Der Blick auf die breite Ostfassade der Elbphilharmonie
© Jörg Modrow

Das gläserne Herz

  • TEXT JOACHIM MISCHKE
  • FOTOS JÖRG MODROW

Auf Brachland und dem alten Freihafengebiet schuf Hamburg den neuen Stadtteil HafenCity – jetzt eröffnet dessen Vorzeigebau, die Elbphilharmonie

Nur einen Kilometer von der historischen Pracht des schlossähnlichen Hamburger Rathauses entfernt, am Ufer der Elbe, entsteht eine neue Variante der Stadt. Die HafenCity – ein 157-Hektar-Filetstück in der Stadtmitte – ist und wird komplett anders als alles, was Hamburg ansonsten zu bieten hat.

Seit anderthalb Jahrzehnten erst gibt es diesen Stadtteil. Auslöser war die Notwendigkeit, den östlichen Teil des Hafens hinter den Röhren des Alten Elbtunnels neu zu erfinden, da er von den Containerschiff-Riesen mit ihrem enormen Tiefgang nicht mehr angefahren werden konnte.

Ein Masterplan fixierte 2000 die Grundzüge der Entwicklung, mit vielen Vorgaben, um im neuen Quartier für eine Balance zwischen Profit und Lebensqualität zu sorgen.

Seitdem ist die HafenCity ein riesiges Open-Air-Labor mit einer einmaligen Mischung aus Business, Wohnen, Gastronomie – und jetzt kommt mehr und mehr Kultur dazu.

„Es gibt kaum Städte, die so große zusammenhängende Planungsareale haben, in Europa sowieso nicht“, erklärt Gesa Ziemer. Die 47-Jährige ist Professorin für Kulturtheorie, lehrt an der HafenCity Universität für Baukunst und Metropolenentwicklung. „Der Umgang mit Fläche, mit öffentlichen Plätzen, die Architektur, die Frage von Urbanität und Belebung … als Lehrende kann ich hier für fast jedes Thema einfach auf die Straße gehen.“

Mit Überraschungen ist an jeder Ecke zu rechnen. Der Lohsepark im Osten bietet Obstbäume zur Selbstbedienung. Direkt neben einer der Großbaustellen haben sich Freizeitkicker einen Bolzplatz organisiert.

Selbst altgediente Taxifahrer verfahren sich, weil Bauarbeiten von einem Tag auf den anderen für ganz neue Routen sorgen. Und auf dem Dach des Ökumenischen Forums haben Bienenvölker ihre Heimat gefunden.

Der Intendant der Hamburger Elbphilharmonie: Christoph Lieben-Seutter trotzt allen Wettern

Intendant Christoph Lieben-Seutter trotzt allen Wettern

© Jörg Modrow
Das Herzstück der Elbphilharmonie: Der Große Saal hat Platz für 2100 Zuhörer

Herzstück der Elbphilharmonie: Der Große Saal hat Platz für 2100 Zuhörer

© Jörg Modrow
Neues Glas auf alten Steinen: Die Elbphilharmonie wurde auf einem alten Kaispeicher erbaut

Neues Glas auf alten Steinen: Die Elbphilharmonie ...

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Von der Elbphilharmonie ist es nicht weit zum Stadtteil HafenCity

... in der HafenCity

© Jörg Modrow
Hamburg hat jetzt auch ein Berg-Panorama: Das Pailetten-Dach der "Elphi"

Hamburg hat jetzt auch ein Berg-Panorama: Das Pailetten-Dach der "Elphi"

© Jörg Modrow

HAM

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 Es brauchte einige Jahre, bis auch die skeptischen Hamburger entdeckten, was sie hier bekommen. Die Kritik, die HafenCity sei bloß ein Retortenstadtteil für Touristen und Besserverdiener, zudem an Abenden leer und leblos, ist nicht verstummt. Aber sie ist leiser geworden, weil der Stadtteil lebendiger wurde.

In den guten Lagen sind die Mieten und die Quadratmeterpreise für Eigentumswohnungen stattlich. Doch die Planer haben aus den Schwächen des Anfangs gelernt und setzen in künftigen Bauabschnitten mehr auf die Schaffung von Wohnraum, nicht noch mehr Büros.

