Sonnenuntergang im Ruhrgebiet
© Malte Jäger

Das Revier glüht

  • TEXT MORITZ HERRMANN
  • FOTOS MALTE JÄGER

Kunst und Kultur statt Kohle und Stahl: Das Ruhrgebiet hat sich verändert – und wandelt sich weiter. Verliert es dabei sein Gesicht? Eine Erkundung entlang der A40

 

Den Begriff Pott mögen sie im Pott nicht. Klingt negativ, belastet. Ist doch gar nicht mehr so hässlich hier, oder? Schön aber auch nicht, wird erst, bald, ganz bald. Das Revier rappelt sich hoch. Immer schon, immer wieder. Abwarten. Bier trinken. Auf die A40 fahren. Quer durchs Ruhrgebiet schneidet die Autobahn, soll Schlagader sein und verkalkt deshalb auch mal. Ständig Stau, alles steht, keiner hupt. Dat müfft. Stört niemanden. Zeit, die Beschilderung zu studieren. Diese unfassbaren Namen. Bottrop-Boy. Rheda-Wiedenbrück. Castrop-Rauxel. Wanne-Eickel. Sofortkontakt zur Revierseele, Gedichte der Ehrlichkeit, Autobahnabfahrtspoesie. Eine Tendenz zum Bindestrich, der ausdrückt und verspricht, dass im Revier stets noch was kommt. Dass da niemals Sense ist, nie einfach vorbei. Fern, Höhe Oberhausen, ragt der Gasometer auf, 117,5 Meter hoch, ein Highlight. Ein Orientierungspunkt, weil man Orientierung braucht, wenn die Städte ineinanderlappen. Größter Ballungsraum Deutschlands, fünftgrößter Europas, auch deshalb musste dies ein Roadtrip werden. Man versteht diese Maximalsiedlung erst auf der Überholspur.

Hier sind die Leute sehr offen, du sprichst die Dinge direkt an, das kommt mir entgegen

Johan Simons, Intendant der Ruhrtriennale

A40 bis Gelsenkirchen, dann Ausfahrt 28 runter

Johan Simons ist, muss man so sagen, ein Rockstar. Braune Lederjacke über dem Intendantenbauch, ohne den man gar nicht erst ernst genommen wird in der Szene. Seit 40 Jahren inszeniert er schon, auch sich selbst, posiert für den Fotografen jetzt, Arme erst angelegt, dann verkreuzt, ein Leg-dich-nicht-mit-mir-an-Blick, in einem Wald bei Gelsenkirchen. Simons ist Intendant der Ruhrtriennale, vorher hat er die Münchner Kammerspiele geleitet. 2018 wird er das Bochumer Schauspielhaus übernehmen. Noch mal Ruhrgebiet also, er will nicht weg. „Ich mag es hier. Für mich als Niederländer ist es Grenzgebiet, in Bewegung, die Leute offen. Du musst Dinge direkt sagen. Das kommt mir entgegen, so bin ich auch“, sagt er, gelehnt an den Van mit Festivalmotiv: „Seid umschlungen“. Die Ruhrtriennale leiht bei Schiller, um Europas Werte zu befragen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, gilt das noch? Wie verändern Flüchtlingskrise und Brexit ­unseren Kontinent? „Die Ruhrtriennale muss sich an Debatten beteiligen, ich halte nichts von anlassloser Kunst“, sagt Simons. „Man umarmt, indem man umschlingt. Oder man erdrückt. Es geht um Ambivalenz.“ Mit der befüllt er ab August 32 Produktionen an 24 Spielstätten, 900 Künstler aus über 25 Ländern wirken mit. Simons speist seine Kunst aus Brüchen, und davon gibt es im Revier viele. Der klassische Tagebau wurde eingestellt, das Festival betreibt Tagebau mit anderen Mitteln: das Ausschürfen von Land und Leuten, auf dass Substanz gefunden werde, die man künstlerisch veredeln kann. Kultur als Förderschacht. Fester Händedruck am Ende, Dank für die Audienz, ab ins Auto, weiter.

Ruhrgebiet Das Revier glüht Lufthansa Magazin August 2016

Hoch hinaus und schnell hindurch: Die A40 ist 94 Kilometer lang, sie quert das Revier, auch Essen

