Flandern Flaches Land, Hohe Kunst LHM Oktober 2016
© Dimitry Kashko/JeyKey/500px

Flaches Land, hohe Kunst

  • TEXT MORITZ HERRMANN
  • FOTOS MASHID MOHADJERIN

Flandern ist Ehrengast der Frank­furter Buchmesse. Also zur Küste, zwischen Wolken und See die Literaten treffen – sollen die doch mal ihre Heimat erklären!

Der Strand von Oostende ertrinkt im Regen. Ein Mann, blauer Anzug, gelbes Hemd, Krawatte, Hut, sitzt im Ausguck der Rettungsschwimmer. Möwen umsegeln ihn. Es ist kalt.

Unter dem Sitz schreit ein Lifeguard oberkörperfrei Paragraphen in den Wind. Der Mann solle sofort hinabsteigen, verboten sei das. Er zerrt am Hosensaum, funkt nach Verstärkung und blockiert das Objektiv der Fotografin mit seiner Rettungsboje.

Natürlich muss man mit dieser Szene anfangen. Weil darin alles enthalten ist: Flandern im Kleinen, grotesk und grau, real und surreal zugleich. Und weil der Mann, der dort oben thront, Herr Seele heißt. Der König des hiesigen Surrealismus.

Stunden zuvor, der Comiczeichner empfängt in seinem Atelier. Ein altes Kino, im Parterre verstauben Pianos. Seele ist gelernter Klavierstimmer, ist Lebenskünstler mit Künstlerleben. Den Flamen hat er, 1981 war das, Cowboy Henk geschenkt. Einen blonden Hünen mit Elvis-Tolle. Bis heute erscheint der Comic im Magazin Humo.

Wer an der Küste nach ihm fragt, erntet begeistertes Nicken. Hier ist jeder mit ihm groß geworden. Henk, Onkel, Bruder, Vater der Flamen.

War das so gewollt? Herr Seele, vor einem Selbstbild in Öl, grinst. „Ich bin mit Tintin aufgewachsen, aber wir haben die Comics gehasst. Wie langweilig sie waren! Henk ist, wenn man so will, Anti-Comic, Punk.“ Im Comicland Belgien sind das harte Worte. Aber man ahnt schon: Flandern ist eben nicht Belgien, sondern nur ein Teil davon.

Heer Seele posiert vor einem Selbstporträt

Herr Seele malt mehr als nur Comics – oben zum Beispiel sich selbst, mit Referenzen an den Surrealismus des Belgiers René Magritte

© Mashid Mohadjerin
Eine Plastikfigur von "Cowboy Henk"

MTV wollte die Rechte für „Cowboy Henk“ abkaufen, doch Herr Seele lehnte ab und blieb Underground

© Mashid Mohadjerin
Bis heute erscheint der Comic mit Cowboy Hank in Humo

Bis heute erscheint der Comic mit Cowboy Hank in Humo

© Mashid Mohadjerin
Tramstation in De Haan: Der Kurort hat sich sein Fachwerk und viel Art déco erhalten

Tramstation in De Haan: Der Kurort hat sich sein Fachwerk und viel Art déco erhalten

© Mashid Mohadjerin

  Im Oktober wird die Region zusammen mit den Niederlanden Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein. Das ergibt Sinn, man teilt sich Grenze und Sprache.

Flandern, im Norden Belgiens gelegen, hat 6,4 Millionen Einwohner und ein ewiges Problem: den Zwist mit dem Süden, der Wallonie. Die beiden sind einander sprachlich, politisch und kulturell fremd. In der Wallonie parliert man Französisch. Regelmäßig wird über einen Zerfall Belgiens spekuliert, einige Parteien bewerben diese Spaltung offensiv.

Es geht also an der flämischen Küste, die gefühlt gleich hinter Brügge beginnt, stets um Identität, um Gemeinsamkeiten und Trennendes. Das finden auch die Ausrichter der Buchmesse spannend.

Herr Seele kennt die Spleens der Flamen. Er läuft zur Brasserie du Parc. Links protzt der Kursaal. Oostende war mal Hot-spot der höfischen Schickeria, der König flanierte die Venezianischen Galerien entlang zur Pferderennbahn. Heute kommen vor allem Touristen aus dem Inland. Die Promenade ist mit Hochhäusern zubetoniert. Herr Seele mag den Herbst, wenn die Urlauber weg sind und die Straßen leer. „Besser für die Kunst“, sagt er beim Bier.

Hier im Café wurde Cowboy Henk geboren. Seele brachte seine Zeichnungen, Partner Kamagurka die Gags zu Papier. Turbosurrealismus nannten sie das, zig Seiten in einer Stunde, Irrsinn vom Fließband.