„Ich war von Anfang an recht begeistert von der HafenCity“, beteuert Christoph Lieben-Seutter. Der 52-jährige gebürtige Wiener will am 11. Januar 2017 als Generalintendant die Elbphilharmonie eröffnen. Bereits vom 4. November an wird der Plaza-Bereich des Gebäudes für das Publikum zugänglich sein.

Als Lieben-Seutter seinen Posten antrat, gab es seine künftige Arbeitsstätte nur auf Konstruktionszeichnungen. Das neue Hamburger Konzerthaus wurde an der Westspitze der HafenCity gebaut, es hagelte Komplikationen, Preisexplosionen und Terminverzögerungen. Nun überwiegt aber doch die Vorfreude auf einen Konzertsaal der Superlative.

Die Geburtsstadt des Komponisten Johannes Brahms, als Musicalmetropole gut im Geschäft, will sich nun auch als klassische Musikstadt profilieren. Mit der Elbphilharmonie hat sie sich die passende Immobilie angeschafft.

Die Idee einer gläsernen, an ihrer Spitze 110 Meter hohen Welle auf dem Dach eines denkmalgeschützen Speichers, an drei Seiten von Wasser umgeben, stammt von den Schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron. Sie haben auch das Museum Tate Modern in London entworfen, das Olympiastadion in Peking und die Allianz Arena in München.

Wir brauchten ein Wahrzeichen mit Strahlkraft

Jost Deitmar, Hotelier

Außergewöhnlich wird das Gebäude auch dadurch, dass es unter seinem Paillettendach mehrere Funktionen vereint: Der Große Saal mit seinen knapp 2100 Plätzen, dessen Weinberg-Form vom antiken Theater in Delphi inspiriert wurde, ist von einem Hotel umgeben. An der Westseite der Glasfassade, mit unverbaubarem Elbblick, wurden 45 Luxuswohnungen gebaut.

Auf der Plaza – der Fuge zwischen dem alten Kaispeicher A und dem neuen Aufbau – können Besucher tagsüber den Panoramablick genießen, auch ohne Konzertkarte.

Unterhalb der Plaza befinden sich neben den „Kaistudios“, die junges Publikum auf klassische Musik neugierig machen sollen, auch Restaurants und ein Parkhaus. Der spektakulärste Weg zum Musikgenuss ist die Fahrt in der „Tube“, einem futuristischem Tunnel, auf einer gebogenen, gut 80 Meter langen Rolltreppe.


 

Dinner mit Aussicht: abends in der HafenCity

Dinner mit Aussicht: abends in der HafenCity

© Jörg Modrow

 

2005
zogen die ersten Bewohner in das neue Viertel an der Elbe.
14 000 Menschen sollen hier einmal leben.

157
Hektar misst die HafenCity. Dadurch wächst die Hamburger Innenstadt um 40 Prozent.

57
Projekte der Hamburger HafenCity sind abgeschlossen. Damit ist erst die Hälfte fertig: 53 befinden sich noch im Bau oder in Planung.

2850
Euro pro Quadratmeter müssen Wohnungskäufer hier mindestens bezahlen. Bei machen Penthäusern sogar mehr als 10 000 Euro.

10
Jahre dauerte der Bau des Prestigebaus “Elphi”. Besonders aufwendig: die Konstruktion des schallisolierten Konzertsaals.


 

 Noch nicht einmal zwei Jahrzehnte ist es her, da war dieser Teil der Stadt selbst vielen Einheimischen unbekannt. Das Areal war mehr als 120 Jahre lang Freihafen gewesen, zollrechtliches Ausland. Rund 18 Kilometer Zäune, Kontrollen, Formulare. Wohnen war hier verboten, Gastronomie erst recht. Eine ferne, fremde Welt, wenn man jetzt sieht, wie Touristen an den Kais entlangflanieren.