© Malte Jäger

A40 nach Dortmund, links ab auf die B54 zum Ostwall

Sechs Jahre ist es her, dass Essen als Kulturhauptstadt Europas firmierte, stellvertretend für 53 Städte im Revier. Honoriert wurde damals nicht nur die Museendichte, sondern noch mehr der bewältigte Strukturwandel. Diese gigantische Kraftanstrengung. Nach dem Ende der Montanindustrien wurde nicht verzweifelt, sondern vorwärtsgesteuert, Kunst gefördert, auch Dienstleister, Wissenschaft und Bildung. Der Pott hat es geschafft, auch wenn es zwischenzeitlich wirkte, als würde das den Pott schaffen. Wie aber bewahrt eine Region, die sich derart verändern musste und bis heute muss, ihre Seele? Aufs Gaspedal, los! Von Gelsen­kirchen nach Dortmund fahren, eigentlich absurd, hömma! Entweder oder, entweder Schalke oder BVB, Herne-West oder Lüdenscheid-Nord, doch bitte nicht beide. Findet auch Dirk Stürmer, schweigt aber kulant, kurzes Stirnrunzeln nur. Stürmer gehört zum 1. Kioskclub 06, der das Jahr der Trinkhallen ausgerufen hat. Und an solcher empfängt er, Süßes im Fenster, Bier, Zeitungen, zwei Stehtische. Was dem Berliner sein Späti und dem Rheinländer das Büdchen ist, heißt im Ruhrgebiet Trinkhalle. 8000 existieren noch, schätzt Stürmer. „Wirtschaftlich gibt es keinen Grund, wa­rum die Trinkhalle überleben sollte – aber sie tut es“, sagt er, der Rockabilly im Bowlinghemd. Der Kioskclub feiert den Anachronismus, mahnt aber zugleich: dass man ihn erhalten muss, häufiger dort einkaufen statt im Supermarkt. Was bringt ein Mythos, wenn er stirbt? Die Trinkhalle gehört zum Pott. Entsteht im 19. Jahrhundert, um Mineralwasser auszuschenken. Steigert mit der Zeit ihr Sortiment, deckt den Alltagsbedarf, wird Treffpunkt für Kumpel. An der Trinkhalle wartet das Glück. Und wartet die Trauer. Hier kannst du dich verlieben, kannst dich trennen. Kaputte Ehen, kaputte Typen, kaputte Flaschen, das ist Trinkhalle. An der Trinkhalle hört man dir zu. An der Trinkhalle sagt man dir: Halt’s Maul. Der Revierler wird hier sozialisiert. Als Kind das Eis gekauft, als Halbstarker erste Zigaretten, erwachsen die Zeitung. „Ich glaube an die Renaissance der Trinkhalle“, ruft Stürmer und fährt davon.

Ruhrgebiet Das Revier glüht Lufthansa Magazin August 2016

Straßen des Wandels: die Ruhr-Tour

© Cristóbal Schmal

Von der A40 auf die A45, Kreuz Dortmund-West

Hinter Dortmund quält Hunger den Magen. Man könnte in die City fahren, ein Restaurant suchen. Die Ruhrgebietsküche hat sich in alle Stile aufgefächert, viele Michelin-Sterne werden in NRW erkocht, es herrscht kulinarischer Strukturwandel. Es wäre die sichere, die langweilige Variante. Oder man fährt nach Kirchlinde, ins Randgebiet, zum Grill-Store. Pott war mal Currywurstland, Pommes Schranke dazu, fertig. Im Grill-Store arbeiten Leute, die glauben, dass man das Klischee nicht abschaffen muss. Dass man es, irre Idee, neu erfinden kann und so Identität retten. Kay Fräder und Torsten Gralla haben einen Imbiss eröffnet. Weil das keiner mehr macht. Sie kennen sich von früher, hatten mal eine Diskothek, Revierjungs, Schränke, die anpacken. Dann riss der Kontakt ab. „Bis Kay dat Ding gefunden hat, wir sind uns inne Arme gefallen und ham gesacht, probieren wir“, so Gralla. Es geht im Grill-Store nicht nur um die Kasse, um den Schnitt. Es geht auch um Freundschaft. Darum, dass man einander nicht hängen lässt im Pott. Längst sind die Burger nachbarschaftsberühmt, mit Pulled Pork, Spiegelei, eigener Salsasauce aus der Jus. Fräder
denkt sich die Gerichte aus, Bauchgefühl, klar. Und über der Bratplatte hängt ein Kruzifix im Schnitzeldunst.

Ruhrgebiet Das Revier glüht Lufthansa Magazin August 2016

Das UNESCO-Welterbe Zollverein, die "schönste Zeche der Welt", die einst größte Steinkohlenzeche der Welt und größte Zentralkokerei Europas,

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Ruhrgebiet Das Revier glüht Lufthansa Magazin August 2016

Ein Mann mit Vision: "Theater für die, die
nie Theater sehen", will Ruhr­triennale-Chef Johan Simons

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Ruhrgebiet Das Revier glüht Lufthansa Magazin August 2016

Das Dortmunder U war mal Brauerei-Logo, heute ist es Museum – und Aussichtspunkt

© Malte Jäger
Ruhrgebiet Das Revier glüht Lufthansa Magazin August 2016

Die Zeche Prosper ist immer noch teilaktiv

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Ruhrgebiet Das Revier glüht Lufthansa Magazin August 2016

Kleine Fenster, großes Angebot: die Trinkhallen im Revier

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Ruhrgebiet Das Revier glüht Lufthansa Magazin August 2016

Dirk Stürmer (rechts, im Hemd) will sie erhalten, hier trinkt er aber nur Bier mit Autor Moritz Herrmann

