Kreative Atmosphäre im De Kazerne, Eindhoven
© Felix Brüggemann

Erfinderlohn

  • TEXT PIA VOLK
  • FOTOS FELIX BRÜGGEMANN

Die alte Industriestadt Eindhoven zählt die höchste Patentdichte der Welt. Was gibt es hier, was es anderswo nicht gibt? Ein Besuch in Klein-Utopia.

Vor dem Bahnhof liegt ein Glaskugelgebilde, in den Boden eingesunken, es sieht wie das Ei eines Aliens aus. Daneben steht ein Haus, antiquiert und futuristisch zugleich. Die Fassade schimmert in den Grüntönen oxidierten Kupfers. Die Zukunft ist nicht klar und geordnet, nicht auf den ersten Blick. In Eindhoven herrscht Wildwuchs. Alle paar Meter flache Säulen mit Monitoren, sogenannte Citybeacons, an denen man sich fotografieren lassen kann – sie messen aber auch die Luftqualität, informieren über Termine und weisen Fremden den Weg durch diese Stadt, von der es heißt, sie sei erfinderischer als andere. Eindhoven, das nur 225 000 Einwohner hat, ist ein architektonisches Kurio­sitätenkabinett. Man könnte auch sagen: Hier herrscht gestalte­risches Chaos. Seit dem Zweiten Weltkrieg scheint sich jedes Jahrzehnt samt seinen ihm eigenen Visionen verewigt zu haben. Jeder Straßenzug wirkt, als habe man immer wieder neu begonnen, in absoluter Abgrenzung zu allem, was bis dahin war. Schön ist Eindhoven nicht. Aber Schönheit hat auch nicht Priorität. Es geht ums Ausprobieren, um das Ausleben von Ideen. Eindhoven zählt weltweit die meisten Patente pro 10 000 Einwohner, 22,9 nämlich. Das zweitplatzierte San Diego kommt auf eine Quote von 8,9. Macht die Stadt ihre Bewohner kreativ, oder ist es gerade umgekehrt? Sollen die mal selbst antworten.

Zeitgenössische Kunst im Van Abbemuseum

Zeitgenössische Kunst im Van Abbemuseum

© Felix Brüggemann

Die Kuratorin

 

„Eindhoven ist eine Stadt der Macher“, sagt Christiane Berndes, Kuratorin des Van Abbemuseums für zeitgenössische Kunst. Henri van Abbe, ein Tabakfabrikant, übertrug seine hochwer­tige Sammlung in den 1930er-Jahren der Stadt. Heute hängen hier Pablo Picasso, Oskar Kokoschka, Joseph Beuys, Andy ­Warhol und Paul McCarthy. Die Wände des hellen Raums, in den Berndes führt, sind allerdings leer. Eine Pause zwischen zwei Ausstellungen? Nein! In Schubladen in einer Ecke liegen Gemälde, Poster und Pop-Art. Eine behandschuhte Besucherin holt einen Warhol-Druck heraus, hebt ihn auf eine Schiene an der Wand, daneben stellt sie ein Punk-Poster, prüft, verschiebt, dann trägt sie es zur angrenzenden Wand. „In diesem Raum kann jeder seine eigene Ausstellung zusammenstellen“, sagt die Kuratorin, „wir wollen, dass die Besucher Kunst in neue Zusammenhänge bringen.“

Es geht nicht ums Ergebnis, man muss erst mal anfangen

Christiane Berndes, Kuratorin Van Abbemuseum

Berndes und ihre Kollegen lieben Experimente. Das Neueste: Ein Besucherroboter, der einzige in Europa. Ein Ding auf zwei Rädern, zwischen Segway und Hoverboard, mit einer Kamera ausgestattet. Menschen, die es wegen Krankheit oder Behinderung nicht ins Museum schaffen, können ihn online mieten und durchs Museum steuern. „Noch muss wegen der Treppen immer ein Mitarbeiter mitlaufen“, sagt Berndes, „aber wir arbeiten daran.“ Es geht nicht um das perfekte Ergebnis. Es geht darum, dass man erst mal anfängt.

