„Es geht vorwärts!“

Richard Gere

Interview

  • INTERVIEW RÜDIGER STURM

Viel mehr als der ewige Schönling mit reichlich Talent: Richard Gere spricht über die Macht der Frauen, die Kraft der Demokratie und seine Versuche, ein besserer Mensch zu werden

Mr. Gere, 1980 feierten Sie mit „Ein Mann für gewisse Stunden“ Ihren Durchbruch als Filmschauspieler. Sind Sie sich bewusst, dass Ihre Karriere schon so lange währt

Darüber denke ich nicht nach. Ich realisiere nur, dass ich älter geworden bin. Ich kann mich noch sehr gut an die Zeit erinnern, als ich bei Meetings fast immer der Jüngste war.

Was empfinden Sie, wenn Sie sich Filme mit dem jungen Richard Gere ansehen?

Normalerweise vermeide ich das. Die schaue ich mir nur an, wenn ich Gast bei einem Filmfestival bin, das eine Retrospektive zeigt. Wenn ich dann Zusammenschnitte sehe, bewegt mich das sehr. Ich habe das Gefühl, als würde ich einem jüngeren Bruder zuschauen, eine Mischung aus Nostalgie, Liebe und Verständnis. Die Probleme, mit denen man sich früher herumgeschlagen hat, sind verschwunden. Und manches wirkt aus heutiger Sicht einfach albern.

Gibt es Filme, die Ihnen peinlich sind?

Absolut nicht. Ich empfinde Nachsicht – nicht in Bezug auf die Filme, sondern auf meine Persönlichkeit von damals. Heute weiß ich etwas besser als früher, worauf es im Leben ankommt.

Worauf kommt es denn an?

Menschen neigen dazu, sich abzukapseln. Jeder bezieht seine Kraft aus sich selbst. Aber wir sind alle nur Teil einer größeren Geschichte. Wenn wir unser Bewusstsein verändern und unsere Schutzhüllen ablegen, wird sich unser Leben – und das Leben auf der gesamten Erde – grundlegend verändern.

Steve Coogan, Rebecca Hall und Richard Gere in „The Dinner“

Krisensitzung: Steve Coogan, Rebecca Hall und Richard Gere in „The Dinner“

© Tobis Film

Zurzeit scheint sich das politische Handeln aber in eine andere Richtung zu entwickeln. Es geht um Ängste, um nationale Abschottung und neue Mauern …

ch denke, dass sich die Menschheit vorwärtsbewegt. Doch bei jeder Vorwärtsbewegung gibt es einen Rückschritt, das erleben wir gerade. Aber dieser Moment ist nur ein Korrektiv, das dazu führt, dass sich die Menschen wieder engagieren. Manche der Wahlergebnisse zuletzt sind entstanden, weil die Leute glaubten, es sei egal, was sie tun, wen sie wählen. Aber jetzt klinken sie sich wieder in den demokratischen Prozess ein. Der funktioniert eben nur, wenn sich alle beteiligen. Sonst bekommen wir Verrückte oder Demagogen als Staatsführer.

Und wie werden wir die wieder los?

Sie werden wieder abgewählt, früher als sie denken. Oder ihre Macht wird durch das Parlament massiv beschränkt. Diktaturen bewegen sich auf eine Revolution zu, wenn sie sich nicht in eine Demokratie verwandeln.

Vielleicht sollten Sie selbst noch in die Politik gehen. In Ihrem aktuellen Film „The Dinner“ spielen Sie einen US-Kongressabgeordneten, der Gouverneur werden will …

Nein, es ist so viel in Bewegung geraten, da muss ich mich als Künstler nicht in den Vordergrund schieben. Es gibt so viele spontane Aktionen, die sich gegen eine zerstörerische Vision richten, besonders bei der aktuellen Frauenbewegung. Diese Demonstrationen sind so voller Freude, Liebe und Optimismus. Die richten viel mehr aus, als ich es je könnte

Die Frauen verkörpern die Hoffnung?

Das wussten schon die alten Griechen. In der Komödie „Lysistrata“ führen die Männer Krieg, und die Frauen sagen: „Das ist Wahnsinn. Bis ihr nicht mit dem Kämpfen aufhört, gibt es keinen Sex.“ In meiner Welt bestimmen die Frauen. Sie haben mehr Mitgefühl und Realitätssinn – ohne weibliche Energie geht es nicht!

Was haben Sie im Lauf der Zeit über den Umgang mit Frauen gelernt?

Ich weiß nicht, was Frauen denken, aber ich weiß, wie ich mich verhalten soll. Eine Beziehung ist kein Handel, wo jeder abwägt, was er dem anderen gibt. Echte Liebe verlangt Selbstlosigkeit, wie bei Müttern und ihren Kindern. Das ist nicht immer einfach, das gebe ich zu.

Hilft Ihnen auch der Buddhismus bei der Suche nach dem eigenen Glück?

Ja, eindeutig. Das Ziel ist es, Mitgefühl zu spüren und Weisheit zu erlangen.

Ohne weibliche Energie geht es nicht

Wie versuchen Sie das zu erreichen?

Durch ständige Übung. So wie jemand, der Klavier lernt. Bloß weil man denkt, oh, ich würde gern Mozart spielen, beherrscht man es noch lange nicht. Man muss jeden einzelnen Muskel trainieren, seine ganzen Sinne erwecken und die Musik spüren. Mit dem Geist und der Spiritualität verhält es sich genauso. Ich bin gewiss noch nicht sehr weit gekommen damit. Ich bin eher ein Baby, das ganz langsam seine spirituellen Muskeln beherrschen lernt.

Wie genau trainieren Sie die?

Ich versuche selbstlos zu sein und anderen zu helfen. Das gelingt mir nicht immer, also ist mein Minimalziel, dass ich niemandem wehtue. Das beste Beispiel hat mir einer meiner buddhistischen Lehrer gegeben: Wenn du meditierst und Lärm hörst, weil jemand an die Wand pocht oder laut spricht, dann denkst du dir spontan: Gott, ich wünschte, der würde endlich aufhören. Er meinte, das sei eine sehr westliche Einstellung. Der wirklich Meditierende denkt sich: Toll, ich spüre die Präsenz eines anderen menschlichen Wesens. Und es geht ihm das Herz auf. Mit dieser Einstellung sollte man leben.

Sind Sie – betrachtet man Ihre spirituellen Interessen – in der Glamourwelt Hollywoods richtig aufgehoben?

Ich brauche den Kontakt zu anderen Menschen. Wir Menschen sind wie Licht – das kannst du nicht greifen, du siehst es nur, wenn es von etwas reflektiert wird. Natürlich könnte ich mir vorstellen, die Schauspielerei an den Nagel zu hängen, aber andererseits liebe ich meinen Job. Er ist meine Leidenschaft, und von irgend­etwas muss ich ja meine Rechnungen bezahlen. Also versuche ich dafür die richtige Motivation und Einstellung mitzubringen, um vielleicht etwas zu schaffen, was für andere Menschen Bedeutung hat.