Wie aus einem Kater ein Walhai wurde - Salt and Silver- Mexiko
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Wie aus einem Kater ein Walhai wurde

  • TEXT JOHANNES RIFFELMACHER, THOMAS KOSIKOWSKI
  • ILLUSTRATION JANA FEDEROV

Samstags schlägt man ja hin und wieder etwas über die Stränge. Meistens will man am nächsten Tag gar nicht so genau wissen, was los war, aber diesmal merken wir es uns ganz genau. Irgendwann weit nach zwölf, wir sind schon auf dem Nachhausweg, kommen wir an einer Hafenhütte vorbei. Einige kernige Fischer sitzen bei einer Flasche Tequila davor und würfeln. Wir bleiben kurz stehen und schielen neugierig auf den Tisch: Was zocken die da? Da beschießt uns der älteste der Gang mit einigen Salven breitem Fischer-Spanisch, offenbar fest davon überzeugt, dass wir Gringos ihn ja eh nicht verstehen können. Wir kapieren seine Aufforderung allerdings ganz genau: „Setzt euch her Jungs, wir spielen um eure Jungfräulichkeit.“

Sein verdutzter Blick, als wir im Mexiko-Slang antworten: Gold wert. Dass er damit etwas zu spät kommt, sagen wir, aber mitzocken würden wir trotzdem gerne. Bis er überhaupt kapiert, was los ist, sitzen wir schon am Tisch. Das Spiel ist einfach, Pasch gewinnt, blabla, zwei, drei Regeln. Am Ende des Tages geht’s ja doch hauptsächlich ums Glück.

Man sagt ja, Betrunkene hätten immer Glück. Dann waren wir scheinbar die Betrunkensten, denn nach einer guten halben Stunde hatten wir uns einen Tages-Angeltrip auf dem Boot unseres Kollegen erspielt – zum halben Preis. Er gibt uns sein Fischerehrenwort: Am nächsten Morgen würde er am Pier auf uns warten. Wir glauben kein Wort, packen aber trotzdem morgens etwas Obst, Gemüse und unsere Schnorchelausrüstung zusammen und latschen verkatert runter zum Fischerhafen. Und siehe da – unfassbar! Der Typ steht wirklich da. Etwas schräg in die Sonne blinzelnd, aber körperlich größtenteils anwesend.

Wir grüßen ihn, etwas verschämt grinsend, per Handschlag und klettern auf sein kleines Boot. Wir schippern an einem schmalen Küstenstreifen entlang Richtung offenes Meer, der geschmeidige Fahrtwind tut verdammt gut nach dieser langen Nacht. Nach etwa einer halben Stunde, wir waren gerade kurz eingenickt, macht unser Captain plötzlich eine scharfe Kurve, fast feuert es uns vom Boot. Dann bremst es beinahe bis zum Stillstand. Wir haben keinen blassen Schimmer, was los ist, befürchten schon irgendeinen unerwarteten Rachemove für den gestrigen Abend … Dann sagt der Captain leise: „Tiburon Ballena.“

Noch haben wir keine Ahnung, dass dieser Tag einer der besten unseres Lebens wird

Noch haben wir keine Ahnung, dass dieser Tag einer der besten unseres Lebens wird

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Der Walhai – ein wunderschöner Riese, acht Meter lang. Vor lauter Ehrfurcht vergisst man fast zu atmen

Der Walhai – ein wunderschöner Riese, acht Meter lang. Vor lauter Ehrfurcht vergisst man fast zu atmen

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„Jo hofft insgeheim, dass der Hai seine Fisch-Tattoos nicht mit Futter verwechselt“

Bleibt zu hoffen, dass er die Fisch-Tattoos nicht mit Futter verwechselt

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Playtime mit Seelöwen: Die Lobos begrüßen uns mit lautem Geblöke

Playtime mit Seelöwen: Die Lobos begrüßen uns mit lautem Geblöke

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Was macht das Weißbrot in meinem Vorgarten?

Was macht das Weißbrot in meinem Vorgarten?

