Schuhe in der William Lennons Schuhmanufaktur
© Myrzik und Jarisch

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  • TEXT HARALD BRAUN
  • FOTOS MYRZIK UND JARISCH

Irgendwann möchte ein Mann keine Turnschuhe mehr tragen. Es kommt der Tag, an dem er Stiefel sucht, die wie gute Freunde sind: verlässlich, solide, für immer. Unser Autor reiste bis in die englische Provinz, um sie zu finden.

Klar ist das maximal albern. In Kopenhagen hinter einem fremden Mann herlaufen, ihm auf die Schulter tippen, auf seine Schuhe zeigen und fragen „Woher?“ Ich war auf einen spöttischen Blick eingestellt, auf eine brüske Abfuhr. Aber der Mann, Mitte 30 etwa, lächelte. Lächelte, als passierte ihm das nicht zum ersten Mal. „Sind Boots von William Lennon“, sagte er. „Ich trage sie seit Jahren jeden Tag!“

Seine Schuhe, halbhoch, teures schwarzes Leder, derbe Botten und dabei doch elegant, glänzten wie ein spätes schwarz-weißes Romy-Schneider-Porträt, voller Patina, Charakter, versehen mit einer wissenden Müdigkeit, die von langen, mühsamen Pfaden erzählte. Ich wusste sofort, solche Boots wollte ich auch haben. Und danach nie wieder darüber nachdenken, was ich mir morgens schnüren würde.

Von William Lennons Schuhmanufaktur in Derbyshire hatte ich noch nie gehört. Ehrlich gesagt wusste ich auch von Derbyshire nicht viel, diesem mittelenglischen Bezirk im sogenannten Peak District, der mit dem 636 Meter hohen Kinder Scout tatsächlich über eine Art Berg verfügt – und wo seit 1951 auch Englands erster Nationalpark zu Hause ist.

Die Gegend ist auf eine verwaschene Weise hübsch. Wer sich ein Bild machen will, muss nur an Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ denken, das hier 2004 verfilmt wurde: klobige Herrenhäuser, charmante Cottages, blassgrüne Nebelwiesen, verwinkelte Schottersträßchen und dazu eine Menge Schafe.

Schon die Adresse von William Lennon klingt wie ausgedacht: Man findet die kleine Fabrik im Hope Valley in Stoney Middleton in der Straße The Bank – allerdings nur, wenn man wirklich danach sucht. Ein kleines verwinkeltes Cottage, eingerahmt von Feldern, Auen und angrenzenden Häuschen auf einer kleinen Anhöhe.

Es scheint, als wäre ich im Hobbitland unterwegs. Der Eindruck verstärkt sich, als ich durch eine kleine Holztür – besser, man bückt sich – direkt in eine Werkstatt stolpere, in der neben einer steinalten Dame mit dicken Brillengläsern (Pat Helliwell, seit mehr als 50 Jahren hier beschäftigt!) erst einmal nur Berge von übereinandergestapelten Boots zu sehen sind.

Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, erkenne ich in den Ecken Berge von Ledermatten in braunen und schwarzen Schattierungen, wurmstichige Holzregale und Tische voller Schuhleisten, einige Messer, eher kreativ geordnete Auftragszettel und zwischendrin merkwürdige Maschinen-Ungetüme, wie ich sie bislang nur aus Industriemuseen kannte. Ein großes Chaos. So muss eine Werkstatt zu Zeiten der Jahrhundertwende ausgesehen haben. Ich meine 1900, nicht 2000, versteht sich.