Philips-Leuchtturm und die Glasblase De Blob des Architekten Massimiliano Fuksas in der City von Eindhoven

In der City drängeln sich der Philips-Leuchtturm und die Glasblase De Blob des Architekten Massimiliano Fuksas in den Sonnenaufgang

© Felix Brüggemann

Die Berater

 

Eindhoven, gegründet im Mittelalter, war lange ein verschlafenes Nest, bis sich während der industriellen Revolution etliche Fabriken ansiedelten: Tabak, Textil, Seife. Hubert Van Doorne begann Lastwagenanhänger zu bauen, später stieg sein Bruder mit ein, und die Firma wurde unter dem Namen DAF berühmt. 20 Jahre lang produzierte DAF einen Kleinwagen, eine Art niederländischen Trabi. In Eindhoven stand auch die erste Ampel Hollands. Zu ­verdanken hatte man sie einer gewissen Familie Philips, namentlich ihren Söhnen Gerard und Anton, die mit der Produktion von ­Glühlampen und Radioröhren ein Technik-Imperium begründeten. Knapp 40 Prozent aller niederländischen Investitionen aus den ­Bereichen Forschung und Entwicklung werden in der Region Eind­hoven vorgenommen – „Brainport“ wird die Stadt auch genannt.
Geht man an der Dommel Richtung Stadtpark, taucht das Parktheater auf. Klobig, mit Gold eingefasste Türen und Fenster, von außen ein typischer Nachkriegsbau. Aber innen wartet die Geschäftigkeit eines Hipster-Cafés, das auch in Brook­lyn stehen könnte. Menschen mit Pappbecher in der Hand beugen sich über Laptops. Tagsüber dient das Foyer als Co-Working-Space. Wer hier arbeitet, zahlt mit Sozialkapital. Online loggt man sich ein und erklärt, womit man den anderen, die hier arbeiten, helfen könnte. Geld zahlt nur, wer die Backstage-Räume für Meetings, Konferenzen oder Workshops bucht. Zwei der Gäste, die sich regelmäßig einbuchen, sind Pim de Morree und Joost Minnaar. Als „Corporate Rebels“ beraten sie Unternehmen, die ihre Arbeitskultur verändern wollen. Ihre früheren Jobs bei Biotech-Firmen haben beide gekündigt, die Arbeit erschien ihnen zu eingeschränkt, zu oberflächlich, zu profitorientiert. Ein Jahr lang reisten sie um die Welt. Neben Job-Innovatoren wie Google und Spotify erkundeten sie belgische Sozialämter, wo Mitarbeiter ihre Arbeitszeit frei einteilen können. Und bei einem Pflegedienst erzählte man ihnen, dass sich dessen 10 000 Angestellte selbstständig in Teams organisieren. „Menschen wollen sich einbringen“, sagt Joost. „Wenn du was verbessern willst, hör auf deine Mitarbeiter!“ Beteiligung funktioniere am besten, wenn Hierarchien flach oder, noch besser, gar nicht vorhanden seien.

Pim de Morree und Joost Minnaar in Eindhoven

Pim de Morree und Joost Minnaar sind Vorkämpfer für eine neue Arbeitskultur

© Felix Brüggemann
Piet Hein Eek dirigiert die Produktion seiner Möbel aus Abfallholz und Altmetall

Piet Hein Eek dirigiert die Produktion seiner Möbel aus Abfallholz und Altmetall...

© Felix Brüggemann
Tisch und Stühle aus Holz im Showroom des Möbeldesigners Piet Hein Eek

...das Ergebnis im Showroom sieht ziemlich neu aus

© Felix Brüggemann
Quartett-Karten mit Größen der Geschichte

Das Quartett mit Größen der Geschichte gibt es im Hutspot, einem Shop für Dekoration und Design

© Felix Brüggemann
Kachelfassade des Van Abbemuseum Eindhoven

Die Kachelfassade des Van Abbemuseums trotzt dem grauen Brutalismus der Gegend

© Felix Brüggemann

Der Möbelbauer

 

Ein gutes Beispiel für diese Philosophie ist unweit des Parktheaters zu beobachten, in einer Werkhalle am Innenstadtrand. Hier ließ Philips einst Teile für Transformatoren fertigen. Heute baut Piet Hein Eek hier seine Möbel aus Altholz. Der Chef, der parallel an einer Kooperation mit Ikea und einer Ausstellung für die Dutch Design Week arbeitet, sitzt nicht im Büro. Er wuselt, Staub auf den Klamotten, durch die Reihen, wo seine etwa 100 Mitarbeiter sägen, fräsen, schweißen. Die Industrie hat Eindhoven groß gemacht – und nun hat sie Platz für Neues geschaffen. Als die alten Branchen in den 1980er- und 1990er-Jahren ihre Produktion ins Ausland verlagerten, blieben riesige Areale zurück. Wie Strijp-S, eine Stadt in der Stadt, nordwestlich der City. Dort verkaufen winzige Labels Kleider und Schmuck, es gibt ein Restaurant, das sozial benachteiligte Jugendliche ausbildet, und die spannendste Eisdiele der Niederlande. Im Angebot sind Sorten wie MandarineKumquat, Limette-Koriander oder Ananas-Roter-Pfeffer. Satt, kalt, erstaunt und zufrieden geht es zurück ins Herz Eindhovens.

