Lichtkünstler beim Entwurf einer Installation

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Stift und Papier:

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Papierskizze eines Lichtmodells
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© Geordie Wood
© Geordie Wood

War das der Moment, als Sie wussten, ich werde Künstler?

Als kleiner Junge war ich viel allein, da wird man zwangsläufig schöpferisch. Ich baute Szenen aus Bambus und mit kleinen Zweigen, der Himmel war aus Bananenblättern. Ich dachte aber nie daran, dass daraus Kunst werden könnte. Auch später, als ich bereits in New York ausstellte, war ich schockiert, dass überhaupt jemand etwas von mir kaufen wollte.

Sie verabschiedeten sich damals mit aufblasbaren Skulpturen von der reinen Lehre der Minimalisten …

Ich fand in ihren Werken ­einfach nicht die Erfahrung, die ich mir von meinen Werken wünschte. ­Diese Kunst ist ja sehr gut, vor allem ein Gemälde von Josef Albers mochte ich sehr. Aber ich hatte nicht vor, ein ­Albers-Gemälde zu machen. Es sollte etwas Eigenes sein, ein eigenes ­Rezept, ich wollte meine eigene Soße (lacht)!

Ihre Werke wirken abstrakt, aber immer lebendig, fast könnte man sagen, fröhlich?

Das stimmt, und mir wurde oft der Vorwurf gemacht, sie seien zu dekorativ. Aber das Gegenteil ist richtig, meine Werke sind eine Feier. Sie feiern die Wahrnehmung.

Klingt fast so, als hätten Sie Spaß, wenn Sie Kunst machen …

Also, Ekstase würde ich es nicht unbedingt nennen … (lacht) Aber ich kenne viele Künstler, die von ihrer Arbeit sprechen, als sei das eine einzige Strapaze. Wenn ich so eine Einstellung zur Kunst hätte, würde ich mir das bestimmt nicht antun!


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.


Sebastian Handke war noch sehr jung, als er geboren wurde. Seine Kindheit verlebte er in San Francisco und im schwäbischen Kernland. Als es damit vorbei war, fand er sein Auskommen als Regieassistent, Flash-Entwickler, Musiker und Journalist. Jetzt schreibt er für Lufthansa Exclusive und leitet das Lufthansa Magazin Online als verantwortlicher Redakteur.