Die Gesichter hinter dem Stiefelkult von Derbyshire: die Schuhmacher Glenn Scott, Philip Ashton und James Robinson

Die Gesichter hinter dem Stiefelkult von Derbyshire: die Schuhmacher Glenn Scott, Philip Ashton und James Robinson

© Myrzik und Jarisch
In der Werkstatt stapeln sich Berge von Boots

In der Werkstatt stapeln sich Berge von Boots

© Myrzik und Jarisch
Die Stiefel-Produktion erfolgt mitten im Idyll

Die Stiefel-Produktion erfolgt mitten im Idyll

© Myrzik und Jarisch
Seit mehr als 50 Jahren näht Pat Helliwell die derben Lennon-Boots zusammen

Seit mehr als 50 Jahren näht Pat Helliwell die derben Lennon-Boots zusammen

© Myrzik und Jarisch
Beim Produktionsprozess kommt die fast schon antike Rapid Standard Brass Screw Machine zum Einsatz

Beim Produktionsprozess kommt die fast schon antike Rapid Standard Brass Screw Machine zum Einsatz

© Myrzik und Jarisch

  „Gar nicht so verkehrt“, sagt Libs Slattery und lacht mit leichtem Spott im Blick, „die Fabrik war früher eine Kornmühle, William, mein Ururgroßvater hat sie 1904 gekauft. Seitdem werden hier Schuhe angefertigt – mit den gleichen Maschinen und unter ähnlichen Bedingungen wie damals.“

Die 45-jährige Libs gehört zu den drei Direktoren von William Lennon und ist so etwas wie der gute Geist des Hauses. „Wir achten darauf, dass hier alles sehr familiär zugeht.“ Das gilt nicht nur für die Atmosphäre in der Schuhfabrik: Libs’ Vater, auch er heißt William, inzwischen 76, und ihr Vetter Dan Walker, 45, sind die beiden anderen Bosse der kleinen Firma, die nun bereits in der vierten Generation feine Worker Boots anfertigt.

Seit über 100 Jahren fertigen wir mit den gleichen Maschinen und unter ähnlichen Bedingungen

Libs Slattery, Direktorin

Im Keller werden unter dem Label Ruff-Landers pro Woche ungefähr 250 bis 300 Paar für die Industrie hergestellt, auf den beiden oberen Etagen kümmert man sich um die exquisiteren William Lennons. 30 bis 35 Paar der markigen Retro-Boots in der Woche, das muss reichen, um die zwölf Mitarbeiter von William Lennon über Wasser zu halten.

Nicht so einfach, das räumt auch Libs ein: „Die Chinesen mit ihrer Billigproduktion haben viele kleine Firmen vom Markt gefegt.“ William Lennon aber macht weiter: „Unsere Ruff-Lander-Marke fahren wir zurück“, sagt Libs, „zukünftig werden wir mehr auf unsere exklusiven Produkte setzen. Es gibt immer mehr Männer, die für unsere Boots einen guten Preis bezahlen. Leute, die darin nicht unbedingt arbeiten wollen!“

Die Lennons sind eine verlässliche Größe im Schuhbusiness: Chefin Libs Slattery inmitten ihres Teams

Die Lennons sind eine verlässliche Größe im Schuhbusiness: Chefin Libs Slattery inmitten ihres Teams

© Myrzik und Jarisch

  Tatsächlich sind die Schuhe von William Lennon gar nicht so teuer, zwischen 150 und 250 Pfund, je nachdem, was der Kunde wünscht. „Wir machen hier ja alles in Handarbeit“, sagt Libs Slattery, die mit dem Metzger des Ortes verheiratet ist und auch sonst so handfest wirkt, als würde sie jeden Morgen mit rostigen Nägeln gurgeln. „Der Shepherd’s Boot ist unser Verkaufsschlager, den gibt’s in dieser Form und Verarbeitung jetzt schon mehr als 100 Jahre.“

In einer Art Abstellkammer, die offiziell als Showroom dient, sind die Produkte des Hauses auf ein paar Regalen ausgestellt. Auch ein Fußballschuh ist darunter, eine Art Brikett mit Lederklötzchen unter der Sohle. Das Ding ist mehr Waffe als Schuh, wird aber, so höre ich zu meiner Beruhigung, schon lange nicht mehr hergestellt.

