„Ich bin ein ewiger Romantiker!”

Woody Allen

Interview

  • TEXT RÜDIGER STURM

Der Unermüdliche: Woody Allen ist 80 Jahre alt und dreht und dreht ... Im Interview zu seinem neuen Film "Café Society" spricht der Autor und Regisseur über Sehnsuchtsorte, Nostalgie und die beglückende Arbeit mit Profis

Mister Allen, reisen Sie eigentlich gerne?

Streng genommen nicht. Auf Flügen werde ich leicht verrückt. Das liegt daran, dass meine Aufmerksamkeitsspanne nicht so groß ist. Langstreckenflüge sind ein Problem für mich, das sorgt auch für große Konflikte mit meiner Frau.

Weil sie das Fliegen liebt?

Ja, und sie möchte sehr gern mit mir nach Asien reisen – nach China, Japan und nach Seoul, wo sie herkommt. Aber ich habe mich die ganze Zeit davor gedrückt. Es ist ja auch eine ganz schöne Strecke.

Als Filmemacher sind Sie seit einiger Zeit zum Globetrotter geworden, Sie haben in England, Frankreich, Spanien und Italien gedreht. Haben Sie also doch etwas fürs Reisen übrig?

Ich bin ein Gewohnheitstier. Aber meine Frau treibt mich immer an, Neues auszuprobieren und Orte zu besuchen, die ich nicht kenne. Es gibt Orte, von denen ich weiß, dass ich mich dort sehr wohl- fühlen würde. So habe ich seit vielen Jahren eine sehr romantische Einstellung zu Europa. Amerikaner denken gerne, das sei ein geheimnisvoller, kulturell und sexuell fortschrittlicher Ort, der sie für immer verändern wird.

Und ist es so?

Vielleicht ja, vielleicht nein. Aber ich glaube es auch, denn diese Sicht haben mir die europäischen Filme vermittelt,die ich in meiner Jugend gesehen habe. Die waren alle origineller, gewagter und freizügiger als das, was aus den USA kam. An diesem Glauben habe ich festgehalten. Falls das nicht stimmen sollte, dann verraten Sie’s mir bloß nicht. Denn ich bin ein ewiger Romantiker.

Gibt es weitere Sehnsuchtsorte, an denen Sie gerne drehen würden?

Einer davon ist Stockholm. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dort mehrere Monate zu leben. Das Problem ist: Ich brauche die Idee für eine Geschichte, die dort spielt. Dafür wäre ich sehr dankbar. Natürlich könnte ich eine beliebige Handlung dort ansiedeln. Doch ich brauche eine Story, die exakt zum Ort passt. Ich mag die kreative Herausforderung, mir so etwas einfallen zu lassen.

Große Liebe: Jesse Eisenberg und Kristen Stewart in "Café Society"

Große Liebe: Jesse Eisenberg und Kristen Stewart in "Café Society"

© Sabrina Lantos, Gravier Productions, Inc.

Sie sind nicht bloß ein Romantiker, sondern offenbar auch ein Nostalgiker. Ihr neuer Film „Café Society“ beschwört die glamouröse Atmosphäre im Hollywood und New York der 1930er-Jahre herauf.

Nostalgie hat etwas Zwiespältiges an sich. Das Leben ist nun mal sehr hart und tragisch, also wünscht man sich in andere Zeiten zurück. Wir neigen dazu, bestimmte Zeiten zu glorifizieren, aber in Wirklichkeit waren sie noch schlimmer als die Gegenwart, es gab zum Beispiel mehr unheilbare Krankheiten. Wenn wir zurück- reisen würden, ginge uns vieles verloren, was für uns heute selbstverständlich ist.

Sind Reisen an Sehnsuchtsorte auch eine Flucht vor der brutalen Realität?

Ja und nein. Natürlich ist man zuerst von der Schönheit solcher Orte überwältigt: Oh, mein Gott, dieser Strand, die Menschen, die Vegetation, das ist großartig! Für andere wäre das ein Beweis dafür, dass das Leben nicht so schlecht sein kann. Aber mir ist klar: Dieser Moment ist gleich wieder vorbei. Und dann beginnen wieder die Sorgen, Probleme und Herz- schmerzen. Überall kann dir was Schlimmes passieren. Ich kann mir nicht helfen, so denke ich.

Für mich sind Filme eine Flucht vor der Realität

Reden wir über Schönes – das Filmemachen. Weshalb drehen Sie mit 80 Jahren noch einen Film nach dem anderen?

Was ich am liebsten mache, ist schreiben. Aber ein Drehbuch ohne Film ergibt keinen Sinn. Vor vielen Jahren schrieb ich das Drehbuch für „What’s New Pussycat?“, aber man machte etwas Schreckliches draus. Da sagte ich mir: So etwas tue ich bloß wieder, wenn ich selbst Regie führen kann. Und so mache ich halt weiter. Für mich sind Filme eine Flucht vor der Realität. Das waren sie schon in der Kindheit, als ich mir die ganzen Streifen mit Fred Astaire oder Cary Grant anschaute. Und jetzt bin ich auf die andere Seite der Kamera geflüchtet. Meine Freunde haben harte Jobs in der Praxis oder im Büro, aber ich darf mit schönen Frauen und Männern arbeiten, kann Musik und Kostüme auswählen.

Woody Allen: Der Künstler als junger Mann, porträtiert von Starfotograf Philippe Halsman 1969

Der Künstler als junger Mann: Woody Allen, 1969 porträtiert von Starfotograf Philippe Halsman

© Philippe Halsman/Magnum Photos/Agentur Focus

Filmregie ist nicht anstrengend?

Ich bitte Sie. Ich drehe einen pro Jahr – ein Lehrer unterrichtet Hunderte von Schulstunden, ein Arzt behandelt Tausende Patienten. Wer behauptet, dass Filmemachen schwer sei, will sich bloß selbst wichtig machen.

Oder machen Sie es sich zu leicht? Man sagt, Sie gäben Ihren Schauspielern keine Anweisungen …

Ich heuere tolle Leute an. Wenn sie kommen, dann haben die ihre Hausarbeiten gemacht. Natürlich mag jemand mal einen Fehler machen, dann korrigiere ich. Aber in 90 Prozent aller Fälle beschränken sich meine Anweisungen auf „Könntest du ein bisschen mehr machen? Oder weniger und dafür realistischer?“

Aber Sie sind der Autor des Drehbuchs. Haben Sie keine genauen Vorstellungen, wie man Ihre Dialoge sprechen soll?

Beim Schreiben habe ich das schon. Aber beim Dreh passiert es oft, dass die Schauspieler es ganz anders machen. Dann lasse ich sie das nach meinen Ideen wiederholen. Aber wenn ich mir später die Muster ansehe, merke ich oft: Ihre Version ist viel besser als meine.

Loben Sie sie dann?

Ach, das sind Profis, die brauchen keine große Bestätigung. Einem Baseballspieler muss man ja auch nicht sagen: „Oh,bist du toll.“ Jeder macht seinen Job.

Heißt das, Sie selbst brauchen auch keine Anerkennung für Ihre Filme?

Nein. Deshalb lese ich auch keine Kritiken, seit vielen Jahren schon nicht. Denn wie sollte ich damit umgehen? Wenn die Leute einen Film mochten, würde ich denken: „Ich muss jetzt wieder so einen Film machen.“ Wenn er verrissen wurde, dann würde mich das blockieren: „So etwas darf ich nicht wieder schreiben.“ Nein, ich schreibe, drehe, bringe den Film heraus und schaue ihn mir nie wieder an. Und niemand braucht mir zu sagen, was er dazu meint.