„Ich musste immer gute Noten haben”

Natalie Portman

Interview

  • INTERVIEW RÜDIGER STURM

Ihren ersten Film als Regisseurin hat Natalie Portman gerade in ihrer Geburtsstadt Jerusalem gedreht – und ist immer noch gebannt von deren Zauber. Hier erklärt sie, wie fest sie in ihrer jüdischen Herkunft verankert ist

Sie sind für das Familiendrama „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ auf den Regiestuhl gewechselt. Ist das nun Ihr neuer Hauptberuf?

Nein, sosehr ich das Regieführen liebe. Ich habe Regisseure immer respektiert, aber jetzt erst weiß ich, wie viel harte Arbeit und Konzentration dazugehören. Es ist ziemlich stressig, auch weil man immer Ruhe bewahren muss. Ich bin froh, wieder nur Schauspielerin sein zu können.

Für Ihr sehr persönliches Regiedebüt kehrten Sie in Ihre Geburtsstadt Jerusalem zurück. Was bedeutet sie Ihnen?

Es ist ein Ort voller Leidenschaft, aus dem so viele Träume entstanden sind. Wenn man dort dreht, spürt man diese unglaubliche Energie. Israel ist ohnehin ein Land, über das ich viel nachdenke und spreche. Ich träume sogar davon.

Ist es denn so wie in Ihren Träumen?

Ganz anders. Die Atmosphäre kann nur verstehen, wer vor Ort gewesen ist. Es ist ein gewaltiges Gefühl, wenn man erstmals vor der Klagemauer steht. Ich stelle mir vor, wie meine Ahnen vor über 1000 Jah­ren am exakt gleichen Fleck standen und den Kontakt zu einer höheren Macht suchten. Diese spirituelle Verbindung ist sehr bewegend. Ich habe meine jüdische Identität immer stark gespürt, egal wo ich gelebt habe. Die wurde mir von meinen Eltern seit meiner Kindheit eingebläut.

Das klingt recht negativ, nach Zwang, nach Strenge…

Nein, so war das nicht gemeint. Natürlich ist das eine sehr komplizierte Identität. Aber im Gegensatz zu meinen Freunden, die sich erst auf Sinn- und Selbstsuche begeben mussten, stellte sich für mich nie diese Frage. Ich bin Teil dieser Kultur, und sie ist ein wichtiger Teil von mir.

Der Thriller „Léon – Der Profi“ machte die 13-Jährige Natalie Portman zum Star.

Der Thriller „Léon – Der Profi“ machte die 13-Jährige zum Star.

© ddp images

Unzufriedenheit scheint ein Teil der israelischen Kultur zu sein. Sie schrieben mal, dass das Hebräische unzählige Wörter für „belästigen“ kennt, aber keines für „Vergnügen bereiten“.

Jede Sprache hat etwas Spezifisches. Und in Israel hat man oft das Gefühl, als würde jeder am anderen herumnörgeln. Aber wir sollten auch die positiven Seiten hervorheben. Zum Beispiel gibt es für das Wort „sein“ kein Präsens. Man sagt nicht „Ich bin glücklich“, sondern „Ich glücklich“. Es gibt Formen für Zukunft und Vergangenheit, aber die Frage des Jetzt stellt sich nicht. Du musst das nicht extra formulieren. Du bist einfach. Diese Mentalität spürst du in Israel. Die Menschen besitzen die Fähigkeit, sich ganz auf die Gegenwart zu konzentrieren und im Augenblick zu leben.

Ihre Verfilmung von Amos Oz’ „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ spielt vor dem Hintergrund der Gründung Israels. Wie intensiv haben Sie sich mit jüdischer Kultur befasst?

Anfangs war es mir wichtig, die jüdische Geschichte und die meiner Familie zu kennen. Die habe ich von Kindesbeinen an studiert. So habe ich eine ziemlich starke Sensibilität entwickelt, wenn es um den Kampf gegen Unterdrückung geht. Man sagt immer, dass jüdische Amerikaner das Gehalt von Republikanern haben, aber die Demokraten wählen. Wir sind also sehr sozial eingestellt – das gilt auch für mich. Außerdem spielt für jüdische Familien die Ausbildung eine sehr große Rolle. Bei uns bedeutete das: „An allererster Stelle kommt die Schule und nichts als die Schule!“ Ich musste immer gute Noten mit nach Hause bringen.

Der ideale Film ist unvollkommen – wie das Leben

Hatten Sie bei so viel Arbeit und Lernen niemals das Gefühl, etwas zu verpassen?

Du verpasst etwas, und du gewinnst etwas. Das sehe ich ganz pragmatisch. Alles in allem hatte ich eine normale Jugend. Ich hatte sehr wohl Zeit, um auf Partys und in Clubs zu gehen, mit meinen Freunden abzuhängen und Blödsinn zu machen. Das Tolle war, dass ich in Ruhe gelassen wurde. Ich war vier Jahre auf dem College, und es gab kein einziges Paparazzi-Bild von mir, obwohl ich Filme wie die „Star Wars“-Prequels drehte. Das war noch eine andere Zeit. Die Medien respektierten mein Privatleben, die Maschinerie der Klatschberichterstattung war noch nicht so mächtig wie heute.

In ihrem aktuellen Film spielt Portman die Mutter des späteren israelischen Schriftstellers Amos Oz

In ihrem aktuellen Film spielt Portman die Mutter des späteren israelischen Schriftstellers Amos Oz

© Koch Films

Sie haben Psychologie studiert. Könnten Sie sich vorstellen, in dem Berufsfeld zu arbeiten?

Es wäre schon merkwürdig. Ich fürchte, ich wäre eine Schauspielerin, die eine Psychologin darstellt. Abgesehen davon habe ich ja nur den Bachelor gemacht. Aber das Thema interessiert mich weiterhin. Ich lese Bücher darüber und kann das Verhalten von Menschen besser analysieren. Das beeinflusst auch meine Herangehensweise an Rollen. Wenn ich eine Person spiele, überlege ich immer, welche psychologischen Komplexe sie wohl besitzen mag.

Welchen psychologischen Komplex könnte man bei Ihnen diagnostizieren – übertriebenen Ehrgeiz vielleicht?

Ehrgeiz ja, aber nicht übertrieben. Besonders als ich Anfang 20 war, wollte ich mich unbedingt beweisen. Aber selbst da hatte ich nie das Gefühl, meine Ellbogen einsetzen zu müssen. Ich sah in anderen Schauspielerinnen, die mit mir um dieselben Rollen wetteiferten, keine Bedrohung, denn mir war klar, was ich kann und was nicht. Ich will einfach einen sehr, sehr guten Job machen.

Sind Sie Perfektionistin?

Ich denke, alle Künstler streben nach einer flüchtigen Schönheit, die du nicht einfangen kannst. Speziell beim Film willst du das Leben darstellen, aber das ist nun mal ein ziemliches Chaos. Der ideale Film ist unvollkommen. Seine Schönheit liegt im Durcheinander.

Gibt es etwas, was Ihnen am Filmemachen missfällt?

Problematisch kann es werden, wenn du nicht genügend Budget hast. Einerseits sind kleine Produktionen toll, denn die Leute sind vor allem aus Begeisterung mit dabei. Aber ich habe schon bei Projekten mitgemacht, wo sich der Produktions­assistent nicht mal einen Becher Kaffee kaufen konnte – das ist schon heftig.