Einmal übernahm ein neuer Chefredakteur bei Humo und sortierte den Comic aus. Die Auflage ging zurück, Leser schickten wütende Briefe. Nach ein paar Wochen ging der Neue, Henk kam zurück. „Dumme Idee von ihm“, sagt Herr Seele.

Die Flamen lassen sich ihren Prollpatron nicht nehmen. Während Tintin, also Tim, mit Struppi um die Welt abenteuert und immer den Sieg davonträgt, macht sich Henk zum Idioten. Kassiert Niederlagen, steckt ein, steht wieder auf. Ist zu brutal, zu ehrlich, zu stark.

In einer Story entdeckt Henk einen Fisch im Fluss. Er zieht ihn an Land, beatmet ihn. Der Fisch stirbt, Henk geht traurig ab. Das ist flämischer Humor, wie ihn Herr Seele liebt. „Wir brauchen jemanden, der über Verbotenes spricht. Henk macht das.“

Dann will der Zeichner noch zum Strand, für ein Foto auf den Hochsitz klettern. Er hat nicht mit der Bürokratie gerechnet. Man müsse die Erlaubnis der Stadt einholen, schreit der Lifeguard. Henk hätte zugeschlagen. Herr Seele stapft davon.

Um ein Foto auf dem Hochsitz zu machen, braucht es eine offizielle Erlaubnis der Stadt

Um ein Foto auf dem Hochsitz zu machen, braucht es eine offizielle Erlaubnis der Stadt

© Mashid Mohadjerin

 Neuer Tag, gleiches Wetter. Am Himmel klebt Grau, aber kein weiches Hamburggrau, sondern dicker und dramatischer, wie mit Schiefer vermengte Asche. Man muss sich mühen, um das schön zu finden. Findet auch Els Moors, flämische Poetin, aus Poperinge.Inspirierend sei es trotzdem, oder?

Sie sitzt in der Kusttram, letzte Reihe, beste Sicht. Flandern hat 67 Kilometer Küste, die von der Bahn befahren werden. Heißt im Superlativ: Die kürzeste Küste Europas hat die längste Straßenbahn der Welt. Zwei Stunden und 23 Minuten dauert eine ganze Fahrt, von De Panne im Süden bis Knokke im Norden.

Draußen wischt Flandern vorbei. Kriegsbunker in den Dünen, der Atlantikwall, verrottete Kanonen. Wohnwagen bis zum Horizont bei Westende. Die Apartmentschluchten von Nieuwpoort. Die Nordsee. Über ihren Strand gummistiefeln Männer mit Metalldetektoren, sie suchen Schmuck.

Inspirierend? Moors beugt sich vor: „Wenn ich ein Gedicht schreibe, bereite ich einen Platz in meinem Kopf vor. Das geht hier am besten.“ Moors schreibt oft über das Meer. Sie beobachtet es mit der Präzision einer Kamera – um das Erblickte dann zu befragen, zu variieren, auszuquetschen. Übrig bleiben Wahrheiten, für die sie die Kritiker bejubeln.

In Flandern geht es immer um Identität und den Zwist mit dem Süden – für Dichter ist das dankbar

Moors zeigt nun aus dem Fenster, da habe mal ein Ex von ihr gewohnt, und, oha, dort habe der Opa eines Verflossenen sein Boot vertäut, und hier … Sie lacht. Die Küste ist für sie eine Männerküste. Moors ist, wie ihre Gedichte sind: überfordernd, direkt, lustig.

„Ich frage mich manchmal: Muss ich meinen privaten Mist ausbreiten? Dann überlege ich. Dann sage ich: Ja, ich muss!“ Früher schrieb sie auf dem Dachboden, schämte sich für ihre Verse. Vergangenheit. Wenn Leute heute etwas nicht verstehen, schreibt Moors keine anderen Gedichte. Sondern für andere Leute. „Früher hatte ich Probleme mit dem Flämischen, es ist zu hart für Lyrik“, sagt sie.

Heute reizt sie das: einer Sprache, die unmelodisch ist, Musik abzutrotzen. Die Komplexe der Flamen, glaubt sie, rührten zuerst von der Sprache. Vom Wissen, im eigenen Land Minderheit zu sein, an Zahl, in Mundart. Man kann ihre Poesie auch als Befreiung verstehen, als Emanzipation. Lest, wie wunderbar das Flämische sein kann! Hört, was sich damit anstellen lässt!

Aus dem Nebelschleier taucht bei Middelkerke ein Leuchtturm auf. Er soll abgerissen werden, Moors weiß das. Sie schüttelt den Kopf. Was für ein komischer dicker Bau. Ein Leuchtturm mit Adipositas. Er passt in die Gegend. Er würde auch in ein Gedicht von Els Moors passen.