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Zum Ende des Tages tuckern wir neben einer Walschule her. Hasta Luego und danke für die Show, grauer Riese!

Zum Ende des Tages tuckern wir neben einer Walschule her. Hasta Luego und danke für die Show, grauer Riese!

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Ein riesiger Schatten gleitet knapp unter der spiegelglatten Wasseroberfläche auf unsere schwimmende Nussschale zu. Unser Unterkiefer fällt tiefer als für möglich gehalten. „Tiburon“ bedeutet Hai, „Ballena“ heißt Wal. Ernsthaft? Ein Walhai? Die kennen wir sonst nur von National Geographic. Doch der zweite Blick hält dem ersten Verdacht stand: Es ist ein Walhai, und er ist süße acht Meter lang.

So schnell wir können werfen wir uns in die Schnorchelausrüstung und springen ins Wasser. Kaum haben sich die Augen an die Unterwasseroptik gewöhnt, taucht wie aus dem Nichts in weniger als einem Meter Abstand ein riesiges Tier auf. Für einige Sekunden vergisst man zu atmen.

Stell dir vor, du schwimmst neben einem lebenden Lastwagen. Ein Lastwagen allerdings, der eigentlich ein Hai ist und auch so aussieht. Gut, dass diese Art einem generell nicht ans Leder will, aber wir haben ohnehin ein recht entspanntes Exemplar erwischt. Wir taufen ihn Herbert. Herbert mustert uns neugierig, wir umkreisen einander in gegenseitiger Faszination. Jo hofft insgeheim, dass der Hai seine Fisch-Tattoos nicht mit Futter verwechselt. So schwimmen wir eine gefühlte Ewigkeit nebeneinander und genießen den Moment. Irgendwann klettern wir zurück aufs Boot und lassen unseren neuen Freund in Ruhe weiter seine Bahnen ziehen.

Unser Captain schlägt vor, noch einige Kilometer weiter zu schippern, bis zu einer kleinen Felsformation vor einer unbewohnten Insel. Dort wohnen Seelöwen. Klingt nach genau der richtigen Fortsetzung unserer wundersamen Abenteuerfahrt.
 Als wir ankommen begrüßen uns die Lobos schon mit lautem Geblöke, einige springen von ihren Felsen ins Wasser und tummeln sich rund um unseren Kahn. Wir wollen die Boys natürlich nicht enttäuschen und springen zu ihnen ins Wasser, tauchen mit der Gang um die Wette, bis wir keine Luft mehr haben. Als die Sonne langsam gen Horizont wandert, treten wir die Rückfahrt an.

Mit dem Sonnenuntergang ziehen auch die Buckelwale davon

Mit dem Sonnenuntergang ziehen auch die Buckelwale davon

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Dann bremst der Kapitän ein weiteres Mal unvermittelt. Wir hören ein Schnaufen wie von einer Lokomotive, irgendwo in der Ferne. Herzstillstand: In einigen hundert Meter Entfernung bläst ein Buckelwal. Und dann noch einer. Und noch einer. Wir befinden uns mitten in einer ganzen Schule von Walen, die sich gemächlich im Sonnenuntergang das Plankton durch die Barten filtern. Während der Captain langsam an die Tiere heransteuert, kommen wir aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr heraus. Die Tiere wälzen sich im Wasser, direkt nebeneinander, zeigen ihre Fluke, tauchen ab und wieder auf. Sie fühlen sich pudelwohl.

Im Boot ist es mucksmäuschenstill geworden, wir haben die Kameras ausgepackt, sitzen einfach da und beobachten das Naturschauspiel. Jetzt springen auch noch Mantarochen knapp neben uns aus dem Wasser, schlagen mit ihren Flügelflossen und segeln meterhoch durch die Luft. Gibt’s doch gar nicht. Jacques-Yves Cousteau hatte nicht übertrieben, als er mal sagte, dieser Flecken Meer sei das “Aquarium der Welt”.

Was für ein unverhofftes Abenteuer. Hoch lebe das mexikanische Würfelspiel!


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