Insel der Könige Lufthansa Magazin September
© Fabian Weiss

Die Insel der Könige

  • TEXT PATRICK WITTE
  • FOTOS FABIAN WEISS

Sie thronen auf einsamen Felsen oder regieren rauschende Feste – und einer von Sardiniens heimlichen Herrschern kann sich sogar auf Queen Victoria berufen

Der Herrscher schreitet durch sein Reich, er ist braun gebrannt, angetan mit Poloshirt und Shorts. Antonio I. nickt gütig und lächelt in Richtung Volk, das treu an der Tafel seines Anwesens sitzt, gebeugt über Teller voller Pasta vongole und gegrillter Gamberetti. Auf seinem niedrigen Thron lässt er sich nieder, ein Hocker nur, Antonio I. ist der „wohl gewöhnlichste König der Welt“, wie er selbst einräumt. Sein Blick fällt erst auf das überdimensionale Schwarz-Weiß-Foto seiner Ahnen neben ihm an der Wand, dann auf das tiefblaue Mittelmeer vor ihm – die beiden Fixpunkte seines Lebens. Und nachdem der 83-jährige Restaurantbesitzer Antonio Bertoleoni die Geschichte erzählt hat, warum er sich als König dieser rauen Insel Tavolara bezeichnet, wird er wieder schweigend die Aussicht auf die Küste Sardiniens am dunstigen Horizont gegenüber genießen.

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Feiernde im Club Sottovento

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Volksverbunden: Antoneo Bertoleoni, selbst ernannter König des kleinen Reiches Tavolara

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OLB

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 Tavolara, sechs Quadratkilometer, Bertoleonis Heimat. Das angeblich kleinste Königreich der Welt. Ein steil aus dem Meer ragender Felsen vor der Nordostküste Sardiniens, an dem eine mondsichelförmige, flache Landzunge klebt. Seit 22 Jahren hält Bertoleoni sich für den uneingeschränkten Herrscher dieser Insel. Zugegeben, es gibt nicht viel, worüber er herrschen kann. Knapp 20 Einwohner, etwas über 100 Ziegen, ein paar Falken. Keine Autos, keine Hotels. Und Antonios Schloss? Ist sein Restaurant Da Tonino Re di Tavolara.

Das Nachtleben in Porto Cervo ist wie ein Ferrari: Viele PS, aber man muss sie auch zu fahren wissen

Alberto Verona, Clubbesitzer

Kristallklares Wasser zieht täglich Touristen an, die mit Mee­resschildkröten und Delfinen tauchen oder einfach in der Sonne liegen wollen. Früher oder später kommen sie in Toninos Restaurant, hungrig auf den Tagesfang und neugierig auf die ungewöhnliche Geschichte des früheren Fischers, geboren als Kronprinz. Es war angeblich Toninos Urahn Giuseppe Bertoleoni, der 1836 beim damaligen Herrscher, dem Königshaus Savoyen, das Besitzrecht für diese Insel beantragte – und es erhielt. Das Königreich Tavolara war gegründet.

Leider, leider existiere die Urkunde darüber heute nicht mehr, sagt Tonino. Stattdessen zeigt er auf das Ahnenfoto. Das stamme von einem ausgesandten Fotografen der britischen Queen Victoria, die einst alle Herrscher abgelichtet wissen wollte, auch diesen. Für Tonino ist es der handfeste Beweis seiner blaublütigen Abstammung. Auch wenn ein schnöder italienischer Pass ihn offiziell als Bürger unter vielen ausweist, lässt Toninos Geschichte sein Geschäft brummen. Fernsehteams aus ganz Europa bitten um Audienzen, viele Gäste wollen ihm die Hand schütteln – wo sonst kann man einfach so einen Monarchen berühren?

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Das Restaurant Da Tonino Re di Tavolara verpflegt die Tagestouristen ...