Die Strecke des Volkslaufs „HSH Nordbank Run“ führte in den ersten Jahren der HafenCity-Realisierung fast nur durch Brachland, vier Kilometer Hecheln neben Baugruben durchs Irgendwo. Die Lücken sind fast überall längst zugewachsen, mit moderner Architektur, die spannungsreiche Kontraste vor allem zu den Backsteinklassikern der benachbarten Speicherstadt erzeugt.

Sollte die HafenCity je einen Außenminister benötigen, mit Frederik und Gerrit Braun, 48, hätte sie gleich zwei ideale Kandidaten. Die Zwillingsbrüder haben inmitten des Weltkulturerbes Speicherstadt ihr „Miniatur Wunderland“ errichtet, das seit der Eröffnung im August 2001 zum Touristenmagneten wurde.

Redet man mit den Brauns über die vielen Lilliput-Länder in der größten Modelleisenbahnanlage der Welt, klingt das stets ein wenig so, als würde man mit Gott seinen Schöpfungs-Wochenplan erörtern. Die jüngste Großbaustelle der Brauns war Italien.

Wenn man mit ihnen durch die Anlage geht, werden sie bestaunt und behandelt wie Filmstars. Die tun was, die werden geliebt, eine Herzensangelegenheit, ganz klar. Fast täglich, berichten die Brauns, bekämen sie Anfragen, irgendwo auf der Welt eine Zweigstelle zu eröffnen. Interessiert sie nicht, machen sie nicht. Investoren, die sie mit steilen Renditevorstellungen unter Druck setzen, brauchen sie nicht. 

Der Start des Miniatur Wunderlandes war bescheiden. „Nebenan war eine Wiese, die HafenCity gab’s damals nur in den Köpfen einiger Politiker“, erinnert sich Frederik Braun. „2001 war die Speicherstadt eine schlafende Schönheit. Der erste Spatenstich, die ersten Häuser, die entstanden sind – ich hab’s hier von der ersten Sekunde an geliebt.“

Bei der Begeisterung war es nur konsequent, dass das Miniatur Wunderland nicht nur sein eigenes Hamburglein bekam, sondern auch eine HafenCity en miniature.

Und erst recht eine geschrumpfte Elbphilharmonie, die sogar etwas kann, was die große Schwester „Elphi“ trotz ihrer Hightech-Architektur nicht schafft: Sie ist aufklappbar. Frederik Braun ist ein glühender Fan des Konzerthauses, das trotz der Konzentration auf Klassik als „Haus für alle“ gedacht ist.

Sein Lieblingskonzert in der ersten Spielzeit wird wohl der Auftritt der Avantgarde-Band Einstürzende Neubauten werden, wenige Tage nach der Eröffnung des Konzerthauses. Vergessen sind die Orakel, die besagten, es würde nie fertig werden und man sollte den Rohling doch lieber gleich abreißen – das ginge schneller und wäre auch günstiger.

Architekten der "Mini-Elphi": Frederik und Gerrit Braun vom Miniatur Wunderland

Architekten der "Mini-Elphi": Frederik und Gerrit Braun vom Miniatur Wunderland

© Jörg Modrow

 Einen halben Kilometer westlich vom Wunderland der Brauns erwartet ein anderer HafenCity-Pionier das Ende der Durststrecke: Jost Deitmar. Der 54-jährige Hotelier leitet nicht nur das Luxushotel Louis C. Jacob an der Elbchaussee, sondern seit Oktober 2008 auch das Restaurant Carls gegenüber der Elbphilharmonie.

„Ich hätte mich seinerzeit mit einer Gastronomie nirgendwo sonst als an diesen exponierten Platz begeben“, sagt er, doch „als wir uns 2006 für diesen Standort entschieden, stand noch nicht hundertprozentig fest, dass sie gebaut werden würde.“

Die ersten Jahre waren hart. Restaurants und Cafés eröffneten in rascher Folge – und schlossen wieder, wegen der Baustellen, die ihren Kunden den Weg zur Mahlzeit versperrten. Die Klappbrücke zur Elbphilharmonie war monatelang geschlossen.