© Malte Jäger
Ruhrgebiet Das Revier glüht Lufthansa Magazin August 2016

Revier kann viel mehr als Ballon­seide: Mareike Fangmann und Andrea Weber (links) vom Fashionblog POTTlike

© Malte Jäger
Ruhrgebiet Das Revier glüht Lufthansa Magazin August 2016

Essener Club Hotel Shanghai

© Malte Jäger

Von der A40 auf die A43, dann die A52, Ausfahrt 46

Kartoffeln, ausgerechnet Kartoffeln. Klaus Risse steht in der Kaue, hinter seiner Leinwand, und schüttelt den Kopf. Pop-Art, Porträts, Landschaften, alles hat er gemalt, aber der Durchbruch kam mit Kartoffeln. Comic-Knollen, die am Strand liegen. Wandern gehen. Reden halten. Ziemlich schräg, etwas trashig auch. „Kannste dir nicht ausdenken“, sagt Risse, „die Amerikaner fahren voll darauf ab.“ Er lacht sein Sauerländerlachen, tief, als käme es aus den Stollen, die unter der Zeche Fürst Leopold verlaufen. Hier hat Risse sein Atelier, in Dorsten, der Liebe wegen. Die Zeche ist ein Sonderfall, gehört einem Investor, wird nicht von Land, Bund und EU subventioniert. Risse passt gut her, ist ja selbst ein Sonderfall und seine Story typisch Pott: Schaffen, ein Leben lang, und als man nicht mehr damit rechnet, passiert was und verändert alles. Er hat die Kartoffeln aus Jux gemalt, rollten halt durch das Atelier. Eines Tages schaute ein Galerist vorbei. Jetzt wird Risse in den USA verkauft. Im Dezember fliegt er zur Art Basel Miami Beach, der extravagantesten, wildesten Kunstmesse der Welt. Er wird dort der Verrückte sein. Der Pott-Picasso. Der Mann mit den Kartoffeln.

Ruhrgebiet Das Revier glüht Lufthansa Magazin August 2016

Schau mit Erdanziehungskraft: Bis Jahresende läuft im Gasometer Oberhausen die Ausstellung „Wunder der Natur“, Weltkugel inklusive

© Malte Jäger

A40 bis Essen-Zentrum, Ausfahrt 23 runter

Natürlich muss dieser Trip im Hotel Shanghai enden, kleinster, größter, bester Club im Pott, zwischen Parkhaus und Synagoge eingeklemmt, Essen-City. Hier enden auch die Tage, starten die Nächte. Dauern lange dann. Draußen steht Jutebeutelpublikum an, drinnen wartet Kay Shanghai, wobei einer wie er nicht wartet, sondern sich selbst genug ist, backstage am Tresen, Weißwein aus der Literflasche. Kay Shanghai hieß Kay Löber, früher mal, bevor er den Club eröffnet hat. Ist 13 Jahre her. Gute, wilde Jahre. Vorher war da Nachtlebennichts, Vergnügungsvakuum. Er hat es befüllt, mit Party und Musik. Shanghai grinst, Goldzahn, Wasserstoffhaare, ’n Schluck? Aber ja! Er sagt den bescheidenen Satz: „Das Hotel ist für mich das Maß der Dinge, an uns kommt keiner ran.“ Er hat das Revier wieder Feiern gelehrt, den Exzess, Seelenheilausgleich zur Maloche. Übernächte statt unter Tage. Die Musiker von Mikroboy kommen vorbei, sie treten gleich auf. Grüßen aber erst den Chef. Ey, alles gut? Seid ihr versorgt? Sind sie. Er kennt sie alle, und alle kennen ihn, und müsste man eine Erfolgsformel für das Hotel Shanghai errechnen, wäre es diese. Hier haben Deichkind ihren Bierbong-Techno erfunden, ravte die junge Peaches durch die Nacht, ist DJ Koze bis heute Hausgast. Plötzlich will Shanghai vor die Bühne, gucken, was los ist. Man verliert sich im Körperchaos. Klingelt sich an. Stolpert ineinander. Brüllt über die Menge. Versteht nichts. An der Decke der Schweiß, am Boden der Rausch. Es ist zu laut. Es ist zu warm. Es muss genau so sein. Den Bass fühlen. Dass man lebt. Und der Ruhrpott mit einem.


Am besten im Westen

Ruhrgebiet Das Revier glüht Lufthansa Magazin August 2016

Luck in a Cup

Gut essen in Essen: Das Luck serviert tolle Fusion-Küche aus Asien, Nahost und Mexiko.

luckinacup.com

 

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Pottlike

Hippes Blog über Boutiquen, Mode, Trends, mittlerweile auch als Printmagazin.

pottlike.de

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Emscherkunst

Zeitgenössische Kunstroute an der Emscher, renaturiert den Fluss, noch bis 18. September.

emscherkunst.de

 

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Pirol Furnituring

Sebastian Bülowius designt Möbel – mit Revierreferenzen.

pirolfurnituring.de