Jugendliche springen in Bangkoks Fluss Chao Phraya
© Zanyasan Tanantpapat

Alles ist im Fluss

  • TEXT MORITZ HERRMANN
  • FOTOS CEDRIC ARNOLD

Bangkok brummt, boomt und baut – Ruhe findet man nur auf dem Chao Phraya. Der Strom ist Lebensader und zugleich Besinnungszone. Aber wie lange noch? Eine Erkundung rund um das Lichterfest.

Die ganze Stadt trägt schwarz. Es ist eine besondere Zeit, um Bangkok zu besuchen, diese Woche im November 2016. Kurz zuvor ist König Bhumibol Adulyadej verstorben. 70 Jahre lang war er Regent. Einer, auf den sich alle einigen konnten, eine Konstante in Zeiten, da Rot- gegen Gelbhemden kämpfen und das Militär regiert. Bhumibols Konterfei ist überall. Kondoliert wird im TV, in Hotels, auf Werbetafeln an der Autobahn. Die Trauer hängt wie eine Wolke über der Stadt. Das berühmte Dauerlächeln der Thai wirkt bemüht, verschattet vom Schmerz. Weil der Geschichtsschritt aber nicht bremst, ergibt sich eine Gleichzeitigkeit der Gefühle, ein Bangkok der zwei Tempi: innehalten, während man weitermacht. Den Bus kriegen, aber nicht rennen. Und auch: Loy Krathong feiern, nur nicht überschwänglich. Das Lichterfest findet statt, reduziert zwar, aber es findet statt.

Loy Krathong bedeutet sinngemäß: einen Korb zu Wasser lassen. Der Krathong, der Kranz, ist aus Stamm und Blättern der Bananenstaude, seltener aus Brot oder Styropor. Er wird mit Blüten, Kerzen und Münzen bestückt, Opfer für die Göttin Mae Khongkha. Man dankt dem Fluss für sein Wasser. Es ist ein Ritual, mit dem sich die Thai ihrer Identität versichern, des Status quo – das scheint jetzt wichtiger denn je. Alles steht in Zweifel. Wie geht es weiter? Und dann ist da noch der Fluss selbst. Auch er verändert sich. Er wird verändert.

Unser Captain heißt Jeansawat Thanakorn, aber alle rufen ihn Oun. Ein junger Bursche mit Augen, die so gleichgültig gucken, wie man nur gucken kann, wenn man jeden Tag den Chao Phraya kreuzt. Das Longtailboot hat er von seinem Vater, der es von seinem Vater bekam. Oun zuckt die Achseln. „Der Verkehr ist mehr geworden, die Boote werden größer, die Wellen höher. Ein Leben ohne Fluss ist für mich unvorstellbar.“ Spuckt er mir einfach so in den Block, diese Poesie, als ergäbe sich das eine logisch aus dem anderen, und steuert das Boot dann in eine der Schleusen zum Kanalnetz, in die Klongs.

Boots­küche auf einem schwimmenden Markt

Boots­küche auf einem schwimmenden Markt

© Cedric Arnold
Hotel Riva Arun mit Flussblick

Hotel Riva Arun mit Flussblick

© Cedric Arnold
Mönch Somnuk Phra sammelt Bananenblätter für das Lichterfest Loy Krathong

Mönch Somnuk Phra sammelt Bananenblätter für das Lichterfest Loy Krathong

© Cedric Arnold
Verkäuferin auf dem Blumenmarkt Pak Klong

Verkäuferin auf dem Blumenmarkt Pak Klong

© Cedric Arnold
Mehr als 100 Blätter und Blüten sind in einem Krathong verflochten