Um sich im Quartier zu verwurzeln, organisierte Deitmar Nachbarschaftsabende. „Hier stand nur der Kaispeicher, die HafenCity bestand damals praktisch ja nur aus dem Kaiserkai“, erinnert er sich. „Es hat dann ja auch funktioniert, doch der Weg war wirklich steinig. Man brauchte dafür Pioniergeist.“ Vorbei, verschmerzt.

Jetzt muss Deitmar nicht mehr durchhalten, sondern sich auf den absehbaren Ansturm von Tages- und Abendgästen vorbereiten. „Der Tourist wird nicht in Hamburg gewesen sein, wenn er nicht in der Elbphilharmonie war“, prophezeit er, „das ist wie in Paris mit dem Eiffelturm, das spürt man jetzt schon. Wir brauchten ein Wahrzeichen, das für die Stadt steht, mit weltweiter Strahlkraft.“

Maßgeblich beteiligt am originalgetreuen Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg schwer zerstörten Speicherstadt war übrigens Werner Kallmorgen, eben jener Architekt, der in den 1960er-Jahren den Kaispeicher A entwarf.

Schräge Hütte: Die Oberhafenkantine steht hier seit 91 Jahren

Schräge Hütte: Die Oberhafenkantine steht hier seit 91 Jahren

© Jörg Modrow
Schiff ahoi im Liegestuhl: Mehr als zehn Kilometer Kaipromenade erstrecken sich durch das neue Viertel

Schiff ahoi im Liegestuhl: Mehr als zehn Kilometer Kaipromenade erstrecken sich durch das neue Viertel

© Jörg Modrow
Urbaner Kick: Bolzplatz mit Zug­anbindung

Urbaner Kick: Bolzplatz mit Zug­anbindung

© Jörg Modrow

 Östlich der Speicherstadt, geduckt neben einer Brücke und am Rande einer Kaimauer, befindet sich die Oberhafen-Kantine, 91 Jahre alt, krumm – und sehr schief.

Erbaut als „Kaffeeklappe“, zur Verpflegung der Hafenarbeiter. Spezialität: Hausmannskost. „Der Labskaus gilt als einer der besten der Stadt“, sagt Sebastian Libbert stolz, „unser Grünkohl ist Weltklasse.“ Die Frikadellen: legendär.

Mehr als fünf Grad Neigungswinkel hat sein Lokal, etwa ein Grad mehr als der Turm von Pisa. Beim Blick hinaus auf den geraden Rest der Welt muss man zweimal hinsehen: War das nicht doch ein Bier zu viel?

Auch diese Adresse mit Schlagseite hat ihren Reiz – die großzügigen Ausstellungsräume der Deichtorhallen sind fast noch in Frikadellenwurfweite, ebenso das Spiegel-Gebäude.

Zudem ist dieses Restaurant der Auftakt zum Oberhafenquartier, einem Areal mit alten Industriehallen, die viel Platz bieten für Künstler, Kreative und Start-ups. Libbert gehörte zu den Gründern eines Vereins, der sich dafür einsetzt. „Wir haben lange darum gekämpft, dass der Oberhafen als Kreativquartier entwickelt wird, für Menschen, die etwas bewegen wollen.“

Zu den Fans zählt auch Elphi-Intendant Lieben-Seutter: „Das ist eine unglaublich atmosphärische Ecke. So etwas braucht es unbedingt, damit die HafenCity nicht ein komplett durchgetaktetes Erfolgsmodell wird.“

Die Oberhafenkantine liegt im Hochwassergebiet. 2013 stand das Wasser bis zu den Fenstersimsen im Erdgeschoss, die Küche im Keller war geflutet. Doch Libbert ließ sich nicht unterkriegen. So einen „Ort der Sehnsucht“ gibt man nicht einfach auf. Einen Ort, ganz nah am neuen, gläsernen Herz der Stadt.


 

Die Karte zeigt interessante Orte rund um die HafenCity

1 Elbphilharmonie | 2 Restaurant Carls | 3 Miniatur Wunderland | 4 Infocenter | 5 Elbphilharmonie-Pavillon | 6 Oberhafen-Kantine | 7 HafenCity Universität Hamburg

© Cristóbal Schmal