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... zum ­Beispiel mit Mies­muschel-Pasta

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 Natürlich, Tavolara gehört seit 1861 zusammen mit Sardinien zu Italien. Doch die zweitgrößte Mittelmeerinsel hat sich ihren ro­ya­len Glanz bewahrt. Früher weckte ihre strategisch günstige Lage zwischen Europa und Nordafrika die Begehrlichkeiten der Herr­scher und Admiräle. Heute ziehen die Buchten der Costa Smeralda, Costa Rei und Costa del Sud Fürsten an. Smaragdgrün bis saphirblau schimmert das Wasser dank weißem Sand und mildem Sonnenlicht. So verzauberte die Costa Smeralda auch Karim Aga Khan IV., den religiösen Führer der islamischen Gemeinschaft der Nizariten, einen der reichsten Männer der Welt.

Mitte zwanzig war Karim Aga Khan, als er auf seinem Segelboot Anfang der 1960er-Jahre die türkisfarbenen Buchten passierte. Die Dünen waren nur von Kühen, Ziegen und Schafen bevölkert, die an trockenem Gestrüpp herumknabberten. Der perfekte Ort, befand seine Hoheit, um Freunde einzuladen: Models, Industriemagnaten, Adelige – die natürlich gewisse Ansprüche hatten. Bald verwandelte sich der verschlafene Küstenstreifen in den place to be der Schönen und der Reichen, wurde zum Inbegriff des Jetset: Porto Cervo, in dessen Hafen sich Megajachten drängen. Cappuccino für neun Euro, Apartments für Millionen.

© Cristóbal Schmal

Insel-Tour

1 Hotel Capo D’Orso

2 Resort Cala di Falco

3 Ruinen/Ruins Sa Sedda ’e Sos  Carros

4 Schlucht/Gorge Gola su Gorroppu

5 Restaurant sa Domu Sarda & Bar Inu

 Geld scheint in Porto Cervo so endlos vorhanden zu sein wie der sprichwörtliche Sand am Meer. Der Ort gleicht einem Open-Air-­Einkaufszentrum mit zwei Besuchergruppen: Die eine flaniert hindurch, um die Dekadenz der anderen zu bestaunen. In exklusiven Restaurants und Clubs residieren die Könige der Nacht. Am Strandclub Phi Beach, vor dem Ritual oder dem Billionaire Club, dem Nachtclub des ehemaligen Formel-1-­Teamchefs Flavio Briatore – überall fahren im Minutentakt Bent­leys und Lamborghinis vor. Es steigen meist ältere Herren aus, oft in Begleitung elegant gekleideter Damen jedweden Alters. Deren Gesichtszüge wirken zwar gelegentlich etwas starr, doch dafür scheint sich die Natur bei den ungewöhnlich vollen Lippen besondere Mühe gegeben zu haben …

Als einer der ersten Clubs für Prominente öffnete vor 37 Jahren das Sottovento seine Tore. Der Prinz von Brunei, Roman Abramowitsch oder Ronaldinho – sie alle bekamen eine Bühne für ihre Auftritte. Wodka und Champagner werden für Tausende Euro pro Flasche in VIP-Lounges serviert, die wie ein Kastensystem die Wichtigen von den Superwichtigen unterscheiden. Obwohl der Laden seinen Besuchern eine ästhetische Zeitreise in die 1980er-Jahre zumutet, ist er allabendlich gut gefüllt. Denn jedem, der die Auslese am Einlass überstanden hat, gibt Inhaber Alberto Verona das Gefühl, seit einer Ewigkeit sein bester Freund zu sein. Er umarmt, verteilt Küsschen und Komplimente.