Mehr als 100 Blätter und Blüten sind in einem Krathong verflochten

© Cedric Arnold
Die Fähren werden von Thai und Touristen genutzt

Die Fähren werden von Thai und Touristen genutzt

© Cedric Arnold

BKK

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  Früher waren die Klongs ein Dickicht. Mittlerweile sind viele zugeschüttet, abgetrennt, unbefahrbar. Der Verkehr sollte auf die Straßen gelenkt, das Abwassersystem verbessert werden, was auch gelang. Dafür hat Bangkok nun ein riesiges Stauproblem an Land. Das Boot rast voran, der Wind pfeift seine Melodie. Ins Nass trotzen sich Stelzenbauten, daneben Prachthäuser, goldene Tempel, Paläste. Es gilt wieder als schick, am Wasser zu residieren. In jedem Vorgarten ein Schrein, ein Heim für den Schutzgeist des Hauses. Einige Buben tauchen vom Ufer in die Brühe. In den Kanälen kommt die Müllabfuhr per Boot, die Post, der Arzt. Warane liegen uferseits in der Sonne, von Bootstouristen fettgefüttert. Orchideenfarmen wischen vorbei. Die Mauern, früher aus Schlamm, sind heute massiv befestigt: Bangkok kämpft gegen das Hochwasser (siehe Kasten). Und plötzlich steht da ein Mönch im Bananenpalmenhain. Tätowierte Arme, geschorener Kopf, sein orangefarbenes Gewand leuchtet. Mit einem Stab senst er in die Kronen, Blätter segeln hinab, sie werden zu Krathongs gebunden. Sein Name: Somnuk Phra, 65, vom Tempel Maphrao Tia. In einer Hütte hinter dem Tempel wurde er geboren, und im Tempel will er sterben, sagt er. Sonst sagt er nichts. Grinst, schweigt, senst. Fängt einen Frosch im Gras und setzt ihn am Wasser aus. Zum Abschied winkt er, ein seelenruhiges Rad im Getriebe des Chao. Als sich die letzte Schleuse öffnet, lässt Oun den Motor röhren. Die Sonne ist noch nicht weg, aber der Mond schon da. Der Fluss liegt wie ein Versprechen vor uns.

Thailändische Karten nennen ihn meist nur Menam, was Fluss heißt: der eine also, der Große, der keines Namens bedarf. Für Westler der Chao Phraya, Fluss der Könige. Die Herrscher siedelten am Fluss, das Königreich Siam entstand am Chao. Aber jetzt wird er in Besitz genommen. Von den Hotels am Ufer, von den Bauherren. Am Chao liegt alles beieinander: Alt und Neu, Reich und Arm, Streetfood und Restaurants – als hätte man ihn doppelt belichtet, sodass in dem einen Bild, das man anguckt, immer auch ein zweites mit Gegensätzlichem sichtbar wird. Mal sieht der Fluss aus wie auf alten Aquarellen. Aber die Skyline, der Bankendistrikt – das ist „Metropolis“ nach Fritz Lang. Am Westufer ziehen Kräne ein gigantisches Einkaufszentrum in den Himmel. Das Icon Siam wird bei Fertigstellung das höchste und teuerste Gebäude der Stadt sein. Bisher konnte man am Chao ausruhen. Er war eine Lebensader, aber weit und breit, und deshalb trotzdem Verschnaufzone. Ein Om in der Hektik. Natürlich ist es auch auf dem Chao nicht leise. Longtailboote reiten dröhnend über die Wellen, Fährkapitäne hupen Fischerjollen weg, Dinner-Cruise-Riesen mit Tanzdeckmusik pflügen durch das Wasser. Stille ist in Bangkok eine relative Kategorie. Weniger Lärm bedeutet schon ein bisschen Ruhe.

Kleine Kinder lernen das Puppenspiel „Hun lakhon lek“

Das Puppenspiel „Hun lakhon lek“ lernen schon die kleinen Kinder

© Cedric Arnold
Mönche eines Tempels am Fluss, sie tragen orangefarbene Gewänder

Die Mönche eines Tempels am Fluss. Ihre orangefarbenen Gewänder symbolisieren Reinheit

© Cedric Arnold

  Michael Biedassek kämpft gegen den Bauboom, der auch den Chao erreicht hat. „Es gibt immer Hoffnung. Ich bin realistischer Optimist, ich muss einer sein. Aufgeben ist keine Option.“ Biedassek hat Bangkokvanguards gegründet, was man auf die Schnelle für einen der zig Radtourenanbieter halten könnte. Aber die Touren sind nur Mittel und Anlass, um auf Probleme der Stadt aufmerksam zu machen. Sie führen nicht zu den Touristenklassikern, sondern an die Sollbruchstellen, wo das Alte mit dem Neuen ringt. „Es tut mir weh, wenn ich sehe, was mit dem Erbe der Stadt passiert“, sagt Biedassek. Der geborene Westfale, Sohn einer Thai und eines Deutschen, hätte in Deutschland bleiben können. Thailand war lange nur der Sommerurlaub. Aber dann erwachte der Wunsch, mehr zu erfahren über die Heimat seiner Mutter. Seit 15 Jahren lebt er hier. Und radelt jetzt voraus. An Garküchen vorbei, die Tom Kha Gai in die Nacht dampfen. Durch die Bamrung Muang Road, in der goldene Buddhastatuen entstehen. Aber selbst diesen Werkstätten wird die Miete zu teuer, sie verschwinden. Durch den Amulettmarkt, der sich seinen Platz am Wasser immer noch ertrotzt. An dem Pier, wo eben noch kleine Läden standen und nun eine schicke Mall glitzert.