Der Shepherd’s Boot hingegen erinnert auf den ersten Blick an einen Gesundheitsschuh, seine Spitze wölbt sich aufwärts wie die Slipper eines Sultans. „Solide verarbeitet“, sagt Libs, „unkaputtbar, für Schäfer und Leute, die ständig auf Hügeln herumklettern, die beste Wahl.“

Warum? Sie führt mich an ein Gerät, das so kauzig aussieht, als wäre es von Daniel Düsentrieb für einen Auftritt in „Star Wars“ entwickelt worden. „Das ist eine original B.U.S.M. Rapid Standard Brass Screw Machine“, sagt sie stolz, „eine Heldin, davon gibt’s nur noch eine Handvoll in der Welt. Und mehr als eine davon haben wir.“ Wenn ich das richtig verstanden habe, ist dieses Unikum dazu in der Lage, Sohle und Leder auf eine Weise aneinanderzutackern, dass nie wieder auch nur ein Blatt dazwischenpasst.

Die Lennons sind eine verlässliche Größe im Schuhbusiness

Die Lennons sind eine verlässliche Größe im Schuhbusiness

© Myrzik und Jarisch
Ursprünglich eine Kornmühle, seit 1904 Manufaktur für feine Worker Boots

Ursprünglich eine Kornmühle, seit 1904 Manufaktur für feine Worker Boots

© Myrzik und Jarisch
Die Gegend ist auf eine verwaschene Weise hübsch. Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ wurde hier verfilmt

Die Gegend ist auf eine verwaschene Weise hübsch. Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ wurde hier verfilmt

© Myrzik und Jarisch
Der Kunde kann sich bei William Lennons Schuhmanufaktur seinen Wunschschuh zusammenstellen

Der Kunde stellt sich seinen Wunschschuh zusammen

© Myrzik und Jarisch
Acht Wochen dauert es, bis ein Lennon-Boot aus Derbyshire in Deutschland ankommt

Acht Wochen später traf das ersehnte Stück in Deutschland ein. Kostenpunkt: 185 Pfund

© Myrzik und Jarisch

  Dann kommt Dan. Er ist fürs Handwerk, Libs fürs Kaufmännische bei William Lennon zuständig. Und der alte Lennon selbst? Wo steckt er eigentlich? „Der kommt nicht mehr jeden Tag.“ Ob er krank ist, will ich wissen. „Ach was, der genießt sein Leben! Aber“, fragt Dan, „wie hast du uns eigentlich gefunden?“ Ich erzähle ihm von Kopenhagen, er nickt.

Geschichten von Männern, die treue Freunde für die eigenen Füße suchten, hat er schon einige gehört. Wir wandern von Regal zu Regal, er notiert sich die Leder, die ich haben will, misst meine Füße aus. Wir bestimmen Beschläge, Kappen, Accessoires, bis mein Unikat fertig ist: Erst mal allerdings nur auf einem Schmierzettel.

Wir sind ja nicht auf der Welt, um uns totzuarbeiten!

Dan Walker, Direktor

„Es dauert sechs bis acht Wochen, bis du sie in Deutschland in Empfang nehmen kannst.“ Vielleicht auch länger, und nein, Anzahlung sei nicht nötig. „So arbeiten wir hier nicht.“ Mir gefällt der Gedanke, dass man nicht nach Derbyshire reisen kann wie in einen Supermarkt und mit einer Einkaufstüte nach Hause fährt. „Gut Ding will halt Weile haben“, sage ich zu Dan.

Der grinst: „Ach, das mit den langen Lieferfristen ist nur, weil wir hier manchmal ein bisschen chaotisch sind. Und außerdem sind wir ja nicht auf der Welt, um uns totzuarbeiten.“ Sympathischer Ansatz, ohne Zweifel. Auch dass man ihm Geschichten wie die von einem Typen namens Brad Pitt erst entlocken muss. Der nämlich hat auch ein Paar William Lennon Boots im Schrank stehen. Marketing-Chichi ist hier in Mittelengland nicht so ihr Ding.

Und dass bald ein topmoderner Web-Shop nur für die William-Lennon-Linie online gehen soll, ist reiner Notwendigkeit geschuldet: „Da können dann Kunden auf der ganzen Welt ihren individuellen Schuh in Modulen zusammenstellen“, meint Dan und zuckt mit den Schultern. „Ist nützlich, damit das hier überleben kann.“ Er zeigt auf die Werkstatt, seine Leute, macht eine Pause und sieht mich an. „Das ist es doch wert, oder?“


Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.