Der 50-jährige gebürtige Sarde greift nach einem Wodka ­Tonic und erinnert sich mit einem breiten Lächeln an die Nächte früherer Jahre, „mit Drinks und schönen Frauen“. Sein Blick wird nostalgieweich, wenn er zurückblickt, wie Hollywood-­Stars mit Blumen im Haar und Joint zwischen den Lippen erst am Strand tanzten, dann in dem Club, der damals noch seinem Vater gehörte. Früher, ist Verona sicher, war Porto Cervo eine große Familie. Es ging intimer zu, es gab weniger Regeln. Vorbei die Zeiten, als ein Muammar al-Gaddafi mit seiner Wagenkolonne vorfuhr, seine Leibwächter Schüsse in die sardische Nacht feuerten und Verona als Einziger den libyschen Diktator bedienen durfte. Vorsorglich zog er die Vorhänge der VIP-­Lounge zu, damit die restlichen Besucher nicht sehen konnten, wie ausgelassen Gaddafi und seine Freunde feierten. „Das Nachtleben in Porto Cervo ist wie ein Ferrari“, sagt Verona, „viele PS, aber man muss sie auch zu fahren wissen.“

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Das Land der Ziegen ...

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... und sein Herr: Antonello Salis kennt jeden seiner gehörnten Unter­tanen beim Name

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Party im Phi Beach an der Baia Sardinia

Party im Phi Beach in der Baia Sardinia

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Der Tag geht zu Ende, die Baia Sardinia feiert noch weiter

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 Ganz gemächlich hingegen klettert der rote Fiat Panda von Antonello Salis die Hügel um Teulada hinauf, gut 300 Kilometer von Porto Cervo Richtung Süden, am anderen Ende der Insel, in einer anderen Welt. Als impazziti, Durchgeknallte, bezeichnet der 56-jährige Salis das Partyvolk. Seine Untertanen sind ihm lieber: die Ziegen der Insel, von denen 300 ihm gehören.

Salis herrscht in dritter Generation. Jeden Abend, wenn die Sommerhitze nicht mehr ganz so schwer auf den Zedern und Pinien liegt, wenn die trockene kupferrote Erde etwas abzukühlen beginnt, führt Salis seine Herde über den Tausende Hektar großen Weidegrund. Er verteidigt sie gegen streunende Hunde und Wildschweine und achtet darauf, dass sich die Tiere nicht in Zäunen verfangen. Sallis streift über die Hügel und durch die Täler der Insel, über kurvige Pfade, die schon sein Großvater nutzte. Die Ziegen rupfen Gräser und nagen an Büschen, während der Hirte, umweht vom Geruch wilden Thymians und Eukalyptus, seine Herde zusammenhält.

Salis arbeitet wie seine Vorfahren, darauf legt er Wert. Er kennt alle seine Tiere mit Namen, melkt mit der Hand, regiert noch traditionell mit Hunden und Hirtenstab. Milch, Käse, aber auch die Schlachtung – bei Salis ist alles Handarbeit. „Ich will diese mechanischen Geräusche nicht hören, da könnte ich auch gleich in einer Fabrik arbeiten“, erklärt Salis, „dann lieber das Rauschen des Windes.“ Mit einer kleinen Pension und dem Verkauf von Ricotta, Pecorino und Ziegenfleisch hält sich seine Familie über Wasser. Reich wird Salis so nicht, aber dafür hat er behalten, was ihm wichtig ist: seine Freiheit. Auch Salis kennt natürlich die Geschichte von Tavolara, wie jeder auf Sardinien. Er muss lächeln, als er an Tonino denkt. Porto Cervo dagegen ist wahrlich nicht seine Welt. Gerade darin liegt der Reiz Sardiniens: dass dort jeder sein eigenes kleines Reich finden kann, um wie ein König zu leben – und sei es nur für ­einen Sommer.


Sardinien entdecken

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Alte Mauern

In den Ruinen der Nuraghen-Siedlung Sa Sedda ’e Sos Carros lässt sich 3300 Jahre altes Bronze- und Bauhandwerk bestaunen.

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Einsame Buchten

Die abgelegenen Strände der Costa Verde bieten einen erholsamen Kontrast zum Partyleben der Costa Smeralda.

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Outdoor-Spass

Die Schlucht Gola su Gorroppu ist eine der tiefsten Europas, ihre Steilwände sind bis zu 500 Meter hoch – hervorragend zum Trekking und Klettern!

 

 

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Geschmack der Insel

Sardisch genießen in Cagliari: Lokale Küche bietet das Restaurant Sa Domu Sarda, heimische Tropfen die herzliche Weinbar Inu.