Wandel ist nicht immer schlecht. Aber er muss mit Maß erfolgen!

Michael Biedassek, Reiseführer

Auf jeder Fahrt entdeckt der Guide neue Baustellen. Bangkok kann sich über Nacht verändern. Am Mahakan Fort endet die Tour. Vor der alten Stadtmauer hält Biedassek sein Schluss­plä­doyer. Die Stadt will die alte Gemeinde umsiedeln und einen Park bauen lassen, seit 20 Jahren schwelt der Streit. Biedassek zeigt die alten Gassen: Teakhäuser, ein zahnloser Greis, der Papaya schneidet, ein kleiner Marktplatz, auf allem lastet die Ahnung, dass es bald vorbei sein könnte. „Wieso nicht die Häuser erhalten und so Touristen zeigen, wie schon vor 100 Jahren gelebt wurde? Stattdessen ein Platz aus totem Stein, der nicht genutzt wird“, schimpft Biedassek. Manchmal verzweifelt er an der Stadt, die Faszinosum und Problem ist, magisch und überfordernd.

Mönche des Wat Arun wassern einen Krathong

Wer einen Krathong wassert, wäscht sich von Hass, Wut und geistiger Verunreinigung rein – die Mönche des Wat Arun machen mit

© Cedric Arnold

  Auf dem Blumenmarkt Pak Klong, noch drei Stunden bis zum Lichterfest. Wer es schafft, kauft hier ein, um daraus den Krathong zu flechten. 700 Gramm loser Jasmin für 300 Baht, acht Euro, festbedingter Rabatt. „Lotus steht für Reinheit, die Or­chidee für Leidenschaft“, erklärt Verkäuferin Kaewpila ­Phong. „Früher konnte man hier auch Gemüse kaufen, aber das ist vorbei. Geblieben sind nur wir Blumenverkäufer.“ Sie guckt sich um, war das schon zu kritisch?

Dann fällt die Nacht auf die Stadt, und die Stadt lässt sich in die Nacht fallen. Menschen strömen zum Strom. Vor Wat Arun, dem Tempel der Morgenröte, ist es am vollsten. Jede Fähre spuckt Pilger aus. Unmöglich, in der Menge den Überblick zu behalten, aber vielleicht geht es darum. Überblick abstellen, stattdessen Introspektive, sich selbst ins Herz blicken. Was will ich? Was wünsche ich mir von der Flussgöttin? Loy Krathong ist organisiertes Chaos. Moskitos in der Luft, Rauch, auf dem Wasser die Kerzen. Am Tempel brennen einige Thai getöpferte Buddhas. Das Feuer wirft Funken in die Menge. Krathongs verfangen zwischen den Algen, die der Fluss wie einen Teppich vor den Kai legt.

Man drängelt nicht mehr, man rutscht schwitzend aneinander vorbei. Der Aggregatzustand aller Teilnehmer ist flüssig. Unter einem Bodhibaum schlägt ein Mönch seine Trommel dreimal, die heilige Ripresa der Buddhisten. Als er später eine Flussfahrt antritt, dürfen wir mit. Unter der Krung-Thon-Brücke verstummt der Motor. In Zeitlupe lässt der Mönch den Krathong ins Wasser. Thai glauben, dass eine Kerze, die lange brennt, Glück bedeutet. Viele Kerzen brennen in diesem Jahr für den König. Der Mönch erbittet vielleicht Segen für seinen Tempel oder sich selbst. Aber vielleicht hat er auch des Flusses gedacht. Des Chao Phraya, der sie alle nährt und antreibt und Leben schenkt. Der Kranz schwankt, da, die Welle, noch eine, fast kippt er. Dann schwimmt die Kerze aufrecht davon. Ihre Flamme leuchtet in der Schwärze.


 

Treiben lassen: Ziele am Fluss

Illustration: Karte von Bangkok
© Cristóbal Schmal

1 Wat Arun Tempel | 2 Blumenmarkt | 3 Großer Palast | 4 Amulettmarkt | 5 Khaosan Road | 6 Bangkokvanguard Tours | 7 Mahakan Fort