Die Flamen lieben ihre Kusttram, die 69  Stationen entlang der Küste verbindet

Unten: Die Flamen lieben ihre Kusttram, die 69  Stationen entlang der Küste verbindet

© Mashid Mohadjerin

 Gern will man mit ihr bis zum Ende fahren, aber der nächste Termin steht an, man muss zurück. Wytske Versteeg wartet. Auf halber Strecke, in Bredene. In den Dünen. Die 1983 geborene Versteeg ist Niederländerin, sie gilt dort als beste Autorin ihrer Generation.

Es ist nur konsequent, sie am Strand zu treffen, spielt doch ihr erfolgreichster Roman „Boy“ ebendort. Boy, afrikanischer Adoptivjunge, stirbt einen rätselhaften Tod, seine Mutter sucht die Schuldigen. Es geht um Rache, Wut und Trauer, von Versteeg großartig seziert.

Früher schrieb sie Theatertexte. „Damit habe ich aufgehört, weil ich ein Kontrollfreak bin. In den Büchern gestalte ich allein die Geschichte. Im Theater musste ich sie in fremde Hände geben“, sagt sie.

Man stellt sich die Schöpfer gewaltiger Geschichten ja selbst auch immer gewaltig vor und ist dann überrascht, wenn dem nicht so ist. Wenn stattdessen eine scheue Frau barfuß durch die Gischt trippelt. Wenn sie, eine Stunde später, staunend durch De Haan spaziert.

Noch so ein Kurort, aber anders, mit erhaltener Fachwerkarchitektur. In seiner Herausgeputztheit wirkt De Haan wie Disneyland, Erker und Türme überall, mittendrin Versteeg, nachdenklich. Ein schöner Kontrast.

Mag sie Flandern? „Die Niederländer sind in Belgien als arrogant und laut verschrien. Hier in Flandern merke ich, dass das ein wenig stimmt.“ Sie sagt das ganz leise.

Wytske Versteeg bei einer Pause in einem Café in De Haan

Hat sie ein Buch fertig, beginnt sofort die Arbeit am nächsten: Wytske Versteeg bei einer Pause in einem Café in De Haan

© Mashid Mohadjerin
Erik Lindner haute mit 14 Jahren von zu Hause ab, um Lyriker zu werden – das hat geklappt, heute gehört er zu den besten der Niederlande.

Erik Lindner haute mit 14 Jahren von zu Hause ab, um Lyriker zu werden – das hat geklappt, heute gehört er zu den besten der Niederlande.

© Mashid Mohadjerin

 Wir sind zurück in Oostende. Ein viertes, ein letztes Treffen. Erik Lindner, Dichter, 1968 in Den Haag geboren. In den Niederlanden haben seine Reime Gewicht. Aber um sie zu finden, reist er nach, genau, Flandern. Im Mai war er hier, blieb zwei Wochen, erdichtete ein Epos zur See.

Jetzt, früher August, steht Lindner wieder an Bord der Fähre, die vom Visserskaai durch den Hafen kreuzt, zur Mole. Er will zeigen, wo „Sog“ entstanden ist. „Es ist kein Konzept von mir, über das Meer zu schreiben. Es ist in mir und passiert ganz natürlich“, erklärt Lindner.

Er steht zwischen Rucksäcken und Funktionsjacken. Im Mai war er noch der einzige Fährpassagier. Stand am Heck und fand im Strudel der Schiffsschraube erste Bilder.

Lindner kritzelt in ein Notizbüchlein. Er wirkt aus der Zeit gefallen, ein großer Mann im grauen Anzug, der nicht mehr braucht als einen Stift, Licht, Wind. Möwen, die schreien. Einen Himmel, der aufreißt, jetzt so wie damals, worauf Lindner schrieb: „Die Sonne malt ein Zimmer in den Himmel / Wolken hängen davor, darunter und ringsum“. Die Gedichte sollten fließen wie das Meer, das war seine Idee. Der erste Vers flutet herbei, ein zweiter ebbt zurück. Das funktioniert.

Warum Flandern, als Niederländer, Erik Lindner? „Im gewohnten Umfeld wird das Auge träge, der Geist nimmt nicht mehr alles wahr. Ich komme her, um mir neue Beobachtungen abzufordern.“ Er blickt herum, aufs Wasser, zum Dock, zum Fort Napoleon. Flanderns Küste als Inspiration, in ihrer Schönheit, ihrer Hässlichkeit, ihrer Absurdität – doch, ein schönes Ende.


Per Tram durch Flandern

Auf der Karte von Flandern finden sich Highlights für eine Rundreise

1 Oostduinkerke | 2 Middelkerke | 3 Royal Galleries | 4 Bredene Beach | 5 Zeebrugge Port

© Cristóbal Schmal