1 Van Abbemuseum | 2 Parktheater | 3 Piet Hein Eek | 4 Design Academy | 5 High Tech Campus | 6 De Kazerne | 7 Inntel Hotel Art | 8 Philips Museum | 9 Yksi Designshop

© Cristóbal Schmal
Teresa van Dongen entwirft Lampen

Teresa van Dongen entwirft Lampen

© Felix Brüggemann

Die Lampendesignerin

 

Der Lichttoren, der Leuchtturm, auch er Teil der alten Philips-Produktionsstätten, beherbergt neben einem Hotel und einem Restaurant auch die Design Academy Eindhoven. Wenn es ein Epizentrum für die Kreativität gibt, dann liegt es hier. Teresa van Dongen hat an der Academy studiert. Sie empfängt im Atelier, zwischen vollgepackten Regalen, wo sie – ganz in der Tradition der Stadt – mittlerweile Lampen entwirft. Und dabei Beleuchtung neu denkt: Ihre Entwürfe brauchen keinen Strom, stattdessen sorgen biolumineszente Bakterien für das bläuliche Glimmen. Vor ein paar Jahren wurde sie dafür mit dem holländischen Designpreis ausgezeichnet, van Dongens Erstling „Ambio“ hängt in der Expo in der kasachischen Hauptstadt Astana. Sie arbeitet längst am nächsten Modell, mit Mikroorganismen, die Elektrizität produzieren, die wiederum LEDs antreibt. Man muss schon sehr quer denken, um solche Gedanken überhaupt zuzulassen. Out of the box, wie die Amerikaner sagen.

Es gibt begeisterungsfähige Menschen und viel Platz hier!

Teresa van Dongen, Designerin

Könnte sie ihre Lampen auch an einem anderen Ort entwerfen? Van Dongen überlegt: „Hier gibt es viel Platz für wenig Geld. In Amsterdam ist das schwierig. Viel wichtiger aber ist, dass es so viele begeisterungsfähige Menschen gibt, die zwischen den Disziplinen arbeiten: Handwerker, Techniker, Wissenschaftler, Künstler.“


Ganz schön neu: vier Extra-Tipps

DE
KAZERNE

Restaurant, Werkstatt oder Galerie? Die ehemalige Kaserne ist alles zusammen.

kazerne.com

designshop
yksi

Institution der Kreativen, die hier shoppen, netzwerken, ausstellen, auch sich selbst.

yksiexpo.nl

PHILIPS
MUSEUM

Hier sind die Firmen­erfindungen kuratiert, allen voran die Glühbirne.

philips-museum.com


 

Der Junior-Ceo

 

Leise, weil auspufflos trägt einen der Bus Richtung Hightech- Campus. Eindhoven verfügt über die europaweit größte Flotte an Elektrobussen, 43 Fahrzeuge sind im Einsatz. Auf dem Campus schließlich, dem Gelände der ehemaligen Forschungszentrale von Philips, umstehen Betonklötze wie hingewürfelt einen künstlichen See. Hier tüftelt das kleine Unternehmen Amber Mobility an einer großen Idee: ein fahrerloses Elektroauto – das unverkäuflich sein soll. Autos zu besitzen sei total überflüssig geworden, findet CEO Steven Nelemans. „Viele Menschen fahren zur Arbeit und zurück. Die meiste Zeit stehen die Fahrzeuge nur auf Parkplätzen herum, und das wollen wir ändern.“ Mit Kommilitonen der Technischen Universität Eindhoven hat er ein Auto konzipiert, das nur 650 Kilo und damit weniger als ein Smart wiegen soll. Der Motor, so ihr Plan, hält 1,5 Millionen Kilometer, dreimal so lange wie heutige Rekordmodelle. Selbstständig sollen sich die Autos durch die Stadt bewegen, immer dorthin, wo die Nutzer sie brauchen.

Das klingt kühn, ist aber mehr als nur ein Spleen – ab Januar 2018 darf ­Amber Mobility das Konzept testen. Derzeit sammeln sie Startkapital für die ersten Modelle. Der vorläufige Prototyp, der wie eine Mini-Raumkapsel auf Rädern aussieht, besteht noch aus Holz und Styropor. Für die Testfahrten wird ein BMW i3 bei Nacht durch Eindhoven gleiten. Vorbei an alten Fabriken und neuen Alien-Eiern, am Parktheater, an metallenen Säulen. Noch ist die Vision der Tüftler nicht perfekt umgesetzt. Aber angefangen haben sie schon mal.


Zum Ziel

Lufthansa fliegt sechsmal am Tag von Frankfurt (FRA) und bis zu sechsmal täglich von München (MUC) nach Amsterdam (AMS). Weiterfahrt nach Eindhoven per Zug. Ihre Meilengutschrift ermitteln Sie auf meilenrechner.de.